Ostpreußen 1944 - Die Front rückt näher
von Meta Techam

Seit dem Sommer hören wir die unterschiedlichsten Gerüchte. Was wird geschehen? Die russische Armee ist in Nordostpreußen eingedrungen. Die Front verläuft bei Gumbinnen, etwa 50 km von uns entfernt. Wir hören den Geschützdonner, aber unsere Soldaten halten die Stellung. Es gibt Durchhaltebefehle unseres ostpreußischen Gauleiters Erich Koch. Um jede Handbreit Heimaterde müsse gekämpft werden, heißt es. Auch die Zivilbevölkerung solle kämpfen. Von Sensen und Forken als Waffen und von Panzergräben ist die Rede.

Die Mütter mit Kindern sind im August evakuiert worden, nach Sachsen, nach Thüringen oder nach Masuren. Meine Schwester Charlotte mit ihren sechs Kindern war auch dabei. Sie war aber auf eigene Verantwortung wieder in ihre Wohnung zurückgekehrt, um ihr siebentes Kind hier zur Welt zu bringen.

Vom Gauleiter kommt der Befehl, dass auf jedem Gehöft ein Wagen, gepackt, zur Flucht bereit zu stehen hat. Auch in unserer Scheune steht der Leiterwagen mit Bettzeug, Kleidung und haltbaren Lebensmitteln beladen. Darüber ist zum Schutz eine dicke Wolldecke gezogen. Im Stall stehen zwei sehr ungleiche Pferde, unsere über zwanzig Jahre alte Schimmelstute und ein junger, brauner Hengst. Den Hengst hat Vater erst vor einigen Wochen vom Besitzer des Gutes Friedrichsmühle (früher Gut Keppurren) gekauft. Das Pferd sollte dadurch einer Beschlagnahmung durch die Wehrmacht entzogen, unserer Familie jedoch die eventuelle Flucht ermöglicht werden. Besprochen wurde der Kauf bei einer Parteiversammlung in der Gastwirtschaft unseres Dorfes.

Ende September vergräbt Mutter, wie auch die Nachbarn Haushaltsgegenstände im Garten. Falls wir flüchten müssen, werden wir sie bei unserer Rückkehr wieder ausgraben. Angst und große Ungewissheit herrschen. Wird unsere Wehrmacht die russische Armee wieder zurückschlagen? Oder müssen wir wirklich flüchten? Vorstellen kann sich das niemand von uns. Wir sollen weggehen und alles im Stich lassen? Unsere beiden Kühe, die Schweine, Schafe, Hühner, Kaninchen, die drei Katzen, alle einfach verhungern lassen? ? Das ist doch unmöglich!

Aber auf den Straßen ziehen schon Flüchtlingstrecks, Menschen aus dem Memelland, Litauen und Polen. In unserem Dorf legt ein Treck aus Litauen eine Pause ein. Für uns klingt der Geschützdonner noch immer aus der Ferne.
Der Bürgermeister muss die Flüchtenden auf die Häuser des Dorfes verteilen. Zu uns kommt eine vierköpfige Familie. Sie versteht die deutsche Sprache nicht. Vater ruft unsere Nachbarin, die alte Frau Burbließ. Sie spricht litauisch. Sie zeigt den müden, frierenden Menschen die Stube in unserem Haus, in der sie wohnen sollen. Es ist meine Stube. Früher wohnte darin ein altes Ehepaar. Zwei Betten stehen darin, ein aus Ziegeln gemauerter Herd und ein ungekachelter Ofen. Vater lässt der Familie sagen, dass sie Holz zum Heizen und Kochen aus dem Schuppen nehmen dürften, soviel sie benötigen. Das Futter für ihre beiden Pferde, die in unserem Kälberstall untergebracht werden, könnten sie sich aus der Scheune holen.

Großmutter gibt mir Recht, als ich murre, weil ich meine Stube räumen muss. Hier konnte ich ungestört schlafen, wenn ich vom Nachtdienst bei der Eisenbahn nach Hause kam. Vater legt seine Hand auf meinen Mund. Nun schlafe ich in Großmutters Stube, in Großvaters Bett. Großvater ist erst vor kurzer Zeit darin verstorben. Ich schlafe fest und gut in seinem Bett.

Vater wird zum Volkssturm eingezogen. Der Volkssturm besteht aus den älteren Männern und den jungen Burschen ab sechzehn Jahren aus den umliegenden Dörfern. Sie sollen bereits verlassene Häuser vor Plünderern schützen, Panzergräben ausheben und Eisenbahngleise bewachen. Die Brücke der Eisenbahn über unseren Fluss Auxinne wird Tag und Nacht von Militär bewacht. Einmal ist sie schon beschädigt worden. Drei mit Benzin gefüllte Tankwagen stürzten in den Fluss hinunter, und das Benzin brannte auf dem Wasser.

Wir hören im Radio von Gauleiter Koch, dass nun bald die neue Waffe eingesetzt werden soll. Dann wird sich alles wenden. Dann schlägt unsere Wehrmacht den Feind zurück, und wir können hier auf unseren Höfen bleiben. Wir hoffen bis zuletzt.


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© 2002 Meta Techam