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Victor Frühjahr 1945 in der
Altmark, südlich Salzwedel. Die Schule in Beetzendorf war geschlossen.
Wir waren zumeist "Fahrschüler", das hiess, wir kamen mit dem Zug, Morgen
für Morgen. Die Strecke Salzwedel - Öbisfelde aber reichte bereits in
besetztes Gebiet. Wir Jungen hatte also Zeit zum Herumlungern. Unser Dorf
lag etwas höher als das Flüsschen Jeetze, man hatte eine gute Weitsicht.
An Flugzeuge, die das Gebiet um Magdeburg oder Berlin suchten, waren wir
seit einiger Zeit gewöhnt. Dennoch haben wir sie immer beobachtet. Wir
hatten auch einige Kenntnisse was die Typen anging. "Lightnings" waren
wegen ihrer Doppelrümpfe leicht auszumachen. Das dröhnen der Bomber habe
ich noch in den Ohren.
An einem dieser Tage, es war schon frühlingshaft warm, sahen wir wie ein
Flugzeug aus großer Höhe abstürzte. Es schien als sei es im Nachbardorf
herunter gekommen. Das wollten wir sehen. Natürlich glaubten wir, es könne
nur ein Engländer oder Amerikaner sein. Die Absturzstelle hätten wir,
wenn wir den direkten Weg über die Wiesen und Weiden neben der Jeetze
nehmen würden, bald erreicht. Fliegeralarm und Luftschutzkeller gab es
bei uns nicht, also auch keinen Gedanken an das Aufsuchen eines Unterschlupfes.
Wo auch, der Himmel war voller Flieger und die meinten doch nicht uns,
ein kleines Bauerndorf. Die allgemeine Ordnung zerbröselte schon ein bisschen.
Uns hielt somit nichts. Wir waren zu zweit und liefen los. Auf halber
Strecke zum Nachbardorf hörten wir hinter uns und nicht aus grosser Höhe
sondern flach Motorengeheul von Flugzeugen. Tiefflieger, gehört hatten
wir davon, aber gesehen...? Schon waren sie über uns und geschossen wurde
aus "allen Rohren". Drei oder vier Jagdmaschinen. Wir dukten uns instinktiv.
Der erste Flieger schien getroffen und versuchte mit schafer mainkurve
zu entkommen. Dann ein dumpfer Aufprall. Dieser Absturz war nun ganz in
der Nähe. Jetzt war es ruhig, unheimliche Stille.
Auf der Anhöhe neben der Niederung des Flusses war das Flugzeug aufgeschlagen.
Wir waren Minuten später dort. Kriegsgefangene Landarbeiter standen in
einiger Entfernung. Wir waren also die ersten Zeugen, die "hier hergehörten".
Das Flugzeug war total zerstört. Überall lagen Blechteile umher. Das einzig
zusammenhängende Teil war der Motor, ein für uns Kinder riesiger Block,
der noch sehr viel weiter geschleudert war. Der Pilot lag inmitten all
der Trümmer in seiner ledernen Montur. Als "Pimpfe" hielten wir es für
unsere Plicht wenigstens die "Wertgegenstände" des Piloten an uns zu nehmen,
um sie dem Bürgermeister zu bringen. Da ich der älteste war, ich war schon
14, habe ich in seine Tasche gegriffen - die Wärme darin spüre ich noch
heute. An den Namen des etwa 22jährigen, deutschen Piloten kann ich mich
nicht mehr erinnern, nur an seinen Vornamen, Victor.
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