| Kinderlandverschickung von Wilhelm Schieder |
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Die Luftangriffe auf Nürnberg nahmen 1944 an Häufigkeit und vor allem an Heftigkeit zu, und die Folgen waren seit langem bereits unübersehbar. Während wir Kinder anfänglich noch stolz darauf waren, unsere Bombensplittersammlung ergänzen zu können, war dieser Eifer schon lange einer Art Resignation gewichen. Beschränkungen im Einkauf von Lebensmitteln, Bekleidung und Schuhen taten ein Übriges. Für Heranwachsende schon eine Belastung, immer mit zu kleinen Klamotten und Stiefeln leben zu müssen, genervt durch fast tägliche Alarmmeldungen, auch wenn Nürnberg nicht immer getroffen wurde. Nun, eines Tages im Januar oder Februar 1944, das Datum weiß ich nicht mehr, wurde uns im Unterricht eröffnet, der Schulbetrieb in der Schule Bismarckstraße wird eingestellt. Alle Kinder müssen im Rahmen der Kinderlandverschickung - von uns als Kinderlandverschleppung bezeichnet - in ein Lager. Nachdem dies nun die dritte Aufforderung war, den Schulbesuch in einer beruhigten, von Fliegerangriffen nicht mehr gefährdeten Gegend fortzusetzen, gab es schließlich weder Ausrede noch Alternative. Da meiner Familie die Örtlichkeiten vertraut waren, die Angriffe auf Nürnberg immer heftiger wurden und niemand wußte, welch bessere Alternative anzustreben gewesen wäre, stimmte der Familienrat schließlich dieser "Lösung" zu. Die Vorbereitungen waren alles andere als ermutigend. Alle Kleidungsstücke mußten gekennzeichnet, d.h. Namensschilder bestellt und eingenäht werden: Meine Nummer war die 45, die mir auch heute noch durch den Kof geht. Ich, die Nummer 45 vom KLV-Lager Engelthal! Welche Bedeutung eine solche Nummer für andere Menschen in anderen Lagern haben sollte, wurde mir allerdings erst wesentlich später, aber desto schmerzlicher bewußt. Kurz vor Abfahrt mußte dann noch ein Bestecksatz mit den Buchstaben WS graviert werden, da offensichtlich nicht garantiert werden konnte, daß alle gleichzeitig ihre Mahlzeiten einnehmen konnten. Diese Vorbereitungszeit belastete die ganze Familie, häufig unterbrochen von Fliegeralarm, Aufenthalt im Luftschutzkeller, Meldungen über Zerstörungen in der Nachbarschaft - Angst - einfach Angst. Angst vor dem einzelnen Ereignis, Angst vor der Gesamtsituation, nachdem die Sondermeldungen der Wehrmacht über Erfolge "an allen Fronten" immer spärlicher wurden. In die Siegesmeldungen mischte sich schon ein Jahr zuvor das Wort Stalingrad. Ich kann mich noch genau an einen Schulkameraden erinnern, der vom Lehrer gefragt wurde, wo denn sein Vater eingesetzt sei: zuletzt in Stalingrad, antwortete er sehr ernst. Nein, schon lange nichts mehr von ihm gehört, kein Feldpostbrief, kein Lebenszeichen - einfach Angst. Wie der Transport nach Engelthal in Mittelfranken dann im einzelnen ablief, weiß ich nicht mehr. Nur soviel: Bahnstation Henfenfeld, Gepäck auf einen LKW, Marsch nach Engelthal durch den Wald, Ankunft im Heim, Zimmerverteilung. Wir ließen alles mehr oder weniger apathisch über uns ergehen: Unterbringung in einem 10-Mann-Zimmer, 5 Stockbetten aus Metall, einteilige, praktisch bereits durchgelegene Matratzen, blau-weiß-karierte Bettbezüge. Eigenartig, viele dieser geschilderten Details fallen mir erst wieder beim Schreiben ein. Ich habe mich nie mehr in den vergangenen 50 Jahren daran erinnert - erinnern wollen? Die einteilige durchgehende Matratze hatte aber auch einen Vorteil: Wir bügelten unsere Hosen immer unter den Matratzen, nachdem wir sie mit Wasser und Bürste in die richtige Form gebracht hatten. Diejenigen mit dreiteiliger Matratze hatten es dabei nicht so gut. Deren Hosen hatten nach dem "Bügeln" immer zwei Querfalten. Mein "Zuhause" umfaßte ein "Unterbett", gleich hinter der Tür main. Das hatte insofern sein Gutes, als ich sofort sah, wer den Raum betrat, gleichzeitig aber durch das Bett über mir vom direkten Blick des Eintretenden "geschützt" war. Dazu kam auf dem Flur ein "Spind", der Kleidung und Schuhe, natürlich stets sauber, einheitlich geordnet und jederzeit kontrollierbar, aufnehmen konnte. Nach den ersten Tagen unseres Aufenthaltes begann sich im "Lagerleben" eine gewisse "Gesetzmäßigkeit" einzustellen. Alles hatte seine Bedeutung, seine Ordnung, seine Zwangsläufigkeit, seine individuell belastende Monotonie, die jeder einzelne früher oder später ertasten, ja z.T. am eignenen Leib erfahren mußte. Zu all diesem Umstellungsdruck im neuen Heim kam natürlich die tägliche Ungewißheit, welche Familie unserer Klassenkameraden direkt von den Fliegerangriffen betroffen sein könnte. Als endlich alle technischen Details abgeklärt und die Prioritäten eines Tagesablaufs gesetzt waren, begann der Schulunterricht. Schließlich war ja "nur" der Unterricht in beruhigte Zonen verlagert worden, d.h. wir Kinder sollten weniger den Luftangriffen ausgesetzt sein. Das war den Eltern eines guten Schulfreundes aus meiner Nürnberger Nachbarschaft nicht sicher genug. Sie hatten Angst, daß unser Heim Ziel von Fliegerangriffen werden könnte und brachten Manfred K. aufs Land, nach Alfeld, einem Dorf in der Oberpfalz, nur wenige Kilometer von Engelthal entfernt. Dort sollte er bis zum Kriegsende die Schule besuchen, auch wenn es nur eine Volksschule war. Als er eines Tages während der Mittagszeit alleine in der Dorfstraße unterwegs war, wurde er von einem Tiefflieger gezielt angegriffen und getötet. Wenn ich mich recht erinnere, muß es schon Anfang des Jahres 1945 gewesen sein. Nach dem Krieg traf ich natürlich auch seine Eltern wieder. Wir sahen uns öfter, da wir nur in der nächsten Straße wohnten, grüßten uns auch immer, doch eine Unterhaltung kam nie mehr zustande. Die Mutter vermied jedes Gespräch. Alle Schulfreunde waren wieder unversehrt nach Hause gekommen und ihr einziger Sohn mußte sein Leben lassen, weil seine Eltern ihn besonders sicher unterbringen wollten. Wo gab es zu jener Zeit Sicherheit? Die Nachricht vom Tod unseres Schulfreundes erreichte uns noch im KLV-Lager und hat uns alle tief betroffen gemacht. Waren wir hier sicherer? Wir wußten es zwar nicht, doch alle hatten zumindest das Gefühl, in der Gruppe, in dem Haus im Wald besser geschützt zu sein. Der Alltag hatte uns bald wieder eingefangen. Doch vor dem täglichen Unterricht gab es noch andere "Regularien". Ich gestehe, alle Erlebnisse würden den Rahmen dieser Erinnerungen sprengen, aber der Tagesablauf war ob seiner Zwangsläufigkeit wichtig, belastend wichtig. Heute würde ich das alles als vormilitärischen Drill bezeichnen, damals war es eine Selbstverständlichkeit, so wie man sagt, das Amen in der Kirche - die wir seinerzeit nur von außen sahen. Jeden Morgen vor dem Frühstück war "Flaggenappell". Wir mußten im Hof in U-Form antreten, einer hißte die Flagge, manchmal wurde dazu die Tageslosung verlesen, manchmal ein Lied gesungen. Danach gab es Frühstück mit Tee, Brot und Marmelade, gelegentlich - nicht jeden Sonntag - zusätzlich ein Stück Kuchen. Danach war bis 12 Uhr Unterricht, 12.30 Uhr Mittagessen. Da konnte aber nicht jeder, wie er fertig war, in den Speisesaal gehen, sondern wir mußten uns klassenweise in den Gängen und im Treppenhaus auf den Stufen in Dreierreihen aufstellen und warten, bis der letzte Mitschüler eingetroffen war. Erst dann marschierten wir auf Kommando unseres Zugführers im Gleichschritt zum "Essenfassen". Von 13.00 bis 14.00 Uhr war Mittagsruhe, danach wurden bis ca. 16 Uhr Hausaufgaben gemacht, Nachmittage, die mir noch unangenehmer in Erinnerung geblieben sind, als der Unterricht am Vormittag. Anschließend hieß es abwechselnd: "Antreten", marschieren, Geländeübungen machen, Lieder einstudieren, im Marschrhythmus singend nach Engelthal "einziehen" u.s.w. Der Beschäftigungen waren sehr viele. Da ich auch meine Geige dabei hatte, war ich natürlich sofort Mitglied des Schulorchesters und konnte somit manch schikanösen Übungen entgehen, da wir ja auch unsere Musikstücke proben mußten. Den Sonntag hatten wir zur freien Verfügung, nur mittags mußte unser Orchester den Eltern und Verwandten vorspielen, was wir während der Woche gelernt hatten. Das waren nun nicht nur Märsche, sondern auch Walzer, z.B. den von der schönen blauen Donau. Wenn wir selbst Besuch erhielten, waren die Stunden ausgefüllt mit Berichten aus Nürnberg, dem, was sich verändert hatte, meistens natürlich wieder zum Negativen. So sehr wir uns auf die Besuche freuten, so ernüchternd war am Sonntagabend dann der Austausch gegenseitiger Informationen, als wir in unseren Betten lagen. Freie Stunden verbrachten wir wie andere Kinder auch. Wir gingen im Wald spazieren, sammelten Blumen, fingen Schmetterlinge, beobachteten Feuersalamander und Eidechsen. Und in unserem Zimmer hörten wir Schellackplatten. Ein Zimmernachbar erhielt von zu Hause ein altes Grammophon, das man aufziehen mußte und dazu einige Platten. Rosita Serano sang Tangos wie "Roter Mohn" u.a. - ich wußte bis dahin überhaupt nicht, was ein Tango ist. La Paloma faszinierte mich am meisten, sicher in erster Linie wegen der Musik, vielleicht war es aber auch der Text, der unsere Gefühlslage ansprach, die Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Ziellosigkeit der Situation, in der wir uns befanden. Eine Episode, bei der Freud und "Leid" unserer Stubengemeinschaft
unmittelbar aufeinanderfolgten, mag unseren Alltag und unsere Gefühlslage
vielleicht besonders deutlich beschreiben. Motiviert von unseren Waldspaziergängen
hatte einer aus unserem Zimmer eine glänzende Idee: wir könnten
doch unser Taschengeld zusammenlegen und ein Terrarium bauen. Das Gestell
aus Holz könnten wir selbst basteln, nur die Gläser, die müßten
wir halt in Hersbruck kaufen. Gesagt-getan. Wir definierten die Außenmaße,
bearbeiteten in der hauseigenen Schreinerei die Profile und bestellten
bei einer Glaserei in Hersbruck die Scheiben sowie den dazugehörigen
Fensterkitt. Im Herbst 1944 rückte die Front näher. Täglich nach dem Abendessen durften wir im Speisesaal Nachrichten hören. Irgendwann war von den Lehrern, die fast immer in Uniform zum Unterricht erschienen, beschlossen worden, den Frontverlauf auf einer Europakarte mit einer Kordel und Stecknadeln im Osten und im Westen entsprechend den neuesten Meldungen darzustellen. Wir saßen dann stumm daneben und sahen, wie mit einer unheimlichen Regelmäßigkeit die linke, die westliche Kordel, immer weiter nach main, und die rechte, die östliche Kordel, immer weiter nach links gesteckt und das dazwischenliegende Großdeutsche Reich immer kleiner wurde. Auch mit 12 Jahren, ideologisch natürlich auf den Endsieg vorbereitet, wuchsen langsam Zweifel. Doch keiner getraute sich, dieses den anderen mitzuteilen. Ein Klassenkamerad erhielt von zu Hause einen Radiodetektor geschenkt. Das Abhören "feindlicher Sender" war bei Strafe verboten, doch nicht nur die Not, auch die Angst macht erfinderisch. Wir deponierten das Gerät unter der Bettdecke in einem Schlafraum. Während des Unterrichts mußte dann in unregelmäßigen Abständen immer ein anderer aus der Klasse "austreten", d.h. versuchen, unbemerkt das Zimmer mit dem Detektor zu erreichen und das Gerät zu bedienen. Beim Abhören erfuhren wir vor allem, welche Luftkorridore angeflogen wurden. Unser aller verständliche Angst konzentrierte sich natürlich darauf, ob schon wieder Nürnberg als Angriffsziel ausersehen war. Unausgesprochen, doch am Gesichtsausdruck und Verhalten dessen, der gerade vom Austreten kam, war die aktuelle Lage zu erkennen. Eines Tages gab es einen neuen Befehl für die Gestaltung der Nachmittagsstunden, die ja sonst für die Hausaufgaben vorgesehen waren: Im großangelegten Park des Heimareals mußten wir Gräben ausheben. Falls auch unser Haus aus der Luft angegriffen werden würde, sollte eine Alternative zum Luftschutzkeller zur Verfügung stehen. Außerdem wurden Ferngläser verteilt, "um den Luftraum zu beobachten". In der Praxis bedeutete dies, daß wir jeweils zu zweit in den Wald "ausschwärmten", um vom Reschenberg aus den Himmel nach feindlichen Flugzeugen abzusuchen. Nachdem die Bäume sehr dicht standen und auch schon ziemlich hochgewachsen waren, suchten sich die Gruppen geeignete Stämme, die erklettert werden konnten. Meistens waren es Fichten, über deren dicht angeordnete Äste wir ziemlich weit nach oben gelangen konnten. Von dort hielten wir dann Ausschau! Auch wir wußten natürlich um die Wirksamkeit der Umsetzung: Fliegergeräusch hören, evt.Flieger sehen, vom Baum runter, ins Heim rennen (mindestens 1 km entfernt), Alarm geben, Keller oder Schutzgräben aufsuchen - während die Flieger in der Zwischenzeit schon mehrere Kilometer weiter geflogen waren!. Die Gesamtsituation war belastet, da halfen auch Geländespiele, Schulorchester, Ernteeinsätze beim Hopfenzupfen oder Kartoffelkäfersuchen nichts. Der Winter 1944 brachte dann endlich auch Schnee, und wir vergnügten uns gelegentlich nachmittags mit Skifahren. Im übrigen freuten wir uns auf Weihnachten. Doch abends holte uns der Nachrichtendienst wieder brutal ein. Die Front wurde abgesteckt, Großdeutschland war wieder etwas kleiner und dann kam der "zweite Januar 1945"! Die Nürnberger kennen das Datum. Für uns war es ein Fliegeralarm wie schon viele vorher. Immer wenn Nürnberg ausersehen war, mußten wir in unsere Kellerräume. So auch an diesem Abend, kurz nach dem Essen. Das alles war schon zur Routine geworden. Man saß in den Kellergängen nebeneinander, schwieg mehr oder weniger vor sich hin, zu Späßen war keiner aufgelegt - wie immer. Plötzlich war die Dauer unseres Aufenthaltes im Keller ein Thema und die Bemerkung eines Lehrers, der ja nach oben durfte, daß es sich diesmal wohl um einen besonders intensiven Angriff auf Nürnberg handeln mußte. Das sprach sich natürlich schnell herum, löste Betroffenheit aus. Lähmendes Schweigen belastete, ja bedrückte unsere Situation, einfach unerträglich. Jeder hing seinen Gedanken nach. Als endlich Entwarnung gegeben wurde, gingen wir auf unsere Zimmer, die fast alle nach Westen ausgerichtet waren. Wir starrten aus unseren Fenstern Richtung Nürnberg und sahen über der grau schimmernden Schneelandschaft nur einen feuerroten Himmel. So hatten wir ihn nach all den bisherigen Angriffen noch nie gesehen. Ich kann mich an kein Gespräch erinnern, jeder blickte nur entsetzt in Richtung Westen. Alle dachten an ihre Angehörigen - ob sie noch am Leben waren? Irgendwann wird uns dann wohl ein Zugführer Zapfenstreich, d.h. Bettruhe angezeigt haben. Ich weiß es nicht mehr. Am nächsten Morgen war die Schneedecke gleichmäßig bedeckt
mit Ascheteilchen. Auf den Fensterbänken, im Hof, überall lag
Asche. Die Tage danach waren die schlimmsten in unserem Lagerleben. Kein
Telefon, keine Auto- oder Zugverbindung funktionierten nach diesem schweren
Angriff. Wir alle warteten auf ein Lebenszeichen unserer Familien. Ich
weiß nicht mehr, ob es 8, 10 oder 14 Tage waren, bis die Züge
wieder fuhren und wir Besuch erhielten. Für uns war es eine Ewigkeit.
Jeder Tag war ein Tag der Ungewißheit zuviel. Mich erreichte die
Nachricht, daß meine Familie unversehrt sei über einen Klassenkameraden,
dessen Mutter - wie auch immer - uns eine Nachricht zukommen lassen konnte.
Als dann auch ich Besuch bekam (Vater und Mutter? nur Mutter? mit Schwester?),
fühlte ich mich zwar erleichtert, doch unbeschwerte Fröhlichkeit
konnte ich nach der langen Anspannung nicht mehr empfinden. Heute glaube ich, daß "irgend etwas" in diesen Tagen der Ungewißheit zerstört wurde. Ich habe bisher diese Erinnerungen nicht mehr im Detail hervorgeholt. Vielleicht war dies auch ein Grund, "Opas Erinnerungen" nicht mehr zu Papier bringen zu wollen - ich weiß es nicht. Ich kann auch nicht mehr sagen, wer von unseren Klassenkameraden weniger angenehme Nachrichten erhielt. Ich glaube, jeder war so mit sich selbst beschäftigt, daß für solche Gespräche - zumindest untereinander - kein Platz mehr war. Was kann nun eigentlich noch kommen? Die Schilderung einer Situation, die sich heute niemand, der nicht selbst davon betroffen war, vorstellen kann. Lehrer in Uniform, Lagerleben, vormilitärische Ausbildung, nur einseitige Informationen über Radio und Zeitung mit Durchhalteparolen und - das Warten auf den unmittelbar bevorstehenden Einsatz der deutschen Wunderwaffe, die den Sieg Großdeutschlands garantieren würde. Davon waren wir 12jährigen voll überzeugt. Einer unserer Zugführer, 16 Jahre alt, meldete sich freiwillig an die Westfront, die im Februar/März 1945 schon am Rhein verlief. Vom Körperbau her gesehen kaum kräftiger als wir, aber für die Panzerfaust konnte er noch vorher ausgebildet werden. Dann verließ er uns. Wir haben nie mehr etwas von ihm gehört. Die Front rückte näher. Die Kordeln auf der Europakarte kamen sich immer näher. Wir Jungen glaubten noch alle an den Endsieg, da hieß es eines Morgens:"Verständigt Eure Angehörigen, sie können euch abholen." Was heißt hier abholen? Wohin holen? Was ist mit dem Unterricht? Wo soll der in Nürnberg stattfinden, nachdem doch fast alles zerstört ist? Keine Antwort auf unsere Fragen - aber das Lager wird aufgelöst! Auf einmal mußte alles ziemlich schnell gehen. Alle sonst so peinlich genau einzuhaltenden Vorschriften, Appelle, Übungen konnten vernachlässigt werden. Die Lehrer erchienen wieder in Zivil. Wir verstanden die Welt nicht mehr. Nicht, daß wir die eineinhalb Jahre so genossen hätten, doch nun sollten alle bisherigen Regularien nicht mehr wichtig, evtl. sogar falsch gewesen sein? Nein, das konnte doch nicht sein! Diesmal trugen wir unser Gepäck zur Bahnstation in Henfenfeld. Den genauen Termin kenne ich nicht mehr, es war wohl Ende März 1945. Der Zug wies deutliche Spuren von Einschüssen auf, zum Teil fehlten die Fensterscheiben. Auf dem Weg nach Nürnberg mußten wir auch einige Male wegen Tieffliegeralarm halten. Schließlich erreichten wir Nürnberg, wo wir von unseren Angehörigen abgeholt wurden. Wir verabschiedeten uns von unseren Klassenkameraden, kein Wort von den Lehrern zu uns oder zu unseren Eltern. Wir fühlten uns sehr allein gelassen, ohne Ziel, ohne Aussage, wie das, was uns jahrelang als erstrebenswert dargestellt wurde, nun realisiert werden sollte. Zu Hause angekommen, konnte ich mir ein Bild davon machen, was von unserer Wohnung übriggeblieben und notdürftig seit dem 2. Januar wieder zusammengeflickt worden war. Da saßen mein Vater und meine Mutter nun mit mir beim Abendessen und mein Vater ließ in das Gespräch einfließen, daß der Krieg nun verloren sei und wir ( meine Mutter, meine Schwester und ich) halt sehen müßten, wie wir zu unseren Verwandten ins Schwäbische kämen. Schließlich könnten die Amerikaner schon bald in Nürnberg sein. Er selbst müsse ja im Krankenhaus weiter Dienst tun, denn es gäbe furchtbar viel "zu tun". Für mich fiel eine Welt zusammen: Krieg verloren? - Amerikaner schon
bald vor Nürnberg? Ich verstand meinen Vater nicht mehr. Im Innersten
war ich ihm böse, weil er auch den Glauben an unsere Wunderwaffe
- wie uns immer noch gesagt wurde - verloren hatte. Aber er beharrte sehr
ernst auf seiner Forderung, daß die Familie Nürnberg verlassen
müsse, um dem Angriff der Amerikaner auf unsere Stadt zu entgehen.
Nachdem meine Schwester schon vorausgefahren war, brachte mein Vater eines
Abends die Information, morgen früh um 4 Uhr fährt ein Zug ab
nach Donauwörth ...
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