Die ungewöhnliche Freundschaft zwischen einem Deutschen und einem Russen
begann im Frühjahr 1946, knapp ein Jahr nach dem Ende des zweiten Weltkrieges.
Trauer, Verzweiflung und Ratlosigkeit beherrschte die Menschen, die um das
Weiterleben und ihre Existenz kämpften.
Auch an meiner Familie waren die Schrecken des Krieges nicht vorübergegangen.
Mein Bruder und viele Cousins waren gefallen, weitere Verwandte und Freunde
zählten zu den Vermißten. Zweimal wurde unser gesamtes Hab
und Gut ein Opfer des Bombenkrieges. Viele Familien waren durch das Kriegsgeschehen
noch getrennt. Meine Eltern und ich betrachteten es als Glück im
Unglück, daß wir uns nach langem Umherirren in unserer Heimatstadt
Magdeburg wiedergefunden hatten Bomben hatten die Stadt im Januar 1945
fast völlig zerstört. Viele Menschen lebten in Trümmern
oder mit mehreren Familien in einer Wohnung. Wir bewohnten mit zwei weiteren
Familien eine Wohnung, die von der Zerstörung verschont geblieben
war. Das Leid, das jede Familie durch den Krieg erfahren hatte, ließ
uns zu einer Schicksalsgemeinschaft werden.
Deutschland war von den Siegermächten besetzt. In unser Gebiet war
die Sowjetarmee einmarschiert. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde
uns die Sinnlosigkeit des Krieges und der zahllosen Opfer bewußt.
Den Tod meines Bruders empfanden wir umso schmerzlicher. Das unendliche
Leid hat die Menschen verstummen lassen. Wir lernten leiden, ohne zu klagen
und uns den neuen Verhältnissen anzupassen, jeder auf seine Weise.
Die Trümmerbeseitigung stand an erster Stelle. Somit wurde ich in
einem Industriegebiet außerhalb der Stadt als Tiefbau-Hilfsarbeiterin
bzw. "Trümmerfrau" , eingesetzt. Meine Mutter widmete sich
der Flüchtlingsbetreuung, während mein Vater, der bei der Bank
beschäftigt war, arbeitslos wurde. Ansonsten mußten hauptsächlich
meine Eltern oft stundenlang vor den Geschäften anstehen, um die
zugeteilten Lebensmittel zu erhalten. Und so hofften wir von Tag zu Tag
auf ein wenig Glück, vor allen Dingen auf eine Tätigkeit für
meinen Vater. Seine ständigen Bemühungen hatten schließlich
Erfolg, wobei ihm seine Ausbildung als Musiker zugute kam. Einige Cafés
und Gaststätten hatten mit bescheidenen Mitteln wiedereröffnet.
Mein Vater gründete eine Kapelle und sorgte zuerst nachmittags,
später auch abends für die musikalische Unterhaltung der Gäste.
Es war wie ein Erwachen aus einem bösen Traum. Die Menschen konnten
für wenige Stunden den Alltag vergessen. Ich war sehr stolz auf meinen
Vater. Es fanden sich aber nicht nur deutsche Gäste, sondern eines
Tages auch russische Besatzungsangehörige ein. Diese erste friedliche
Begegnung mag bei manchem die Erinnerung an die zahlreichen Opfer des
Krieges hervorgerufen haben, ganz sicher auch bei meinem Vater. Die ungezwungene
Fröhlichkeit wich einem befangenen Schweigen und einer Fremdheit,
die kaum überbrückbar schien. Mein Vater sah keine andere Möglichkeit,
als unverdrossen weiterzuspielen, womit er schließlich die erste
Annäherung unter den Gästen erreichte. Im Laufe der Zeit wurden
diese deutsch-russischen Begegnungen zur Selbstverständlichkeit.
So fiel es auch nicht besonders auf, als an einem Nachmittag ein russischer
Offizier das Café betrat und zielbewußt auf die Kapelle zusteuerte.
Meinem Vater fiel vor Schreck fast die Geige aus der Hand, denn der Offizier
sah meinem gefallenen Bruder zum Verwechseln ähnlich. Alexander,
so hatte er sich vorgestellt, zeigte für die Musik besonderes Interesse
und äußerte auch gleich seine Wünsche. Wie sich im Laufe
des Gesprächs herausstellte, hatte Alexander, der ein wenig deutsch
sprechen konnte, Geigenunterricht erhalten, den er in Deutschland gerne
fortsetzen wollte. Zwischen den beiden entstand eine spontane Sympathie,
die keinerlei Vorbehalte, Zweifel oder gar Fremdsein aufkommen ließ.
Für meinen Vater war es eine Selbstverständlichkeit, Alexander
den gewünschten Geigenunterricht zu erteilen. So machten auch wir,
meine Mutter und ich, seine Bekanntschaft und wurden zu seiner Ersatzfamilie.
Die gemeinsamen Stunden waren für uns alle eine Bereicherung und
Ablenkung von den täglichen Problemen. Besonders meine Eltern, die
er liebevoll Vater und Mutter nannte, halfen Alexander, die Sehnsucht
nach seiner Familie und Heimat zu lindern. In dem Café, in dem
mein Vater musizierte, wurde Alexander bald ein gern gesehener Gast. Die
größte Freude erlebte Alexander, als ihn seine Frau aus Rußland
besuchte. Da ihr Aufenthalt von kurzer Dauer war, konnte sie nur meinen
Vater kennenlernen. Es war eine harmonische und für alle Beteiligten
eindrucksvolle Begegnung. Später berichtete Alexander, daß
seine Frau deswegen beruhigt heimgefahren war, weil sie ihn in unserer
Familie gut aufgehoben wußte.
Neben den Nachmittagskonzerten organisierte mein Vater mittlerweile auch
Tanzabende, die regen Zuspruch fanden und auch für Alexander eine
vergnügliche Ablenkung waren. Das nahende Pfmgstfest brachte meinen
Vater auf den Gedanken, auch das traditionelle Pfingstkonzert wieder aufleben
zu lassen. Er fand ein Gartenlokal außerhalb der Stadt und traf
entsprechende Vorbereitungen. Teils mit der Straßenbahn und teils
zu Fuß erreichten die Gäste das Ziel, wo sie mit flotter Musik
empfangen wurden. Der Beifall nahm kein Ende. Jeder hatte sich eine karge
Verpflegung mitgebracht, die zu den Getränken verzehrt wurde. Aber
die Menschen waren glücklich und in echter Pfingstlaune, bis ein
russischer Wagen vorfuhr, dem mehrere Offiziere entstiegen. Für einen
Augenblick herrschte absolute Stille.
Meine Eltern und ich glaubten unseren Augen nicht zu trauen. Einer der
Offiziere war Alexander. Schwer bepackt gesellten sich die Russen zu den
deutschen Gästen, die sich über unsere herzliche Begrüßung
wunderten. Noch größer war die Verwunderung, als die Offiziere
Brot und Dosenwurst verteilten und die Gäste zum Essen aufforderten.
Gemeinsam wurde noch stundenlang weitergefeiert.
Fast ein Jahr konnten wir die Freundschaft mit Alexander genießen,
bis er nach Rußland zurückversetzt wurde.. Wir blieben auch
nicht in unserer Heimatstadt. So verloren wir uns aus den Augen. Ich bin
aber sicher, daß sich Alexander genau so oft und gerne an uns erinnerte,
wie wir an ihn. Mißtrauen, Zweifel oder gar Feindseligkeit hatten
in unserer Freundschaft keinen Platz. Nicht zuletzt durch die Musik war
sie ein kleiner Beweis für die mögliche Völkerverständigung
ganz einfach von Mensch zu Mensch.
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© 2001 Christa Renken
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