Kinderjahre in der "Stadt der Reichsparteitage"
von Dr. Josef Scharrer

Wenn ich heute zurückdenke an die ersten Kinderjahre, die ich in meiner Heimatstadt Nürnberg verbrachte, kommen nur schemenhafte Eindrücke ans Licht. Die Kriegsjahre haben vieles verdrängt.

Nachhaltige Eindrücke hinterließen bei mir zum Beispiel die Reichsparteitage, mit denen viele Fremde, vor allem Soldaten in die Stadt kamen. Fast jede Familie hatte einen Gast zu beherbergen. In der Nachbarschaft eiferten die Bewohner und auch die Kinder, wer welche Soldaten welcher Waffengattung "einquartiert" hatte. Die ganze Stadt war mit Blumen und Fahnen geschmückt. Der Aufmarsch verlief auch durch die Allersbergerstraße, wo unsere Oma eine große Eckwohnung hatte. Die ganze Verwandtschaft fand sich deshalb dort ein. Tage vorher wurden kleine Blumensträuße gebunden, die man den Soldaten aus den Fenstern zuwarf. Am Anfang des Zuges fuhren die Diplomaten mit und wir bestaunten Engländer, Franzosen und andere "Exoten", die alle dem Führer huldigten und mit großem Applaus von der Bevölkerung begrüßt wurden.

Neben Blumen wurden oft auch Bonbons auf die vorbeimarschierenden Soldaten geworfen. Einmal, kann ich mich erinnern, geriet eine Ladung Bonbons in die Tuba einer Reiterregimentskapelle. Da gab es großes Gelächter. Mein Traum war es damals, dass ich eines Tages als General dort unten mitmarschieren würde. Oma meinte, dass sie mir dann einen extra großen Blumenstrauß zuwerfen würde. Ich entgegnete aufgebracht:" Aber Großmama, ich darf mich dann doch nicht bücken..." Damals hat mich die flotte Militärmusik total in ihren Bann gezogen. Keiner ahnte, wie dies einmal alles enden würde.

Dann kam der Krieg und die ersten Fliegerangriffe auf Nürnberg. Unsere Spiele wurden ernst. Wir sammelten Bombensplitter, und wer den größten erwischte, der hatte gewonnen.

Bald mußten alle Bewohner in unserer Straße im Hof antreten und erhielten Anschauungsunterricht, wie man Brandbomben löschen kann. Sehr schnell kam dann auch der Ernstfall für unser Haus. Mutige Frauen holten während eines Angriffs einige Brandbomben vom Dachstuhl. Das Bombengeschehen beherrschte meine Phantasie so stark, daß ich mir mit meinem Banknachbarn ein interessantes Spiel ausdachte. Wir malten zunächst auf unsere hölzerne Schulbank mit Tinte den Plan unserer Stadt. Dann nahmen wir die Federhalter, tauchten sie in unsere Tintenfässer und begannen "Luftangriff" zu spielen. Binnen kurzem war unsere Bank das reinste Tintenschlachtfeld und wir erhielten von der gestrengen Lehrerin kräftige Ohrfeigen, wegen Beschädigung schulischer Einrichtungsgegenstände.

In Nürnberg war ich dann im 10. Lebensjahr auch noch zum Jungvolk gekommen. Die Uniform war schwer zu besorgen. Zweimal in der Woche hatten wir Appell. Dabei wurden wir über die "hohen Ziele" eines deutschen Jungen informiert, hatten regelmäßig Filmstunde mit Wochenschau und Sportfilmen. Auch Schießen übten wir fleißig und besonders beliebt waren bei den Schulkameraden die sogenannten Geländespiele - im Prinzip "kleine Wehrertüchtigung".

Mit der Sammelbüchse mußten wir die Straßensammlung für das Winterhilfswerk durchführen und die dazugehörigen Abzeichen verkaufen, z.B. verschiedene Christbaumanhänger aus Holz, oder blaue Kerzen, die zum Gedenken an die Deutschen im Ausland zur Weihnachtszeit in die Fenster gestellt werden sollten. In der Vorweihnachtszeit wurden für sogenannte "arme Kinder" Spielsachen gebastelt. Auf den Gruppentreffen des BDM (Bund Deutscher Mädel, von Lästermäulern auch "Bubi Drück Mich" genannt) entstanden schöne Sachen. Vor dem 1. Advent wurde das Spielzeug auf große Wagen geladen und im Festzug von Pferden durch die Stadt gezogen, ehe es auf einer Ausstellung verteilt wurde. Neben dem beabsichtigten Propagandaeffekt für die "Volksgemeinschaft" entstand Wettbewerbseifer unter den Jungen- und Mädchengruppen. Übrigens hieß es damals offiziell nicht Weihnachtsfest, sondern "Julfest". Ich kann mich auch noch an das Winterhilfswerk mit der "Pfundspende" erinnern. Monatlich sollte von den Volksgenossen ein Pfund Linsen, Erbsen, Reis o.ä. gespendet werden. Die Tüten wurden von uns eingesammelt und in einer Sammelstelle abgeliefert.

An einem Sonntag im Monat sollte in den Haushalten und Gaststätten als Zeichen der Solidarität mit den ärmeren Bevölkerungsschichten nur "Eintopf" gegessen werden. Man nannte diesen Tag den "Eintopfsonntag". An diesen Tagen spielte die NS-Frauenschaft eine vermeintlich "soziale" Rolle, oder war es mehr eine Kontrolle? Auch meine Mutter wurde zur Mitgliedschaft in der NS-Frauenschaft verpflichtet. Sie war tätig bei Kleider- und Spielwarensammlungen. Im Rahmen der Familienbetreuung mußte sie regelmäßige Hausbesuche bei kinderreichen Familien machen, Kleider verteilen, Bedürftige aussuchen, die dann mit der NS-Organisation "Kraft durch Freude" zur Erholung wegfahren durften. Alle Vorkommnisse in den Familien mußten allerdings an die NSV gemeldet werden, Überwachungsstaat!

Große Faszination ging in dieser Zeit für mich vom Radio aus, dem sogenannten Volksempfänger. Ich sehe in meiner Erinnerung noch immer einige Nachbarn oder Freunde bei uns im Wohnzimmer sitzen, um sich gemeinsam Reden von Hitler anzuhören. Sicher war dieses Propagandamittel wesentlich an der politischen Ausrichtung zugunsten der Machthaber beteiligt. Zu den beliebtesten Sendungen aber gehörte das "Wunschkonzert". Soldaten und deren Angehörige tauschten Grüße aus und wünschten sich bestimmte Melodien. "Lili Marlen", "Heimat Deine Sterne" usw. waren die damaligen Hits.

Besonders aufmerksam hörte man den Rundfunkmeldungen zu, wenn Sondermeldungen mit Fanfare angekündigt wurden, z.B. gewonnene Schlachten oder die Auszeichnung von wagemutigen Soldaten. Solche Nachrichten wurden durch die Wochenschau im Kino verstärkt. Beim Beginn des Feldzuges gegen Polen kann ich mich erinnern, dass alle Volksgenossen eingeladen waren einen "Dokumentationsfilm" über die Bedrängnis der Deutschen in Polen anzusehen. Man sollte "miterleben" wie Deutsche im Keller eingeschlossen waren und polnisches Militär mit Maschinengewehr in den Keller donnerte. Die Wut und die Angst bei uns war riesengroß. Später lernte ich übrigens nach dem Ende des Krieges einen Schauspieler kennen, der bei der Entstehung dieses Films in München-Geiselgasteig mitgewirkt hatte und somit die "Dokumentation" solcher Machenschaften aufdeckte.

1942 wechselte ich auf die Hauptschule in der Reutersbrunnerstraße über. Hier konnten wir kaum eine Klassengemeinschaft bilden, denn nach kurzer Zeit wurde das Schulhaus durch Bomben zerstört. Wir mußten in eine andere Schule ausweichen, die mir nicht mehr vom Namen her in Erinnerung ist. Nun durfte ich längere Zeit Straßenbahn fahren. Unterwegs gab es manchmal Fliegeralarm und wir rannten dann in irgendeinen nächstgelegenen Luftschutzkeller. Nach der Zerbombung auch dieser Schule landete ich schließlich in einem Schulhaus in der Holzgartenstraße, am anderen Ende der Stadt. Das Fahren mit der Straßenbahn dauerte zusehends länger, die Unterbrechungen durch Alarm wurden häufiger.

Im Hause schliefen wir schon in Kleidern und Schuhen, da wir im dritten Stockwerk wohnten und der Weg in den Keller ziemlich lange dauerte. Dadurch bekam ich so wunde Füße, daß ich kaum mehr richtig auftreten konnte. Jedes ärztliche Bemühen um Heilung blieb aber erfolglos, wobei es schon schwierig war, einen Arzt zu finden. Man kann sich kaum vorstellen, wie bedrückend die Situation nachts im Luftschutzkeller war. Jeden Abend das bange Warten, ob ein Fliegeralarm ausgelöst wird. Im Nachbarhaus lebte ein junger Soldat, der bei der Flak im Norden der Stadt eingesetzt war. Er wußte immer zu berichten, wann ein Angriff bevorstand, nämlich, wenn die Flak von Nürnberg abgezogen wurde. Dann der ohrenbetäubende Lärm, wenn die Bomben fielen und die Abwehr donnerte. Ich konnte nicht unterscheiden, was Angriff und was Abwehr war. Eng zusammengekauert harrten wir im Keller, ohnmächtig, etwas zu tun.

Eines nachts fielen auf unser Haus die ersten Brandbomben. Eine mutige Frau aus unserem Haus ging nach oben auf den Dachboden und konnte die vier Stabbrandbomben in dem dafür aufgestellten Sandkasten löschen. Aber in der Nähe war ein kleines Haus mit Garten, in dem wir oft spielten, das stand in Flammen. Einige Männer eilten raus, um zu löschen, doch da fielen Sprengbomben und sie mußten rasch wieder Schutz bei uns im Keller suchen.

Die Beschaffung von Lebensmitteln war ein besonderes Kapitel. Manchmal mußte man ziemlich weit laufen, um etwas zu ergattern und nur die besten Freunde gaben sich solche Tipps. Ich denke noch an eine Metzgerei auf dem Hauptmarkt, zu der wir 2x im Monat pilgerten. Die 4-reihige Warteschlange war oft mehrere hundert Meter lang und wenn man Pech hatte, gab es kurz vor dem Einkauf an der endlich erreichten Theke Fliegeralarm und wir mußten schnellstens einen Luftschutzbunker aufsuchen. Nach solch einem erlebten Angriff in der Stadt kamen wir wieder aus dem Keller und wurden um ein kleines Loch in der Straße "umgeleitet". Als wir uns umdrehten, sahen wir, dass ein "Feuerwerker" eine kleine Bombe aus dem Straßenpflaster zog. Da war es mit unserem Appetit vorüber!

Das ganze Leben war von Angst geprägt. Ich hatte damals einen lieben kleinen Dackel, "Waldi". Er war meine psychische Stütze, obwohl er im Keller ebenso zitterte wie ich. Einmal haben sich Mitbewohner beschwert, daß dieser Hund uns zuviel Sauerstoff im Keller wegnähme und so mußte das arme Tier oben in der Wohnung bleiben. Das Ergebnis war, daß Waldi auch nach dem Angriff immer noch unter dem Küchenbuffett verkrochen blieb und nur nach langem Zureden hervorkam. Ich kann mich auch noch an einen Vorgang erinnern, der unseren Haß auf Juden schüren sollte. Die Nachbarstadt Fürth blieb vor Angriffen meist verschont. Da kursierte das Gerücht, dass Juden in einem Fabrikschornstein einen Sender eingebaut hätten, der die feindlichen Flugzeuge auf Ziele in Nürnberg leitete.

Durch die immer häufiger werdenden Luftangriffe wurden meine Eltern von den Behörden vor die Entscheidung gestellt, mich entweder mit der "Kinderlandverschickung" in die Hohe Tatra mitzugeben, oder einen anderen Ort in Deutschland mit Hauptschule zu suchen, der in weniger gefährdeten Zonen läge. Schließlich war die Entscheidung gefallen. Zusammen mit meiner Oma wurde ich nach Waldsassen in der Oberpfalz geschickt. Dort war meine Tante Klosterfrau bei den Zisterzienserinnen. Die Machthaber wollten zwar das Kloster auflösen und einem "sozialen Zweck" zuführen, die Äbtissin war aber so klug, das Kloster den "Angehörigen der Schwestern" anzubieten., die in den Großstädten fliegergeschädigt waren. So fanden sich viele "Restfamilien" aus ganz Deutschland im Kloster Waldsassen ein.

Ich lebte in zwei Welten: einmal im Nonnenkloster und zum anderen in der Hauptschule des Ortes mit astreiner Nazi-Ideologie. Nach dem Morgengebet im Kloster mußten Hitlersprüche in der Schule aufgesagt werden. Nach dem Fronleichnamsfest bin ich dann endgültig "aufgewacht". In dem katholischen Städtchen Waldsassen war es natürlich üblich, am Fronleichnamsfest eine große Prozession durch die Stadt zu gestalten. Auch ich beteiligte mich, da ich mit dem Kaplan befreundet war, allerdings in voller Hitlerjungenuniform. An nächsten Tag hatte ich in der Schule Strafappell. Auf meine Frage antwortete der Klassenlehrer, es würde ihm leid tun, aber er sei angewiesen worden, diese Strafe durchzuführen, da sich "die alte jüdische Religion" mit dem modernen Deutschland nicht vertrage.

Zwischenzeitlich veröffentlicht beim Specht-Verlag ISBN 3-925325-68-9

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© 2001 Dr. Josef Scharrer