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Heimabend bei den Jungmädeln von Elfriede Sindel

Christel, unsere Scharführerin, sah ihre Gefolgschaft fest an und eröffnete damit den Heimabend: „Ein Volk, ein Reich, ein Führer! Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns! Das soll heute abend unser Thema sein. Ich zitiere einen Ausschnitt aus der Rede unseres Führers Adolf Hitler zum Heldengedenktag am 10. März 1940: Über Klassen und Stände, Berufe, Konfessionen und alle übrige Wirrnis hinweg erhebt sich die soziale Einheit des deutschen Menschen ohne Ansehen des Standes und der Herkunft, im Blute fundiert, durch ein tausendjähriges Leben zusammengefügt, durch das Schicksal auf Gedeih und Verderb verbunden. Unser Wille ist der Sieg der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft ! Daran möchte ich heute abend erinnern, an die Gemeinschaft unseres gesamten deutschen Volkes! Die ‚Volksgemeinschaft‘, merkt euch das gut! Unsere Soldaten kämpfen und sterben für Volk, Reich und Führer. Und wir in der Heimat sind die Volksfront, wir gehören zusammen wie eine ganz große Familie mit unserem Führer Adolf Hitler als Oberhaupt! Habt ihr alle das verstanden?“

„Jaaa!!!“ erscholl es begeistert aus fünfzehn Kehlen. Und aller Augen glänzten. Vor allem fühlten die sich geborgen und miteinander verbündet, denen es daheim an rechter Führung fehlte. Deren Ja war voll ehrlicher Begeisterung. Die Volksgemeinschaft – dafür lohnte es sich zu kämpfen und zu sterben! „Wer also nicht für den Führer ist, der ist gegen ihn! Wofür habt ihr euch entschieden?“ „Für Adje!“ anwortete jemand vorlaut. Einige Mädel kicherten. „Psch! Helga, steh‘ auf und sag‘ es bitte, wie du es gelernt hast, sonst kann ich dir nicht glauben.“

Helga stand stramm, d.h. sie schlug hörbar die Hacken zusammen, und preßte die Arme eng an den Körper, so daß die Hände fest an den Oberschenkeln lagen, zog Bauch und Po ein, streckte die Brust raus, machte einen steifen Hals, hielt die Luft an, bis sie dunkelrot anlief, und – fiel in sich zusammen, womit sie die ‚Rührt-Euch-Stellung‘ demonstrieren wollte. Dann holte sie tief Luft und leierte herunter, was sie meinte gelernt zu haben: „Ich bin für unseren Führer Adolf Hitler, den Führer des Dritten Reiches, Oberbefehlshaber aller Streitkräfte, oder so ähnlich, für die Deutsche Volksgemeinschaft, für die Heimatfront und all‘ dies…“ Pause. „Ganze…“ Pause, Luftholen und wieder Bauch rein, Brust raus und weiter. „Und für das Großdeutsche Reich von der Etsch bis an die Mernel, von der Wolga bis zum Rhein … Ja, so ähnlich…wohl.“ Sie ließ sich schlacksig auf ihren Stuhl fallen, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und das Kinn in die Hände. Eine halbe Minute war es still im Raum. Helga war sehr groß und so dünn wie Fieten, und wie diese wusste sie auch nie, wohin mit ihren langen Armen und Beinen. Aber Christel musste für Disziplin sorgen. Und so sagte sie zu Helga: „Es muss heißen: ‚Von der Maaß bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt.‘ Ich schlage dir vor, nach diesem Heimabend noch fünf Minuten zu mir in mein Büro zu kommen. Da trinken wir zusammen einen Tee.“

All‘ diese deutschen Volksgenossinnen wußten, was es bedeutete, von Christel auf einen Tee eingeladen zu werden. Angst hatten sie nicht. Christel blieb immer freundlich, jedoch bestimmt. Es sollte sich ja niemand ausgeschlossen fühlen wegen einer Unart oder gar erhaben über Helga! So etwas gab es nicht in der deutschen Volksgemeinschaft. Alle zogen an einem Strang, die gesamte Heirnatfront. Wer von den Jungmädeln sich jedoch dagegenstellte, wurde zum Volksfeind erklärt und mußte in die Erziehungsanstalt „Rauhes Haus“ eingewiesen werden. Ach nein, die war ja für die Jungen; Mädchen kamen in das Abendroth-Haus.

Volksfeinde waren: Das Schreckgespenst der „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“, alle Gegner des germanischen Herrenvolkes, der neuen hierarchischen Ordnung der Gesellschaft und des Dritten Reiches. Ebenso bestimmte Bevölkerungsgruppen aus ethnischen, religiösen, politischen oder sozialen Gründen. Dies waren Volksfeinde und Volksschädlinge. Nur die Reinheit der arischen Rasse und die Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft schütze vor Verfallserscheinungen. So sei es zu hören und zu lesen, sagte Christel. Den Mädeln brummte der Kopf. Sie hätten mitschreiben sollen, um all‘ das zu behalten, was Christel ihnen heute abend beigebracht hatte.

Jedes Mädel bekam ein kleines Heft für zuhause. Auf dem Deckblatt war eine Volksgemeinschaft zu sehen: Kinder, Soldaten, Mädel und Jungen vom Reichsarbeitsdienst, junge Soldaten an der Flak und zwei Soldaten mit Gasmasken und Feuerwehrschlauch. Über dem Bild war zu lesen: „Führer, dir gehören wir“, und die Bildunterschrift lautete: „Die Zukunft kann uns nichts anderes bringen als den Sieg. Und wenn uns die Welt nach den Gründen fragt, so sagen wir: Weil uns der Herrgott unseren Führer gab“. Artur Axmann, Reichsjugendführer.

Zum Abschluß des Heimabends sagte Christel: „Arn Montag werden wir gemeinsam den Film ‚Kolberg‘ mit Christina Söderbaum ansehen, und nun singen wir „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ – zwei, drei und … Als sie geendet hatten, durfte Helga das Heim-Lied anstimmen : „Uns’re Fahne flattert uns voran, unsre Fahne ist die neue Zeit! Unsre Fahne führt uns in die Ewigkeit, uns’re Fahne ist mehr als der Tod „. Christel verabschiedete ihre Schar mit dem deutschen Gruß „Heil Hitler“, den diese schneidig erwiderte. Danach stürmten alle auseinander, denn sie mußten nun durch die dunkle, eisige Februar-Nacht nachhause laufen, immer in der Hoffnung, es noch rechtzeitig vor dem nächsten Luftangriff zu schaffen. Nur Helga mußte zurückbleiben, um das Ein-mal-eins der Volksgemeinschafts – Disziplin – zu lernen.


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