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IN ENGLISH CAPTIVITY von Gerhard Lange

Die letzten Stunden vor meiner Gefangennahme waren noch recht turbulent. Auf einer Wiese nahe der niederländischen Grenze hatte unsere Gruppe in Schützenlöchern Stellung bezogen, wurde aber am 28. März von den vorrückenden britischen Truppen überholt und abgeschnitten. Außerdem war in einer Entfernung von etwa 300 Metern eine britische Panzereinheit vorgerückt. Als einige der Panzer in unsere Richtung fuhren, hatten wir Angst, dass sie uns in unseren Schützenlöchern entweder mit Flammenwerfern oder durch Überrollen und Schwenken zerstören und an Ort und Stelle begraben würden. Von beiden Möglichkeiten hatten wir schon von anderen Abteilungen gehört.

Wir waren 8 Mann, jeder in einem Schützenloch. Wir konnten uns durch Schreien verständigen. So saß jeder von uns und musste für sich selbst mit seinen schwierigen Gefühlen fertig werden. Wir waren keine wirklich erfahrenen Frontsoldaten, sondern hatten nur schnell die grundlegendsten Dinge gelernt. Wir hatten kein Benzin zum Fahren und waren in den letzten Tagen große Strecken marschiert. Und auch der eine deutsche Panzer, den wir zwei Tage zuvor gesehen hatten, musste wegen Treibstoffmangels zurückgelassen werden. Zwei von uns hatten noch eine Panzerabwehrwaffe. Würde man sie im Notfall einsetzen? Zum Glück für uns trat diese Situation nicht ein, die britischen Panzer wichen aus. Dafür wurden wir mit feindlicher Infanterie überschwemmt, von der eine Abteilung begann, unseren Sektor nach deutschen Soldaten zu durchkämmen.

Die beiden jungen englischen Soldaten, die auf mein Schützenloch zukamen, hatten mindestens genauso viel Sorge wie ich. Wir ließen unsere Waffen liegen und wurden gemeinsam auf eine Straße geführt, auf der erwartungsgemäß eine schier endlose Kolonne britischer Fahrzeuge darauf wartete, weiter vorzurücken. Wir waren zwar nur eine kleine Gruppe, aber es gab sehr viele weitere dieser kleinen Gruppen, die auf einem mit Stacheldraht umzäunten Stück Land zusammengeführt worden waren. Ein englischer Offizier rief mit Namen oder Nummer die verschiedenen deutschen Einheiten auf, die sich in unserem Sektor befanden. Sie kannten die genauen Informationen und waren auf uns vorbereitet. Für uns war es sehr deprimierend.

Ich wurde hier hineingeschoben, wieder mit anderen Kameraden unserer Einheit. Insgesamt waren wir wohl etwa 100 Mann. Am Abend bekamen wir noch mehr zu essen: Corned Beef, eine Dose, dazu eine Packung Kekse und Tee. Getrunken wurde aus dem unteren Teil der Corned-Beef-Dose. Wir befanden uns auf einer feuchten Wiese, die zum Liegen nicht geeignet war. Ich sehe noch vor mir den großen Kreis der schlafenden, stehenden Männer. Jeder legte seine verschränkten Arme auf den leicht gebeugten Rücken des Vordermannes. Keiner konnte umfallen, dafür waren es zu viele. Wir hatten unsere Müdigkeit sicher nicht ausgeschlafen, als sich der Kreis am frühen Morgen auflöste…

Eine Kolonne britischer Lastwagen brachte uns nach Zedelgem, einem kleinen Ort bei Brügge in Belgien, in ein riesiges Lager für Tausende von Gefangenen. Im Empfangszentrum am Eingang bekamen wir eine Wolldecke sowie eine Essschüssel, als wir unser neues Zuhause bezogen. Ich kann mich nicht erinnern, ob wir auch etwas Stroh bekommen haben. Das Schlafen auf dem Betonboden war allerdings nicht sehr bequem und wir wurden nicht wirklich verwöhnt. Da es auch noch kalt war, bildeten wir kleine Schlafgruppen; das heißt, wir schliefen jeweils mit ein oder zwei anderen zusammen. Jeder hatte nur eine Decke, also legten wir eine Decke unter uns und deckten uns mit den restlichen Decken zu.

Das Hauptproblem war aber nicht das Schlafen, sondern die Verpflegung. Mittags wurde im Gebäude ein Kessel mit Suppe für jeweils 25 Mann angeliefert. Zum Servieren saßen wir dann im Kreis herum, um uns von der gerechten Verteilung zu überzeugen. Jeder erhielt eine halbe Schüssel voll mit einer dünnen Flüssigkeit, dazu zwei kleine oder mittelgroße Kartoffeln. Wir waren alle hungrig wie die Wölfe und aßen unsere Suppe innerhalb weniger Minuten komplett auf. Zum Abendessen gab es für jeden ein Viertel eines leicht gebackenen Quadrats Weißbrot, das man leicht falten und zu einer Scheibe zusammendrücken konnte, und dazu gab es Tee, sonst nichts. Das Brot war natürlich auch in wenigen Minuten gegessen und vergessen.

Wir wurden allmählich so, dass wir nicht mehr schnell aufstehen konnten, ohne dass uns schwindlig wurde. Von Zeit zu Zeit wurden einige Facharbeiter angefordert. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass bekannt wurde, dass Bäcker benötigt würden. Mein Kumpel, mit dem ich damals zusammen war, hatte irgendwann auch Bäcker gelernt. Er überraschte mich mit seinem freudigen Ausruf: „Da gehen wir zusammen hin!“. „Bist du verrückt?“ Ich antwortete: „Ich habe noch nicht einmal eine Bäckerei von innen gesehen!“, aber er sagte: „Das schaffen wir schon.“

An den folgenden Tagen lernte ich vormittags, nachmittags und abends solche Themen wie Sauerteig usw. Für mich war es sicher ein Glück, dass daraus nichts wurde; aber für den Anfang ist es bezeichnend, dass ich schon auf der Liste als Bäckerlehrling stand.

Ende April wurde bekannt gegeben, dass das gesamte ehemalige fliegende Personal und die Marine nach England verlegt werden sollten. Offiziell gehörte ich tatsächlich noch zum fliegenden Personal, wie die Flügel am Unterarm meiner Uniform zeigten. An dem Abend, an dem wir mit einem Truppenschiff hätten auslaufen sollen, herrschte ein so starker Sturm, daß die gesamte Schiffahrt auf dem Kanal eingestellt wurde. Kurz nach Mitternacht – der Sturm hatte sich etwas gelegt – legten wir trotzdem ab.Ganz vorne, an der Gangway, über die wir auf das Schiff marschiert waren, am befestigten, nun schräg ansteigenden Bug, standen die Toiletteneimer. Ich saß, oder hockte, fast mittschiffs. Man sagte sich, dass es auf einem schlingernden Schiff vorne wirklich furchtbar ist. Ich bemerkte auch, dass kaum einer von denen, die dorthin wollten oder mussten, zu uns zurückkam. Da wir viele Stunden unterwegs waren, mußte ich schließlich auch nach vorne gehen. Es war wirklich schrecklich: das auf- und abschwankende Schiff in schwerer See, der Anblick der Unglücklichen, die es nicht geschafft hatten, zurückzukehren, und der entsetzliche Gestank. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Mit großer Willensanstrengung gelang es mir noch, zurück zu taumeln. Ich kehrte nicht an meinen alten Platz zurück. Auf halber Strecke lag ich auf dem Unterdeck. In der Zwischenzeit waren die Luken auf dem Oberdeck geöffnet worden. Die frische Luft brachte etwas Erleichterung und ich erholte mich wieder.

Es muss wohl am frühen Vormittag gewesen sein, als wir an der Themsemündung ankamen, um die Tilbury Docks zu erreichen. Nun durften wir an Deck gehen, bzw. kriechen. Was für ein Bild! Die Decks der Schiffe um uns herum waren voll von hungrigen, etwas ungepflegt aussehenden Gestalten, mit kreidebleichen Gesichtern, die im kalten Morgenwind froren. Nicht weit vom Pier entfernt wartete ein Zug, der uns zum Londoner Auffanglager am Kempton Park, der großen Pferderennbahn, brachte. Auf dem Gelände um die Rennbahn standen viele Zelte für die Neuankömmlinge vom europäischen Kontinent. Da es im Zug wieder Corned Beef und Kekse gab, gingen wir im Camp zum ersten Mal zu den Duschen. In den Duschen gab es richtige schäumende Seife; Seife, wie wir sie noch aus der Zeit vor dem Krieg kannten. Sie war frisch und noch nicht ausgetrocknet. Vor den Duschen waren wir registriert worden und hatten jeder einen englischen Armeesack, eine künstlich gefärbte englische Uniform (mit großen verschiedenfarbigen Markierungen, jeweils auf dem Rücken der Bluse und auf den Hosenbeinen aufgenäht) sowie Unterwäsche erhalten.

Nach dem Duschen zogen wir unsere frische Unterwäsche und die neuen Uniformen an und packten die alten, inzwischen gereinigten, in den Seesack. Wir fühlten uns plötzlich wieder wie Menschen, ein angenehmes, lange vermisstes Gefühl. Fast hätten wir die vergangene Woche schon vergessen können, wenn wir nicht trotz Corned Beef und Keksen nach dem überanstrengenden und ermüdenden Duschen einen Riesenhunger gehabt hätten.Man sagte sich, dass es eine warme Mahlzeit geben würde. Es war schön. Wir trugen erst einmal unsere Sachen zu den zugewiesenen Zelten und gingen dann zu einer Hütte, vor der sich eine große Traube von Männern an die schmale Tür drängte. Hier, so hieß es, wurde warmes Essen ausgegeben. Es kamen aber immer nur kleine Gruppen von fünf oder sechs Personen auf einmal heraus und eine entsprechende Anzahl wurde dann auch hineingelassen. Der einzige Grund für die langsame Bedienung war der nicht übermäßig große Speisesaal. Wir fanden einen Platz. Auf den Tischen standen Terrinen mit heißer Suppe, in der sich neben Gemüse und Kartoffeln auch viel Fleisch befand. Diese Terrinen wurden regelmäßig nachgefüllt. Wir bekamen Messer und Löffel und konnten essen, bis wir satt waren. Es war dort ganz, ganz zufriedenstellend.

Am nächsten Morgen wurden wir in Gruppen eingeteilt, die von Kempton Park aus zu Lagern in verschiedenen Teilen Südenglands gebracht werden sollten. Zu meiner Gruppe gehörten noch etwa zwanzig. Am späten Vormittag fuhren wir in Armee-LKWs in östlicher Richtung, ausgehend von einer stehenden Position, die die Sonne ausblendete. Die Landschaft war leicht hügelig und wurde immer einsamer. Irgendwann zweigte unser LKW von der Kolonne ab; wir fuhren nun entlang einer Hügelkette. Plötzlich bogen wir von der Straße ab und hielten knapp 20 Meter vor einem großen Tor. Wir waren im Springhill Camp in den nördlichen Cotswolds angekommen. Vor uns lag ein großes Gelände mit etwa 30 Hütten. Hier sollte ich die nächsten eineinhalb Jahre verbringen.

Mit dem Rad von Freiburg bis Rotterdam

Liebe Freunde!

Ich bin gestern Abend mit dem Zug glücklich von meiner Rhein-Radreise zurückgekehrt. Insgesamt bin ich mit allen Umwegen und Irrungen 1035 Kilometer von Freiburg im Breisgau bis Rotterdam Hauptbahnhof. geradelt. Kalter Gegenwind und einen platten Reifen bei strömenden Regen gleich bei Neuf Brisach in der Einöde des französischen Elsaß ließen bei mir Gedanken aufkommen, ob ich diese Fahrt nicht gleich abbrechen sollte. Aber die nächsten Tage nieselte es nur und bei Sonnenschein kam ich in Straßburg an.

Ich habe viel gesehen und gelernt. Der Rhein ist ein Arbeitsfluß und die Landschaft am Rhein ist oft Industrielandschaft. Hier schlägt das wirtschaftliche und kulturelle Herz Deutschlands. Das romantische Rheintal zwischen Koblenz und Mainz ist ausgefüllt mit Verkehrswegen. Zwei Bahnlinien und zwei Bundesstraßen und lokale Straßen und mittendrin kleine Städte wie Bacharach und Rhens sind eingezwängt zwischen den Schieferwänden des Rheintals. Hinter Bacharach wurde die Bundesstraße 9, die mich vom Anbeginn begleitete aufgeständert und ich fuhr unter ihr und hart rechts neben mir zwei Gleise der Bundesbahn, auf der in paar Minuten Abstand in beiden Richtungen Containerzüge vorbei donnerten. Auf dem Rhein eine ununterbrochene Kette von Rheinkähnen.

Die Dome von Speyer und Worms habe ich gesehen und die Gräber etlicher Staufenkaiser einen Besuch abgestattet Einen Gottesdienst in einer freien evangelischen Gemeinde mitgefeiert und den Kölner Dom besichtigt. Eine Flucht vor dem Regen in dem Schauraum einer Winzergenossenschaft endete noch drei Weinproben mit einer Bestellung von 36 Flaschen Müller-Thurgau Jahrgang 2005, die ich per Spedition meiner erstaunten Frau auf dem Hals schickte. Bei einem Winzer in einem Dorf vor Mainz verbrachte ich einen angenehmen Abend im Weinkeller mit dem Seniorchef, der ein ausnehmend fröhlicher Mensch war und mich an eine Figur aus dem „Fröhlichen Weinberg“ erinnerte.

In der hochmodernen Düsseldorfer Jugendherberge habe ich für ein Einzelzimmer mit Frühstück 40,60 € bezahlt.Waren das nicht mal 79,35 DM? Die Betten durfte ich selber beziehen und Handtücher und Fernseher waren auch nicht. In Duisburg waren Stahlwerke und Hochöfen und Industriewerke weit zu umfahren und in Holland hieß der Rhein nun Waal und ab den Zufluß der Maas dann Herwegen. Das wäre mal eine 1 000 000 Euro Frage bei Günther Jauch. Das Land in Brabant liegt 6 Meter unter dem Meeresspiegel und Deiche und Flüsse und Gräben sind überall. In dem Papendrecht bezahlte ich 96 € für ein Einzelzimmer und in dem Dorf Stürzenbach fiel ich vom Rad und kullerte kopfüber den halben Deich runter, was ich mit Hautabschürfungen bezahlte. Einen Umweg bis fast nach Hertogenbosch machte ich, da ich den Waal mit dem Waal-Maaskanal verwechselte.

Wenn ich nach dem Weg fragte, bekam ich oft eine ausführliche Antwort von holländischen Schnellsprechern, von der ich nichts verstanden hatte. Natürlich kam der kalte Wind immer aus Westen und so bin ich 15 Tage nur in Pullover und Jacke gefahren. Trotzdem fühle ich mich fitter als vor der Reise. Es hat wieder mal Spaß gemacht, auch wenn die Reise pro Kilometer 1€ gekostet hat.

Kriegsende in Hamburg Von Elfriede Bock

Bei Kriegsende 1945 war ich 16 Jahre alt. Ich lag mit Lungenentzündung im Krankenhaus Wandsbek-Gartenstadt. Ich erinnere mich nur vage daran. Die letzten Wochen vor der Kapitulation war ich öfter zusammengebrochen vor Hunger, Kälte, Nässe und totaler Erschöpfung durch die allnächtlichen Bombenangriffe. Wir mussten jede Nacht raus. Der Weg in unseren Bunker an der Dorotheenstraße war ein einziger Hindernislauf über Straßenbarrikaden, die als „Panzersperren“ dienen sollten. Als ob die noch geholfen hätten!

In Panik hörte ich die Radio-Meldungen über die Zerstörung von Berlin mit Stalinorgeln und Flammenwerfern! Wir hörten den ständigen dumpfen Geschützdonner aus der Gegend um Harburg herum und erwarteten nun auch bei uns stündlich das gleiche Schicksal. Wer Stalinorgeln und Flammenwerfer einmal in der Wochenschau gesehen hatte, konnte sich ausmalen, was uns bevorstand. Es hatte ja so kommen müssen! Hoffentlich würde unser Statthalter, der Hamburger Gauleiter Kaufmann unsere Stadt den Alliierten kampflos übergeben! Gegen den Willen Adolf Hitlers!? Der hatte sich ja vor einigen Tagen in seinem Wahnsinn das Leben genommen und sich damit der Verantwortung für sein „geliebtes Volk“ entzogen. Das hätte er man schon viel früher tun sollen.

Die Straßensperren hatten mir die letzte Kraft genommen. Ich war so schwach auf den Beinen und konnte den Weg über die meterhohen Hürden bald nur noch kriechend bewältigen. Und das fast jede Nacht ein- oder zweimal hin und zurück. Bis ich schließlich einmal liegen blieb und zunächst nicht wieder aufstehen konnte. Am nächsten Tag mußte ich ins Krankenhaus – zu Fuß! – nach Wandsbek Gartenstadt. Meine Stiefmutter begleitete mich. Drei Stunden hat es gedauert, bis wir dort ankamen. Bahnen oder Autos konnten wegen der Straßensperren ja nicht mehr fahren. Meine Stiefmutter war ebenfalls am Ende ihrer Kräfte.

Wir wohnten damals am Krohnskamp, gegenüber der Matthäuskirche, zu dritt auf einem Zimmer: Mein Vater, meine Stiefmutter und ich. Meine Schwester und meine Mutter waren bei Verwandten in Augsburg geblieben. Ich wäre auch gern dort geblieben, sie hatten weniger Fliegerangriffe und mehr zu essen. Aber ich war Lehrmädchen in Hamburg und musste zurück. Mein Vater war bei der Polizei nachts im Einsatz.

Wenn meine Stiefmutter und ich endlich im Bunker ankamen, waren bereits alle Plätze besetzt. Wir mussten stehen, und ich konnte nur keuchen und weinen. Oft gaben meine Beine nach. Das Krankenhaus war deshalb eine Erlösung für mich. Ich war so dankbar! Dort ging es mir auch gleich besser. Wir Kranken bekamen gute Butter und Weißbrot, viel Milch und Grießbrei, und am frühen Abend wurden wir in unseren Betten in den Keller gebracht. Das Pflegepersonal war gut zu uns. Sie legten mich mittags sogar in die pralle Maiensonne. Das jedoch ist verkehrt für Lungenkranke, ich bekam einen Sonnenstich. Das war übel, machte meine Lunge wieder krank, und ich musste sehr viel von dem guten Essen erbrechen, was mein Körper doch zum Aufbau gebraucht hätte.

Am Tage der Kapitulation hörten wir durch die geschlossenen Krankenhausfenster die alliierten Panzer in Hamburg einrollen. Aber es fiel nicht ein Schuss! Die Bevölkerung hatte striktes Ausgehverbot, Türen und Fenster mussten fest verschlossen bleiben. Niemand durfte sich am Fenster sehen lassen, niemand hinausgucken! Ich erinnere mich, dass zwei englische Soldaten mich am nächsten Tag auf eine Trage legten und wir alle in das Barmbeker Krankenhaus umquartiert wurden. Das schöne Krankenhaus Wandsbek-Gartenstadt wurde ab diesem Tage Lazarett für die Alliierten. In Barmbek bekamen wir Kranke kaum noch Zuwendung. Die Krankenschwestern wurden abgezogen, der Küchenbetrieb eingeschränkt. Unsere „Befreier“ hatten nun Vorrang! Aber wir hatten keine nächtlichen Angriffe mehr, wenn uns auch die geringe Lebensmittelzuteilung bös‘ zusetzte.

Als ich entlassen wurde, bekam ich Hungerödeme. Aber wir konnten nachts durchschlafen, keine Fliegerangriffe mehr, keine Nachtwanderungen in den Bunker.

Der Winter 1945/46 war der schwerste, den wir kennen lernen sollten. Wir hatten im Büro nur „Rollglas“ vor den Fenstern, und ich schrieb mit zusammengeflickten „Fausthandschuhen“ auf der eisernen Schreibmaschine. Bald verheizten wir das Linoleum in kleinen Stücken im Kanonenofen, weil wir sonst erfroren wären.

Inzwischen wohnten wir in einer großen Souterrainwohnung, hatten aber keine Feuerung. Mein Vater musste mit anderen nachts als „Kohlenklau“ tätig werden. Es war aber nicht die Bahn-, sondern die Military Police der Engländer, die die frierenden Menschen am Kohlenklauen hindern sollten. Die Züge kamen nicht einfach angerollt und blieben auf den Geleisen stehen zur Selbstbedienung, man musste hinaufklettern während der Zug noch fuhr! Die Leute wussten ganz genau, wo der Zug langsam an ein Signal heranrollte oder gar stehen blieb, und wann! Da war z.B. der Verschiebebahnhof in Rothenburgsort. Dann sprangen sie auf und kletterten mit dem leeren Sack hinauf. So passierte es, daß schon mal einer beim Anrücken der Lok hinunterstürzte auf die Geleise oder zwischen die Puffer geriet und nicht mehr weglaufen konnte. Die MP war angehalten, die Leute zu warnen und notfalls sofort zu schießen. Auch Hunde wurden eingesetzt! Und Scheinwerfer. Es waren viele Schuljungen dabei! Wenige konnten mit dem gefüllten Sack wieder nachhause rennen. Aber manche hatten eben Glück, und die waren maßgeblich für die anderen, um zu überleben.

Morgens, wenn ich aufwachte, war in meinem Zimmer das Schwitzwasser an den Wänden neben dem Bett gefroren und vor meinem Mund hing Eis an dem Schaffell, das mein Vater besorgt hatte und mir abends über meine Bettdecke legte, damit ich nicht über Nacht erfror.

Erst als wir schon fast verhungert waren, durften wir in der Berufsschule an einer Schwedenspeisung teilnehmen. Es gab einmal die Woche dicke, süße Suppe oder Erbsensuppe. Aber wir waren jung und im Wachstum, und unser Hunger war so groß, dass wir alles aßen, was nur irgendwie essbar schien. Steckrüben bekamen wir reichlich, morgens, mittags, abends, roh, gekocht oder gebraten. Eine Delikatesse war Milchpulver mit Wasser angerührt. Das Beste war noch die Wurstbrühe, die meine Stiefmutter beim Schlachter holen konnte, ich glaube, einmal die Woche ein Kochgeschirr voll für uns drei Personen.

Die Engländer montierten in Hamburg in den Industriebetrieben alles ab, was noch heil geblieben war und was sie gebrauchen konnten: „Reparationen“ nannte man dies. Und nun wollten sie uns aushungern……!

Und trotz all der Nöte, wir waren so dankbar, das sie uns nun nicht mehr bombardierten, dass wir nachts nicht mehr um unser erbärmliches Leben rennen mussten. Ich erinnere mich noch gut, wie ich am Tage nach der Entlassung aus dem Krankenhaus auf den ehemaligen Adolf-Hitler-Platz, nun Rathausmarkt genannt, ging. Die Lunge war wieder gesund, ich schaute mich um, die Sonne schien, da überkam mich ein Hochgefühl: „Nun kann mir nichts mehr geschehen, alles andere werde ich durchstehen, denn das ganze Leben liegt noch vor mir! Nur nie im Leben wieder Krieg und Terrorangriffe!“

 

 

 

Kriegsende in Hamburg von Klaus Hückel (Jhrg. 1934)

Mitte März 1945 kam ich – damals 11 Jahre alt – von Hamburg aus in ein KLV-Lager nach Kellenhusen an der Ostsee. „Haus Olga“, eine grössere Pension, die mit Etagenbetten ausgerüstet war. Unser Jungzugführer war ein Fünfzehnjähriger. Dieter. Wie konnte man bloß Dieter heißen! Rosiges Milchgesicht, aber Schipporden! Das war ein Ordensband, das man fürs Panzergrabenausheben bekam. Schwarzweißorangefarben. Sah fast wie das EK zwo aus. Darum beneideten wir ihn schon, aber Respekt hatten wir kaum vor ihm. Bei einem Ausmarsch schlug einer von uns immer mit der Hand auf einen seitlich verlaufenden Zaundraht. Unser Milchgesicht befahl ihm, das zu unterlassen. Aber der kümmerte sich nicht darum! Das war das erste Mal, daß ich erlebte, wie einem Befehl nicht gehorcht wurde. Eigentlich nicht zu fassen! Befehlsverweigerung? Bei Soldaten gab es da nur Standgericht. An die Wand gestellt und über den Haufen geschossen.

Die Front rückte dichter heran. Vor allem die Sowjets näherten sich bedenklich der Lübecker Bucht. Wir hungerten wie verrückt. Das Essen bestand morgens aus Buttermilchsuppe, die wir mithelfen mussten zu kochen. Da standen wir Steppkes vor diesem riesigen Hotelküchenherd, auf ihm ein enormer Kessel mit Buttermilchsuppe. Und wir rührten – auf Zehen stehend – an der Oberfläche dieser Suppe herum. Natürlich brannte die an. Und klüterig wurde sie auch noch. Fraß.. Mittags und abends gab es meistens Rote Beete. In Scheiben, in Würfeln, gemust. Fraß. Kaum gesäubert und mit allen faulen Stellen – es war ja Ende Winter! Entsetzlich. Um unseren Hunger zu stillen, brachen wir Zuckerrübermieten auf. Die jungen Zuckerrüben waren essbar, die großen dagegen – bäh! Fraß. Lieber hungern. Bei einem Höker im Dorf konnte man Zwiebeln und künstlichen Pfeffer ohne Lebensmittelmarken bekommen. Das schmeckte ja geradezu köstlich!

Viele Schüler, der Ort wimmelte von KLV-Lagern, flüchteten allerdings. Morgens gegen 4 Uhr hauten sie ab, marschierten zum nächsten Bahnhof, nach Lensahn, und fuhren von da mit einem Frühzug über Lübeck nach Hamburg. Oder aber ab Richtung Dänemark. Wenn die Lagerleitungen dann morgens die Zimmer leer vorfanden, waren die Jungs längst in Sicherheit, also da, wohin sie wollten.

Hamburg war zur Festung erklärt worden. Aha, allmählich würde es ernst werden. Wir sahen Wehrertüchtigungsfilme und Wochenschauen. HJ-Regimenter im Einsatz. Rauf auf den feindlichen Panzer, Deckel aufgerissen, Handgranate hineingeworfen. Peng – alle Russen hopps. So einfach würde das gehen. Das würden auch wir schaffen. Klar. Wann wir wohl endlich gerufen würden? Die Bolschewiken rückten immer näher. Die Bauern schlachteten schon mal ihr Vieh. Nun gab es plötzlich jede Menge Fleisch. Gulasch, Frikadellen, Braten. Auf Beilagen konnte man jetzt gut verzichten. Rote Beete ade! Gelegentlich erlebten wir Luftkämpfe mit. Eigenartigerweise habe ich nie den Verlust einer deutschen Maschine gesehen. Aber etliche Tommies, die in die Ostsee stürzten. Sieg heil nach wie vor!

Eines späten Nachmittags hieß es, am Abend würde ein Bus nach Hamburg fahren. Wer wolle, könne mit. Ab in die Heimat. Ich stand vor einer schweren Frage. Schließlich hatten meine Eltern mir bei der Abreise aus Hamburg zu verstehen gegeben, daß ich bloß in Sicherheit bleiben sollte. Dennoch – alle fuhren, also fuhr auch ich. Mit einem reichlichen Vorrat an Frikadellen. Nachts schlich sich der Bus bei sternklarem Himmel und ohne Beleuchtung die Landstraße entlang. Immer schön unter Bäumen. Aber ein feindliches Flugzeug hatte uns wohl doch entdeckt und kreiste um uns herum. Alle Mann raus und in geduckter Haltung im Straßengraben weg vom Bus. Klasse. Soldaten im Schützengraben! Irgendwann verlor der Feindflieger dann wohl das Interesse an uns und zog ab.

In Hamburg angekommen erwischte ich frühmorgens die Straßenbahn Linie 16 Richtung Hagenbecks Tierpark. Keine Fensterscheiben. Alles mit Holz abgedichtet. Abgesplitterte Email-Schilder „Beim Niesen, Husten, Spucken bediene Dich des Taschentuchs“ und am Ausgang „Linke Hand am linken Griff“.. So trudelte ich Ende April 1945 wieder bei meinen Eltern ein, die dann doch sehr froh waren, daß ich mitgefahren war. Mit unseren Nachbarn hörten wir im Radio vom Tod Adolf Hitlers, unseres heißgeliebten Führers, der in heldenhaftem Kampf gegen den Bolschewismus gefallen war. Ich stellte mir vor, wie Hitler mit Handgranaten in den Händen auf irgendwelchen Panzersperren kämpfte und vom Feind erschossen wurde. Bei dem Gedanken heulten wir alle schnapslange Tränen. Was sollte nun bloß werden?

Aber erst einmal ab zu unserem Bunker, den wir jetzt immer abends aufsuchten. Die Front war so nahe, daß ein Fliegeralarm nichts mehr genützt hätte. Wir brauchten fast eine Viertelstunde bis zum Bunker. Alles Wichtige lag schon da. Nur noch, was erneuert werden musste, transportierten wir dorthin. Z. B. Verpflegung. Und daran war in diesen Tagen so gut wie kein Mangel! Gauleiter Karl Kaufmann hatte die Lebensmittellager geöffnet. Es gab jede Menge Sonderrationen. Kiloweise Fleisch und haufenweise Butter beispielweise. Wir hatten zum Glück aus Kronach /Oberfranken(meinem ersten Aufenthalt in der KLV) etliche Steinguttöpfe mitgebracht. Darin konnte man Butter, extra kräftig nachgesalzen, lange aufbewahren. Noch im Sommer hatten wir davon. Allerdings leicht ranzig.

Am Abend des 3. Mai waren wir wieder auf dem Weg zum Bunker, als wir auf der anderen Straßenseite eine Gruppe von etwa dreißig Menschen vor einem geöffneten Fenster stehen sahen. Man hörte aus dem Radio Staatssekretär Ahrens, Onkel Baldrian genannt wegen seiner immer beruhigenden Kommentare zur Luftlage, der eine Ansprache Karl Kaufmanns ankündigte. Und dann hörten wir Kaufmann. Hamburg habe kapituliert. Die Briten würden am nächsten Tag in Hamburg einmarschieren. Ausgehverbot mit ganz wenigen Ausnahmen. Noch wenige Tage zuvor Heulen und Zähneklappern, weil Hitler gefallen war. Und jetzt? Nichts. Weder Trauer noch Entsetzen, aber auch keine Freudenausbrüche. Resignation, Erleichterung bestenfalls.Wir machten kehrt und schliefen ohne Bombengefahr in den Frieden hinein. Dummerweise hatte ich doch tatsächlich noch unsere Verbandstasche verloren. Zu ärgerlich, fast neu. Aber andererseits – sie war auch überflüssig geworden! Zum Glück! Zum Glück? Naja….

Am nächsten Tag war herrliches Frühlingswetter. Und alles still. Keine Straßenbahn, die sonst nur wenige zig Meter von uns entfernt vorbeizufahren pflegte. Kein Fliegeralarm. Stille – und das nicht einmal Stille vor dem Sturm. Dabei hatten wir doch die ganzen Tage mit einer Schlacht um Hamburg gerechnet. Nach meiner Rückkehr aus Kellenhusen hatte ich mit einigen Mitschülern noch die Verteidigungsmöglichkeiten in unserer näheren Umgebung erkundet. Klar, da ging es: Die Methfesselstraße war an der Kreuzung zum Eidelstedter Weg durch eine Panzersperre dicht gemacht. Tiefer Graben und Doppel-T-Träger. Da kam kein Panzer durch. Und auf der linken Seite der Kaiser-Friedrich-Straße (heute Hagenbeckstraße) gab es ein Grundstück, das mit einer hohen Mauer umfasst war, aber eine Öffnung hatte. Da könnte man doch stehen, bewaffnet mit ner Panzerfaust. Und wenn dann etwa ein Panzer – aus Richtung Hagenbeck kommend – vor der Panzersperre halten müßte, würde man den ganz bequem abknallen. Daran muß ich immer denken, wenn ich mal wieder den Film „Die Brücke“ sehe: Wir waren so eingestellt! Die geistige „Vorbereitung“ vor allem im KLV-Lager in Kellenhusen hatte gewirkt.

Schon nach kurzer Zeit wurde das Ausgehverbot etwas gelockert. Mit meinem Braunhemd, jetzt natürlich blau eingefärbt, machte ich einen ersten Erkundungsausflug. Ecke Eidelstedter Weg und Methfesselstraße vor der Kneipe „Tüxen“ lagerte eine Gruppe britischer Soldaten. Baumlang. Dagegen waren ja unsere SS-Leute geradezu klein! Und dann deren Panzer! Wie Einfamilienhäuser. Aber auch ganz kleine Kettenfahrzeuge, in denen der Fahrer liegen musste, sausten wie verrückt durch die Gegend. Und dann erst die Jeeps. An den Seiten offen, ein Bein lässig raushängen.

Die Besatzungszeit war am Anfang geprägt von allen möglichen Bekanntmachungen der Alliierten. „I, Dwight D. Eisenhower…..“ Komische Namen. Montgomery. Sah eigentlich ganz gut aus, fast lustig. Ich kann mich nicht entsinnen, daß es irgendwelche Abneigungen gegen die feindlichen Truppen gab. Auch unser Nachbar, alter Kämpfer aus den Zwanzigerjahren, rechter Arm im Ersten Weltkrieg ab, noch geheult bei Hitlers Tod, jetzt ganz gefasst.

„This is Radio Hamburg, a station of the British Military Government“. Und später „BFN“. Jazz-Musik. Noch vor wenigen Wochen verboten. Jetzt Benny Goodman und Louis Armstrong und Glenn Miller. Und dann erst die Andrew Sisters mit „Bei mir bist Du scheen“.. Was war deutsche Tanzmusik dagegen? Theo Mackeben und Franz Grothe? Rudi Schuricke, genannt Schwulicke? Nein, jetzt gaben „Chattanooga Choo Choo“ und „Moonlight Serenade“ den Ton an. Ein Ansager des BFN, des British Forces Network in Germany, wurde schnell auch bei deutschen Hörern bekannt und beliebt, Chris Howland. Seine Popularität riet ihm später, zum NWDR, dem Nordwestdeutschen Rundfunk, zu gehen. Und von dort her vermittelte er uns dann Jazz in allen Variationen, dieser Mr. Pumpernickel. Deutscherseits wurde allerdings eine Gruppe unglaublich populär, die sich King-Cole-Trio nannte (nicht zu verwechseln mit dem späteren Nat King Cole – Trio) und „Wasser ist zum Waschen da, falleri und fallera, auch zum Zähneputzen kann man es benutzen“ und vom „Russischen Salat“ sang. Leider verschwand sie so schnell, wie sie gekommen war. Merkwürdig.

Nachrichten von Konzentrationslagern. Naja, das war natürlich die übliche Lügenpropaganda. Das konnte man ja nun wirklich nicht glauben. Zehntausende, Hunderttausende ermordet. Wer’s glaubt…..! Die wollten uns wohl für dumm verkaufen! Reeducation. Irgendwann gab es die Anordnung, daß sich jeder Erwachsene Filme mit Aufnahmen aus Konzentrationslagern anzusehen hätte. Der Filmbesuch würde in der Stammkarte, die zum Bezug von Lebensmittelkarten nötig war, vermerkt werden. Kein Vermerk – keine Lebensmittelkarten. Aber schließlich verlief auch das im Sand.

Tja, nun war ja Frieden. Aber wie würde die Zukunft aussehen? Wie würde es z. B. um „Brennstoffe“, also Kohlen, stehen? Die Aussichten waren schlecht. Klar, die Besatzungsmächte würden natürlich zunächst einmal für sich selbst sorgen und unsere Bergwerke ausplündern. Also – erst mal die Straßenbäume abgesägt, und dann ab in die Wälder und Holz geklaut. Für Eimsbüttel bot sich das Niendorfer Gehege an. Meine Eltern lehnten das Holzklauen jedoch ab. Diebstahl blieb Diebstahl. Aber eines Tages zogen meine Mutter und ich zusammen mit einem Nachbarsjungen, der einen kleinen Bollerwagen hatte, doch zum Niendorfer Gehege. Oft wurden von den Bäumen ja nur die Stämme geklaut. Die Krone blieb dann liegen. Und davon nahmen wir uns mit, soviel wir konnten. Mein Vater war noch immer nicht beeindruckt. Schließlich aber konnte ein Nachbar, der über eine richtig große Bandsäge sowie über Keile und Vorschlaghammer verfügte, ihn denn doch überreden. Als wir aber dann am nächsten Tag beim Niendorfer Gehege ankamen, war der Zugang durch Polizei gesperrt. Ein junger Mann, der sich als Revierförster vorstellte, bot nur an, daß wir in vierzehn Tagen zum Stubbenroden kommen könnten. Und das haben wir gemacht. Mein Vater morgens in aller Herrgottsfrühe hin zum Gehege. Meine Mutter und ich mittags zur Verstärkung nachgerückt. Mit Essen. Bohnenmehlsuppe. Ausgebratene Mettwurst zur Geschmacksverbesserung darüber. Unsere Vorräte an Lebensmitteln waren noch beachtlich.

Das Stubbenroden war Schwerstarbeit. Vor allem, weil man – trotz Bohnenmehlsuppe – irgendwie zu wenig in den Knochen hatte. Und mein Vater, von Beruf Buchhalter, war ja an so schwere körperliche Arbeit schließlich gar nicht gewöhnt. Und gesund war er sowieso nicht. Meine Mutter hatte natürlich auch nicht gerade besonders viel „Knöf“, ganz zu schweigen von mir mit meinen elf Jahren. Aber wir hielten durch und machten auf den Revierförster offenbar einen so guten Eindruck, daß er meinem Vater anbot, als Waldarbeiter bei ihm anzufangen. Hurra – die Brennstoffprobleme waren damit gelöst. Zwölf Festmeter oder achtzehn Raummeter Holz pro Jahr als Deputat und außerdem jeden Tag soviel Holz, wie mein Vater auf seinem Fahrrad transportieren konnte. Er quälte sich schrecklich ab.

In der folgenden Zeit hatten wir so immer viel Besuch, der sich bei uns aufwärmen oder backen wollte. Und wenn wir jemanden besuchten, nahmen wir einen Karren Holz mit. Statt Blumen sozusagen.

Schule gab es noch nicht. Aber ein Mitschüler hatte Privatunterricht bei Fräulein Mathilde Langenberg, Jahrgang 1874. Sechzig Jahre später war sie als Lehrerin an der fortschrittlichen Versuchsschule Telemannstraße wegen ihrer SPD-Zugehörigkeit zwangspensioniert worden, hatte in ihrer Wohnung, Heußweg 98, einen Unterricht in zwei Klassen aufgezogen. Eine Klasse morgens, eine nachmittags. Schulgeld 1,50 RM pro Woche. Und wir lernten wohl ganz eifrig. Als im Oktober 1945 dann die Schulen ihren Betrieb wieder aufnahmen, endete dieser Privatunterricht natürlich ziemlich schnell. Aber ich blieb noch. Konnte ja nicht schaden. Und als nach einem Jahr zusätzlicher Unterricht nicht mehr nötig war, fing ich an, bei ihr schon mal Latein zu lernen. Das sollte ja in der 7. Klasse ohnehin kommen. Frühstart einmal die Woche. Donnerstags. Bezahlen musste ich alsbald nichts mehr, dafür brachte ich immer einen Korb Holz für ihre „Kochhexe“, eine Art Primitivst-Ofen, mit.

Der reguläre Unterricht fand zunächst in der Ausweichschule in der Bismarckstraße statt. Eines Tages bekamen wir einen neuen Schüler, der uns von unserem Schulleiter Dr. Strempel höchstpersönlich vorgestellt wurde. Rothaarig. Schon schlecht. Jüdisch. Aus dem KZ Theresienstadt. Na, das hatte uns gerade noch gefehlt. Der bei uns, die wir doch noch immer irgendwie beleidigt waren, daß man uns nicht hatte siegen lassen! Und die mit Demokratie noch nicht recht etwas anzufangen wussten. Die wir doch alle im Jungvolk gewesen waren und vor noch nicht allzu langer Zeit gelernt hatten, daß die Juden unser aller Unglück seien. „Mobbing“, den Ausdruck gab es damals noch nicht. Aber wir praktizierten es schon mal gegenüber diesem Jungen. Der hatte nichts zu lachen. Eines Tages war er verschwunden. In die SBZ, die Sowjetische Besatzungszone, geflüchtet. Wir wurden von Dr. Strempel fürchterlich zusammengestaucht. Aber beeindruckt hatte uns das nicht.

Auf dem Sportplatz gegenüber unserer „richtigen“ Schule, also auf dem Sparbier-Platz, veranstalteten die britischen Besatzungssoldaten Motorrad-Rennen, sog. Dirt Track-Rennen. Engste Kreise, ein Fuß zum Abstützen auf dem Boden. Der Dreck flog uns nur so um die Ohren. Aber derartige Veranstaltungen, die wir bisher gar nicht kannten, machten uns die Besatzer richtig sympathisch. Später gab es sogar Motorradrennen im Stadtpark. Auch deutsche Fahrer waren da zugelassen. Schorsch Meyer auf BMW 500 Kompressor. Über 200 Stundenkilometer konnte er damit schaffen! Hängte jeden Engländer ab. Na also!

Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher Göring & Co. Dönitz dabei. Das war ja unerhört! Der war doch Soldat und somit schon allein deswegen kein Verbrecher? Und wieso Hans Fritzsche? Wegen der paar Reden, die er als zweiter Mann in Goebbels Propagandaministerium halten musste? Schacht? Naja, der war unsympathisch. Und erst von Papen. Aber sonst? Rundfunkübertragungen aus dem Gerichtssaal. Ha, wie Göring sich verteidigte. Der redete die Anklage ja geradezu gegen die Wand! Ein Reporter, ich meine, er hieß Zimmermann, war besonders engagiert. Höchst unbeliebt bei uns. Eines Tages war er abgelöst: Es hatte sich herausgestellt, daß er gar nicht der große Nazi-Gegner war, als den er sich ausgegeben hatte, sondern im Gegenteil selbst handfester Nazi. Das war ja zum Brüllen komisch! Hatte der doch die Siegerjustiz wochenlang an der Nase herumgeführt.

Bei der Urteilsverkündung wurde jeder Freispruch und jedes Urteil, das nicht „death by hanging“ lautete, mit Freude und Genugtuung aufgenommen. Nein – alle diese Vorwürfe waren unerhört. Unsere Leute waren doch keine Mörder! Es hat lange, sehr lange gedauert, bis die Bevölkerung endlich begriff – wir hatten eine Verbrecherregierung gehabt. Allerdings: „Aber nun muß endlich mal Schluss sein!“ Dieser Satz fiel schon 1945/46. Er fällt noch heute, rund 60 Jahre danach. Und ich denke, zu oft von Leuten, die sich nie wirklich mit unserer Vergangenheit auseinandergesetzt haben.

Florentine Brendeke Raus – Himbeerbonbon – Mintgrünes Kostüm

Im Landdienst der Hitler Jugend herrschte Zucht und Ordnung. Wir, die Mädchen des LanddienstJahres 1943/44, sollten zu ordentlichen Frauen heranreifen und später Bäuerinnen im Ostland werden. Der Führer erwartete von uns, daß wir das eroberte Gebiet im Osten fruchtbar machen und mit arischem Nachwuchs bevölkern sollten. Natürlich wollte ich später diese edle Aufgabe erfüllen, Bäuerin sein, und dem Volke dienen. Der Weg dorthin war mit unerträglichem Drill gepflastert. Das Antreten am Morgen war schon lästig genug und das Zurückmelden nach dem Arbeitseinstz war abhängig von der Laune der Lagerführerin. Manchmal lief es glatt ab. Anklopfen, warten auf das Herrreinn. Die Tür öffnen, den Arm in Augenhöhe zum Deutschen Gruß gestreckt, laut und deutlich sprechen: „Landdienstmädel Florentine Bluhm meldet sich vom Einsatz zurück.“ Warten auf den Befehl: „Abtreten!“ mainwendung und raus. Bei übler Laune lief es anders ab. Nach dem Melden ein Anpfiff, begleitet von einem durchdringenden Blick: „Dein Daumen ist abgespreizt, kapierst du nie den Deutschen Gruß? Rrrraus! Nochmal, aber anständig“, brüllte sie.

Nächster Versuch: Vor der Tür tief Luft holen, anklopfen, eintreten, noch ein Anpfiff: „Soll das ein strammer Arm sein? Der hängt runter, wie ein schlaffer Sack. Rrrraus! Nochmal!“ Sie wies mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger zur Tür.

Dritter Versuch mit zurück gehaltenen Tränen und zitternder Stimme. Das Gesicht der Führerin lief rot an, als sie brüllte: „Hier wird deutlich gesprochen. Heulsusen braucht der Führer nicht. Rrrraus!“. Dieses Spiel trieb sie mehrmals hintereinander und keines der Mädchen blieb davon verschont. Irgendeine Schikane hatte sie immer parat.

Wie gut, daß es meinem Jahrgang, den Jahrgängen davor und dem Ostland erspart geblieben ist, was der Führer mit uns und dem Land vorhatte.

Zum Abschied ein Himbeerbonbon

Ich war froh, endlich von zu Hause fortzukommen. Weg von den quengelnden Geschwistern, denen ich nie eine kleben durfte, nur weil sie jünger waren als ich. Nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit ausgeschimpft werden, keine Milch von weither holen müssen. Endlich frei sein!

Die ersehnte Freiheit glaubte ich, im Landdienst der Hitlerjugend zu finden. Im April 1943, nachdem meine Schulzeit beendet war, wurde ich einberufen nach Rodenthal, in Masuren. Es war fast eine Weltreise von Labiau, dicht beim Kurischen Haff, nach Masuren zu fahren. Die Freude war kurz. Es kam ganz anders. Das Lagerleben lief nach strengen Regeln ab und war kein bißchen gemütlich. Früh um sechs Uhr, wenn es im Bett am schönsten war, ertönte ein schriller Weckpfiff. Der Drill begann. Erste Pflichtübung: Unsere Fahne ehren. Das hieß: antreten, strammstehen, singen, mit Deutschem Gruß die Fahne grüßen, während sie hochgezogen wurde, Ansprache, wieder singen, abtreten zum Arbeitseinsatz beim Bauern. In der Erntezeit begann alles eine Stunde früher, mit der Mahnung: „mit aller Kraft und vor allem mit Freude an die harte Arbeit heranzugehen. Denn wäre nicht der Bauer, so hätten wir kein Brot,“ zitierte die Lagerführerin ernsthaft. „Brot braucht unsere kämpfende Truppe und das Volk. Seid euch eurer Wichtigkeit bewußt.

Einmal passierte es, ich war nach dem Pfiff nicht gleich aufgestanden und schaffte es nicht, meine Stiefel anzuziehen. Es war Pflicht, zur Arbeit halbhohe Schnürstiefel zu tragen und jene hatten lange Schnürsenkel, die mir das Leben noch schwerer machten. Entweder verknoteten sie oder rissen, wenn ich es besonders eilig hatte. Ich trat mit nackten Füßen vor die Fahne.

Nach dem Abtreten wurde ich zur Lagerführerin befohlen. Ich wußte nicht wie mir geschah, als ein fürchterliches Donnerwetter auf mich niederging. Von wegen der Schande, die ich unserer Fahne zugefügt hatte. Hinterher war ich genauso klug. Es blieb mir verborgen, warum die Fahne nicht barfuß geehrt werden durfte. „Deine Strafe fällt nur so milde aus, weil du noch nicht vierzehn bist! Glück gehabt!“ schnauzte sie.

Ich mußte allein und auf Knien einen unendlich langen Korridor schrubben. Während des Schrubbens wurde er immer länger und länger. Wer weiß, was ich zwei Wochen später, nach meinem vierzehnten Geburtstag, hätte scheuern müssen.

Die Arbeit beim Bauern war schwer. Kühe melken, Stall ausmisten, Rüben hacken, deren Reihen bis zum Horizont reichten, beim Heuen helfen. Der Bäuerin im Haus zur Hand gehen. Das mochte ich überhaupt nicht. Lieber ging ich aufs Feld. Der Tag war pausenlos ausgefüllt mit Arbeit.

Ich bekam Heimweh. Entsetzliches Heimweh. Obwohl die Lagerführerin gesagt hatte: „Ein deutsches Mädchen, das dem Führer dient, bekommt kein Heimweh!“ Lieber wollte ich dreimal am Tag Milch holen, nie mehr meine Schwestern verprügeln und nie wieder versuchen, ihnen die Himbeerbonbons abzuluchsen, und immer lieb zu meiner Mutter sein. Ich bereute tief, alle begangenen Sünden meines vierzehnjährigen Lebens.

Um endlich nach Hause zu dürfen, beschloß ich, krank zu werden, schwerkrank natürlich. Eine Blutvergiftung erschien mir gerade richtig. Jede Wunde, die ich mir zuzog, beschmierte ich mit Erde, aber eine Blutvergiftung bekam ich nicht. Meine Wunden eiterten und taten bisweilen sehr weh, mehr geschah nicht.

Mitten im Landdienstjahr durfte mich für zwei Tage meine Mutter besuchen. Sie wiederzusehen, zu fühlen, zu riechen war noch viel schöner, als Weihnachten oder Geburtstag haben oder beides zugleich. Ich kuschelte mich an sie. Sie fühlte weich und warm an. Es tat gut, ihre Hände an meinem Kopf zu spüren, als sie meine dünnen Zöpfe flocht. Ich fühlte mich wohl, wie schon lange nicht mehr und hätte sie am liebsten für den Rest der Landdienstzeit bei mir behalten. Aber sie mußte wieder zurück zu den Geschwistern.

Ich brachte meine Mutter an den Bahnhof und winkte dem Zug nach. Verloren stand ich da, weinte und schniefte. Als ich in meiner Schürzentasche nach dem Taschentuch griff, berührte ich etwas Hartes. Es war ein Himbeerbonbon. Wann hatte meine Mutter mir dieses seltene Geschenk in meine Tasche gesteckt?

Gierig steckte ich das Bonbon in den Mund, genoß seine lang entbehrte Süße. Sie breitete sich aus in mir und begann, mich zu trösten. Langsam ging ich zurück. Schritt um Schritt wurde das Bonbon kleiner und kleiner und mein Abschiedsschmerz erträglicher

MEIN MINTGRÜNES KOSTÜM

April 1945. Die gewaltige Fluchtwelle aus Ostpreußen hatte mich nach Hamburg getrieben. Ich war fünfzehn Jahre alt, und auf der Flucht von meiner Familie getrennt worden. Zusammen mit vielen Menschen hatte ich eine Bleibe gefunden in der Turnhalle der Schule Am Lämmersieht. Mein Schlafplatz war ein doppelstöckiges Bett, ausgestattet mit einem Strohsack und einer Wolldecke. Mein ganzer Besitz war ein vollgestopfter Rucksack und das, was ich am Leibe trug.

Mein bestes Kleidungsstück, das die Flucht überstanden hatte, war ein Kostüm aus mintgrünem Tuch. Es war noch vor der Flucht angefertigt worden, und sollte mich während der Ausbildung zur Verkäuferin gut kleiden. Ich liebte es. Das Schönste daran war der Faltenrock. Wenn niemand mich sah, drehte ich mich um mich selbst wie ein Kind und träumte, ich sei in dem schwingenden Rock eine Tänzerin.

Im Bett unter mir lag eine Frau. Sie fragte mich, ob ich ihr für einen Tag mein Kostüm leihen würde. Sie müsse zu einer Beerdigung. Ich bekäme solange ihres. Es war dunkelbraun, mit geradem Rock. An den Knopfleisten war der Stoff abgegriffen. Das Futter der Jacke kroch hinten hervor. Obwohl mir in den Sinn kam, daß zu Beerdigungen schwarze Kleidung getragen wurde, wagte ich nicht, nein zu sagen. Kinder mußten gehorchen, und Erwachsenen gegenüber hilfsbereit sein. An das Gesicht der Frau kann ich mich nicht erinnern, auch nicht, wie alt sie war. Aber im Gedächtnis ist mir geblieben, daß sie mir, wenn sie wieder zurück sei, helfen wolle, nach meiner Familie zu suchen Wir tauschten die Kostüme. In dem häßlichen Ding fühlte ich mich nicht wohl. Es roch unangenehm. Ich wagte auch nicht zu sagen, daß ich darin wie eine Oma aussähe. Die Jacke war zu weit, der Rock zu lang. Ihre Knie hatten Beulen hinterlassen. Aber einen Tag lang wollte ich es ertragen, weil sie mir helfen wollte, meine Familie zu finden. Das ließ mich hoffen. Ich fühlte mich glücklich und glaubte, das sei dieser Tausch wert.

Es wurde Abend. Längst hätte sie zurück sein müssen. Ungeduldig starrte ich immer nur auf die Tür. Die Frau kam an jenem Abend nicht. Auch nicht am nächsten Tag. Sie kam nicht mehr zurück. Mein mintgrünes Kostüm, mit dem schwingenden Faltenrock, blieb für immer verschwunden

Als Luftwaffenhelfer 1944 in Berlin und bei Leuna

Zu diesem Bericht gehören einige Fotos, die ich im Februar 1944 vom Flakturm Humboldthain aufgenommen hatte – auf einem ist ein kleines Stück vom Kopf vom LWH Chr.F. zu erkennen. Wir zwei wanderten damals an einem Sonntag vorsichtig um die beiden Türme und im restlichen Humboldthain herum, lasen Flaksplitter und eine halb abgebrannte Stabbrandbombe auf, sorgfältig darauf achtend, keinen zu Grüßenden zu übersehen und verfügten uns dann wieder in das dumpf riechende riesige Gebäude, wo wir im obersten Stockwerk wohnten, zusammen mit den Typen von der Oberschule aus unserer Heimatstadt. Ab und zu sah der Gefreite v.S. nach uns und erklärte uns die Klingelzeichen „Vorspiel“ und „Alarm“ – tatsächlich bimmelte es gleich am ersten Abend, am 14.Januar 1944, nachdem wir am Nachmittag noch in Zivil in den Turm einmarschiert waren und der Posten uns fröhlich zugerufen hatte: „Hier kommt Ihr so bald nicht wieder raus!“

Sehr früh am Morgen dieses Tages hatten wir, etwa 20 Jungen des Jahrgangs 1928, Schüler der „Robert-Schumann-Schule, eines humanistischen Gymnasiums in Zwickau/Sa, uns in der Halle des Hauptbahnhofs eingefunden, manche begleitet von den Eltern. Ein Unteroffizier in der blaugrauen Uniform der Luftwaffe mit roten Kragenspiegeln nahm uns dort in Empfang, und wir reisten in reservierten Abteilen mit der Bahn in Richtung Berlin. Als der Zug die Vorstädte der „Reichshauptstadt“ erreichte, sahen wir die ersten gänzlich ausgebrannten Häuserzeilen schon in Lankwitz, und die forschen Gespräche im Abteil verstummten. Aus dem S-Bahn Bahnhof Gesundbrunnen tretend, erblickten wir dann den riesigen Betonklotz des Flakturms „Humboldthain“ vor uns – da sollten wir also in Zukunft leben! Immerhin „durften“ wir zunächst mit dem Fahrstuhl nach oben fahren, und es folgte eine flüchtige ärztliche Untersuchung, die Einkleidung (wir erhielten auch eine Blech-Erkennungsmarke wie „richtige“ Soldaten!) und die Einweisung in die Unterkünfte, die mit Doppelstockbetten und Blechspinden ausgerüstet waren. Der Blick aus den mannshohen Fenstern, die mit einer dicken Stahlblende verschlossen werden konnten, ging über die S-Bahngleise hinweg auf eine nahezu ausgebrannte Häuserfront; nur ein Haus war wenigstens teilweise noch bewohnt. Die schweren Nachtangriffe des November 1943 hatten diese Zerstörungen bewirkt, wie uns die Schulkameraden des Jahrgangs 1927 berichteten, die schon seit September 1943 hier Dienst getan hatten; sie begrüßten uns mit einer Mischung aus Mitleid und Schadenfreude: Jetzt seid Ihr also auch dran…!

Vor dem Geschütz-Turm im Humboldthain – Berlin, im Februar 1944. Die Türme waren graugrün gestrichen und überragten weit die alten, im November 1943 von Bombensplittern beschädigten Bäume des Parks. Auf dem umlaufenden Balkon waren die 2 cm-Flak-Waffen auf Beton sockeln montiert, auf der oberen Plattform vier Doppelrohr-Geschütze des Kalibers 12.8 cm.

Zum ersten Dienst trat ich ohne Stahlhelm an, weil einer in dieser erheblichen Größe nicht vorrätig gewesen war, was zunächst einen „Anschiss“ zur Folge hatte samt einer Bemerkung über die Pferde, welche bekanntlich die größeren Köpfe… Der Uffz., der uns vom Heimat-Bahnhof abgeholt hatte, entpuppte sich bald als ein verkleideter Studienrat, und ein zweiter solcher, ein Westfale, war dann unser Ausbilder, zusammen mit dem Ogfr. R., einem Malermeister aus Hamburg, der magenkrank aussah. „Die 2cm Flak 38 als solche (ch wie in Krach gesprochen) zerfällt in…“ Es war das schweizer Präzisionsprodukt 2 cm-Oerlikon, und es wurde eine der wenigen Wonnen meines Daseins als LWH, sie auseinander zu nehmen und richtig wieder zusammenzusetzen! Den Sockel dieses Geschützes kann man noch heute sehen, wenn man die Serpentinen der nur halb weggesprengten und dann mit Trümmern angeschütteten südlichen Turmseite des G-Turms Humboldthain zwischen Bäumen und Sträuchern hinaufsteigt und so die Ebene der 12.8cm-Plattform erreicht. Auf einem Foto posieren Otto M. und Hans K. auf solch einer Kanone, von der es auch Exemplare mit vier Rohren gab., die sog. „Vierlinge“.

Bombentreffer auf ein 2 cm-Geschütz auf dem Feuerleit -Turm (L-Turm) im Humboldthain im November 1943.
Teile des Geschützes fanden sich am nächsten Morgen zwischen den im Hintergrund sichtbaren Gebäuden der AEG…
Da kurz vor dem Einschlag die Bedienungen der leichten Flakwaffen in das Turminnere befohlen worden waren, hat es keine Verluste gegeben.

Natürlich war das Hauptziel des „Dienstes“, uns so bald als möglich zu einem vollwertigen Bedienungspersonal für diese Waffen auszubilden; unten im Humboldthain auf einem kleinen Sportplatz fand aber auch regelmäßig „Infanterie-Dienst“ statt, und anfangs wurde auch häufig Strammstehen und Grüßen geübt, obwohl die Hitlerjugend uns ja eigentlich in dieser Hinsicht schon ausreichend „vorgebildet“ haben sollte! Da war der Dienst an der Waffe deutlich beliebter, zumal dort auch eigenes technisches Verständnis demonstriert werden konnte. Meist war der Ton der Vorgesetzten nicht übertrieben rauh – das übliche Gebrülle beim Exerzieren und dem „Infanterie-Dienst“ vor dem Turm kannten wir ja schon vom H.J.Dienst, und selbst der auch hier geübte verschärfte Drill („Entengang – Eeentengang!!“) und Liegestütze wurden meist als unvermeidliche Mühsal militärischer Ausbildung hingenommen. LWH Hans K. erinnert sich aber noch mit Erbitterung auch an als „Maskenball“ bezeichnete abendliche Strafaktionen eines Unteroffiziers, für die wir irgendeinen Anlass gegeben hatten, und dass aus einem ähnlich nichtigen Anlass der Batteriechef D. die ganze Batterie mit mehreren Stunden Infanterie-Dienst „beglückte“…

Nicht nur bei solchen Anlässen richtete sich die hoffnungsfrohe Erwartung von uns z.T. noch nicht einmal 16-jährigen auf den nächsten Kurz-Urlaub, der den LWHs etwa monatlich einmal gewährt werden sollte, vorausgesetzt, Geschützbedienungen blieben in gefechtsfähiger Zahl zurück. Ein solcher Kurzurlaub enthielt 2 Urlaubs- und zwei Reisetage, so dass mit geschickter Auswahl des Reichsbahn-Fahrpläne – wir durften auch Wehrmachts-Urlauber-Züge benutzen – man durchaus mehr als 48 Stunden „Zuhause-Zeit“ herausschinden konnte. Am Dienstagmorgen zu Dienstbeginn musste man sich allerdings unter allen Umständen wieder im Turm zurückgemeldet haben! Einmal im Jahr würde es sogar einen 12 +2 Reisetage währenden Heimaturlaub geben – aber der lag für uns Anfänger noch in weiter Ferne…

Meist während der Mahlzeiten im Kasino trafen wir auch auf LWH aus Berliner Schulen, die aber ihren Dienst vorwiegend an den großen 12.8cm-Doppelrohr-Geschützen auf der oberen Plattform taten. Nicht nur deswegen und wegen ihrer häufigen nächtlichen Einsätze sahen sie auf uns Sachsen auf den umlaufenden Balkons mit den leichten 2 cm – Waffen herab; mehrfach titulierten uns welche als „Ihr sturen Sachsen“, womit sie wohl meinten, dass wir im Vergleich zu ihnen viel zu brav und gehorsam alle Vorschriften befolgten, während sie das Ganze deutlich lockerer betrachteten. Aber so brav waren viele Sachsen gar nicht: Mit uns waren eine etwa gleiche Anzahl Schüler der Zwickauer Oberschule nach Berlin gereist, die dann zusammen mit uns Gymnasiasten auch in den gleichen Unterkünften wohnten. Erstaunt stellten wir fest, dass deren Redeweise häufig mit ungeniert regime-kritischen Ausdrücken gespickt war und sie über einen erheblichen Fundus an so genannten „Flüsterwitzen“ verfügten. Auch spielten zwei von ihnen gern „Hitler und Mussolini treffen sich am Brenner“, indem der eine, oben auf einem Doppestockbett hockend, den Duce mimte, mit römischen Gruß und drohend nach vorn gerecktem Kinn, während vor dem Bett, ihm zugewandt, der andere stand, sich einen Kamm unter die Nase haltend, mit der anderen Hand mit nach hinten über die Schulter gebogenem Arm nach oben grüßend, den „Führer“ darstellte. Ein anderer war Meister in der Imitation des „Reichspropagandaministers“ , indem er hinkend nach vorn trat und genau in dessen westrheinischer Sprachfärbung intonierte: „Und wiiiiieder (das r als ch gesprochen wie in Rache) haben wiiir viiier Tonnnnän Viiiierfruchtmarmelaaade an die Ost-Front ge-wor-fännn“ … Wir lachten und staunten – dass es so etwas noch gab, 11 Jahre nach der „Machtergrrreifung“, wie Hitler das nannte. ER wurde allerdings auch unter uns mit einem angeblich von ihm stammenden Ausspruch zitiert : „Die Deutsche Frau rrraucht nicht“, wenn einer jemanden beim heimlichen Rauchen ertappte, was uns LWH ja streng verboten war, weshalb es nun hieß: „Derrr doitsche Luftwaffenhelferrr rrraucht nicht…!“

Das „Batterie-Lied“, das beim Marschieren mehr gebrüllt als gesungen wurde, begann mit „Hoch drooom, auf dem Beeerg, gleich unter den funkelnden Steeernen…“, womit ein Bezug zu unserer Geschützstellung, etwa 35 m hoch über der Erde, hergestellt werden sollte; auch die „schwarzbraune Haselnuss“, ein Lied, das wir schon in der HJ zu singen hatten, ertönte zwischen den beschädigten Baumstämmen des Humboldthains auf dessen Sportplatz, obwohl der darin besungene Typ nicht gerade dem blond-blauäugigen Ideal des „Dritten Reiches“ entsprach.

Nachdem wir ordentlich „Grüßen“ gelernt hatten, durften wir zum ersten Mal unter Begleitung von zwei Unteroffizieren das Turm-Gelände verlassen und marschierten durch einige Straßen des Stadtteils Gesundbrunnen. Erschreckend waren die schon bis zum Winter 1943/44 angerichteten Zerstörungen, zu denen auch streckenweise aufgewölbte und zerrissene Nebenstraßen gehörten, wenn eine Sprengbombe die Kanalisation getroffen hatte. Ein großes Kino an der Ecke aber war noch heil geblieben, und so durften wir einmal den Film „Der weiße Traum“ gemeinsam sehen – den mit dem Lied mit dem Luftballon: „…stell Dir vor, er fliegt mit Dir davon…“, was sich dann auf „Illusion“ reimte. Mancher wäre wohl schon damals ganz gern „davongeflogen“ – das ließ sich aber keiner anmerken.. Und an einem Sonntag führte man uns als Zuschauer auf einen nahe gelegenen Fußballplatz, wo wir uns allerdings ziemlich langweilten.

Mit Stahlhelm und im „Übermantel“ posieren hier die Wache stehenden LwH Otto-F.M. und Hans K. auf der
2 cm Oerlikon , unserem Geschütz auf dem Balkon des G-Turms Humboldt-hain im Februar 1944. Dahinter ist der Kran zu erkennen, mit dem die Geschütze auf den Turm hinaufgehievt worden waren.
Der Sockel dieses Geschützes ist heute noch von der Aussichtsplattform des Bunkerhügels im Humboldthain aus zu sehen!
Die Eisenstangen links und main sollten als „Rohrabweiser“ dienen, wenn sehr tief geschossen werden musste, damit nahe stehende Gebäude nicht getroffen wurden.
Auf den Flak-Türmen am Zoo dienten solche Abweiser z.B. dazu, die Figur auf der Siegessäule (von den Berlinern „Goldelse“ genannt) vor Treffern zu schützen.

Zwei Luftwaffenhelfer sonntags in Ausgehunifom im Humboldthain vor der Kamera, in der Hoffnung, dass kein Fliegeralarm sie zurück auf den Turm an die Geschütze ruft, und sehr bemüht, keinen zu grüßenden Dienstgrad zu übersehen!
Fröhlich sieht er trotz seines „Aus-gangs“ nicht aus, der LwH Wolfgang W. ; der andere, LwH Otto-F. M., scheint sich immerhin über die Frühlingssonne zu freuen und darüber, dass er so häufig Feldpost-Briefe von seiner Freundin aus dem heimatlichen Sachsen bekam und deshalb von den anderen Kameraden beneidet wurde…
Als brave Sachsen tragen wir hier die vorgeschriebene Hakenkreuz-Armbinde und haben auch den HJ-Rhombus nicht von der Mütze entfernt – manche LwH hatten diesen sogar durch einen Luftwaffen-Adler aus Blech ersetzt!

 

Anfang März erst wurde schließlich unser Jahrgang bei leichtem Schneetreiben in einem nahegelegenen Park feierlich vereidigt. Wir standen im Karree angetreten um eine 2 cm-Vierlingswaffe herum, die zu diesem Zweck von einem der Türme mit Hilfe des dort installierten Krans heruntergelassen und hierher transportiert worden war. Zwei LWH mussten eine Hand auf ein Rohr der Kanone legen, und alle hatten einen Text nachzusprechen, den ich vergessen habe. Ich erinnere mich nur, dass ich sehr gefroren habe, zumal wir wohl in „Ausgehuniform“, aber ohne Mantel dahin marschiert waren.

Ein Betreuungslehrer aus unserer Schule wohnte ständig drüben im L-Turm, unterrichtete die Schüler des Jahrgangs 1927 an einigen Vormittagen der Woche, und wir 28er stießen nach der „Grundausbildung“ dazu; der ganze Trupp wanderte zu diesem Zweck mit je einem der massiven Holz-Hocker, die in unserer Unterkunft die Sitzgelegenheiten darstellten, hinüber in den L.Turm, über noch nicht ganz planiertes Gelände, wo main und links noch einige Parkbäume ihr Leben fristeten, von Sprengbombensplittern beschädigt. Der Unterricht konnte natürlich nicht die Ziele erreichen, die unserem Schuljahr unter „normalen“ Bedingungen zuhause gesteckt waren, zumal er bei den immer häufigeren Einflügen auch bei Tage bei Voralarm, bevor noch draußen die Sirenen heulten, sofort unterbrochen werden musste, während wir, die Hocker auf dem Buckel, im Geschwindschritt unserem G-Turm zustrebten, über eine der vier riesigen Wendeltreppen empor eilten, um unsere 2 cm-Kanonen abzudecken und feuerbereit zu machen.

Zu Schuss gekommen sind wir allerdings damit nie, konnten aber von unserem Balkon, auf dem die Waffen postiert waren, die ersten Tages-Angriffe der USAF bestaunen, die am 4.u.6.März 1944 begannen, und wie die Bomberpulks gänzlich unangefochten von der dichten schwarzen Flakwolke der ständig donnernden 12.8-Doppelrohre aller drei G-Türme der Stadt ihr Ziel anflogen und glitzernde Schwärme von Stabbrandbomben und einige Sprengbomben fallen ließen und nördlich von uns einen gewaltigen Feuer- und Rauchpilz verursachten. Es wurden von anderen zwei oder drei Treffer, also „Abschüsse“ beobachtet; der einzige von meinem Posten aus sichtbare Erfolg des tosenden Dauerfeuers war ein herabsegelnder Fallschirm mit einem farbigen Soldaten daran, der zum großen Hallo genau auf dem L-Turm landete. Dort hatte während der November-Angriffe 1943 nachts eine Sprengbombe eine 2 cm-Einzelwaffe zerstört; Soldaten und LWH waren aber zu ihrem Glück wenige Minuten vorher ins Innere befohlen worden. Ihr Geschütz war vollständig verschwunden, und der Betreuungslehrer StR. W. lieferte dann eine dramatische Beschreibung dieses Ereignisses an die heimatliche Schule, da er fast genau darunter in seiner Stube gesessen hatte und seine Stahlblende, offenbar nicht richtig geschlossen, durch den Sog aufgerissen worden war…

Die großen Nachtangriffe der Engländer hörten Mitte Februar auf; aber fortan suchten schnelle, leichte Bomber, die „Mosquitos“, häufig die schlafende Reichshauptstadt heim, und wir mussten natürlich jedes Mal raus, um leise fluchend die Kanonen abdecken und dann untätig das nächtliche Schauspiel hoch oben am Berliner Himmel zu betrachten: Die zahlreichen Scheinwerfer, die bei klarem Himmel jedes einzelne Flugzeug mit großer Präzision „auffassten“ und dann immer weiter zum nächsten reichten, die zuerst abgeworfenen, bunt-strahlenden „Weihnachtsbäume“, die wohl einen beginnenden Großangriff vortäuschen sollten, die gewaltig knallenden Doppelrohre der 12,8 cm Geschütze über uns, rings um die silbern leuchtenden schnell dahinziehenden Flugzeuge viele glitzernde Funken erzeugend, die von unten aussahen, wie jene unseres Anzünders am heimischen Gasherd. Einen Abschuss habe ich trotzdem nie gesehen, und die Bomber verschwanden jedes mal rasch, nachdem jeder seinen „Wohnblock-Knacker“ abgeworfen hatte, der mit fürchterlichem Brausen irgendwo herunterkam, gefolgt von einer gewaltigen Explosion – einmal doch so nahe, dass wir erschrocken hinter der dicken Balkonbrüstung in Deckung gingen.

Den letzten Tagesangriff auf dem Humboldthain-Turm erlebten wir am 29.April; und ich, schon mit einem verbundenen Fuß im Holzpantoffel, fotografierte die entstandenen Brände im Süden Berlins, die aber recht weit entfernt wüteten. Eine Woche später schickte man mich ins „Revier“ in den Flakturm Friedrichshain, nachdem eine Wundinfektion von unseren Sanitätern nicht gestoppt werden konnte. Unterwegs wurde ich von Berliner Hausfrauen laut und heftig bedauert, als ich von der S-Bahnstation zum Turm humpelte: „Ist doch ne Schande, jetzt machen se auch noch so junge Kerle kaputt…“Dort lag ich dann mehrere Wochen im Erdgeschoss und erlebte die schweren Tagesangriffe am 7., 8. und 19.Mai auf den Berliner Osten im sicheren Bunker, wobei eine Phosphorbombe direkt unter unserer, natürlich während des Angriffs fest geschlossenen Stahl-Blende abbrannte und zahlreiche aus den Kellern ausgegrabene Verletzte im Verbandsraum versorgt wurden. Einmal besuchte mich auch unser Betreuungslehrer Prof.L. freundlicherweise, und auch zwei Freunde erschienen an meinem Bett und berichteten von ihren Erlebnissen bei den letzten Angriffen. Als der Fuß einigermaßen verheilt war, bekam ich sogar – auf meine Bitte hin – von dem freundlichen Stabsarzt ein paar Tage Genesungsurlaub genehmigt.

Den 20.Juli 1944 erlebten wir, kaum einen Kilometer von der Bendlerstraße entfernt, zunächst damit, dass um die Mittagszeit je ein LWH im Treppenhaus auf jedem Stockwerk, mit einem Karabiner bewaffnet, aufgestellt wurde, ohne dass jedoch bekannt war, auf wen denn zu schießen wäre! Ich hatte für den nächsten Morgen meinen Urlaubsschein für den lang ersehnten „Heimaturlaub“ (10 Tage + 2 Reisetage!) in der Tasche und erfuhr dann zu meinem Ärger, dass ab sofort absolute Urlaubssperre angeordnet war. Erst spät in der Nacht hörten wir im Radio eines Kameraden, längst in unseren Betten liegend, durch Hitlers gutturale Stimme selbst, was da vorgefallen war. Ich muss gestehen, dass ich damals einen maßlosen Zorn auf die Attentäter hatte, weil sie mir meinen Heimaturlaub verpatzt hatten…! Doch schon am nächsten Vormittag wurde die Urlaubssperre aufgehoben. Ich musste zwar nun erneut von einem zum andern laufen, um die nötigen Unterschriften für einen neuen Urlaubsschein einzusammeln, aber am 22.Juli fuhr ich vom Anhalter Bahnhof tatsächlich nachhause.

Als ich mich schließlich im Flakturm Zoo aus dem Urlaub zurückmeldete (die Batterie war Anfang Mai dorthin umgezogen), war die ganze Truppe zum Schießen nach Dramburg in Pommern ausgerückt. Hans K. feierte seinen 16.Geburtstag auf der Fahrt dorthin in einem Güterwagen auf dem Bahnhof Stargard und erzählte mir später, wie sie dort mit der neuen 3.7 cm Waffe Luftsäcke, Ballons und Panzerattrappen durchlöchert und mit den Leuchtspurgeschossen die Heide in Brand gesetzt hatten. Ich dagegen in Berlin hatte noch ein paar Tage viel freie Zeit, für einen Oberfähnrich ab und zu Botengänge in der großen Stadt Berlin erledigend. Dabei stellte ich erstaunt fest, dass besonders im alten Zentrum noch vieles heil geblieben war. Am 21.Juni 1944 sahen wir vom Zoo-Turm aus bei einem gewaltigen Tagesangriff diese Gegend in Flammen aufgehen, wobei der Turm des Doms mit einer grünen Kupfer-Flamme brannte und die Sonne hinter den Rauchwolken über der Stadt verschwand. Wir standen wie immer untätig herum.

Ein einziges Mal wären wir beinahe zum Schuss gekommen: Als Flugmelder Richtung Norden blickend, sah ich während eines Tages-Angriffs plötzlich mehrere einmotorige Jäger tief über den Häusern aus „Richtung 2“, kommen , brüllte vorschriftsmäßig Alarm, die Kameraden drehten die Geschütze in diese Richtung. Dann hörte man schon die 3,7 cm der Flaktürme Humboldthain und Friedrichshain ballern, und während die erste Maschine nach unten stürzte und dort eine dunkle Rauchwolke entstand, sahen wir vier „Mustang“ der USAF steil nach oben ziehen, von einigen krepierenden 3.7 cm-Flakgeschossen verfolgt, aber außerhalb der Reichweite unserer eigenen Geschütze. Die etwas neidische Begeisterung über den Abschuss war groß; als später das Telefon in der Stellung läutete, musste ich den Fähnrich an den Apparat holen, der eine Meldung mit dem Bemerken „So ein Mist“ entgegennahm und dann zu mir sagte: „Das war eine Focke-Wulf, die da am Rosenthaler Platz runtergefallen ist, keine Mustang. Aber sag’s niemandem weiter!“ Offenbar hatte jener deutsche Jäger, verfolgt von den Mustangs, versucht, auf dem Tempelhofer Feld zu landen.

Als wir von Prof.L., eine Woche nach der Invasion, das Aufsatzthema gestellt bekamen :“Worauf begründen wir unsere Siegeshoffnungen?“ saß ich verstört vor dem linierten Papier und wusste zum ersten Mal in meinem Schüler-Dasein nicht, was ich schreiben sollte. Prompt erhielt ich dafür ein 3 minus (sonst an viele Aufsatz-Einsen und allenfalls -Zweien gewöhnt), und Prof.L. hatte rot an den Rand geschrieben: „Und die Wunderwaffen ?“ Die hatte ich nicht erwähnt,(erst am 16.Juni flog die erste V 1 nach London) ja, wo waren sie, die wirksamen Wunderwaffen?
Einen sozusagen endgültigen Schock erlebte ich aber, was jene „Siegeshoffnungen“ anbelangt, im August, als ich einmal Fahrstuhl-Dienst hatte, und, begleitet von gewaltigem Hackenknallen, der „Reichs-Marschall“ Göring im Eingang erschien, gleichzeitig allerdings auch die eigentliche Fahrstuhlführerin: „Komm, hau ab, den Hermann muss ick selba fahn“, nämlich hinauf in das Prominenten-Lazarett; aber ich sah doch für Sekunden in sein gesenktes düsteres Gesicht, ein völlig anderes als jenes auf dem Balkon der Reichskanzlei nach dem siegreichen Frankreichfeldzug, angesichts der jubelnden Massen im Sommer 1940, in jener Wochenschau…

Ich ließ Fahrstuhl Fahrstuhl sein und hastete hinauf in unsere Unterkunft, wo die Kameraden – natürlich – beim Skat hockten, und der Helmut L. am Ansagen war, und ich: „Wißt Ihr was ? Ich habe eben den Göring gesehen, mit soonem Gesicht… D e n Krieg ham wr verlorn!“ Helmut S. sagte noch: “ 24 – 27 – passe“ und dann: „Na, wenn de das j e t z erscht märgst…!“ Dem LWH Hans K., welcher aus ihm heute nicht mehr erklärlichen Gründen besonders oft oben an den Geschützen Wachdienst hatte, begegnete dort der Luftwaffengeneral Bodenschatz im Schlafanzug, seit dem Attentat am 20.Juli mit gänzlich verbundenen Armen, und der Ernährungsminister Backe mit quittegelbem Gesicht, wohl als Folge einer schweren Hepatitis. Sie fragten den kleinen LWH freundlich nach seinen häuslichen und schulischen Verhältnissen aus. Ihm kam freilich ein gelbsuchtkranker Ernährungsminister irgendwie sonderbar vor!

Dem Fahrstuhldienst verdanke ich noch ein weiteres Erlebnis mit Prominenten jener Jahre, das aber nicht gerade zu meinem Ruhm ausging: Es betraten einmal der hochdekorierte Jagdflieger Galland (welcher den Krieg lange in Südamerika überlebt hat und m.W. einmal feier-lich im Rathaus ein Mädchen unserer Heimatstadt geheiratet hatte) und ein SS-General mit Ritterkreuz den Fahrstuhl und verlangten, zum Lazarett hinaufgefahren zu werden, wo noch vom 20.Juli her der Fliegergeneral Bodenschatz seine verletzten Hände ausheilte. Während ich da mit meiner Kurbel hantierte, fragte mich der berühmte Galland – etwas gönnerhaft freilich – „Na, mein Junge, Du willst doch sicher auch mal Jagdflieger werden…“; und ich, vollkommen ehrlich und ihn richtig titulierend, antwortete zackig: „N e i n, Herr Generalinspekteur, ich bleibe bei der FLAK !“ Er drehte mir daraufhin gekränkt den Rücken zu, der SS-General grinste jedoch über sein ganzes Gesicht. Ich hatte mich nämlich tatsächlich wenige Tage zuvor bei der Luftwaffen-Flak freiwillig gemeldet als Reserveoffizier (nahezu jeder von uns tat dies, wegen der verkürzten Grundausbildungszeit, und in der Hoffnung, später einmal nicht sofort verheizt zu werden). Beeindruckt von den Flak-Waffen , und weil wir damals schon an zwei Kalibern ausgebildet worden waren (es wurden später ja sogar vier!!), hatte ich mich dazu entschlossen..

Allerdings wurde ich eines Tages Ende März oder Anfang April 1945 zuhause zum Schrecken meiner Eltern in die Kaserne bestellt, wo mir aber ein freundliches älteres Mädchen nur mitzuteilen hatte, dass meine Bewerbung bei der Luftwaffe leider abgelehnt worden sei, aber ich könne mich ja nun bei der Infanterie bewerben, da würden doch Offiziere jetzt gewiss gebraucht… Ich könne die Bewerbung gleich hier ausfüllen! Ich zog es aber vor, die Formulare mit nachhause zu nehmen und sie dort wegzuwerfen.

Von unserem Balkon aus beobachteten wir bei jedem Alarm das Hereinströmen der in der Nähe wohnenden und noch nicht ausgebombten Berliner Bevölkerung in den Turmeingang; das begann schon, wenn die Luftlagemeldungen im Radio verlauten ließen, dass ein „Bomberverband nördlich Braunschweig mit Kurs Ost“ unterwegs sei, und die Sirenen noch nicht einmal den „Voralarm“ verkündet hatten. Die Schutzsuchenden bevölkerten dann das Erdgeschoss und die großen Wendeltreppen in den Ecktürmen. Es sollen manchmal mehrere tausend gewesen sein ! Im letzten Moment, wenn die Schwere Flak am westlichen Rand der Stadt schon zu schießen begann, sahen wir noch einige hohe Offiziere aus dem „Bendler-Block“, manche mit roten Biesen an den Hosen, in den Turm eilen.

Der Flakturm Zoo war von den drei Berliner Türmen der sozusagen „vornehmste“; nicht nur wegen des Prominenten-Lazarettes in einem Stockwerk, sondern auch mit einem Kinosaal ausgerüstet, auf dessen Bühne wir sogar einmal eine Wehrbetreuungsveranstaltung erleben durften, wobei allerdings die Tänzerinnen der berühmten Dresdner „Palucca-Schule“ von den Flaksoldaten im wesentlichen nach ihren Proportionen begutachtet wurden. Dort stand auch ein Flügel, auf dem mein Freund Otto M. gelegentlich – die Tür zur Bühne war unverschlossen – damals gängige Schlager hören ließ, wie „Kauf Dir einen bunten Luftballon…“ oder „In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleiné…“, und, ganz zart hingetupft und verswingt, Horst Wessels Leierkastenmelodie „Die Fahne hoch…“ Schon damals hatte ich mich, halb unbewusst, über die traurig fallenden Tonfolgen dieses Parteiliedes gewundert, das so gar nichts Aufrüttelndes und „Heldisches“ an sich hatte. Tatsächlich soll es sich um eine einfach zur zweiten National-Hymne umfunktionierte Moritaten-Melodie gehandelt haben! Da war die Italienische Faschisten-Hymne schon eine andere Sache, flott und forsch gespielt, der wir allerdings (1944!) den Text unterlegten: „Wiiir sind tapfre Italieeener, uuunser Land wird immer kleeener…“

Im September verließen uns die Schulkameraden des Jahrgangs 1927; sie wurden zum „Arbeitsdienst“ eingezogen. Uns aber schickte man mit allen Dienstgraden nach Rüdersdorf im Osten von Berlin zu einer 8,8 cm Batterie. Und da landeten wir mit einem Mal wieder im Grünen, die Baracken und die Aborte waren ungewohnt primitiv, aber die nächsten Äcker waren ganz nah, und ich sehe noch uns drei, Otto, Christian und mich, abends dort umherstreifen, von einem Möhrenhaufen einige mitnehmend, den Bauern beim Rüben-Abfahren zusehen, wobei ein Wagen steckenblieb und schließlich ein Ortscheit zerbrach, wie der Christian mitleidig und sachverständig feststellte, und es wurde mir deutlich, dass er , vom Dorf stammend, noch mehr als ich (der ich schon neun Monate von meinem Garten getrennt war) unter dem Mangel an Landschaft und dem Fehlen des Geruchs nach Stalldung und frisch gepflügter Erde gelitten hatte…

Landschaft blieb uns dann bis zum Schluss treu; in Rüdersdorf war die Ausbildung an der 8,8cm, wie sich schon eine Woche später herausstellte, überflüssig gewesen, obwohl es natürlich für einen technisch interessierten Schüler wie mich, wieder etwas Neues war, zumal ich nicht Ladekanonier spielen musste wie mein Freund Otto M., was ja bei der 8,8 eine ziemliche Schinderei war, besonders, wenn fast senkrecht geschossen wurde.

Ich erinnere mich noch an die nächtliche Reise über Leipzig nach der Station Eytra, wo unser Wagen morgens im Herbstnebel abgestellt stand, und wir zum ersten Mal jenen Braunkohlen-Schweldunst einatmeten, der uns dann bis zum 30.Januar 1945 nicht mehr aus der Nase gehen sollte. Wir wurden auf die Dörfer Scheidens und Seegel verteilt und lagen im Gasthaussaal von Seegel auf Stroh und wurden von der Wirtin gefragt, ob wir vielleicht „billarden“ wollten… Der Leutnant ging mit der jungen Dorfschullehrerin auf der Straße spazieren, und es war recht idyllisch dort, bis auf einen Angriff auf das in der Ferne sichtbare Werk Böhlen, als wir, im Straßengraben außerhalb des Dorfes liegend, den Bomberpulk genau über uns hinweg ziehen sahen und die Bomben die Erde erzittern ließen.

Bald zogen wir weiter südlich um nach Lucka, nur, um dort wieder auf Stroh, zunächst im Saal eines Gasthofes am Markt, dann in einem Fabrikraum zu liegen, während wir am Rande des Ortes anfingen, eine Flak-Stellung auszuheben, aber auch im Schulgebäude Unterricht hatten durch einen Lehrer der Zittauer Oberschüler, mit denen man uns vereinigt hatte. Sie hatten eine für uns seltsame Sprachfärbung mit einem rollenden „R“.

Pünktlich, am 14.Oktober 1944, wurden wir zum „Luftwaffen-Oberhelfer“ befördert, was den Kauf einer silbernen Litze nötig machte, die dann an der Schulterklappe befestigt wurde. Und für den Ausweis musste ein neues Passbild beschafft werden, m i t Litze!

Die Karte an der Wand des Fabrikraumes zeigte uns, wie nah wir inzwischen an die Heimat herangerückt waren, und da der Dienst zu den Wochenenden sehr locker gehandhabt wurde, beschlossen wir, mal eben am Freitagabend nachhause zu fahren, um am Montagmorgen, und zwar mit Fahrrädern, wieder zu erscheinen. Wir, Eberhard S. , ich und noch ein Dritter entfernten uns also mit der Eisenbahn von der Truppe, blieben aber schon zwischen Meuselwitz und Altenburg stecken, weil ein Angriff auf das Hydrierwerk Rositz am 20.Oktober wenige Stunden vorher die Gleise zerstört hatte. Ein Bauernwagen nahm uns schließlich bis Altenburg mit, und irgendwann langten wir schließlich zuhause an. Zur Rückfahrt trafen wir uns am Sonntagabend vor unserem Haus. Die nächtliche Fahrt war doch recht anstrengend, wir trafen aber im Morgengrauen in der Unterkunft ein und schlichen uns auf unseren Platz auf dem Stroh. Der Unteroffizier, der mit im Raum schlief, sah uns, grinste, und ließ die Sache auf sich beruhen – er dachte wohl, wir wären bei einem Mädchen gewesen…!

Als in der folgenden Woche bekannt wurde, dass wir wieder verlegt würden, vollführten wir das Ganze am nächsten Wochenende noch einmal, in umgekehrter Reihenfolge, und wieder, ohne erwischt zu werden.

Tatsächlich fuhren wir dann alle am 31.Oktober mit der Bahn nach Merseburg, marschierten im strömenden Regen bis zu einem Rot-Kreuz-Haus, wo wir , nass und müde, wie die Heringe dicht gepackt, auf dem blanken Fußboden übernachteten. Am nächsten Vormittag erreichten wir die 10,5 cm – Stellung zwischen dem Flugplatz Merseburg und dem Buna-Werk Schkopau und zogen in eine inzwischen für uns geräumte Baracke ein; wir fanden da einen Stamm von Merseburger Oberschülern vor, welche ein selbst für uns schauerliches Sächsisch sprachen. Und dort begann die Ausbildung an der vierten Flak-Waffe, von der wir gleich am nächsten Tag bei einem schweren Angriff auf das Leuna-Werk einen Begriff bekamen. Wir hatten dabei lediglich die großen Geschosse zuzureichen und konnten so das Geschehen am Himmel beobachten, zusammen mit Russen, die, ihre eigenen Helme tragend, ängstlich die genau über uns hinziehenden Bomberpulks betrachteten. Immerhin sah ich e i n e n der Bomber in Stücke brechen und die Teile silbern glänzend herunterwirbeln. Zu unserer Überraschung öffneten sich kurz darauf dort einer, zwei, drei, vier Fallschirme, die vom Westwind auf das inzwischen brennende Werk zu getrieben wurden. Später haben wir Bomber-Trümmer, manchmal einen ganzen Teil des Rumpfes oder fast die komplette Tragfläche einer „Fortress“, auf den umliegenden Feldern aufgesucht und Einzelteile, die uns wertvoll erschienen, mitgenommen.

Aber das war schon oberhalb von Mücheln, südwestlich von Merseburg, und nur 14 km westlich der Leuna-Werke, wohin wir schließlich Ende November verlegt worden waren, nun mit sechs eigenen Geschützen des eben „erlernten“ Kalibers 10,5 cm und einem Funkmessgerät. Untergebracht waren wir bis Mitte Dezember im Saal des „Schützenhauses“, welches oberhalb des Ortes und nicht weit von der schon fast fertig ausgebauten Stellung lag. Als wir dort eintrafen, war keine Verpflegung da, und es gab ein Mittagessen, das nur aus Kohlrabi-Suppe bestand; zum ersten Mal betraf auch uns der zunehmende Mangel, nachdem wir mit der ewigen Leberwurst und dem Kunsthonig bisher noch gerade einigermaßen satt geworden waren. Wir lagen natürlich wieder auf Stroh, und ein Kanonenofen hatte den großen Saal zu heizen; der Stubendienst hatte allenfalls die Strohreste aus dem schmalen Gang zwischen den Strohlägern zu entfernen; mehr gab es für ihn nicht zu tun.

Mehrmals im Dezember (so am 6.u.12.12.44) flog die USAF Angriffe auf Leuna, und zum ersten Mal hockte ich nun auf einem Sitz unseres eigenen Geschützes „Berta“, über die Kopfhörer noch den Stahlhelm gestülpt und brachte die beiden Zeiger auf den Wecker-großen Uhren „zur Deckung“, während es in schneller Folge knallte und der Himmel mit Flakwölkchen gesprenkelt wurde. Wir konnten zwar noch die „Pfadfinder-Bomber“ silbern glänzend aus Westen daherkommen sehen (auf die seltsamerweise nicht geschossen wurde), mussten uns aber vom ersten Schuss an – „Rrring-Klappklapp-tschuick-klack-Wumm!“ (Feuerglocke – Ladeschalen – Einzug-Rollen – Verschluss zu – Schuss) ganz auf die Uhren konzentrieren, so dass wir selten einen Blick auf mögliche Erfolge des unglaublich massierten Geschießes am Himmel werfen konnten. Vom Leuna-Werk sah man schon vor dem Angriff nichts mehr, denn es wurde stets rechtzeitig eingenebelt, und die Schornsteine hatte man beträchtlich gekürzt. Aber nach jedem Angriff stieg dort schwarzer Qualm auf, denn in der Regel waren die Angriffe offensichtlich erfolgreich, und die Benzinproduktion war wieder für Wochen lahm gelegt. Nur einmal soll der ganze Bombenteppich, als Folge starken Westwindes, auf die dahinter liegenden Felder gefallen sein, ein Fehler, der aber durch einen zweiten Angriff sehr bald kompensiert wurde. Auch uns wurde nun bewusst, dass selbst eine solche Massierung von Flakartillerie (mit „Großbatterien“ zu 36 Geschützen wie z.B. bei Schortau!) diese empfindliche Industrie nicht vor der Zerstörung schützen konnte.

Mitte Dezember bezogen wir Baracken im Ort Mücheln selbst, wo es dann etwas weniger primitiv zuging; auch Schulstunden wurden dort wieder gehalten. Je die Hälfte unserer LWH-Besatzung durfte zu Weihnachten, die andere zur Jahreswende 1944/45 auf Kurzurlaub fahren. Um für diesen Silvester-Urlaub meinen Antrag abzugeben, betrat ich am Weihnachtsabend die Schreibstube, wo in einem Winkel Offiziere und der Hauptwachtmeister um ein Radiogerät hockten. Ein Unteroffizier kam recht unwirsch an die Theke: „Was willste denn jetzt – also gut, gib her, wir hören doch gerade die Ansprache vom englischen König…!“

Und was ich im Warteraum des „Reviers“ in Frankleben, wo ein Furunkel behandelt werden sollte, (StR.W. zeigte sich sehr besorgt wegen eines solchen über meinem Auge und schickte mich dahin) von einigen alten Obergefreiten zu hören bekam, war von bissiger Resignation und schlichtem Defaitismus geprägt, wie: „Euch wernse schon auch noch verheizen…“

Schließlich erlebten wir noch einen schweren Nachtangriff der RAF auf die Stadt Merseburg, wobei bald nur noch vier Geschütze unserer Batterie schossen; zuerst drehte das Nachbargeschütz sein Rohr waagerecht, dann ging auch bei uns ein Schuss nicht los, und es hieß, der Schlagbolzen sei gebrochen; Ersatz war nicht da und musste erst am nächsten Tag durch einen Kurier aus Berlin geholt werden. Und so lehnten wir in unseren schweren Übermänteln in der kalten Nacht auf dem bereits schön warm geschossenen Rohr (was freilich verboten war) und sahen dort in der Stadt die Brände sich ausbreiten, und wie jede Explosion der Luftminen die angeleuchteten Brandwolken auseinander riss.

In unsere Stellung fiel keine Bombe; ja, in unserer ganzen LWH-Zeit hatten wir keine Verluste erlitten, und keiner war verwundet worden.

An einem klaren Wintermorgen marschierten wir, begleitet von zwei Unteroffizieren, über Landstraßen Richtung Westen bis ins Unstrut-Tal nach Laucha, wo die Musterung des Jahrgangs 1928 stattfand; alle wurden für kriegsverwendungsfähig befunden, und wir fuhren über Naumburg zurück nach Merseburg, blieben aber in Großkorbetha wegen eines weiteren Luftangriffs stecken, von dem wir nur noch einige Tiefflieger sahen, vor denen wir uns vorsichtshalber in die Bahnsteigunterführungen verzogen.

Nachdem am 10. Januar 1945 die Rote Armee die Weichsel überschritten hatte und sich rasch der Reichsgrenze näherte, wurde wohl beschlossen, die ohnehin wenig wirkungsvolle Verteidigung der schwer beschädigten Leuna-Werke durch die Flak einzuschränken und sogar die hoch-komplizierten 10,5 cm – Geschütze an der Ostfront einzusetzen. Am 30.Januar wurden die meisten LWH gänzlich unfeierlich aus dem LWH-Dienst entlassen mit dem Bemerken, wir würden unsere Einberufung zum Arbeitsdienst schon zu Hause vorfinden. So stand ich in der Abenddämmerung auf einem Bahnsteig des Bahnhofs Merseburg und sah, wie die restlichen Soldaten der Batterie die Geschütze auf Tieflader zogen, bereit zum Abmarsch an die Oder.

(Vier Jahre später traf ich in Jena unseren Oberfähnrich wieder, der berichtete, dass die Batterie nicht sehr weit östlich der Oder, noch auf den Bahngleisen, nach der Sprengung der Geschütze, aufgerieben worden sei und außer ihm, der westlich der Oder zurückgeblieben war, niemand überlebt habe…). LWH Hans K., der nicht mit den anderen entlassen worden war, erlebte dann noch bis Ende Februar in der Feuerleitstelle der Großbatterie Rossbach die ersten Anzeichen der Auflösung auch hier an der „Heimatfront“ nach weiteren Angriffen.

Auf der Heimfahrt, wieder in Zivil, verschlief ich den Umsteige-Bahnhof Werdau, wo ein Politischer Leiter in seiner „Goldfasan“-Uniform zugestiegen war, der sich fast verzweifelt über die Mutlosigkeit des Volkes äußerte: Heute, zum 12.Jahrestag der Machtübernahme, seien nur ganz wenige zur angesetzten „Großkundgebung“ erschienen, und er habe bemerken müssen, dass die Menschen nicht mehr an den Endsieg glaubten, ja am Genie des Führers zweifelten; das sei doch wirklich undankbar…(An diesem Tag hatten die sowjetischen Panzerspitzen bereits die Oder zwischen Frankfurt und Küstrin erreicht und waren in das Oberschlesische Industriegebiet eingedrungen!). Bis Reichenbach fühlte ich mich nun genötigt, den betrübten Parteisoldaten mit all den ihm doch eigentlich hinreichend vertrauten Phrasen und dem illusionären Gerede über die doch sicher bald kommenden Wunderwaffen so weit aufzurichten, dass er mir vor dem Warteraum im Bahnhof Reichenbach, wo ich nun die Nachtstunden zu verbringen hatte, begeistert die Hand schüttelte, froh, „dass Deutschland nicht untergehen wird, solange solche aufrechten Jungen …usw.“

So endete die einzige militärische Episode meines Daseins von einem Jahr und zwei Wochen (dass mich dann eine weitere Einberufung nicht mehr ereilen würde, konnte ich da noch nicht ahnen, geschweige denn hoffen!) mit einer zwar durchaus unaufrichtigen, aber gut gemeinten Rede im kaum geheizten Abteil eines verdunkelten Personenzuges.

Flucht aus Ostpreußen von Meta Techam

Es ist die Nacht vom 19. zum 20. Januar 1945. Ich habe zusammen mit Fahrdienstleiter Behrend 12 Stunden lang Nachtdienst. Es ist eine sehr unruhige Nacht. Die nur mit Knüppeln bewaffneten Volkssturmmänner gehen zu dritt oder viert an den Bahngleisen entlang vom Bahnhof Mattenau bis Dallwitz. Das ist eine Strecke von drei Kilometern, die durch einen Tannenwald führt. Sie sollen Wache halten, denn es heißt, Partisanen wären von Flugzeugen im Kranichbucher Forst abgesetzt worden. Nun werden vermehrte Anschläge auf den Bahnkörper befürchtet. Bei ihrer Rückkehr berichten uns die Männer, sie hätten von den Gleisen Schatten in den Wald hinein huschen sehen. Nachdem sie sich in unserem Dienstraum aufgewärmt haben, gehen sie wieder in die Dunkelheit hinaus.

Gegen Mitternacht funktioniert plötzlich unser Einfahrtsignal aus Richtung Insterburg nicht mehr. Es zeigt „ROT“. Das Signal wird durch Seilzug bedient und ist ungefähr 100 m vom Bahnhof entfernt. Das bedeutet für mich, dass ich nun jedem Zug bis zum Signal entgegen laufen muss, um dem jeweiligen Lokführer einen schriftlichen Befehl vom Fahrdienstleiter zu überbringen. Darin steht, dass der Zug an dem Haltesignal vorbeifahren darf. Die Wehrmachtszüge fahren im Blockabstand von 10 Minuten. Ich laufe pausenlos. Angst die dunklen Gleise entlang zu laufen, lasse ich gar nicht erst aufkommen.

Um sechs Uhr morgens löst mich meine Kollegin Herta ab und ich gehe nach Hause, freue mich aufs Schlafen. Mutter kommt und bittet mich, doch bald wieder aufzustehen. Ich soll zu meiner Schwester Lotte fahren. Mutter sorgt sich sehr um sie. Sie hat gehört, dass die Hebamme aus Jänichen schon geflüchtet ist. Auch die etwa siebzehnjährige Cousine Dora, die einige Tage bei Lotte bleiben sollte, ist nach Hause gelaufen. Nun ist meine Schwester mit ihrer Kinderschar allein.

Zwei Stunden Schlaf gönne ich mir, dann stehe ich auf. Mutter hat die Lebensmittel schon auf den zweirädrigen Kastenwagen gepackt. Sie spannt unsere alte Schimmelstute davor und ich fahre los. Die Fahrt ist sehr schwierig. Als ich die Chaussee erreiche, ist diese voller Flüchtlingswagen und Fahrzeugen der flüchtenden Soldaten. Ich komme nur sehr langsam vorwärts, denn ich muss in die entgegengesetzte Richtung.

Meine Schwester hat ein kleines Mädchen geboren. Es ist zwei Tage alt. Bruno, das älteste ihrer Kinder, selbst erst sechs Jahre alt, muss helfen, die kleineren Geschwister zu versorgen, insbesondere die dreijährigen behinderten Zwillinge. Ich koche Brei für die Kinder und für die Mutter. Dann muss ich schweren Herzens wieder weg. Ich kann nicht bei ihnen bleiben! Ich habe Nachtdienst als Weichenwärterin im Bahnhof Mattenau. Da darf ich nicht einfach fehlen! „Wir müssen durchhalten bis zum Letzten, um den Betrieb dieser, für die Ostfront so wichtigen Bahnstrecke aufrecht zu erhalten,“ sagte unser Bahnhofsvorsteher immer wieder.Das ist auch meine Meinung!

Pünktlich um 18 Uhr erscheine ich auch an diesem Tag zum Dienst. Aber wie sieht es plötzlich am Bahnhof aus? Schweine und Kühe laufen umher. Blut im Schnee zeigt mir, wo in großer Eile Tiere geschlachtet worden sind. Menschen mit Koffern und Bündeln drängen in den Zug, der auf dem Gleis in Richtung Westen steht. „Es ist der letzte Flüchtlingszug.“ Diese Nachricht kommt auf dem Morseapparat. Telefonanlagen und Signalleitungen der Reichsbahn sind schon zerstört.

Und meine Familie? ??? Sie ist noch zu Hause! Sie wissen nicht, wie nahe und wie groß die Gefahr ist! Ich rufe voller Angst Betty Schneider an, die in ihrem Krämerladen in Hutmühle ein Telefon hat. ? „Rasch, Betty, lauf zu meinen Eltern, schlage auch im ganzen Dorf Alarm! Für den Treck ist es zu spät! Die Russen kommen!“

Mit dem Pferdeschlitten bringt mein Vater unsere Großmutter, Mutter und meinen zehnjährigen Bruder Helmut zum Zug. Gepäck haben sie kaum dabei. Vater muss wieder zurück. Die Volkssturmmänner sollen im Treck fahren und das Vieh mittreiben. Es ist eine bitterkalte Nacht. Der Zug, in dem meine Lieben sitzen, steht vor dem Fenster meines Dienstraumes. Er kann nicht geheizt werden, weil der Lokführer die Kohlen für die Flucht aufsparen will. Der Zug kann auch nicht abfahren, weil die Bahnstrecke total verstopft ist. Über Insterburg steht ein Feuerschein. ??? Immer noch gehen Volkssturmmänner, nur mit Knüppeln bewaffnet, die Bahngeleise entlang. Man befürchtet Anschläge durch Partisanen.

Um zwei Uhr in der Nacht fährt der Lokführer den Zug, ohne durch Signale gesichert zu sein, ohne Fahrbefehl, nur auf Sicht und eigene Verantwortung in die Dunkelheit hinaus. „Lieber Gott, hab Erbarmen,“ bete ich.

Morgens um sechs Uhr, als mein Dienst zu Ende ist, löst mich meine Kollegin Herta vom Dienst ab. Auch sie ist der Ansicht, dass wir wie Soldaten auszuharren haben. Noch einmal gehe ich nach Hause. Kein Mensch zu sehen, nicht im Dorf Mattenau und in Hutmühle auch nicht. In meinem Elternhaus nehme ich den Koffer aus Sperrholz, den österreichische Panzergrenadiere angefertigt hatten, als sie Anfang 1941 wochenlang in den Dörfern Ostpreußens im Quartier lagen, bevor sie nach Russland ziehen mussten. In den Koffer lege ich ein großes Schwarzbrot und den geräucherten Schinken, den Mutter für mich dagelassen hat, für die kommende, ungewisse Zeit. Ich ziehe meinen grauen Wintermantel an, darüber den Eisenbahnermantel. Dann schreibe ich für meinen Vater, der nicht im Hause, aber auch noch nicht aufgebrochen ist, ein paar Zeilen zum Abschied, lege den Zettel auf den Tisch und mache mich wieder auf den Weg.

Nun stehe ich hier auf der Straße nach Mattenau. Von dieser Stelle aus kann ich mein Elternhaus noch einmal sehen. Hellgrün mit rotem Dach und kleinen Fenstern steht es da im Sonnenschein. Unsere Tiere kann ich von hier aus nicht entdecken. Vater hat die Stalltüren geöffnet, damit sie ins Freie können. Sie müssen dem Schicksal überlassen bleiben. Still nehme ich Abschied von meinem Elternhaus. Vielleicht ist es ein Abschied für lange Zeit. Dass es ein Abschied für immer sein wird, ahne ich damals nicht!

Mein Fahrrad mit dem Holzkoffer darauf, schiebe ich durch den frischgefallenen Schnee. In der Luft sind viele Flugzeuge. Sind es deutsche oder feindliche? ??? Ich weiß es nicht Ich habe Angst.? Ich bin allein. ?? Der Geschützdonner scheint sehr nahe zu sein. Ich werde zum Bahnhof gehen. Vielleicht gibt es dort noch eine Möglichkeit zur Flucht.

Ich komme zum Bahnhof Mattenau. Auf dem Bahnsteig sind fremde Eisenbahner. Sie sind zu Fuß die Gleise entlang gekommen. Ratlosigkeit ! Heute fahren keine Züge mehr. Wie soll es weitergehen? Wir müssen weg! ??? Schnell! ??? Das Grollen kommt näher. Nur fort, ehe die Russen hier sind! Aus dem Dienstraum kommt Herta. Der Bahnhofsvorsteher fühlt sich noch immer zum Bleiben verpflichtet. Der Morseapparat funktioniert noch, und darauf kommt jetzt eine überraschende Meldung: „Von der kleinen Station Birkenfeld, die zwischen dem brennenden Insterburg und unserem Bahnhof Mattenau liegt, kommt eine Lok mit einem angehängten, offenen Güterwagen. „Ist das die Rettung? Komm mit, Herta, komm!“ bitte ich meine Kollegin. Sie schwankt zwischen Pflichtgefühl und Angst. Dann holt sie ihre Aktentasche mit der leeren Kaffeekanne, zieht den Mantel über und ist zur Flucht bereit.

Im Güterwagen sind fünf Eisenbahner. Wir klettern zu ihnen hinein. Auch das Fahrrad und mein Koffer kommen mit. Es ist eisig kalt. Schon nach kurzer Zeit friere ich sehr. Ich habe zwei Mäntel übereinander gezogen, aber nur Halbschuhe an den Füßen. Ich besitze keine Stiefel.

Der Lokführer fährt langsam, vorsichtig! Die Schienen könnten von Partisanen beschädigt worden sein. Die Eisenbahnbrücke über den Fluss mag längst eine Zündladung tragen. Wir kommen etwa 30 km weit, bis zum Bahnhof Gerdauen. Weiter geht es nicht. Die russischen Truppen sind auch im Süden Ostpreußens durchgebrochen. Große Aufregung. ??? Was nun ? ??- Vor Kälte zitternd steigen wir aus dem Güterwagen. Das Fahrrad bleibt drin. Ein Zug steht da, überfüllt mit Frauen, Kindern, Alten und Soldaten. Es heißt, der Zug solle nach Königsberg fahren. Vielleicht können wir in Königsberg ein Schiff besteigen? Wir drängen uns in den Zug, fahren jetzt in Richtung Nordwesten. Bisher fuhren wir nach Süden. Feldpolizei sucht im Zug nach desertierten Soldaten. Vor einem Bahnhof bleiben wir stehen. Tiefflieger sind über uns und schießen auf den Zug. Ich drücke mich in die Ecke des Abteils. Halte die Hände über den Kopf ??Angst! ??? Ausgeliefert sein!

Nach Königsberg können wir nicht mehr. In der Innenstadt sollen schwere Kämpfe sein. Ostpreußen ist eingeschlossen. Der Kessel ist nur noch zur Seeseite offen. Die Nachricht berührt mich nur noch wenig. Resignation. ??? Übermüdung. Weichen werden umgestellt. Nun treibt uns der Krieg zur Ostsee hin, bis zum Bahnhof Braunsberg, weiter geht es nicht. Dahinter liegt das FRISCHE HAFF. Nur ein schmaler Landstreifen trennt das Haff vom Meer.

Im Bahnhof Braunsberg liegen wir mit vielen Menschen im kalten Wartesaal, Körper an Körper auf der blanken Erde. Ich fühle meine Füße kaum noch vor Kälte. Ein Stück von mir entfernt liegt ein älterer Mann. Er hat sich mit einem Federbett bedeckt. Ach, dürfte ich nur ein Weilchen meine Füße darunter stecken. Neben mir sehe ich Herta und eine andere junge Frau in Reichsbahnuniform. Sie heißt Gertrud. Sie will sich uns anschließen. Ich bin eingeschlafen. Plötzlich wieder der Ruf: „Wir müssen weg! Die Russen kommen!“ Es gibt nur den Weg über das Eis des Haffes. Viele Menschen strömen in dem Licht, das der Schnee gibt, zum Ufer. Links von uns, ? dort wo Frauenburg liegt, Geschützdonner. – Aus einem Lazarett kommen Soldaten mit Kopfverband, mit Krücken, auf Kameraden gestützt, – ein gespenstischer Zug.

Ich höre meinen Namen rufen. Es ist Gertrud. Ich hatte meinen Holzkoffer im Bahnhof stehen lassen. Sie hat ihn auf einen Postschlitten geworfen und kommt hinter uns her. „Das Brot „, sagt sie, „und der Schinken!“ Wie Menschen, die zusammengehören, bleiben wir nun zusammen. Die vier Männer aus dem Güterwagen, Gertrud, Herta und ich.

Auf dem Eis des Haffes liegt eine Schneeschicht. main, dort wo Königsberg sein mag, heller Himmel. Tiefes Grollen hinter uns.

Es wird hell. Das Eis ist voller Menschen, mit Bündeln, mit Koffern, mit Kindern auf dem Rücken. Hinter uns auch Pferdewagen. Kleine Panjewagen. Sie kommen wohl schon von weit her, in Ostpreußen hat man solche Wagen nicht. Dicht neben mir quält sich eine Frau mit einem Kinderwagen durch den gefrorenen, zertretenen Schnee. Über uns ist Sonnenschein und blauer Himmel. Auf dem Eis verstreut liegt zurückgelassene Habe der flüchtenden Menschen, Ballast, abgeworfen. Eine kleine Ruhepause. Wir öffnen den Koffer. Danke, Gertrud, dass du ihn gerettet hast. Wir müssen weiter. Gertrud legt einen eleganten Lederkoffer auf den Schlitten. Sein Inhalt besteht aus einer wertvollen Fotoausrüstung. Er stand herrenlos auf dem Eis. Mein Denken bäumt sich einen Augenblick dagegen auf. Das ist Kameradendiebstahl, oder etwas Ähnliches.

Ein Stück von uns entfernt fallen Bomben. Weiter! Weiter! Die Füße tragen mich. Die Gedanken sind wie in Watte gehüllt. Herta klagt. Ihre Füße sind so geschwollen. Sie kann nicht mehr laufen. Sie setzt sich auf den Schlitten und wird von uns gezogen. Plötzlich ein neuer Ton. Er läuft durch das Eis vor uns, verklingt, wie der Ton einer singenden Säge. Das Eis hat einen langen Riss bekommen. ??? Nur weiter! ??? Weiter! Darüber hinweg, ehe es bricht! Die Frau neben uns reißt ihr Kind aus dem Wagen, damit sie schneller laufen kann. Wir haben es geschafft! ??? Wir schauen nicht zurück.

Noch immer ist um uns die unendliche Eisfläche. Warum staut sich da vorn die Menschenmenge? Eine Fahrrinne für die Schiffe ist ins Eis geschnitten. Vier oder fünf Meter breit. Was nun? Wieder Ratlosigkeit. Wir sehen ein Schiff kommen, es ist der Eisbrecher.

Zufall oder Schicksal? Er hält dort, wo wir am Rande des Eises stehen. Wie ich in das Schiff gekommen bin, weiß ich nicht.
Eine kleine Treppe, ein warmer Raum, Schlaf der Erschöpfung. Der Eisbrecher bringt uns in einen Hafen. Wie heißt dieser Hafen?
Wir müssen aussteigen. ? Der elegante Koffer bleibt zurück.

Einer der Männer unserer Notgemeinschaft, Erich Kareseit, nimmt meinen Holzkoffer. In diesem Hafen liegt ein großer Dampfer. Aber Feldpolizei treibt uns zurück. Nur Mütter mit Kindern dürfen noch an Bord gehen. Wir entdecken einen Frachter. Vor seinem eisüberzogenen Aufgang drängen sich die Menschen. Auch dieses Schiff ist mit Flüchtlingen schwer überladen. Wir drängen uns hinauf Wo sind Herta und Gertrud geblieben? Unser Schiff legt ab. Das Deck ist eine einzige Eisfläche Immer wieder schwappt Wasser darüber und friert. Über uns kreisen Flugzeuge. Ein Mann der Besatzung ruft durch das Megaphon: „Wenn wir von Bomben getroffen werden und sinken, klammert euch an den Planken fest!“ Ich werde gleichgültig, gefühllos. Erich reibt meine Hände, die in Fausthandschuhen stecken. „Du darfst jetzt nicht einschlafen“, sagt er. Er zieht seinen Mantel aus. Umhüllt uns beide damit. Die Zeit bleibt stehen. Ich fühle nur Eiseskälte, Angst und zwei väterlich schützende Arme.

Irgendwann sind wir wieder in einem Hafen. Wir steigen aus. Hier ist noch Frieden. Rote?Kreuz?Schwestern verteilen heiße Suppe. Unter den vielen Menschen entdecke ich Herta und Gertrud. Wir müssen weiter. Bald sitzen wir im Abteil eines Zuges, der dann tagelang hinter einem Bahnhof auf dem Abstellgleis steht, ehe er nach Schwerin weiterfährt. In Schwerin finden wir ein Eisenbahnerheim, Doppelstockbetten und warmes Wasser. Ein großes Pappschild trägt die Aufschrift: „Keine nasse Wäsche auf die Heizung legen!“ Wir übertreten das Verbot. Eine Woche dürfen wir bleiben, dann müssen wir wieder weiter. An einem frühen Märzmorgen sitzen wir in einem Personenzug und sehen im grauen Morgenlicht die Trümmer von Hamburg. Dieses Bild erschüttert mich. Die Reichsbahndirektion in Altona entscheidet: Wir Frauen dürfen in Hamburg bleiben, die vier Männer müssen weiter nach Fehmarn.

Ja, Hamburg ist eine tolle Stadt für einen Wochenendtrip

Ein Städtetrip nach Hamburg

Wenn Sie auf der Ostseite des Hauptbahnhofs aus dem Zug steigen, werden Sie feststellen, dass die Straßen in diesem Bereich von Männern aller Art bevölkert sind, die einfach nur so herumhängen. Als Frau möchte ich lieber nicht alleine zwischen Bahnhof und Berliner Tor laufen, schon gar nicht mit Gepäck beladen. Zum Glück werde ich von meinen eigenen Männern, auch bekannt als meine Familie, begleitet.

Richtig, also überspringen wir diesen Teil der Stadt und machen uns schnell auf den Weg in die Altstadt, um ein wenig Sightseeing und Shopping zu betreiben. Hamburg hat immerhin die meisten Millionäre in Deutschland und das macht sich bemerkbar, die Innenstadt dient größtenteils als Spielwiese für die Superreichen mit luxuriösen Designläden und Haute-Couture-Boutiquen.

Altstadt

Die Altstadt konzentriert sich auf den Rathausmarkt. Hier befindet sich das Rathaus, das alte Rathaus und heute der Sitz der Hamburger Bürgerschaft. Auf dem gemütlichen Marktplatz herrscht ein reges Treiben mit Ständen und Straßenkünstlern.

Das Rathaus und das Parlament
Das mittelalterliche Rathaus beherbergt ein ausgezeichnetes Restaurant namens Parlament. Tatsächlich finden wir das Lokal so charmant, dass wir uns entschließen, zweimal dort zu speisen, was wir selten tun. Das Essen schmeckt gut, ist erschwinglich und das Personal ist freundlich.

Mit gefüllten Bäuchen ist es an der Zeit, den Rest der Altstadt zu erkunden.

Chilihaus

Ein weiteres bemerkenswertes Gebäude, das wir in der Altstadt sehen, ist das Chilihaus, das im Interbellum im Auftrag eines wohlhabenden Geschäftsmannes gebaut wurde, der sein Vermögen in Chile sammelte, daher der Name. Das Gebäude steht auf der Liste des UNESCO-Welterbes. Das Chilihaus hat zehn Stockwerke und umfasst eine Fläche von 30.400 Quadratmetern, es gilt als eines der schönsten Beispiele expressionistischer Architektur des 20. Jahrhunderts. Jahrhunderts. Das Gebäude beherbergt mehrere Geschäfte, Restaurants und Büros.

Sankt Pauli

Wer sich die Luxusgeschäfte in der Altstadt nicht leisten kann, für den gibt es immer noch Sankt Pauli, einen Stadtteil von Hamburg, der vor allem für seine 930 Meter lange, leicht schattige Reeperbahn bekannt ist.

Reeperbahn

Diese Straße ist das Synonym für das Hamburger Rotlichtviertel, abseits der „Gentlemen’s Clubs“ gibt es hier für Touristen und Bürger jede Menge andere Unterhaltung in Form von Bars, Kinos und Spielhallen.

Jüdischer Friedhof

Etwas abseits der Reeperbaan befindet sich der 400 Jahre alte jüdische Friedhof, die letzte Ruhestätte der einst größten jüdischen Gemeinde in Deutschland. Der Friedhof kann nur sonntags im Rahmen einer Führung besichtigt werden.

Hamburger Hafen

Vom Jüdischen Friedhof in der Königstraße sind es 600 Meter Fußweg bis zum Wasser. Der Hamburger Hafen ist in Europa nach dem Hafen von Rotterdam in den Niederlanden der zweitgrößte.

Fischauktionshalle

Eines der herausragendsten Gebäude in diesem Viertel ist die Fischauktionshalle, die Fischauktionshalle. Jeden Sonntagmorgen (früh!) kann man einer Versteigerung beiwohnen, den Rest der Woche dient das Gebäude als Veranstaltungsort.

Baumwall-Bahnhof Hamburg
U-Boot

Eine weitere Kuriosität, die Sie in diesem Bereich finden können, ist das (alte) russische U-Boot. Ein Besuch in diesem U-Boot gibt einen Einblick in die klaustrophobische Unterwasserwelt, die Marinesoldaten monatelang ertragen müssen.

Folgt man der Uferpromenade, gelangt man zum Highlight der Stadt, der Speicherstadt, die natürlich mit dem Hafengeschehen verknüpft ist.

Speicherstadt

Auf einer Insel in der Elbe liegt die Speicherstadt, ein großer Komplex von Lagerhäusern, die auf Holzpfählen gebaut sind. Die Speicher sind mehrstöckige rote Backsteinbauten mit Eingängen vom Wasser und vom Land. Die Gebäude sind mit Türmchen, Nischen und Terrakotta-Ornamenten versehen. Einer der ältesten Speicher ist der Kaispeicher B, heute dient er als Internationales Maritimes Museum.

Als erste Stätte in Hamburg erhielt er den Status eines UNESCO-Weltkulturerbes. Ich fand es sogar so besonders, dass ich, wenn es nach mir gegangen wäre, tagelang in diesem Areal herumgelaufen wäre, um die Architektur zu bestaunen.

Leider muss ich nach Hause gehen.

Heimabend bei den Jungmädeln von Elfriede Sindel

Christel, unsere Scharführerin, sah ihre Gefolgschaft fest an und eröffnete damit den Heimabend: „Ein Volk, ein Reich, ein Führer! Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns! Das soll heute abend unser Thema sein. Ich zitiere einen Ausschnitt aus der Rede unseres Führers Adolf Hitler zum Heldengedenktag am 10. März 1940: Über Klassen und Stände, Berufe, Konfessionen und alle übrige Wirrnis hinweg erhebt sich die soziale Einheit des deutschen Menschen ohne Ansehen des Standes und der Herkunft, im Blute fundiert, durch ein tausendjähriges Leben zusammengefügt, durch das Schicksal auf Gedeih und Verderb verbunden. Unser Wille ist der Sieg der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft ! Daran möchte ich heute abend erinnern, an die Gemeinschaft unseres gesamten deutschen Volkes! Die ‚Volksgemeinschaft‘, merkt euch das gut! Unsere Soldaten kämpfen und sterben für Volk, Reich und Führer. Und wir in der Heimat sind die Volksfront, wir gehören zusammen wie eine ganz große Familie mit unserem Führer Adolf Hitler als Oberhaupt! Habt ihr alle das verstanden?“

„Jaaa!!!“ erscholl es begeistert aus fünfzehn Kehlen. Und aller Augen glänzten. Vor allem fühlten die sich geborgen und miteinander verbündet, denen es daheim an rechter Führung fehlte. Deren Ja war voll ehrlicher Begeisterung. Die Volksgemeinschaft – dafür lohnte es sich zu kämpfen und zu sterben! „Wer also nicht für den Führer ist, der ist gegen ihn! Wofür habt ihr euch entschieden?“ „Für Adje!“ anwortete jemand vorlaut. Einige Mädel kicherten. „Psch! Helga, steh‘ auf und sag‘ es bitte, wie du es gelernt hast, sonst kann ich dir nicht glauben.“

Helga stand stramm, d.h. sie schlug hörbar die Hacken zusammen, und preßte die Arme eng an den Körper, so daß die Hände fest an den Oberschenkeln lagen, zog Bauch und Po ein, streckte die Brust raus, machte einen steifen Hals, hielt die Luft an, bis sie dunkelrot anlief, und – fiel in sich zusammen, womit sie die ‚Rührt-Euch-Stellung‘ demonstrieren wollte. Dann holte sie tief Luft und leierte herunter, was sie meinte gelernt zu haben: „Ich bin für unseren Führer Adolf Hitler, den Führer des Dritten Reiches, Oberbefehlshaber aller Streitkräfte, oder so ähnlich, für die Deutsche Volksgemeinschaft, für die Heimatfront und all‘ dies…“ Pause. „Ganze…“ Pause, Luftholen und wieder Bauch rein, Brust raus und weiter. „Und für das Großdeutsche Reich von der Etsch bis an die Mernel, von der Wolga bis zum Rhein … Ja, so ähnlich…wohl.“ Sie ließ sich schlacksig auf ihren Stuhl fallen, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und das Kinn in die Hände. Eine halbe Minute war es still im Raum. Helga war sehr groß und so dünn wie Fieten, und wie diese wusste sie auch nie, wohin mit ihren langen Armen und Beinen. Aber Christel musste für Disziplin sorgen. Und so sagte sie zu Helga: „Es muss heißen: ‚Von der Maaß bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt.‘ Ich schlage dir vor, nach diesem Heimabend noch fünf Minuten zu mir in mein Büro zu kommen. Da trinken wir zusammen einen Tee.“

All‘ diese deutschen Volksgenossinnen wußten, was es bedeutete, von Christel auf einen Tee eingeladen zu werden. Angst hatten sie nicht. Christel blieb immer freundlich, jedoch bestimmt. Es sollte sich ja niemand ausgeschlossen fühlen wegen einer Unart oder gar erhaben über Helga! So etwas gab es nicht in der deutschen Volksgemeinschaft. Alle zogen an einem Strang, die gesamte Heirnatfront. Wer von den Jungmädeln sich jedoch dagegenstellte, wurde zum Volksfeind erklärt und mußte in die Erziehungsanstalt „Rauhes Haus“ eingewiesen werden. Ach nein, die war ja für die Jungen; Mädchen kamen in das Abendroth-Haus.

Volksfeinde waren: Das Schreckgespenst der „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“, alle Gegner des germanischen Herrenvolkes, der neuen hierarchischen Ordnung der Gesellschaft und des Dritten Reiches. Ebenso bestimmte Bevölkerungsgruppen aus ethnischen, religiösen, politischen oder sozialen Gründen. Dies waren Volksfeinde und Volksschädlinge. Nur die Reinheit der arischen Rasse und die Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft schütze vor Verfallserscheinungen. So sei es zu hören und zu lesen, sagte Christel. Den Mädeln brummte der Kopf. Sie hätten mitschreiben sollen, um all‘ das zu behalten, was Christel ihnen heute abend beigebracht hatte.

Jedes Mädel bekam ein kleines Heft für zuhause. Auf dem Deckblatt war eine Volksgemeinschaft zu sehen: Kinder, Soldaten, Mädel und Jungen vom Reichsarbeitsdienst, junge Soldaten an der Flak und zwei Soldaten mit Gasmasken und Feuerwehrschlauch. Über dem Bild war zu lesen: „Führer, dir gehören wir“, und die Bildunterschrift lautete: „Die Zukunft kann uns nichts anderes bringen als den Sieg. Und wenn uns die Welt nach den Gründen fragt, so sagen wir: Weil uns der Herrgott unseren Führer gab“. Artur Axmann, Reichsjugendführer.

Zum Abschluß des Heimabends sagte Christel: „Arn Montag werden wir gemeinsam den Film ‚Kolberg‘ mit Christina Söderbaum ansehen, und nun singen wir „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ – zwei, drei und … Als sie geendet hatten, durfte Helga das Heim-Lied anstimmen : „Uns’re Fahne flattert uns voran, unsre Fahne ist die neue Zeit! Unsre Fahne führt uns in die Ewigkeit, uns’re Fahne ist mehr als der Tod „. Christel verabschiedete ihre Schar mit dem deutschen Gruß „Heil Hitler“, den diese schneidig erwiderte. Danach stürmten alle auseinander, denn sie mußten nun durch die dunkle, eisige Februar-Nacht nachhause laufen, immer in der Hoffnung, es noch rechtzeitig vor dem nächsten Luftangriff zu schaffen. Nur Helga mußte zurückbleiben, um das Ein-mal-eins der Volksgemeinschafts – Disziplin – zu lernen.

Die Operation Gomorra Die roten Nächte der tausend Steine

Es scheint mir angebracht, zu Beginn ein paar einleitende Erklärungen zu geben. Natürlich ist mir und wahrscheinlich auch vielen anderen Deutschen klar, dass anderen Völkern unter dem Hitler-Regime furchtbare Schrecken widerfahren sind. Niemand kann sich davon völlig freisprechen. Was aber in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 über Hamburg hereinbrach, war in seiner Art einmalig: Die Bombardierung der Hamburger Bevölkerung war von langer Hand geplant und in ihren monströsen Folgen unvorhersehbar.1)

Der Zeitpunkt der Luftschutzwarnung in der Nacht des schrecklichen Feuersturms in Hamburg war 23:40 Uhr. Ein heißer Orkansturm fegte durch Hamburg und zerstörte Straßen und schleuderte alles, was nicht genietet oder genagelt war, durch die Luft…verkohlte Holzstücke, zerfetzte Kleidungsstücke, verbranntes Papier und Laub. Die Sonne war nicht zu sehen und ein 7 km hoher schwarzer Rauchpilz stand über der Stadt. Es war der 28. Juli 1943, der Tag, nachdem ein kolossaler Feuersturm durch die Straßen gewütet hatte, ein Feuersturm, wie ihn keine andere deutsche Stadt während des Krieges je erlebt hatte. Die Luftgeschwindigkeit über den Häusern betrug zeitweise 45m/sec, in 7 km Höhe waren es 60m/sec. In den Straßen, durch die der Feuersturm tobte, bogen sich die Wipfel der Bäume fast bis zum Boden. Dort tobte ein Orkan von extremer Wucht. Am Berliner Tor in der Wallstraße wurden Bäume mit einem Durchmesser von 30 cm einfach entwurzelt, und in anderen Straßen hatten die entwurzelten Bäume einen Durchmesser von fast 50 cm. Es wütete wie eine Art Windwirbel durch viele Straßen, und die Menschen, die dort hineinliefen, wurden im Nu verbrannt wie in einem glühenden Schmelzofen. Es blieb entweder ein kleines Häufchen Asche übrig oder man fand eine schwarze mumifizierte Gestalt, viel mehr blieb nicht übrig. Im Zentrum des Feuersturms wurde eine Temperatur von 800° C. gemessen. 2)

Das Bombardement begann für uns Hamburger mit all seinem Schrecken. Es gab Nächte, in denen wir uns gar nicht ausziehen konnten, da wir zwei- oder dreimal in den Luftschutzkeller gehen mussten. Der Koffer mit den wichtigen Papieren und den nötigsten Habseligkeiten blieb jedenfalls unten im Keller. An Schlafen war in solchen Nächten nicht zu denken, trotz der im Schutzraum aufgestellten Betten. Trotzdem war für viele, auch für mich, der nächste Tag ein Arbeitstag und wir mussten wieder zur Arbeit gehen. Jahrelang war unser Leben sicherlich von der Angst geprägt, von einer Bombe getroffen zu werden, von der Angst, auf etwas zu warten, das von oben kommen könnte. Trotzdem ging das Leben weiter, so gut es eben ging. Es gab noch Kinos, Konzerte und Theater, und niemand ahnte damals, dass im Sommer 1943 eine furchtbare Katastrophe über uns hereinbrechen würde. Sie war so entsetzlich und einmalig, dass wohl niemand, der sie überlebt hat, auch nach 50 Jahren dieses Inferno je vergessen wird. Es gibt auch heute noch viele Menschen, die darüber nicht sprechen können, so schrecklich war das Erlebnis.

1942, nachdem ich bei meiner Firma gekündigt hatte, begann ich als Sachbearbeiter im Kommissionsdienst in der Brinkman-Kaserne in Wentorf bei Hamburg. Da ich noch ledig war, musste ich mir, wie andere unverheiratete junge Mädchen, eine Beschäftigung als Wehrmachtshelferin suchen. Zu diesem Zweck verbrachte ich einige Ausbildungsstunden beim 10. Generalkommando. Wir sollten mit einer Einheit nach Oslo und später nach Narvik transportiert werden. Es war mir klar, dass kaum eine dieser Unternehmungen stattfinden würde. Es herrschte Krieg mit Norwegen und im Atlantik tobte der U-Boot-Krieg. Dabei hatte ich noch Glück. Zu dieser Zeit traf ich einen Freund wieder, mit dem ich schon seit unserer Zeit in den vier Jahren, in denen wir zusammen in einem Jugendorchester spielten, bekannt war. Meine Schwester und ich gingen in das „Haus Vaterland“ zu einem Tanz (mit Varieté). Wie es der Zufall so wollte, kam es zu einem Treffen und der Absicht „sich kennenzulernen“ und zu einer baldigen Verlobung und nach kurzer Zeit zu einer Heirat. Dadurch blieb mir die Versetzung mit der Wehrmacht nach Norwegen erspart.

Im Februar 1943 wurde unser erster Sohn Harald geboren. Leider erlebte er oft die häufigen Luftangriffe. Jedes Mal mussten wir den Kleinen im Kinderwagen aus dem zweiten Stock in den Luftschutzkeller transportieren. Wir waren noch sehr jung und das hat uns nicht gestört. Aber in der Nacht des schrecklichen Feuersturms war der Kinderwagen vermutlich die Rettung für das Baby! Ohne diese „Umhüllung“ für ein kleines Baby von 5 Monaten wäre unser Ältester heute nicht mehr am Leben.Um 23:40 Uhr in der Nacht des 27. Juli 1943 begann der Luftangriff, bekannt als Operation „Gomorra“. Es war der 142. Luftangriff. Luftangriff. Die Sirenen heulten, und kein Hamburger konnte in diesem Moment ahnen, welche Katastrophe ihn erwartete… Mein Vater war damals Kassenführer des NS-Wohlfahrtsverbandes und für die Abrechnung der Gelder aus Straßensammlungen zuständig. Außerdem war er bei Fliegeralarm für den Telefondienst in der Verwaltungsstelle in der Bankstraße zuständig.

In der Bankstraße gab es damals fast ausschließlich nur große, solide 4-stöckige Häuser. Die Bankstraße verlief parallel zur Danielstraße, in der wir bei meinen Eltern eine 2-Zimmer-Wohnung hatten, mit separaten Eingängen. Die Danielstraße gibt es nicht mehr; sie war nach dem Krieg um 6m erhöht worden…wie der gesamte Südhammerbrook.

Mein Vater blieb noch etwa eine Stunde mit uns im Luftschutzkeller, aber er hatte ein ungutes Gefühl und wollte seine „Pflicht“ nicht verletzen. Nachdem das Bombardement der britischen Flugzeuge nachgelassen hatte, ging mein Vater doch noch in die Banksstraße (er musste auch mal in den Rinnstein kriechen). Wir werden ihn nie wieder sehen! Unsere Eltern hatten gerade am 20. Juli, eine Woche vor dem Feuersturm, ihre Silberhochzeit gefeiert. Alle Blumen, hauptsächlich Rosen, schwammen in der Badewanne, die mit Wasser gefüllt war. Wir hatten schon viele Wochen vor dem Feuersturm eine furchtbare Hitzewelle ohne nennenswerten Niederschlag gehabt. Die Ratten tummelten sich in den ausgetrockneten Kanälen!Bis jetzt hatten wir das Fallen der Bomben rundherum, das Dröhnen der einschlagenden Bomben und das Zittern der Wände und der Böden überlebt. Jeder, der so etwas erlebt hatte, kannte die Merkmale einer herunterpfeifenden Bombe: Wann immer ein Mensch ein „Singen“ oder „Pfeifen“ hört, ist es egal, ob er sich in einem Keller oder in einem Wohnzimmer befindet, der Einschlag der Bombe ist in einiger Entfernung. Traurig wird es aber, wenn der Luftdruckknall wahrnehmbar ist (ganz unangenehm); dann fallen die Bomben direkt in der Nähe! Man hört kein Dröhnen, nichts! Nur diesen furchtbaren Luftdruckstoß; wie oft haben wir das erlebt!Zuerst bekamen wir nur etwas von dem furchtbaren Feuersturm ab ca. 2 Uhr mit, von dem wir im Luftschutzkeller des kleinen Hauses umgeben waren. Panik machte sich breit, als der Sauerstoff knapp wurde.

Das Licht brannte schon nicht mehr, die Kerzen als Notbeleuchtung hatten nicht mehr genug Luft zum Brennen, und es wurde unerträglich heiß. Mein kleines Baby wurde in seinem Kinderwagen mit einer nassen Wolldecke zugedeckt, damit es nicht erstickte. Gott sei Dank hatten wir noch einen Krug mit Wasser. Ich weiß nicht warum, aber plötzlich hatte der Teufel von mir Besitz ergriffen…ich wollte noch einmal in unser Haus gehen! Vielleicht, dachte ich, könnte ich noch einige Dinge herausholen, wie Papiere, Fotos und solche Dinge. Aber als ich im Flur stand, knisterte schon die Decke, und ich wollte zum Schreibtisch meines Vaters im Wohnzimmer gehen, aber dort sah ich nur Feuer. Die lodernden und brennenden Vorhänge flogen in den Raum, die Fensterscheiben barsten und es zischte und krachte überall um mich herum. Die wenigen Schritte zum Schreibtisch, der am Fenster stand, konnte ich nicht bewältigen, meine Beine fühlten sich wie gelähmt an. Während ich aus der Wohnung stürmte, hatte ich nicht einmal einen Artikel aus dem Kleiderschrank geholt. Ich war in einer solchen Panik, dass ich so schnell wie möglich in den Schutzraum eilte. Die Straßen brannten bereits, der Feuersturm tobte nun durch alle Straßen! Wir erreichten gerade noch die Tür des Luftschutzkellers. In diesem Moment schnappte etwas in einem Nachbarn auf und, von Panik ergriffen, nahm er seine Bettdecke und wollte hinaus. Keiner von uns konnte ihn aufhalten. Wir sahen ihn noch, aber nur noch als lebende Fackel, vom Feuersturm getragen, durch die Luft fliegen“. Wir waren alle zutiefst schockiert darüber.Unsere Situation war zu diesem Zeitpunkt fast aussichtslos. Wir waren von Feuer umgeben und würden wahrscheinlich an Unterkühlung oder Kohlenmonoxidvergiftung sterben. Allmählich machte sich Verzweiflung in uns breit, und wir mussten über unsere Lage nachdenken. Abgesehen von dem Feuersturm, der von Brandbomben, Phosphor und Flüssigkeitskanistern ausging, und dem Orkan, der durch die Straßen tobte, stand gegenüber unserem Wohnhaus ein großer Holzbetrieb, der in der Feuerhölle für zusätzliche Gewalt sorgen würde. Es war eine Tatsache, dass dahinter der Kammer-Kanal lag, aber wie sollten wir den erreichen? Oder auf die andere Seite, auf die Straße namens Stadtdeich und die Oberelbe? Das war in diesem Moment eine Fata Morgana! Im letzten Moment kam ein Nachbar auf die Idee, einen lebensrettenden Ausbruch durch die halb versteinerte Mauer zu versuchen. Mein Mann erinnerte sich an eine spitze Spitzhacke, die in einer Ecke stand. Und das war unsere Rettung! Die Männer hämmerten ein Stück der Mauer heraus und wir testeten, ob der Kinderwagen durchpasst – und das tat er! Wir kamen am Stadtdeich heraus, aber in eine donnernde, lodernde Hölle. Die Straßen brannten, die Bäume brannten und waren mit den Wipfeln bis auf die Straße gebogen, brennende Pferde aus dem „Hertz“-Fuhrbetrieb liefen an uns vorbei, die Luft brannte, einfach alles brannte!

Der Orkan war so stark, dass wir kaum atmen konnten, und ich weiß noch heute, dass ich meiner Mutter zubrüllte: „Fall nicht hinunter!“. Unser Ziel war der Hafenschuppen an der Elbe, eine Entfernung von einigen hundert Metern. Wir erreichten ihn und warteten dort bis zum Morgen. Oben, auf dem Boden des Schuppens, brannten riesige Rollen Zeitungspapier, aber die Männer konnten sie löschen. Danach, gegen Morgen, ließ das Tosen des Feuersturms nach, und einige Männer wagten sich auf die Straße und fanden in der Danielstraße, wo ein einziges Haus stand, eine Sektkellerei(!), und brachten uns eine Flasche. Infolge der Hitze hatten wir einen unglaublichen Durst! Zum Glück konnte ich meinen Kleinen stillen, und ich hatte auch eine Flasche Milchnahrung und Babyunterwäsche unter der Matratze des Kinderwagens versteckt.Da der Feuersturm fast eine Stunde nach dem Alarm begann, wütete er etwa zwei bis drei Stunden lang, zwischen 1 Uhr und 4 Uhr morgens, durch die Straßen Hamburgs. Zwischen 4 und 5 Uhr morgens flaute er ab. Am folgenden Tag war der Himmel bis in den späten Abend schwarz. Hamburg war bis zu einer Höhe von 7 km mit einer schwarzen Rauchwolke bedeckt.

Gegen Morgen, als der Sturm nachließ, wagte ich mich mit einigen Frauen ein paar Meter auf die Straße, aber von „frische Luft schnappen“ konnte keine Rede sein. Überall brannten Häuser, selbst auf den Straßen war es unerträglich heiß! Trotzdem mussten wir weg von hier, und wohin, das war egal. In diesem Moment wurden wir Zeuge einer schrecklichen Sache: Wir schauten auf unsere Straße, die Danielstraße, die parallel zum Stadtdeich verlief und an der sogenannten „Sonnenburg“ endete, einer Straßenfront mit großen Balkonen und einem großen Restaurant im Erdgeschoss. Etwa 10 bis 15 Personen kamen aus der Ausgangstür, beladen mit Hausrat, Matratzen, Decken und so weiter. Genau in dem Moment, als sie ins Freie traten und fast in Sicherheit waren, stürzte die große, vier Stockwerke hohe Hausecke ein und begrub sie alle unter sich! Das ist ein Anblick, den ich nie vergessen werde!

Nichts war wichtiger, als wegzukommen: zum Wasser auf der Oberelbe am Stadtdeich, dann zur Anlegestelle für den Raddampfer aus Basedow. Die Elbe war übersät mit unzähligen Wrackteilen, aber kein Dampfer kam. Große Leichter, große offene Schiffe wie Lastkähne, kamen, und das war unsere Rettung! Und die Menschen kamen zu Hunderten aus Hammerbrook aus ,allen Richtungen, verbrannt, verwundet, hauptsächlich Frauen mit Kindern. Während wir noch darauf warteten, dass sich ein Feuerzeug füllte, kam ein Flugzeug und feuerte auf uns. Wir hatten Glück, denn der Angriff richtete sich auf einen Transportzug, der auf der nahen Elbbrücke unterwegs war, wahrscheinlich ein Truppenzug oder ein Gefangenenzug. Die Hälfte des Zuges stürzte in die Elbe!

Der Leichter sollte nach Lauenburg fahren, und was sich auf der Fahrt an Bord abspielte, ist kaum zu beschreiben. Es gab kein Verbandsmaterial, nur Papierbinden. Ich half einer jungen Mutter, ihr halb verbranntes Baby mit meiner behelfsmäßigen Mullwindel zu verbinden. Mehr konnten wir nicht tun. Sie kam aus dem dichtesten Hammerbrook-Hof und hatte beim Weglaufen ihre 5-jährige Tochter verloren, die von Trümmern lebendig begraben worden war. Die Frau und auch die anderen befanden sich alle in einem Schockzustand. Wir blickten noch einmal zurück auf unser kaputtes und geliebtes Hamburg, über dem sich ein riesiger Wolkenpilz ausbreitete, als wolle er sagen: Ich werde das ganze Grauen, das heute Nacht über Hamburg hereingebrochen ist, für immer zudecken! Es fällt mir immer noch nicht leicht, von diesem furchtbaren Ereignis zu erzählen, und doch befreit es mich in gewisser Weise von einer Last, die ich schon seit 50 Jahren mit mir herumtrage.

Das Zentrum des Feuersturms lag nun nur noch wenige hundert Meter von unserem zerstörten Stadtteil entfernt; etwa im Bereich Süderstraße/Grevenweg/Ausschlägerweg (meine alte Schule!). Es wurde geschätzt, dass in dieser einen Nacht 41.800 Menschen starben. Die Zahl der angreifenden britischen Flugzeuge betrug etwa 790. (Die Amerikaner griffen meist tagsüber an). Etwa 2230 hochexplosive Bomben und 325.000 Brandbomben wurden abgeworfen. Erst Anfang Oktober waren alle Brände endgültig gelöscht. Der gesamte Bereich Hammerbrook, einer der am dichtesten besiedelten Stadtteile Hamburgs, war zum Sperrgebiet erklärt worden. Mehr als 90 % von Hammerbrook wurden zerstört.

Unser Leichter kam irgendwann in Lauenburg an und der ganze Steg und drum herum roch nach verbrannten Menschen; es war schrecklich! Die Lauenburger Bürger waren aufopferungsvoll mit ihrer Hilfe und nahmen Hunderte von verzweifelten Menschen auf. Wir wurden von einem netten Ehepaar aufgenommen, und zum ersten Mal konnten wir uns ausruhen und uns um mein Baby kümmern. Die Frau hat extra eine Torte gebacken, denn am nächsten Tag hatte ich Geburtstag… ich würde 24 Jahre alt werden. Leider konnte ich nichts davon bei mir behalten und als ich mich erbrechen musste, stand fest, dass ich wieder schwanger war. In dieser Situation eine niederschmetternde Erkenntnis! Bis heute weiß ich nicht, welcher Teufel mich besessen hat, ausgerechnet am nächsten Tag, meinem Geburtstag, dem 29. Juli, kehrte ich noch einmal in das ramponierte Hamburg zurück, um meinen Vater zu besuchen. Meine Mutter war mit Wäsche waschen beschäftigt, denn alles roch nach Rauch, und mein kleines Baby musste auch versorgt werden. Mein Mann konnte nicht mehr in seine Schuhe steigen, denn seine Fersen waren beim Löschen des Feuers in dem Loch, durch das wir gerettet worden waren, von Phosphor verbrannt worden.So machte ich mich allein auf den Weg und fuhr mit einem Feuerzeug nach Hamburg bis zum Stadtdeich. Und dann ging meine Suche los. Zuerst ging ich zurDanielstraße.Alles, wirklich alles, war eine einzige Trümmerlandschaft. Man konnte die Sonne nicht erkennen, der riesige Rauchpilz verdunkelte noch den Himmel, es war eine unheimliche Stille; fast gespenstisch. Und es war heiß, die Hitze kam aus den Kellern, ausgebrannten Häusern und aus höhlenartigen Löchern, wo Fenster gewesen waren. Es wäre viel besser gewesen, wieder umzudrehen.

Ich stand vor den Ruinen unserer ausgebrannten Häuser, dann wagte ich mich in den Luftschutzkeller. Seltsamerweise war die schwere eiserne Pralltür offen, die Tür, die wir in jener schrecklichen Nacht nicht aufbekommen hatten und die uns fast zum Verhängnis geworden wäre. Ich warf einen Blick in den kleinen Raum und mir standen die Nackenhaare zu Berge. Komplette hölzerne Stützpfeiler waren zu einem kleinen Haufen Asche verbrannt. Nicht durch Feuer, sondern durch die abnorme Hitze! Keiner von uns hätte diese Hitze überleben können, alle wären durch Kohlenmonoxid oder Unterkühlung zu Tode gekommen. Nach dieser schockierenden Erkenntnis machte ich mich auf den Weg zur Banksstraße, die parallel zur Danielstraße verlief. An der Ecke Amsinckstraße/Lippeltstraße traf ich zufällig einen Kollegen meines Vaters; für mich war das wie ein Wunder. Er gab mir wieder etwas Hoffnung; es bedeutete, dass außer ihm noch einige andere aus dem Luftschutzkeller gekommen waren und zur Moorweide, dem großen Sammelplatz für Ausgebombte am Dammtorbahnhof, gegangen waren. Also, weg war ich! Doch was mir so leicht erschien, war ein absoluter Horror. Schon auf der Banksstraße wurde mir ängstlich bewußt, daß der heiße Sturm noch immer leichtes Holz und Papier und andere Dinge durch die Luft blies.

Mitten auf der Straße stand ein verbranntes Feuerwehrauto, und am Bordstein lagen die verkohlten, unkenntlichen, geschrumpften Überreste von Menschen…es war schrecklich! Zum zweiten Mal in meinem Leben rettete mich ein glücklicher Zufall aus einer ähnlichen Situation. Ich ging auf die rechte Seite der Straße, den Bahndamm entlang. Im gleichen Moment stürzte das vierstöckige Gebäude, in dem unser Hausarzt, Dr. Reuter, seine Praxis hatte, mit gewaltigem Getöse bis zur Straßenmitte ein. Wäre ich auf der linken Straßenseite gegangen, hätten mich meine Verwandten nie mehr gefunden. Niemand weiß, wie viele Leichen oder Leichenteile unter diesem Gebiet liegen, zumal hier nach dem Krieg ein 6 m hoher Trümmerhaufen abgelagert wurde. Hammerbrook war wochenlang ein Sperrgebiet. Diesen Schrecken musste ich erst einmal verdauen; meine Knie wurden ganz schwach und es wurde schwierig, weiterzugehen. Und doch schaffte ich es bis zur Mönckebergstraße, Hamburgs Hauptgeschäftsstraße im Zentrum der Stadt. Überall waren Ruinen und Verzweiflung, umherirrende Menschen; es war ein deprimierender Anblick. Auf der Höhe des Karstadt-Kaufhauses musste ich eine Pause einlegen; weiter ging die Straße jedenfalls nicht, denn mitten auf der Fahrbahn klaffte ein riesiger Bombenkrater.

Also setzte ich mich erschöpft auf die Stufe eines Ladens, oder was von dem Laden übrig war, und musste weinen. Ja, die Tränen liefen mir über die Wangen…so sieht unsere ehemals schöne Stadt Hamburg aus! Diese Erkenntnis war so schmerzhaft, so hoffnungslos, dass ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, jemals wieder durch schöne, anständige Straßen gehen zu können.Aber ich wollte unbedingt meinen Vater suchen und hoffte immer noch, dass ich ihn finden würde. So kam ich über den Jungfernstieg, den schönen Alsterpavillion, der eine riesige ausgebrannte Ruine war, bis zur Moorweide am Dammtorbahnhof. Auf dem Platz war eine riesige Menge verzweifelter Menschen, die auf einen Transport warteten, entweder nach Schleswig Holstein, in den Süden, oder noch weiter weg. Sie standen da, schlurfend mit ihren letzten Habseligkeiten, mit Kisten auf Karren und Bündeln von Bettzeug auf Fahrrädern; sie hatten alles verloren, so wie ich. Unter ihnen hatten sich riesige Berge von Brot aufgebaut, auch Butter und andere Lebensmittel. Welch ein Wahnsinn, die Butter war in der Hitze geschmolzen! Und in diesem Gewühl von Tausenden von Menschen wollte ich meinen Vater finden. Ein Ding der Unmöglichkeit, wie ich nach einiger Zeit feststellte. Also machte ich mich auf den Rückweg, zurück durch die zerstörten Häuser und Straßen. Am Nachmittag, besiegt, kam ich mit dem Feuerzeug wieder in Lauenburg an.

Was sollte nun aus uns werden; wohin sollten wir gehen; wie kann das Leben weitergehen? Fragen der Verzweiflung und Unsicherheit türmten sich auf. Aber wie so oft in meinem Leben kam uns auch hier das „Schicksal“ zu Hilfe, wie bei vielen anderen Menschen auch.

Nachtrag:

Ich habe das Gefühl, dass die folgenden Ausführungen und Gesichtspunkte ein wenig dazu beitragen können, den Lesern unter Ihnen, die sich das selbst nicht mehr vorstellen können, die nötigen Ratschläge zu geben, damit niemand mehr den Wunsch hat, sich nach dem Dritten Reich zu sehnen! Wer dennoch, aus welchen Gründen auch immer, davon überzeugt ist, dass er es für wünschenswert hält, wieder einen „Führer“ wie Hitler zu vergöttern, der hat entweder diese Epoche nicht erlebt oder er hat aus dieser Epoche generell nichts gelernt.

Auszug aus dem Buch „Hamburg, Juli 1943 von Martin Middlebrook“; Seite 99 bis 100.
An einem Morgen zu Beginn der 90er Jahre wurde in London ein Denkmal „für herausragende Verdienste“ für Sir Arthur Harris, Air Chief Marshall der Royal Air Force Großbritanniens, enthüllt. Es besteht kein Zweifel, dass Sir Arthur Harris an diesem Morgen nur ein Hauptziel hatte…Hamburg. Glücklicherweise hat ein sehr wichtiges Dokument den Krieg überlebt. Es handelt sich um einen Brief vom 27. Mai 1943 von Harris an die Kommandeure seiner sechs Bombergruppen, in dem er seine Absichten erläutert.

STRENG GEHEIM: Bomber Command Operation Orders, No.173. Ausgegeben am 27. Mai 1943.
1) Die Bedeutung Hamburgs, der zweitgrößten Stadt Deutschlands mit eineinhalb Millionen Einwohnern, ist bekannt und braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. Die totale Zerstörung dieser Stadt würde durch die Verringerung der industriellen Kapazität der gegnerischen Kriegsmaschinerie immense Auswirkungen haben. Dies würde, zusammen mit der Wirkung auf die deutsche Moral, die im ganzen Lande zu spüren sein wird, eine sehr wichtige Rolle bei der Verkürzung des Krieges und damit bei dessen Sieg spielen.

2) Die „Schlacht um Hamburg“ kann nicht in einer einzigen Nacht gewonnen werden. Es wird geschätzt, daß mindestens 10000 Tonnen Bomben erforderlich sein werden, um die Auslöschung zu vollenden. Um die maximale Wirkung der Luftangriffe zu erzielen, muß die Stadt einem kontinuierlichen Angriff ausgesetzt werden.

3) Beteiligte Streitkräfte. Die Kräfte des Bomberkommandos werden aus allen schweren Bombern der einsatzfähigen Staffeln und den mittleren Bombern bestehen, vorausgesetzt, es herrscht ausreichend lange Dunkelheit, um ihre Teilnahme zu ermöglichen. Es ist zu hoffen, daß schwere Tagesangriffe, durch das 8. Bomber Command der Vereinigten Staaten von Amerika, den Nachtangriffen vorausgehen bzw. folgen werden

.4) Zweck: Hamburg zu zerstören.Auszug aus dem Buch „Hamburg, Juli ’43“, von Martin Middlebrook. Aus dem Schutzumschlag des Buches: „Der verwundbare Punkt in der deutschen Bevölkerung während des Krieges ist die Moral der Zivilbevölkerung gegenüber Luftangriffen… Solange diese Moral nicht gebrochen ist, wird es nicht möglich sein, Landstreitkräfte auf dem europäischen Festland mit Aussicht auf Erfolg zu platzieren.“ So fasste Air Marshal Sir F.A.Portal, einer der Strategen des britischen Bomber Command, die Gründe für die Angriffe auf die zivilen Ziele in den dicht besiedelten deutschen Städten zusammen. In vier Nächten, in der Zeit vom 24. Juli bis zum 3. August 1943, war Hamburg das Ziel erfolgreicher Luftangriffe von Bombern auf eine deutsche Stadt. In der „Schlacht um Hamburg“ wurden 45000 Menschen getötet, darunter 22500 Frauen und 4500 Kinder. Allein in der Nacht vom 27. zum 28. Juli, der Nacht des großen Feuersturms, wurden 40000 Menschen getötet. „Im Zentrum dieser ‚Feuerhölle‘ herrschte eine Temperatur von 800 º C. Die Luft wurde mit großer Geschwindigkeit aus allen erreichten Richtungen durch die Kraft des Orkans gesaugt. Das war der Feuersturm.

Auszug aus dem Buch, „Hamburg, Juli ’43“, von Martin Middlebrook; Seite 306, erzählt von einem Besuch von Anne Lies Schmidt in Hammbrook, um ihre Eltern nach dem „Feuersturm“ zu finden : Ich ging zu Fuß weiter in das Grauen hinein. Niemand durfte die zerstörte Gegend betreten. Ich glaube, dass angesichts solcher Opfer der Wille zum Widerstand wächst. Wir kämpften mit dem Kommandanten der Straßensperre und kamen durch. Mein Onkel wurde verhaftet.Vierstöckige Wohnhäuser, bis in die Keller, nur noch ein glühender Steinhaufen. Alles war geschmolzen und schob die Leichen vor sich her. Frauen und Kinder verkohlt bis zur Unkenntlichkeit. Halb verkohlte Körper, von erkennbaren Überresten von Menschen, die an Sauerstoffmangel gestorben waren. Gehirne quollen aus geplatzten Schläfen, Eingeweide hingen unter den Rippen hervor. Der Tod dieser Menschen muss furchtbar gewesen sein. Die kleinsten Kinder lagen wie gebratene Aale auf dem Straßenbelag; im Tod, ihre Gesichtszüge zeigten noch, wie sie gelitten hatten, mit ausgestreckten Händen, um sich vor der erbarmungslosen Hitze zu schützen. Ich hatte keine Tränen mehr. Meine Augen wurden größer und größer, aber mein Mund blieb stumm.

2) Auszug aus dem Buch, „Feuersturm über Hamburg“, Seite 271 bis 273. Nach dem Krieg wurde der Wetterfaktor bezüglich des Hamburger Feuersturms untersucht, insbesondere von den Amerikanern Horatio Bond und Ch. H. Ebert. Nach Meinung von Ebert wurde die Entwicklung des Feuersturms zusammen mit einer ausgeprägten Zyklonspinnerei durch folgende anfangs vorherrschende Wetterbedingungen ermöglicht:

3) Das lange Bestehen eines stagnierenden Hochdrucksystems, durch das die intensive Strahlung der Sonne die Stadtzone in außergewöhnlicher Weise aufheizen konnte.

4) Der lange, ununterbrochene, sehr niedrige Wert der relativen Luftfeuchtigkeit, mit einer ungewöhnlichen Austrocknung aller brennbaren Materialien, die Folge davon war… Nach einer überschlägigen Berechnung von H. Bond heißt es, dass während der ca. sechs Stunden des Feuersturms etwa unglaubliche 2 Milliarden Tonnen Frischluft durch diesen „Ofen“ verbraucht worden seien. Nur 4 % dieser Zugluft könnten allein durch die Hitze des Feuers angesaugt worden sein, gegenüber den 96 % „Zugluft“, die durch die abnorme Wetterlage zugeführt wurden. Hamburg hatte das Pech, dass der Luftangriff ausgerechnet in dieser Nacht und zu dieser Zeit kam. Ein Feuersturm von solcher wetterbedingten Wirkung wäre nicht möglich gewesen, wenn der Angriff vor oder nach dieser Nacht gekommen wäre. 56 Hektar groß war die Fläche von Hammerbrook, die im Feuersturm verbrannte und fast vollständig zerstört wurde. Um eine Aussage über die Gefahr eines Feuersturms treffen zu können, wurde nach dem Krieg ein Untersuchungsbericht über die Bebauungsdichte und Brandgefahr in dem zerstörten Gebiet erstellt. Vor dem Luftangriff lebten in dieser Region 27.440 Menschen, nach dem Angriff waren es nur noch 66 Menschen! Die meisten Menschen wurden wahrscheinlich auf der Flucht auf den Straßen in den Strömungen der heißen Luft des „Feuertornados“ getötet. Dafür spricht auch die Zahl der geborgenen Toten: bis zum 9. September 1943 waren es 26.409, die vor allem auf den Straßen und Plätzen gefunden wurden. Die systematische Öffnung der Luftschutzbunker erfolgte erst später, nach dem Abkühlen der Trümmermassen. Hans Brunswig schreibt in seinem Buch weiter, dass die letzten Brände des Feuersturms erst Anfang Oktober gelöscht wurden!