Wenn ich heute zurückdenke an die ersten Kinderjahre, die ich in meiner
Heimatstadt Nürnberg verbrachte, kommen nur schemenhafte Eindrücke
ans Licht. Die Kriegsjahre haben vieles verdrängt.
Nachhaltige Eindrücke hinterließen bei mir zum Beispiel die
Reichsparteitage, mit denen viele Fremde, vor allem Soldaten in die Stadt
kamen. Fast jede Familie hatte einen Gast zu beherbergen. In der Nachbarschaft
eiferten die Bewohner und auch die Kinder, wer welche Soldaten welcher
Waffengattung "einquartiert" hatte. Die ganze Stadt war mit
Blumen und Fahnen geschmückt. Der Aufmarsch verlief auch durch die
Allersbergerstraße, wo unsere Oma eine große Eckwohnung hatte.
Die ganze Verwandtschaft fand sich deshalb dort ein. Tage vorher wurden
kleine Blumensträuße gebunden, die man den Soldaten aus den
Fenstern zuwarf. Am Anfang des Zuges fuhren die Diplomaten mit und wir
bestaunten Engländer, Franzosen und andere "Exoten", die
alle dem Führer huldigten und mit großem Applaus von der Bevölkerung
begrüßt wurden.
Neben Blumen wurden oft auch Bonbons auf die vorbeimarschierenden Soldaten
geworfen. Einmal, kann ich mich erinnern, geriet eine Ladung Bonbons in
die Tuba einer Reiterregimentskapelle. Da gab es großes Gelächter.
Mein Traum war es damals, dass ich eines Tages als General dort unten
mitmarschieren würde. Oma meinte, dass sie mir dann einen extra großen
Blumenstrauß zuwerfen würde. Ich entgegnete aufgebracht:"
Aber Großmama, ich darf mich dann doch nicht bücken..."
Damals hat mich die flotte Militärmusik total in ihren Bann gezogen.
Keiner ahnte, wie dies einmal alles enden würde.
Dann kam der Krieg und die ersten Fliegerangriffe auf Nürnberg.
Unsere Spiele wurden ernst. Wir sammelten Bombensplitter, und wer den
größten erwischte, der hatte gewonnen.
Bald mußten alle Bewohner in unserer Straße im Hof antreten
und erhielten Anschauungsunterricht, wie man Brandbomben löschen
kann. Sehr schnell kam dann auch der Ernstfall für unser Haus. Mutige
Frauen holten während eines Angriffs einige Brandbomben vom Dachstuhl.
Das Bombengeschehen beherrschte meine Phantasie so stark, daß ich
mir mit meinem Banknachbarn ein interessantes Spiel ausdachte. Wir malten
zunächst auf unsere hölzerne Schulbank mit Tinte den Plan unserer
Stadt. Dann nahmen wir die Federhalter, tauchten sie in unsere Tintenfässer
und begannen "Luftangriff" zu spielen. Binnen kurzem war unsere
Bank das reinste Tintenschlachtfeld und wir erhielten von der gestrengen
Lehrerin kräftige Ohrfeigen, wegen Beschädigung schulischer
Einrichtungsgegenstände.
In Nürnberg war ich dann im 10. Lebensjahr auch noch zum Jungvolk
gekommen. Die Uniform war schwer zu besorgen. Zweimal in der Woche hatten
wir Appell. Dabei wurden wir über die "hohen Ziele" eines
deutschen Jungen informiert, hatten regelmäßig Filmstunde mit
Wochenschau und Sportfilmen. Auch Schießen übten wir fleißig
und besonders beliebt waren bei den Schulkameraden die sogenannten Geländespiele
- im Prinzip "kleine Wehrertüchtigung".
Mit der Sammelbüchse mußten wir die Straßensammlung für
das Winterhilfswerk durchführen und die dazugehörigen Abzeichen
verkaufen, z.B. verschiedene Christbaumanhänger aus Holz, oder blaue
Kerzen, die zum Gedenken an die Deutschen im Ausland zur Weihnachtszeit
in die Fenster gestellt werden sollten. In der Vorweihnachtszeit wurden
für sogenannte "arme Kinder" Spielsachen gebastelt. Auf
den Gruppentreffen des BDM (Bund Deutscher Mädel, von Lästermäulern
auch "Bubi Drück Mich" genannt) entstanden schöne
Sachen. Vor dem 1. Advent wurde das Spielzeug auf große Wagen geladen
und im Festzug von Pferden durch die Stadt gezogen, ehe es auf einer Ausstellung
verteilt wurde. Neben dem beabsichtigten Propagandaeffekt für die
"Volksgemeinschaft" entstand Wettbewerbseifer unter den Jungen-
und Mädchengruppen. Übrigens hieß es damals offiziell
nicht Weihnachtsfest, sondern "Julfest". Ich kann mich auch
noch an das Winterhilfswerk mit der "Pfundspende" erinnern.
Monatlich sollte von den Volksgenossen ein Pfund Linsen, Erbsen, Reis
o.ä. gespendet werden. Die Tüten wurden von uns eingesammelt
und in einer Sammelstelle abgeliefert.
An einem Sonntag im Monat sollte in den Haushalten und Gaststätten
als Zeichen der Solidarität mit den ärmeren Bevölkerungsschichten
nur "Eintopf" gegessen werden. Man nannte diesen Tag den "Eintopfsonntag".
An diesen Tagen spielte die NS-Frauenschaft eine vermeintlich "soziale"
Rolle, oder war es mehr eine Kontrolle? Auch meine Mutter wurde zur Mitgliedschaft
in der NS-Frauenschaft verpflichtet. Sie war tätig bei Kleider- und
Spielwarensammlungen. Im Rahmen der Familienbetreuung mußte sie
regelmäßige Hausbesuche bei kinderreichen Familien machen,
Kleider verteilen, Bedürftige aussuchen, die dann mit der NS-Organisation
"Kraft durch Freude" zur Erholung wegfahren durften. Alle Vorkommnisse
in den Familien mußten allerdings an die NSV gemeldet werden, Überwachungsstaat!
Große Faszination ging in dieser Zeit für mich vom Radio aus,
dem sogenannten Volksempfänger. Ich sehe in meiner Erinnerung noch
immer einige Nachbarn oder Freunde bei uns im Wohnzimmer sitzen, um sich
gemeinsam Reden von Hitler anzuhören. Sicher war dieses Propagandamittel
wesentlich an der politischen Ausrichtung zugunsten der Machthaber beteiligt.
Zu den beliebtesten Sendungen aber gehörte das "Wunschkonzert".
Soldaten und deren Angehörige tauschten Grüße aus und
wünschten sich bestimmte Melodien. "Lili Marlen", "Heimat
Deine Sterne" usw. waren die damaligen Hits.
Besonders aufmerksam hörte man den Rundfunkmeldungen zu, wenn Sondermeldungen
mit Fanfare angekündigt wurden, z.B. gewonnene Schlachten oder die
Auszeichnung von wagemutigen Soldaten. Solche Nachrichten wurden durch
die Wochenschau im Kino verstärkt. Beim Beginn des Feldzuges gegen
Polen kann ich mich erinnern, dass alle Volksgenossen eingeladen waren
einen "Dokumentationsfilm" über die Bedrängnis der
Deutschen in Polen anzusehen. Man sollte "miterleben" wie Deutsche
im Keller eingeschlossen waren und polnisches Militär mit Maschinengewehr
in den Keller donnerte. Die Wut und die Angst bei uns war riesengroß.
Später lernte ich übrigens nach dem Ende des Krieges einen Schauspieler
kennen, der bei der Entstehung dieses Films in München-Geiselgasteig
mitgewirkt hatte und somit die "Dokumentation" solcher Machenschaften
aufdeckte.
1942 wechselte ich auf die Hauptschule in der Reutersbrunnerstraße
über. Hier konnten wir kaum eine Klassengemeinschaft bilden, denn
nach kurzer Zeit wurde das Schulhaus durch Bomben zerstört. Wir mußten
in eine andere Schule ausweichen, die mir nicht mehr vom Namen her in
Erinnerung ist. Nun durfte ich längere Zeit Straßenbahn fahren.
Unterwegs gab es manchmal Fliegeralarm und wir rannten dann in irgendeinen
nächstgelegenen Luftschutzkeller. Nach der Zerbombung auch dieser
Schule landete ich schließlich in einem Schulhaus in der Holzgartenstraße,
am anderen Ende der Stadt. Das Fahren mit der Straßenbahn dauerte
zusehends länger, die Unterbrechungen durch Alarm wurden häufiger.
Im Hause schliefen wir schon in Kleidern und Schuhen, da wir im dritten
Stockwerk wohnten und der Weg in den Keller ziemlich lange dauerte. Dadurch
bekam ich so wunde Füße, daß ich kaum mehr richtig auftreten
konnte. Jedes ärztliche Bemühen um Heilung blieb aber erfolglos,
wobei es schon schwierig war, einen Arzt zu finden. Man kann sich kaum
vorstellen, wie bedrückend die Situation nachts im Luftschutzkeller
war. Jeden Abend das bange Warten, ob ein Fliegeralarm ausgelöst
wird. Im Nachbarhaus lebte ein junger Soldat, der bei der Flak im Norden
der Stadt eingesetzt war. Er wußte immer zu berichten, wann ein
Angriff bevorstand, nämlich, wenn die Flak von Nürnberg abgezogen
wurde. Dann der ohrenbetäubende Lärm, wenn die Bomben fielen
und die Abwehr donnerte. Ich konnte nicht unterscheiden, was Angriff und
was Abwehr war. Eng zusammengekauert harrten wir im Keller, ohnmächtig,
etwas zu tun.
Eines nachts fielen auf unser Haus die ersten Brandbomben. Eine mutige
Frau aus unserem Haus ging nach oben auf den Dachboden und konnte die
vier Stabbrandbomben in dem dafür aufgestellten Sandkasten löschen.
Aber in der Nähe war ein kleines Haus mit Garten, in dem wir oft
spielten, das stand in Flammen. Einige Männer eilten raus, um zu
löschen, doch da fielen Sprengbomben und sie mußten rasch wieder
Schutz bei uns im Keller suchen.
Die Beschaffung von Lebensmitteln war ein besonderes Kapitel. Manchmal
mußte man ziemlich weit laufen, um etwas zu ergattern und nur die
besten Freunde gaben sich solche Tipps. Ich denke noch an eine Metzgerei
auf dem Hauptmarkt, zu der wir 2x im Monat pilgerten. Die 4-reihige Warteschlange
war oft mehrere hundert Meter lang und wenn man Pech hatte, gab es kurz
vor dem Einkauf an der endlich erreichten Theke Fliegeralarm und wir mußten
schnellstens einen Luftschutzbunker aufsuchen. Nach solch einem erlebten
Angriff in der Stadt kamen wir wieder aus dem Keller und wurden um ein
kleines Loch in der Straße "umgeleitet". Als wir uns umdrehten,
sahen wir, dass ein "Feuerwerker" eine kleine Bombe aus dem
Straßenpflaster zog. Da war es mit unserem Appetit vorüber!
Das ganze Leben war von Angst geprägt. Ich hatte damals einen lieben
kleinen Dackel, "Waldi". Er war meine psychische Stütze,
obwohl er im Keller ebenso zitterte wie ich. Einmal haben sich Mitbewohner
beschwert, daß dieser Hund uns zuviel Sauerstoff im Keller wegnähme
und so mußte das arme Tier oben in der Wohnung bleiben. Das Ergebnis
war, daß Waldi auch nach dem Angriff immer noch unter dem Küchenbuffett
verkrochen blieb und nur nach langem Zureden hervorkam. Ich kann mich
auch noch an einen Vorgang erinnern, der unseren Haß auf Juden schüren
sollte. Die Nachbarstadt Fürth blieb vor Angriffen meist verschont.
Da kursierte das Gerücht, dass Juden in einem Fabrikschornstein einen
Sender eingebaut hätten, der die feindlichen Flugzeuge auf Ziele
in Nürnberg leitete.
Durch die immer häufiger werdenden Luftangriffe wurden meine Eltern
von den Behörden vor die Entscheidung gestellt, mich entweder mit
der "Kinderlandverschickung" in die Hohe Tatra mitzugeben, oder
einen anderen Ort in Deutschland mit Hauptschule zu suchen, der in weniger
gefährdeten Zonen läge. Schließlich war die Entscheidung
gefallen. Zusammen mit meiner Oma wurde ich nach Waldsassen in der Oberpfalz
geschickt. Dort war meine Tante Klosterfrau bei den Zisterzienserinnen.
Die Machthaber wollten zwar das Kloster auflösen und einem "sozialen
Zweck" zuführen, die Äbtissin war aber so klug, das Kloster
den "Angehörigen der Schwestern" anzubieten., die in den
Großstädten fliegergeschädigt waren. So fanden sich viele
"Restfamilien" aus ganz Deutschland im Kloster Waldsassen ein.
Ich lebte in zwei Welten: einmal im Nonnenkloster und zum anderen in
der Hauptschule des Ortes mit astreiner Nazi-Ideologie. Nach dem Morgengebet
im Kloster mußten Hitlersprüche in der Schule aufgesagt werden.
Nach dem Fronleichnamsfest bin ich dann endgültig "aufgewacht".
In dem katholischen Städtchen Waldsassen war es natürlich üblich,
am Fronleichnamsfest eine große Prozession durch die Stadt zu gestalten.
Auch ich beteiligte mich, da ich mit dem Kaplan befreundet war, allerdings
in voller Hitlerjungenuniform. An nächsten Tag hatte ich in der Schule
Strafappell. Auf meine Frage antwortete der Klassenlehrer, es würde
ihm leid tun, aber er sei angewiesen worden, diese Strafe durchzuführen,
da sich "die alte jüdische Religion" mit dem modernen Deutschland
nicht vertrage.
Zwischenzeitlich veröffentlicht beim Specht-Verlag
ISBN 3-925325-68-9
| www.seniorennet-hamburg.de |
© 2001 Dr. Josef Scharrer
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