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Kriegsende im Kloster von Dr. Josef Scharrer

Durch die immer häufiger werdenden Luftangriffe auf Nürnberg wurden meine Eltern 1944 vor die Entscheidung gestellt, mich – ihren damals Zwölfjährigen – entweder mit der „Kinderlandverschickung“ in die Hohe Tatra mitzugeben, oder einen anderen Ort mit Hauptschule zu suchen, der in weniger gefährdeten Zonen läge.

Schließlich war die Entscheidung gefallen. Zusammen mit meiner Oma wurde ich nach Waldsassen in der Oberpfalz geschickt. Dort war meine Tante Klosterfrau (Nonne) bei den Zisterzienserinnen. Die Machthaber wollten zwar das Kloster auflösen und einem „sozialen Zweck“ zuführen, die Äbtissin war aber so klug, das Kloster den Angehörigen der Schwestern anzubieten., die in den Großstädten fliegergeschädigt waren. So fanden sich viele „Restfamilien“ aus ganz Deutschland im Kloster Waldsassen ein. Ich wohnte im Kloster und besuchte die Hauptschule im Ort mit astreiner Nazi-Ideologie.

In Waldsassen kam ich langsam zur Ruhe. Die Stille des Klosters im Gegensatz zur Großstadthektik mit der ständigen Bedrohung durch Fliegerangriffe in Nürnberg machte mir zwar anfangs zu schaffen, aber mir blieb nichts anderes übrig, als mich mit der Situation abzufinden. Meine kranken Füße wurden von der Krankenschwester im Kloster kuriert. Sie hatte für mich eine spezielle Salbe aus Honig, Kräutern und Schmalz zusammengebraut, die innerhalb von wenigen Tagen alles heilen ließ. Ich kann mich noch genau an diese wunderbare Erlösung erinnern, denn jetzt konnte ich wieder richtig laufen. Als meine Mutter in den letzten Kriegswochen nach Waldsassen nachkam, durften wir uns zwei kleine Zimmer unterm Dach einrichten. Nun hatte ich endlich wieder ein kleines Zuhause, wenn auch die Sorge um den Vater bei der Marine in Italien, den Bruder an der Ostfront und die Schwester bei den „Blitzmädchen“ ( Wehrmachtshelferinnen im Bereich Fernsprechverkehr) blieb.

Langsam kamen die Kriegsspuren auch in unser klösterliches „Stiftland“. Unruhe erzeugte die Nachricht, daß die „Wunderwaffe V2“ gegen England zum Einsatz gekommen war. Gab dies dem Krieg doch noch eine Wende? Die Erwachsenen sprachen erregt darüber – pro und contra. Der Kriegslärm kam aber auch in Waldsassen immer näher. Wir wurden in der Schule zum Umgang mit der Panzerfaust vorbereitet. Als dies meine Klostertante erfuhr, hat sie mich einfach krank gemeldet. So war für mich wenige Tage vor dem Einmarsch der Aliierten die Schule „beendet“. Im Kloster war ich trotzdem vollauf beschäftigt . Da ich nicht tatenlos herumsitzen wollte, bekam ich Gelegenheit, gleich mehrere Berufe kennenzulernen. Da war die klostereigene Mühle, in der es immer etwas zu tun gab. Besonders interessant für mich war die Schmiede, da der alte Meister wirklich alles reparieren konnte, was in einem solchen Gemeinwesen anfiel. Ich durfte zugucken und lernte dabei manchen nützlichen Handgriff. Jeden Morgen um 6 Uhr mußte ich mit meiner Tante die Milch mit einem kleinen Wagen im Stall abholen und zur Molkerei bringen – mal 6, mal 8 Kannen.

Auch tagsüber gab es für mich immer etwas mit dem Handwagen zu transportieren.. An einem sonnigen Nachmittag war ich wieder mit meinem Leiterwagen unterwegs. Plötzlich hörte ich Tiefflieger. Der Pilot hatte mich auf einsamer Strecke entdeckt und begann mich regelrecht zu jagen. Mit letzter Kraft erreichte ich zwei nebeneinanderstehende Scheunen, zwischen die ich mich zwängen konnte, und schon fegten die Feuergarben an mir vorbei. Nach einer Viertelstunde war die Jagd zu Ende, aber ich verließ meinen Unterschlupf erst wieder, als es dämmrig wurde.

Eines Tages rückte SS in Waldsassen ein und bezog Stellung im Wald oberhalb des Klosters. Jetzt wurde es ernst für uns. Aus dem Städtchen flüchteten viele Menschen in die riesigen Kelleranlagen des Klosters, aber auch die Flüchtlinge und Bombengeschädigten, die im Kloster lebten, richteten sich dort ein. Selbst die im Ort ansässigen Kriegsgefangenen, Franzosen und Russen, wurden, von zwei alten Landsern bewacht, in den Kellergewölben einquartiert. Es war ein einziges Chaos. Alle waren besorgt und beteten darum, daß die Amerikaner und nicht die Russen als erste hier auftauchen sollten. Die Klosterschwestern haben unermüdlich uns alle mit Suppe versorgt. In einem abgeschiedeneren Teil des Kellers hielten die Schwestern Gebetsstunden ab. Daneben weinten Kinder und Frauen, und von draußen hörte man den Gefechtslärm, von dem niemand wußte , woher er genau kam. Zudem waren die wildesten Gerüchte im Umlauf. Einige behaupteten, daß in Nachbarorten „Neger“ alle männlichen Personen abgeschlachtet und die Frauen vergewaltigt hätten. Einige hielten Gift bereit, um im Ernstfall solchen Qualen zu entgehen.

Von den Russen, die bereits im Egerland waren, wurden noch grausamere Dinge berichtet. Die Lage schien hoffnungslos und war wieder von Angst um das eigene Leben gezeichnet. Mitten in diesem Gewühle der weitläufigen Klosterkeller wirkte meine Klostertante, die als Verwalterin alles zu organisieren hatte. Bei ihren „Patrouillengängen“ durfte ich sie begleiten. Was ich sah, machte mich recht mutlos. So haben wir beispielsweise einmal in einem abseits stehenden Korb ein totes neugeborenes Kind entdeckt, konnten es aber nicht identifizieren, schon gar nicht begraben, da ja draußen immer noch Gefechtslärm tobte.

Durch den Keller geisterte die Botschaft, man müsse auf dem Klostergebäude weiße Fahnen hissen, um die Übergabe der Stadt anzukündigen. Im Wald oberhalb von Waldsassen lag aber immer noch die SS, und man wußte wirklich nicht mehr, woran man denken sollte: an die armen deutschen Soldaten, an die einrückenden Kriegsgegner – was war besser für uns alle? Vom Bürgermeister erhielten wir die Aufforderung, keine weißen Fahnen auszuhängen, da das Kloster sonst Zielscheibe der SS würde. Das Ergebnis war banges Zuwarten, wobei man – ähnlich wie im Luftschutzkeller in Nürnberg – nichts tun konnte, gar nichts!

Dann war plötzlich Stille draußen. Meine Tante war so mutig, gleich nachzusehen, was dies bedeuten könne und ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, dabei zu sein. Als wir ein plötzliches Gepolter in der Nähe des Eingangs vernahmen, versuchten wir aus dem Fenster etwas zu erspähen. Da waren amerikanische Soldaten im Hof vor der Klosterbrauerei, die versuchten, sich Zugang zum Bierlager zu verschaffen. Meine Tante öffnete mutig die Tür und ging mit mir hinaus. Sie meinte, ich könne doch Englisch sprechen. So ging ich neben ihr schlotternd auf die Amerikaner zu, die bis auf die Zähne bewaffnet waren. Der Anblick einer Nonne löste allerdings großen Respekt aus. „What you want?“ quälte ich heraus. Ihrem Kauderwelsch meinte ich entnehmen zu können, daß sie Durst hätten. Meine Tante schloß bereitwillig die Brauereitür auf. Einige GIs verschwanden im Inneren und kamen mit Kästen Bier wieder zum Vorschein. Dann postierte sich ein farbiger Soldat vor mich hin, drückte mir 20 Dollar in die Hand (was ich erst hinterher erkannte!) und fragte:“Money good?“

Ich war so verdattert, daß ich keinen Ton herausbrachte. Deshalb legte der soldier noch einiges dazu, – bis es 70 Dollar waren. „Yes“, sagte ich kleinlaut und hatte damit für das Kloster das teuerste Bier aller Zeiten verkauft. Nach einiger Zeit kam ein Offizier dazu. Er hatte etliche Körbe mit Schoko- und Frühstücksbeuteln dabei. Er übergab sie meiner Klostertante und reichte ihr dabei einige Schilder mit der Aufschrift „off limits“ (Zutritt verboten!), die wir an allen Zugängen des Klosters anbringen sollten. Soviel konnte ich gerade noch verstehen. Die Gefangenen wurden ohne große Aufregung an die Amis übergeben – auch den deutschen Bewachern geschah nichts – auf Fürsprache meiner Tante hat man die beiden Landser laufen lassen.

Endlich konnten sich die „Luftschutzkeller“ leeren. Aus war der Spuk – Ende des Krieges – zumindest in Waldsassen! Wir konnten es eigentlich gar nicht fassen.

Aber Ruhe konnte im Kloster auch noch nicht wieder einkehren. Jetzt kamen die endlosen Flüchtlingsströme aus dem Sudetenland nach Waldsassen. Es waren sicher einige tausend Menschen, die vom Kloster aufgenommen wurden. Wir mußten in alle ehemaligen Klassenzimmer der Klosterschule Stroh bringen. Jeder Raum, der einigermaßen geeignet war, wurde mit Flüchtlingen gefüllt. Straßen und Gassen in Waldsassen waren total verstopft mit Pferdewagen, Karren, Handwagen, gerade noch fahrbaren LKWs. Einige der Flüchtlinge bekamen im Kloster sogar Arbeit. Das Kloster hatte nun wieder einen eigenen Schreiner, Metzger und weitere 20 Handwerker.

Neben dem Flüchtlingselend gab es wie überall in Deutschland nach Kriegsende auch in Waldsassen Schwarzhandel. Einige Gebäude des Klosters waren während des Krieges vom Staat beschlagnahmt worden. Dort waren bei Nacht und Nebel Waren eingelagert worden und hinterher wurden die Räume versiegelt. Nun wagte man sich daran, diese Scheunen und Lagerhallen zu öffnen. Ein Märchenland tat sich auf. In einem Schuppen waren bis unter die Decke Radios verstaut, in einem anderen Fallschirmseide und in mehreren Tabak. Dies alles waren „Zahlungsmittel“ für einen regen Tausch, Ware gegen Ware, Ware gegen Lebensmittel, „steuerfreier“ Schwarzhandel.

Zu den schönsten Erlebnissen der Nachkriegszeit zählte, daß alle meine Angehörigen wieder wohlbehalten aus dem Krieg zurückkehrten. Als erste trafen meine Schwester und mein Bruder in Waldsassen ein. Einige Wochen später kam auch mein Vater aus Italien zurück. Nun galt unser aller Bestreben, wieder in unsere Heimatstadt Nürnberg zurückzukehren.


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