Seit dem Sommer hören wir die unterschiedlichsten Gerüchte. Was
wird geschehen? Die russische Armee ist in Nordostpreußen eingedrungen.
Die Front verläuft bei Gumbinnen, etwa 50 km von uns entfernt. Wir
hören den Geschützdonner, aber unsere Soldaten halten die Stellung.
Es gibt Durchhaltebefehle unseres ostpreußischen Gauleiters Erich
Koch. Um jede Handbreit Heimaterde müsse gekämpft werden, heißt
es. Auch die Zivilbevölkerung solle kämpfen. Von Sensen und Forken
als Waffen und von Panzergräben ist die Rede.
Die Mütter mit Kindern sind im August evakuiert worden, nach Sachsen,
nach Thüringen oder nach Masuren. Meine Schwester Charlotte mit ihren
sechs Kindern war auch dabei. Sie war aber auf eigene Verantwortung wieder
in ihre Wohnung zurückgekehrt, um ihr siebentes Kind hier zur Welt
zu bringen.
Vom Gauleiter kommt der Befehl, dass auf jedem Gehöft ein Wagen,
gepackt, zur Flucht bereit zu stehen hat. Auch in unserer Scheune steht
der Leiterwagen mit Bettzeug, Kleidung und haltbaren Lebensmitteln beladen.
Darüber ist zum Schutz eine dicke Wolldecke gezogen. Im Stall stehen
zwei sehr ungleiche Pferde, unsere über zwanzig Jahre alte Schimmelstute
und ein junger, brauner Hengst. Den Hengst hat Vater erst vor einigen
Wochen vom Besitzer des Gutes Friedrichsmühle (früher Gut Keppurren)
gekauft. Das Pferd sollte dadurch einer Beschlagnahmung durch die Wehrmacht
entzogen, unserer Familie jedoch die eventuelle Flucht ermöglicht
werden. Besprochen wurde der Kauf bei einer Parteiversammlung in der Gastwirtschaft
unseres Dorfes.
Ende September vergräbt Mutter, wie auch die Nachbarn Haushaltsgegenstände
im Garten. Falls wir flüchten müssen, werden wir sie bei unserer
Rückkehr wieder ausgraben. Angst und große Ungewissheit herrschen.
Wird unsere Wehrmacht die russische Armee wieder zurückschlagen?
Oder müssen wir wirklich flüchten? Vorstellen kann sich das
niemand von uns. Wir sollen weggehen und alles im Stich lassen? Unsere
beiden Kühe, die Schweine, Schafe, Hühner, Kaninchen, die drei
Katzen, alle einfach verhungern lassen? ? Das ist doch unmöglich!
Aber auf den Straßen ziehen schon Flüchtlingstrecks, Menschen
aus dem Memelland, Litauen und Polen. In unserem Dorf legt ein Treck aus
Litauen eine Pause ein. Für uns klingt der Geschützdonner noch
immer aus der Ferne.
Der Bürgermeister muss die Flüchtenden auf die Häuser des
Dorfes verteilen. Zu uns kommt eine vierköpfige Familie. Sie versteht
die deutsche Sprache nicht. Vater ruft unsere Nachbarin, die alte Frau
Burbließ. Sie spricht litauisch. Sie zeigt den müden, frierenden
Menschen die Stube in unserem Haus, in der sie wohnen sollen. Es ist meine
Stube. Früher wohnte darin ein altes Ehepaar. Zwei Betten stehen
darin, ein aus Ziegeln gemauerter Herd und ein ungekachelter Ofen. Vater
lässt der Familie sagen, dass sie Holz zum Heizen und Kochen aus
dem Schuppen nehmen dürften, soviel sie benötigen. Das Futter
für ihre beiden Pferde, die in unserem Kälberstall untergebracht
werden, könnten sie sich aus der Scheune holen.
Großmutter gibt mir Recht, als ich murre, weil ich meine Stube
räumen muss. Hier konnte ich ungestört schlafen, wenn ich vom
Nachtdienst bei der Eisenbahn nach Hause kam. Vater legt seine Hand auf
meinen Mund. Nun schlafe ich in Großmutters Stube, in Großvaters
Bett. Großvater ist erst vor kurzer Zeit darin verstorben. Ich schlafe
fest und gut in seinem Bett.
Vater wird zum Volkssturm eingezogen. Der Volkssturm besteht aus den
älteren Männern und den jungen Burschen ab sechzehn Jahren aus
den umliegenden Dörfern. Sie sollen bereits verlassene Häuser
vor Plünderern schützen, Panzergräben ausheben und Eisenbahngleise
bewachen. Die Brücke der Eisenbahn über unseren Fluss Auxinne
wird Tag und Nacht von Militär bewacht. Einmal ist sie schon beschädigt
worden. Drei mit Benzin gefüllte Tankwagen stürzten in den Fluss
hinunter, und das Benzin brannte auf dem Wasser.
Wir hören im Radio von Gauleiter Koch, dass nun bald die neue Waffe
eingesetzt werden soll. Dann wird sich alles wenden. Dann schlägt
unsere Wehrmacht den Feind zurück, und wir können hier auf unseren
Höfen bleiben. Wir hoffen bis zuletzt.
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© 2002 Meta Techam
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