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Im September verließen uns die Schulkameraden des
Jahrgangs 1927; sie wurden zum "Arbeitsdienst" eingezogen. Uns
aber schickte man mit allen Dienstgraden nach Rüdersdorf im Osten
von Berlin zu einer 8,8 cm Batterie. Und da landeten wir mit einem Mal
wieder im Grünen, die Baracken und die Aborte waren ungewohnt primitiv,
aber die nächsten Äcker waren ganz nah, und ich sehe noch uns
drei, Otto, Christian und mich, abends dort umherstreifen, von einem Möhrenhaufen
einige mitnehmend, den Bauern beim Rüben-Abfahren zusehen, wobei
ein Wagen steckenblieb und schließlich ein Ortscheit zerbrach, wie
der Christian mitleidig und sachverständig feststellte, und es wurde
mir deutlich, dass er , vom Dorf stammend, noch mehr als ich (der ich
schon neun Monate von meinem Garten getrennt war) unter dem Mangel an
Landschaft und dem Fehlen des Geruchs nach Stalldung und frisch gepflügter
Erde gelitten hatte...
Landschaft blieb uns dann bis zum Schluss treu; in Rüdersdorf war
die Ausbildung an der 8,8cm, wie sich schon eine Woche später herausstellte,
überflüssig gewesen, obwohl es natürlich für einen
technisch interessierten Schüler wie mich, wieder etwas Neues war,
zumal ich nicht Ladekanonier spielen musste wie mein Freund Otto M., was
ja bei der 8,8 eine ziemliche Schinderei war, besonders, wenn fast senkrecht
geschossen wurde.
Ich erinnere mich noch an die nächtliche Reise über Leipzig
nach der Station Eytra, wo unser Wagen morgens im Herbstnebel abgestellt
stand, und wir zum ersten Mal jenen Braunkohlen-Schweldunst einatmeten,
der uns dann bis zum 30.Januar 1945 nicht mehr aus der Nase gehen sollte.
Wir wurden auf die Dörfer Scheidens und Seegel verteilt und lagen
im Gasthaussaal von Seegel auf Stroh und wurden von der Wirtin gefragt,
ob wir vielleicht "billarden" wollten... Der Leutnant ging mit
der jungen Dorfschullehrerin auf der Straße spazieren, und es war
recht idyllisch dort, bis auf einen Angriff auf das in der Ferne sichtbare
Werk Böhlen, als wir, im Straßengraben außerhalb des
Dorfes liegend, den Bomberpulk genau über uns hinweg ziehen sahen
und die Bomben die Erde erzittern ließen.
Bald zogen wir weiter südlich um nach Lucka, nur, um dort wieder
auf Stroh, zunächst im Saal eines Gasthofes am Markt, dann in einem
Fabrikraum zu liegen, während wir am Rande des Ortes anfingen, eine
Flak-Stellung auszuheben, aber auch im Schulgebäude Unterricht hatten
durch einen Lehrer der Zittauer Oberschüler, mit denen man uns vereinigt
hatte. Sie hatten eine für uns seltsame Sprachfärbung mit einem
rollenden "R".
Pünktlich, am 14.Oktober 1944, wurden wir zum "Luftwaffen-Oberhelfer"
befördert, was den Kauf einer silbernen Litze nötig machte,
die dann an der Schulterklappe befestigt wurde. Und für den Ausweis
musste ein neues Passbild beschafft werden, m i t Litze!
Die Karte an der Wand des Fabrikraumes zeigte uns, wie nah wir inzwischen
an die Heimat herangerückt waren, und da der Dienst zu den Wochenenden
sehr locker gehandhabt wurde, beschlossen wir, mal eben am Freitagabend
nachhause zu fahren, um am Montagmorgen, und zwar mit Fahrrädern,
wieder zu erscheinen. Wir, Eberhard S. , ich und noch ein Dritter entfernten
uns also mit der Eisenbahn von der Truppe, blieben aber schon zwischen
Meuselwitz und Altenburg stecken, weil ein Angriff auf das Hydrierwerk
Rositz am 20.Oktober wenige Stunden vorher die Gleise zerstört hatte.
Ein Bauernwagen nahm uns schließlich bis Altenburg mit, und irgendwann
langten wir schließlich zuhause an. Zur Rückfahrt trafen wir
uns am Sonntagabend vor unserem Haus. Die nächtliche Fahrt war doch
recht anstrengend, wir trafen aber im Morgengrauen in der Unterkunft ein
und schlichen uns auf unseren Platz auf dem Stroh. Der Unteroffizier,
der mit im Raum schlief, sah uns, grinste, und ließ die Sache auf
sich beruhen - er dachte wohl, wir wären bei einem Mädchen gewesen...!
Als in der folgenden Woche bekannt wurde, dass wir wieder verlegt würden,
vollführten wir das Ganze am nächsten Wochenende noch einmal,
in umgekehrter Reihenfolge, und wieder, ohne erwischt zu werden.
Tatsächlich fuhren wir dann alle am 31.Oktober mit der Bahn nach
Merseburg, marschierten im strömenden Regen bis zu einem Rot-Kreuz-Haus,
wo wir , nass und müde, wie die Heringe dicht gepackt, auf dem blanken
Fußboden übernachteten. Am nächsten Vormittag erreichten
wir die 10,5 cm - Stellung zwischen dem Flugplatz Merseburg und dem Buna-Werk
Schkopau und zogen in eine inzwischen für uns geräumte Baracke
ein; wir fanden da einen Stamm von Merseburger Oberschülern vor,
welche ein selbst für uns schauerliches Sächsisch sprachen.
Und dort begann die Ausbildung an der vierten Flak-Waffe, von der wir
gleich am nächsten Tag bei einem schweren Angriff auf das Leuna-Werk
einen Begriff bekamen. Wir hatten dabei lediglich die großen Geschosse
zuzureichen und konnten so das Geschehen am Himmel beobachten, zusammen
mit Russen, die, ihre eigenen Helme tragend, ängstlich die genau
über uns hinziehenden Bomberpulks betrachteten. Immerhin sah ich
e i n e n der Bomber in Stücke brechen und die Teile silbern glänzend
herunterwirbeln. Zu unserer Überraschung öffneten sich kurz
darauf dort einer, zwei, drei, vier Fallschirme, die vom Westwind auf
das inzwischen brennende Werk zu getrieben wurden. Später haben wir
Bomber-Trümmer, manchmal einen ganzen Teil des Rumpfes oder fast
die komplette Tragfläche einer "Fortress", auf den umliegenden
Feldern aufgesucht und Einzelteile, die uns wertvoll erschienen, mitgenommen.
Aber das war schon oberhalb von Mücheln, südwestlich von Merseburg,
und nur 14 km westlich der Leuna-Werke, wohin wir schließlich Ende
November verlegt worden waren, nun mit sechs eigenen Geschützen des
eben "erlernten" Kalibers 10,5 cm und einem Funkmessgerät.
Untergebracht waren wir bis Mitte Dezember im Saal des "Schützenhauses",
welches oberhalb des Ortes und nicht weit von der schon fast fertig ausgebauten
Stellung lag. Als wir dort eintrafen, war keine Verpflegung da, und es
gab ein Mittagessen, das nur aus Kohlrabi-Suppe bestand; zum ersten Mal
betraf auch uns der zunehmende Mangel, nachdem wir mit der ewigen Leberwurst
und dem Kunsthonig bisher noch gerade einigermaßen satt geworden
waren. Wir lagen natürlich wieder auf Stroh, und ein Kanonenofen
hatte den großen Saal zu heizen; der Stubendienst hatte allenfalls
die Strohreste aus dem schmalen Gang zwischen den Strohlägern zu
entfernen; mehr gab es für ihn nicht zu tun.
Mehrmals im Dezember (so am 6.u.12.12.44) flog die USAF Angriffe auf Leuna,
und zum ersten Mal hockte ich nun auf einem Sitz unseres eigenen Geschützes
"Berta", über die Kopfhörer noch den Stahlhelm gestülpt
und brachte die beiden Zeiger auf den Wecker-großen Uhren "zur
Deckung", während es in schneller Folge knallte und der Himmel
mit Flakwölkchen gesprenkelt wurde. Wir konnten zwar noch die "Pfadfinder-Bomber"
silbern glänzend aus Westen daherkommen sehen (auf die seltsamerweise
nicht geschossen wurde), mussten uns aber vom ersten Schuss an - "Rrring-Klappklapp-tschuick-klack-Wumm!"
(Feuerglocke - Ladeschalen - Einzug-Rollen - Verschluss zu - Schuss) ganz
auf die Uhren konzentrieren, so dass wir selten einen Blick auf mögliche
Erfolge des unglaublich massierten Geschießes am Himmel werfen konnten.
Vom Leuna-Werk sah man schon vor dem Angriff nichts mehr, denn es wurde
stets rechtzeitig eingenebelt, und die Schornsteine hatte man beträchtlich
gekürzt. Aber nach jedem Angriff stieg dort schwarzer Qualm auf,
denn in der Regel waren die Angriffe offensichtlich erfolgreich, und die
Benzinproduktion war wieder für Wochen lahm gelegt. Nur einmal soll
der ganze Bombenteppich, als Folge starken Westwindes, auf die dahinter
liegenden Felder gefallen sein, ein Fehler, der aber durch einen zweiten
Angriff sehr bald kompensiert wurde. Auch uns wurde nun bewusst, dass
selbst eine solche Massierung von Flakartillerie (mit "Großbatterien"
zu 36 Geschützen wie z.B. bei Schortau!) diese empfindliche Industrie
nicht vor der Zerstörung schützen konnte.
Mitte Dezember bezogen wir Baracken im Ort Mücheln selbst, wo es
dann etwas weniger primitiv zuging; auch Schulstunden wurden dort wieder
gehalten. Je die Hälfte unserer LWH-Besatzung durfte zu Weihnachten,
die andere zur Jahreswende 1944/45 auf Kurzurlaub fahren. Um für
diesen Silvester-Urlaub meinen Antrag abzugeben, betrat ich am Weihnachtsabend
die Schreibstube, wo in einem Winkel Offiziere und der Hauptwachtmeister
um ein Radiogerät hockten. Ein Unteroffizier kam recht unwirsch an
die Theke: "Was willste denn jetzt - also gut, gib her, wir hören
doch gerade die Ansprache vom englischen König...!"
Und was ich im Warteraum des "Reviers" in Frankleben, wo ein
Furunkel behandelt werden sollte, (StR.W. zeigte sich sehr besorgt wegen
eines solchen über meinem Auge und schickte mich dahin) von einigen
alten Obergefreiten zu hören bekam, war von bissiger Resignation
und schlichtem Defaitismus geprägt, wie: "Euch wernse schon
auch noch verheizen..."
Schließlich erlebten wir noch einen schweren Nachtangriff der RAF
auf die Stadt Merseburg, wobei bald nur noch vier Geschütze unserer
Batterie schossen; zuerst drehte das Nachbargeschütz sein Rohr waagerecht,
dann ging auch bei uns ein Schuss nicht los, und es hieß, der Schlagbolzen
sei gebrochen; Ersatz war nicht da und musste erst am nächsten Tag
durch einen Kurier aus Berlin geholt werden. Und so lehnten wir in unseren
schweren Übermänteln in der kalten Nacht auf dem bereits schön
warm geschossenen Rohr (was freilich verboten war) und sahen dort in der
Stadt die Brände sich ausbreiten, und wie jede Explosion der Luftminen
die angeleuchteten Brandwolken auseinander riss.
In unsere Stellung fiel keine Bombe; ja, in unserer ganzen LWH-Zeit hatten
wir keine Verluste erlitten, und keiner war verwundet worden.
An einem klaren Wintermorgen marschierten wir, begleitet von zwei Unteroffizieren,
über Landstraßen Richtung Westen bis ins Unstrut-Tal nach Laucha,
wo die Musterung des Jahrgangs 1928 stattfand; alle wurden für kriegsverwendungsfähig
befunden, und wir fuhren über Naumburg zurück nach Merseburg,
blieben aber in Großkorbetha wegen eines weiteren Luftangriffs stecken,
von dem wir nur noch einige Tiefflieger sahen, vor denen wir uns vorsichtshalber
in die Bahnsteigunterführungen verzogen.
Nachdem am 10. Januar 1945 die Rote Armee die Weichsel überschritten
hatte und sich rasch der Reichsgrenze näherte, wurde wohl beschlossen,
die ohnehin wenig wirkungsvolle Verteidigung der schwer beschädigten
Leuna-Werke durch die Flak einzuschränken und sogar die hoch-komplizierten
10,5 cm - Geschütze an der Ostfront einzusetzen. Am 30.Januar wurden
die meisten LWH gänzlich unfeierlich aus dem LWH-Dienst entlassen
mit dem Bemerken, wir würden unsere Einberufung zum Arbeitsdienst
schon zu Hause vorfinden. So stand ich in der Abenddämmerung auf
einem Bahnsteig des Bahnhofs Merseburg und sah, wie die restlichen Soldaten
der Batterie die Geschütze auf Tieflader zogen, bereit zum Abmarsch
an die Oder.
(Vier Jahre später traf ich in Jena unseren Oberfähnrich wieder,
der berichtete, dass die Batterie nicht sehr weit östlich der Oder,
noch auf den Bahngleisen, nach der Sprengung der Geschütze, aufgerieben
worden sei und außer ihm, der westlich der Oder zurückgeblieben
war, niemand überlebt habe...). LWH Hans K., der nicht mit den anderen
entlassen worden war, erlebte dann noch bis Ende Februar in der Feuerleitstelle
der Großbatterie Rossbach die ersten Anzeichen der Auflösung
auch hier an der "Heimatfront" nach weiteren Angriffen.
Auf der Heimfahrt, wieder in Zivil, verschlief ich den Umsteige-Bahnhof
Werdau, wo ein Politischer Leiter in seiner "Goldfasan"-Uniform
zugestiegen war, der sich fast verzweifelt über die Mutlosigkeit
des Volkes äußerte: Heute, zum 12.Jahrestag der Machtübernahme,
seien nur ganz wenige zur angesetzten "Großkundgebung"
erschienen, und er habe bemerken müssen, dass die Menschen nicht
mehr an den Endsieg glaubten, ja am Genie des Führers zweifelten;
das sei doch wirklich undankbar...(An diesem Tag hatten die sowjetischen
Panzerspitzen bereits die Oder zwischen Frankfurt und Küstrin erreicht
und waren in das Oberschlesische Industriegebiet eingedrungen!). Bis Reichenbach
fühlte ich mich nun genötigt, den betrübten Parteisoldaten
mit all den ihm doch eigentlich hinreichend vertrauten Phrasen und dem
illusionären Gerede über die doch sicher bald kommenden Wunderwaffen
so weit aufzurichten, dass er mir vor dem Warteraum im Bahnhof Reichenbach,
wo ich nun die Nachtstunden zu verbringen hatte, begeistert die Hand schüttelte,
froh, "dass Deutschland nicht untergehen wird, solange solche aufrechten
Jungen ...usw."
So endete die einzige militärische Episode meines Daseins von einem
Jahr und zwei Wochen (dass mich dann eine weitere Einberufung nicht mehr
ereilen würde, konnte ich da noch nicht ahnen, geschweige denn hoffen!)
mit einer zwar durchaus unaufrichtigen, aber gut gemeinten Rede im kaum
geheizten Abteil eines verdunkelten Personenzuges 
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