|
Den letzten Tagesangriff auf dem Humboldthain-Turm erlebten
wir am 29.April; und ich, schon mit einem verbundenen Fuß im Holzpantoffel,
fotografierte die entstandenen Brände im Süden Berlins, die
aber recht weit entfernt wüteten. Eine Woche später schickte
man mich ins "Revier" in den Flakturm Friedrichshain, nachdem
eine Wundinfektion von unseren Sanitätern nicht gestoppt werden konnte.
Unterwegs wurde ich von Berliner Hausfrauen laut und heftig bedauert,
als ich von der S-Bahnstation zum Turm humpelte: "Ist doch ne Schande,
jetzt machen se auch noch so junge Kerle kaputt..."Dort lag ich dann
mehrere Wochen im Erdgeschoss und erlebte die schweren Tagesangriffe am
7., 8. und 19.Mai auf den Berliner Osten im sicheren Bunker, wobei eine
Phosphorbombe direkt unter unserer, natürlich während des Angriffs
fest geschlossenen Stahl-Blende abbrannte und zahlreiche aus den Kellern
ausgegrabene Verletzte im Verbandsraum versorgt wurden. Einmal besuchte
mich auch unser Betreuungslehrer Prof.L. freundlicherweise, und auch zwei
Freunde erschienen an meinem Bett und berichteten von ihren Erlebnissen
bei den letzten Angriffen. Als der Fuß einigermaßen verheilt
war, bekam ich sogar - auf meine Bitte hin - von dem freundlichen Stabsarzt
ein paar Tage Genesungsurlaub genehmigt.
 |
Schon
bei bedrohlichen Radio - "Luftlage"- Meldungen begann, wie
hier im Sommer 1944 vor dem G-Turm am Zoo die in der Nähe wohnende
Bevölkerung Berlins in die Flak-Türme zu strömen, welche
als nahezu absolut sichere Schutzräume gelten konnten.
Ertönten dann die Sirenen, eilten die Menschen im Laufschritt
zu dem einzigen Eingang, viele mit ihrem Notgepäck und einem
Klappstühlchen.
|
Den 20.Juli 1944 erlebten wir, kaum einen Kilometer von
der Bendlerstraße entfernt, zunächst damit, dass um die Mittagszeit
je ein LWH im Treppenhaus auf jedem Stockwerk, mit einem Karabiner bewaffnet,
aufgestellt wurde, ohne dass jedoch bekannt war, auf wen denn zu schießen
wäre! Ich hatte für den nächsten Morgen meinen Urlaubsschein
für den lang ersehnten "Heimaturlaub" (10 Tage + 2 Reisetage!)
in der Tasche und erfuhr dann zu meinem Ärger, dass ab sofort absolute
Urlaubssperre angeordnet war. Erst spät in der Nacht hörten
wir im Radio eines Kameraden, längst in unseren Betten liegend, durch
Hitlers gutturale Stimme selbst, was da vorgefallen war. Ich muss gestehen,
dass ich damals einen maßlosen Zorn auf die Attentäter hatte,
weil sie mir meinen Heimaturlaub verpatzt hatten...! Doch schon am nächsten
Vormittag wurde die Urlaubssperre aufgehoben. Ich musste zwar nun erneut
von einem zum andern laufen, um die nötigen Unterschriften für
einen neuen Urlaubsschein einzusammeln, aber am 22.Juli fuhr ich vom Anhalter
Bahnhof tatsächlich nachhause.
 |
Auch
für den Kurz-Urlaub über das Wochenende bekam der Luftwaf-fenhelfer
einen richtigen Wehr - machtsfahrschein und durfte damit sogar mit
Fronturlauber-Zügen reisen.
Im Mai 1944 wurden diese Fahrten aber schon häufiger durch
die Ta-gesangriffe der USAF unterbrochen oder die Züge mussten
umgeleitet werden.
|
Als ich mich schließlich im
Flakturm Zoo aus dem Urlaub zurückmeldete (die Batterie war Anfang
Mai dorthin umgezogen), war die ganze Truppe zum Schießen nach Dramburg
in Pommern ausgerückt. Hans K. feierte seinen 16.Geburtstag auf der
Fahrt dorthin in einem Güterwagen auf dem Bahnhof Stargard und erzählte
mir später, wie sie dort mit der neuen 3.7 cm Waffe Luftsäcke,
Ballons und Panzerattrappen durchlöchert und mit den Leuchtspurgeschossen
die Heide in Brand gesetzt hatten. Ich dagegen in Berlin hatte noch ein
paar Tage viel freie Zeit, für einen Oberfähnrich ab und zu
Botengänge in der großen Stadt Berlin erledigend. Dabei stellte
ich erstaunt fest, dass besonders im alten Zentrum noch vieles heil geblieben
war. Am 21.Juni 1944 sahen wir vom Zoo-Turm aus bei einem gewaltigen Tagesangriff
diese Gegend in Flammen aufgehen, wobei der Turm des Doms mit einer grünen
Kupfer-Flamme brannte und die Sonne hinter den Rauchwolken über der
Stadt verschwand. Wir standen wie immer untätig herum.
Ein einziges Mal wären wir beinahe zum Schuss gekommen: Als Flugmelder
Richtung Norden blickend, sah ich während eines Tages-Angriffs plötzlich
mehrere einmotorige Jäger tief über den Häusern aus "Richtung
2", kommen , brüllte vorschriftsmäßig Alarm, die
Kameraden drehten die Geschütze in diese Richtung. Dann hörte
man schon die 3,7 cm der Flaktürme Humboldthain und Friedrichshain
ballern, und während die erste Maschine nach unten stürzte und
dort eine dunkle Rauchwolke entstand, sahen wir vier "Mustang"
der USAF steil nach oben ziehen, von einigen krepierenden 3.7 cm-Flakgeschossen
verfolgt, aber außerhalb der Reichweite unserer eigenen Geschütze.
Die etwas neidische Begeisterung über den Abschuss war groß;
als später das Telefon in der Stellung läutete, musste ich den
Fähnrich an den Apparat holen, der eine Meldung mit dem Bemerken
"So ein Mist" entgegennahm und dann zu mir sagte: "Das
war eine Focke-Wulf, die da am Rosenthaler Platz runtergefallen ist, keine
Mustang. Aber sag's niemandem weiter!" Offenbar hatte jener deutsche
Jäger, verfolgt von den Mustangs, versucht, auf dem Tempelhofer Feld
zu landen.
Als wir von Prof.L., eine Woche nach der Invasion, das Aufsatzthema gestellt
bekamen :"Worauf begründen wir unsere Siegeshoffnungen?"
saß ich verstört vor dem linierten Papier und wusste zum ersten
Mal in meinem Schüler-Dasein nicht, was ich schreiben sollte. Prompt
erhielt ich dafür ein 3 minus (sonst an viele Aufsatz-Einsen und
allenfalls -Zweien gewöhnt), und Prof.L. hatte rot an den Rand geschrieben:
"Und die Wunderwaffen ?" Die hatte ich nicht erwähnt,(erst
am 16.Juni flog die erste V 1 nach London) ja, wo waren sie, die wirksamen
Wunderwaffen?
Einen sozusagen endgültigen Schock erlebte ich aber, was jene "Siegeshoffnungen"
anbelangt, im August, als ich einmal Fahrstuhl-Dienst hatte, und, begleitet
von gewaltigem Hackenknallen, der "Reichs-Marschall" Göring
im Eingang erschien, gleichzeitig allerdings auch die eigentliche Fahrstuhlführerin:
"Komm, hau ab, den Hermann muss ick selba fahn", nämlich
hinauf in das Prominenten-Lazarett; aber ich sah doch für Sekunden
in sein gesenktes düsteres Gesicht, ein völlig anderes als jenes
auf dem Balkon der Reichskanzlei nach dem siegreichen Frankreichfeldzug,
angesichts der jubelnden Massen im Sommer 1940, in jener Wochenschau...
Ich ließ Fahrstuhl Fahrstuhl
sein und hastete hinauf in unsere Unterkunft, wo die Kameraden - natürlich
- beim Skat hockten, und der Helmut L. am Ansagen war, und ich: "Wißt
Ihr was ? Ich habe eben den Göring gesehen, mit soonem Gesicht...
D e n Krieg ham wr verlorn!" Helmut S. sagte noch: " 24 - 27
- passe" und dann: "Na, wenn de das j e t z erscht märgst...!"
Dem LWH Hans K., welcher aus ihm heute nicht mehr erklärlichen Gründen
besonders oft oben an den Geschützen Wachdienst hatte, begegnete
dort der Luftwaffengeneral Bodenschatz im Schlafanzug, seit dem Attentat
am 20.Juli mit gänzlich verbundenen Armen, und der Ernährungsminister
Backe mit quittegelbem Gesicht, wohl als Folge einer schweren Hepatitis.
Sie fragten den kleinen LWH freundlich nach seinen häuslichen und
schulischen Verhältnissen aus. Ihm kam freilich ein gelbsuchtkranker
Ernährungsminister irgendwie sonderbar vor!
Dem Fahrstuhldienst verdanke ich noch ein weiteres Erlebnis mit Prominenten
jener Jahre, das aber nicht gerade zu meinem Ruhm ausging: Es betraten
einmal der hochdekorierte Jagdflieger Galland (welcher den Krieg lange
in Südamerika überlebt hat und m.W. einmal feier-lich im Rathaus
ein Mädchen unserer Heimatstadt geheiratet hatte) und ein SS-General
mit Ritterkreuz den Fahrstuhl und verlangten, zum Lazarett hinaufgefahren
zu werden, wo noch vom 20.Juli her der Fliegergeneral Bodenschatz seine
verletzten Hände ausheilte. Während ich da mit meiner Kurbel
hantierte, fragte mich der berühmte Galland - etwas gönnerhaft
freilich - "Na, mein Junge, Du willst doch sicher auch mal Jagdflieger
werden..."; und ich, vollkommen ehrlich und ihn richtig titulierend,
antwortete zackig: "N e i n, Herr Generalinspekteur, ich bleibe bei
der FLAK !" Er drehte mir daraufhin gekränkt den Rücken
zu, der SS-General grinste jedoch über sein ganzes Gesicht. Ich hatte
mich nämlich tatsächlich wenige Tage zuvor bei der Luftwaffen-Flak
freiwillig gemeldet als Reserveoffizier (nahezu jeder von uns tat dies,
wegen der verkürzten Grundausbildungszeit, und in der Hoffnung, später
einmal nicht sofort verheizt zu werden). Beeindruckt von den Flak-Waffen
, und weil wir damals schon an zwei Kalibern ausgebildet worden waren
(es wurden später ja sogar vier!!), hatte ich mich dazu entschlossen..
Allerdings wurde ich eines Tages Ende März oder Anfang April 1945
zuhause zum Schrecken meiner Eltern in die Kaserne bestellt, wo mir aber
ein freundliches älteres Mädchen nur mitzuteilen hatte, dass
meine Bewerbung bei der Luftwaffe leider abgelehnt worden sei, aber ich
könne mich ja nun bei der Infanterie bewerben, da würden doch
Offiziere jetzt gewiss gebraucht... Ich könne die Bewerbung gleich
hier ausfüllen! Ich zog es aber vor, die Formulare mit nachhause
zu nehmen und sie dort wegzuwerfen.
Von unserem Balkon aus beobachteten wir bei jedem Alarm das Hereinströmen
der in der Nähe wohnenden und noch nicht ausgebombten Berliner Bevölkerung
in den Turmeingang; das begann schon, wenn die Luftlagemeldungen im Radio
verlauten ließen, dass ein "Bomberverband nördlich Braunschweig
mit Kurs Ost" unterwegs sei, und die Sirenen noch nicht einmal den
"Voralarm" verkündet hatten. Die Schutzsuchenden bevölkerten
dann das Erdgeschoss und die großen Wendeltreppen in den Ecktürmen.
Es sollen manchmal mehrere tausend gewesen sein ! Im letzten Moment, wenn
die Schwere Flak am westlichen Rand der Stadt schon zu schießen
begann, sahen wir noch einige hohe Offiziere aus dem "Bendler-Block",
manche mit roten Biesen an den Hosen, in den Turm eilen.
Der Flakturm Zoo war von den drei Berliner Türmen der sozusagen "vornehmste";
nicht nur wegen des Prominenten-Lazarettes in einem Stockwerk, sondern
auch mit einem Kinosaal ausgerüstet, auf dessen Bühne wir sogar
einmal eine Wehrbetreuungsveranstaltung erleben durften, wobei allerdings
die Tänzerinnen der berühmten Dresdner "Palucca-Schule"
von den Flaksoldaten im wesentlichen nach ihren Proportionen begutachtet
wurden. Dort stand auch ein Flügel, auf dem mein Freund Otto M. gelegentlich
- die Tür zur Bühne war unverschlossen - damals gängige
Schlager hören ließ, wie "Kauf Dir einen bunten Luftballon..."
oder "In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleiné...",
und, ganz zart hingetupft und verswingt, Horst Wessels Leierkastenmelodie
"Die Fahne hoch..." Schon damals hatte ich mich, halb unbewusst,
über die traurig fallenden Tonfolgen dieses Parteiliedes gewundert,
das so gar nichts Aufrüttelndes und "Heldisches" an sich
hatte. Tatsächlich soll es sich um eine einfach zur zweiten National-Hymne
umfunktionierte Moritaten-Melodie gehandelt haben! Da war die Italienische
Faschisten-Hymne schon eine andere Sache, flott und forsch gespielt, der
wir allerdings (1944!) den Text unterlegten: "Wiiir sind tapfre Italieeener,
uuunser Land wird immer kleeener..."
| Seite
1 |
|
|
| www.seniorennet-hamburg.de |
© 2001 Dr. Wolfgang Waldhauer
|
|