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Als 17jähriger wurde ich Anfang Februar zum Reicharbeitsdienst eingezogen. Das RAD Lager war in Reitdorf, 70 km südlich von Salzburg. Als ich morgens in der Dunkelheit mein Elternhaus verließ, verabschiedete sich meine Mutter im dunklen Hausflur von mir. Später wurde mir erst bewusst, dass sie ihre Tränen vor mir nicht zeigen wollte. Mein Vater begleitete mich dann noch bis zur Hauptstrasse, denn von da an konnte man erst das Fahrrad benutzen. Auf den Bahnhof in Landshut traf ich mehrere Jungen, die auch das gleiche Ziel hatten. Zu dieser Zeit konnte man mit der Bahn nur mit Sondergenehmigung reisen, was zur Folge hatte, dass der Zug unterbelegt war. Da auch in der ersten Klasse kaum Fahrgäste waren, setzten wir uns auch in dieses Abteil und fuhren so ab Landshut bis Bischofshofen erster Klasse in Polstersitzen. Ab Bischofshofen bis Altenmarkt, unserem Zielbahnhof, stand ich wegen Überfüllung des Zuges in der Toilette des Waggons. Als wir nachts in Altenmarkt ankamen wurden wir von einem Vormann (man könnte sagen Gefreiten) abgeholt und nach Reitdorf ins RAD Lager geführt. Wir wurden zunächst in irgendeine Baracke eingewiesen. Es dauerte eine Woche, bis wir alle Uniformteile und sonstige Ausrüstung in Empfang nehmen konnten, wobei ein Teil der Ausrüstung aus Beutegegenständen bestand. So erhielt ich eine Hose, die vermutlich aus der französischen Armee stammte, einen belgischen Karabiner, ein polnisches Seitengewehr (Säbel), einen russischen Gasmaskenbeutel usw. Das Essen ging so einigermaßen, die Zivilbevölkerung in den Städten war nicht so gut versorgt. Auch gab es beim Dienst nicht die übliche Schleiferei wie man sie sonst vom RAD hörte. Vielleicht war es in Österreich doch etwas gemütlicher. Die einheimischen Bewohner dieser ländlichen Gegend waren allerdings sehr auf die Nazis eingestellt. So teilten sie gleich der Lagerleitung mit, wenn wir statt „Heil Hitler“ mit „Grüß Gott“ grüssten, so wie wir es in unserer niederbayerischen Heimat gewohnt waren. Auch war uns verboten in die Kirche zu gehen, was bei der knappen Freizeit auch gar nicht möglich gewesen wäre. Reitdorf liegt im Pongau, eine schöne Gebirgslandschaft. Aber im Winter auch sehr kalt und schneereich. Ich zog mir eine starke Erkältung zu und wurde zunächst in die Krankenbaracke des Lagers eingewiesen, später ins Krankenhaus nach St. Johann Als ich dann so einigermaßen ausgeheilt war, wurde ich vom Krankenhaus, mit der Auflage „Schonzeit für zwei Wochen“, entlassen. Bei meiner Rückkehr ins RAD Lager waren die meisten der Kameraden schon entlassen und hatten den Befehl erhalten, sich beim Militär in Villach, Klagenfurt, Salzburg oder Innsbruck zu melden, bekamen jedoch vorab noch eine Fahrerlaubnis in die Heimatorte. Ich selbst, da ich ja noch „Schonfrist“ hatte, wurde nicht entlassen und wurde als Hilfsheilgehilfe in der Krankenabteilung eingesetzt. Am 3. April 1945 wurde ich zusammen mit einem weiteren halb ausgeheilten Patienten „entlassen“ und bekamen zugleich einen Einberufungsbefehl zu den Gebirgspanzerjägern in Innsbruck. In der Kaserne (Konradkaserne) angekommen, meldeten wir uns dann auf der Schreibstube und erklärten, dass wir aber gleich wieder heimfahren wollten. Ich hätte noch Schonzeit und mein Kamerad, auch aus meiner niederbayerischen Heimat, sei vom Wehrbezirkskommando in Landshut gesagt worden, dass er nicht zur Wehrmacht eingezogen werde, da in seiner Familie schon sechs Brüder im Krieg seien und so der Jüngste nicht mehr herangezogen werde. Der Schreiber meinte, wir könnten ja den Spieß (Hauptfeldwebel) fragen, er werde uns aber wahrscheinlich hinaus werfen. Als wir dann bald dem Spieß über den Weg liefen und ihm unser Anliegen vorbrachten, meinte er, ja jetzt seid ihr schon mal da. Ich könne mich ja im Krankenrevier melden, wenn ich mich krank fühle und zu meinem Kollegen meinte er, es gäbe da schon so ein Gesetz, wenn sieben Söhne beim Militär seien - aber da müsse man eine Eingabe machen und eine Antwort sei erst in einigen Wochen zu erwarten, und bis dahin sei der Schmarren sowieso zu Ende. Der Hauptfeldwebel war ein sehr angenehmer Mensch und er zeigte auch seine Gesinnung durch sein Koppelschloss, welches aus dem ersten Weltkrieg stammte, das heißt ohne Hakenkreuz. Als wir dann mit einer Gebirgsjägeruniform eingekleidet wurden, waren wir doch etwas stolz. Bergschuhe, Keilhose, Bergmütze und Edelweiß an Ärmel und Mütze hoben sich doch etwas von der allgemeinen Wehrmachtsuniform ab. Auch wurden die Soldatenlieder nach Tradition der Tiroler Kaiserjäger gesungen. Ausgebildet wurden wir an der Panzerraketenbüchse (Ofenrohr genannt). Da Innsbruck im Einflugbereich der Anglo- Amerikanischen Bomber lag, gab es fast täglich Fliegeralarm. In die Berge rings um Innsbruck waren lange Stollen gesprengt, in die wir uns begeben konnten. So war meistens für einige Stunden Ruhe vom Dienst. Am 20. April 1945 war Hitlers Geburtstag. Die Feier fand vor dem Platz am Landestheater statt. Dazu waren einige Kompanien von der Wehrmacht, vom Volkssturm als so genannte Standschützen in Uniform, Soldaten aus Genesungskompanien mit zum Teil nur einem Arm erschienen. Der Kreisleiter der Partei hielt eine Durchhalteansprache. Er meinte, dass wenn er auf uns blicke, hätte er keine Angst, weil wir ja doch Garanten für den Endsieg wären. Vielleicht hatte er auch keine Landkarte, sonst hätte er doch feststellen können, dass der größte Teil von Deutschland schon von den feindlichen Armeen besetzt war. Zum 1. Mai stand dann in der regionalen Zeitung, heuer sei der 1. Mai zwar wegen der angespannten Lage kein Feiertag. Dafür würde aber im nächsten Jahr nach dem erfolgreichen Endsieg dieser Tag um so feierlicher begangen. Zum Kriegsende kamen alle möglichen Soldaten, die im Dienst der deutschen Wehrmacht standen, in die Stadt: Italiener, Franzosen, russische Hiwis (Hilfswillige) und sogar Inder, die für ein freies Indien kämpfen wollten, nur nicht um die „Alpenfestung“ zu verteidigen. Es waren Versprengte, welche bis dahin der Gefangenschaft entgangen waren. Einen Tag bevor die Amerikaner Innsbruck eroberten, trat die Tiroler Widerstandsgruppe in Aktion. Wir wurden in die Klosterkaserne befohlen, um dort verhaftete SS-Offiziere zu bewachen. Die Straßen waren überfüllt von plündernden Zivilisten, die Militärlager wurden ausgeräumt. Gegen 3 Uhr morgens ging ich dann mit einem Obergefreiten in unsere Kaserne zurück. Auf dem Weg standen plötzlich Feldgendarmen vor uns und verlangten das Passwort, welches wir ja bei unserem illegalen Einsatz nicht wissen konnten. Mein Begleiter verstand es, unseren Weg zu erklären. So konnten wir ungehindert weitergehen. Wahrscheinlich hatten die selber Angst, denn sie wussten ja auch, dass der Krieg kurz vor dem Ende war. Sonst hätte uns eventuell das Standgericht gedroht. In Zivilkleidung, die wir ja nicht heimgeschickt hatten, machten wir uns am nächsten Morgen auf den Heimweg. Unterwegs trafen wir einen ebenfalls desertierten Soldaten. Er meinte, es wäre doch zu riskant, uns in den Straßen der Stadt zu bewegen und nahm uns mit zu einem Bekannten in Vill, einem Ort oberhalb von Innsbruck. Wir kamen auf einen kleinen Bergbauernhof, bekamen zu Essen und durften die Naht über bleiben. Inzwischen rückten die Amerikaner in Innsbruck ein. Durch den Einsatz der Widerstandsbewegung wurde die Stadt kampflos übergeben. So glaube ich, dass ich auch einen, wenn auch ganz kleinen, Beitrag geleistet habe, damit diese schöne Stadt von Kriegshandlungen bewahrt wurde. Den nächsten Tag machten wir uns dann zu Fuß auf den Weg zu unserem ca. 200 km entfernten Heimatort. Die Amerikaner beachteten uns nicht, so dass wir zunächst unbehelligt die Straße benutzen konnten. Bei Scharnitz war aber schon die Grenze geschlossen. Österreich war ja wieder ein selbstständiges Land. Eine Frau sagte uns, dass wir über einen Berg bayerisches Gebiet in Mittenwald erreichen würden, was sich auch als richtig erwies. In Mittenwald vor der Gebirgsjägerschule kam dann ein langer Amerikaner auf uns zu. Er nahm meinem Begleiter die Armbanduhr ab. Ich konnte es nicht fassen, dass ein Angehöriger einer so reichen Nation so etwas tun konnte. Abends suchten wir dann einen, in dieser Gegend üblichen, Heustadel zum Übernachten auf. Plötzlich kamen 4 Russen, ehemalige Gefangene mit deutschen Karabinern bewaffnet und durchsuchten unseren Rucksack. Dabei entdeckten sie meine Taschenuhr und nahmen sie mir ab. Ich habe es ihnen verziehen, denn man wusste ja, wie sie von uns Deutschen behandelt wurden. Am übernächsten Tag auf unserem Heimweg aber, kurz nach Bad Tölz, wurden wir von den Amerikanern am Weitergehen gehindert und zunächst in ein Gefangenenlager noch Miesbach gebracht, von dort mit Zwischenlagern in Rosenheim und Neu Ulm schließlich nach Heilbronn. Wir kamen nachmittags dort an und mussten zunächst auf einer Wiese zwischen Straße und Lagerumzäunung liegen. Wasser und Essen gab es nicht. Es kam dann ein amerikanischer Dienstgrad, welcher uns in einwandfreiem deutsch die Regeln im Gefangenenlager erklärte. Außerdem meinte er, dass wir nicht geschlagen würden, die Bambusstäbe hätten die Bewacher nur, um uns zu dirigieren. Auch würden uns keine Uhren mehr abgenommen. Kurz darauf ging ein GI durch unsere Reihen und entriss einem Gefangenen seine Taschenuhr. Es traute sich niemand zu protestieren. Gegend Abend mussten wir dann in das Lager marschieren. Wir wurden in Zehnerreihen aufgestellt. Es war eine Kolonne von ca. 12 000 Gefangenen. So wurden wir vorangetrieben. Da nicht geordnet marschiert wurde, gab es Stockungen und dann wieder im Laufschritt. Die Bewacher trieben uns in Viehtreibermanier mit schreien „let´s go, let´s go“ gnadenlos an. Hinter mir war ein beleibter Unteroffizier welcher, ich glaube, einen Schwächeanfall bekam. Er wurde von seinem Nachbarn mitgeschleift. Ob er dies überlebte, weiß ich nicht. Das Lager wurde von den Amerikanern neu eingerichtet, das heißt es wurden einige Quadratkilometer landwirtschaftlicher Grundstücke mit Stacheldrahtzaun umzäunt. Es sollen ca. 200.000 Gefangene inhaftiert gewesen sein. Die Felder hatten die Bauern zuvor schon bestellt. Die bereits gelegten Kartoffeln gruben wir aus und trockneten diese in der Sonne, auch Getreidesprossen aßen wir. Aber bald war das ganze Gelände blank getreten, bzw. abgegrast. Wir wurden in Hundertschaften aufgeteilt und mussten, wer kein Zelt besaß, unter freiem Himmel auf dem Boden liegen. Glücklicherweise war angenehmes Maiwetter. Als Verpflegung bekamen wir ausschließlich amerikanische Verpflegung, allerdings nur Hungerrationen. Es reichte gerade zum Überleben. Wir waren bald nur noch skelettähnliche Wesen. Wollte man sich erheben, wurde einem schwarz vor den Augen und es waren mehrere Versuche nötig, um wieder auf die Füße zu kommen. Die Lagerleitung lag voll unter deutscher Regie und wir sahen die Amerikaner nur auf den Wachtürmen. Gefangene, die sich etwas zu Schulden kommen ließen, bekamen einen Tag überhaupt keine Verpflegung und mussten vor der Küche für einige Stunden auf einer Kiste stehen mit einem Pappschild umgehängt, so z. B. „Ich habe abends Licht gemacht und damit das Leben meiner Kameraden gefährdet“ oder „Ich habe meine Kameraden bestohlen“ usw. Über Nacht hatten wir auch alle Kleiderläuse. Für Wasser gab es nur wenige Zapfstellen und wir hatten auch keine Gefäße um ein größeres Quantum abzuholen. Die Läuse durch waschen der Unterbekleidung zu ertränken scheiterte, denn diese Biester fühlten sich anscheinend sehr wohl, wenn man das Hemd etwas nass machte. Nach einiger Zeit lieferten uns die Amerikaner ein chemisches Mittel zur Läusebekämpfung, ich glaube es war DDT. Jedenfalls waren wir dann unsere Läuse los. Toilettenpapier bekamen wir regelmäßig, hatten aber wegen der knappen Verpflegung wenig Bedarf. - Unter den Gefangenen waren auch Angehörige von mehreren Nationen. Franzosen (Verbündete der Deutschen) konnten das Lager bald verlassen. Sie marschierten unter der Trikolore geschlossen aus dem Lager. Ob sie in ihrer Heimat freudig begrüßt wurden, wage ich zu bezweifeln. Auch viele Ungaren in ihren braunen Uniformen. Sogar Pimpfe ca. 12 bis 14 Jahre alt. Diese waren zwar keine Soldaten, sondern Angehörige von Kinderlandverschickungsheimen. Da sie aber eine Uniform (der Hitlerjugend) trugen, nahmen sie die Amerikaner fest um auch von einem Erfolgserlebnis in Ihrer Heimat berichten zu können. SS Angehörige waren im Lager nicht erkennbar, denn sie hatten sich entweder mit Zivilkleidung oder Uniformen von Wehrmachtteilen gekleidet. Plötzlich kam ein Aufruf, Angehörige der SS sollten sich melden. Viele kamen der Forderung nach und wurden auch gleich weggebracht. Mir taten sie leid, denn nicht alle waren Freiwillige und nicht alle waren an den Untaten dieser Einheiten beteiligt. Sie kamen dann in kleinere Lager und wurden sehr viel später entlassen. Nach einigen Wochen wurde dann italienischer Zeltplanenstoff geliefert. So konnte man sich mit einem Kameraden zusammen ein Zweimannzelt basteln. Ein Problem war das Organisieren von Zeltstäben, denn die wenigen Bäume im Lager waren abgeholzt und als Brennmaterial zur Lagerküche befördert worden. Später kamen auch amerikanische Army-Zelte für 10 Mann. Nach sieben Wochen erfolgten die ersten Entlassungen. Da die Versorgungslage im besetzten Gebiet sehr schlecht war, wurden Landwirte zuerst entlassen und wir Landwirte kamen in ein „Entlassungslager“. Zuerst wurden wir mit nacktem Oberkörper auf eventuelle Blutgruppen- Tätowierungen von der SS untersucht. Anschließend wurden wir einzeln von amerikanischen Offizieren vernommen. Mein Vernehmungsoffizier sprach ein einwandfreies deutsch. Ich nehme an, dass es ein Jude war welcher vor Hitler geflohen ist. Die Vernehmung war durchaus in einem angenehmen Ton. Er fragte mich zunächst, wie lange ich schon bei der SS sei. Als ich dies verneinte, musste ich ihm erklären warum nicht. Er ließ sich dann meine Brieftasche überreichen, um diese zu durchsuchen. Ich bedauerte, dass ich meine meisten Fotos im Rucksack verstaut hatte, denn da wären auch Fotos von französischen Gefangenen aus meiner Nachbarschaft gewesen. Die sahen wohlgenährt aus und nicht so abgemagert wie wir deutschen Gefangenen. Die Vernehmung dauerte ca. 15 Minuten und ich wurde dann einer Gruppe zugewiesen. Die andere Gruppe, ca. ein Drittel von uns, wurde nicht entlassen und man schickte sie nach Frankreich zum Arbeitseinsatz. Sie kamen erst ein Jahr später nach Hause. Wir, die Entlassenen marschierten dann nach Heilbronn zum Bahnhof, wo ein Transportzug nach München bereit stand und wir in Viehwaggons verladen wurden. Wir fuhren dann die ganze Nacht durch und kamen morgens im Münchner Ostbahnhof an. Hier wurden wir aber am Verlassen gehindert und auf amerikanische Lastwagen verladen und nach Schleißheim gebracht. Dort sollten wir den durch Kriegseinwirkungen beschädigten Flughafen wieder mit aufbauen helfen. Am Abend, kurz vor der Sperrstunde, ließ man uns dann doch gehen. So suchten mein Kamerad und ich bei einem Bauern eine Bleibe über die Nacht. Schlafen mussten wir im Stadel, weil man bei uns doch noch Läuse vermutete. Am nächsten Tag sagten unsere Gastgeber, dass ab Freising täglich deutsche Lastwagen wegfahren und man da gelegentlich mitfahren könne. Das klappte auch bis Moosburg. Von da hatte ich nur noch 15 Kilometer nach Hause. Es ging mir bei den Amerikanern nicht besonders gut. Aber ich konnte es auch verstehen, denn ich glaube die waren mit so vielen Gefangenen überfordert. Vielleicht war es auch gut dass die vielen Menschenströme etwas von der Strasse weggebracht wurden. Auch war ich sehr froh, dass ich den Krieg unbeschadet überstanden hatte. Ich brauchte auf niemand zu schießen und auf mich hat auch keiner geschossen. © Schreibwerkstatt "Lange Aktiv Bleiben", Fliederweg 7, 22335 HH , - Tel. 040 - 592455
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