| Hamburg
1944/45 Als Luftwaffenhelfer (schw.zbv. 2./414) auf dem Flakturm VI in HH-Wilhelmsburg Von Gustave Roosen (Aktualisiert 30.04.2002) |
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Hamburg-Wilhelmsburg,
Flakturm mit 4 x 12,8 cm Zwillings-Geschützen, eins pro Rondell - das
war die dritte und letzte Station von uns, den einstigen Monschauer Oberschülern,
nach vorangegangenen Einsatzorten in Aachen, bis US-Artilleriebeschuss das
dortige Ende einläutete, danach ein Gastspiel in Langenbochum, direkt
an der Zeche "Schlegel und Eisen" und nun eben hier. Auf zum letzten Gefecht. Wir kamen am 14. November 1944 in Hamburg an. Ich war als noch kleiner Junge in Hamburg aufgewachsen und kannte mich aus. Wie sah Hamburg jetzt aus! Die Binnenalster mit Netzen zur Tarnung abgedeckt, über dem Hauptbahnhof eine Abdeckung aus Strohmatten in Straßenbreite, über die Außenalster ebenfalls mit einer ähnlichen Tarnmatte eine Pseudo-Lombardsbrücke gezogen - aber die Bomber hatten bereits 1943, u. A. im Juli mit dem mehrtätigen Großangriff » Gomorrha «, schwer gewütet, bei dem 41800 Einwohner um's Leben kamen und 125000 verletzt wurden. Der Geruch ausgebrannter Ruinen war bei jedem Windhauch immer noch wahrnehmbar. (3000 Flugzeuge wüteten innerhalb von 5 Tagen mit 8500 tons abgeworfener Bombenlast (inkl. 1,3 Mio Brandbomben), die ganze Stadtteile in eine apokalyptische Feuerhölle verwandelten. Lt. Statistischer Erhebung; siehe unten). Wir sammelten uns auf dem Gelände an der Rothenbaumchaussee, damals Stab der Luftwaffe, heute Tennisplatz - Anlagen. Ein Teil von uns wurde dem Flakturm in Wilhelmsburg zugeteilt. Zur Geschützbedienung eingeteilt zu werden, war mein stiller Wunsch und ich hatte auch das Glück, als "K1" (Seitenrichtkanonier) auf "Dora" eingewiesen und eingesetzt zu werden. Auch Paul und Ernst wurden als Richtkanoniere eingewiesen.
Man
saß auf einem Blechsitz, wie auf einem Traktor, vor sich das Handrad,
im Blickfeld die beiden großen Doppelzeigerskalen (Grob- und Feineinstellung)
und der Einschlagwinkel des Handrades bestimmte die Drehgeschwindigkeit
des Geschützes (bzw. beim "K2" die des Höhen-Anstellwinkels und
beim "K6" die der Zünderstellmaschine - der job von Ernst); es war
angenehm, daß alles, durch Servomotoren unterstützt, funktionierte
- im Gegensatz zur 8,8 cm Flak, die es mit Muskelkraft einzustellen galt.
(Die Mini-Aufnahme ist ein Repro aus einem Foto, in www.flaktuerme.de
enthalten.) Hier in Hamburg hatten wir laufend zu tun - jeden Abend gegen 20 Uhr, man konnte die Uhr danach stellen, Voll-Alarm. Bomberverbände, die auf dem Weg nach Berlin waren, nahmen die Elbmündung und die Elbe als Einflug- schneise. Natürlich war Hamburg, der Hafen, die Öltanks und Raffinerien in Harburg und Wilhelmsburg laufend Ziel ihrer massiven Angriffe. Es gab infernalische Gefechtssituationen aber man hatte - hier besonders - das Gefühl, sich wehren zu können; allerdings hatten wir unter erschwerten Gefechtsbedingungen zu leiden, denn die Munition, die wir verfeuerten, Kaliber 12,8 cm, kam aus einer Munitionsfabrik, in der "Zwangsarbeiter" und wohl auch Häftlinge beschäftigt waren, die aus unserer Sicht Sabotage betrieben: Der Geschoßboden der Granate, die sie sabotierten, wurde angebohrt, sodaß die Treibladung, die bei Abschuß gezündet wurde, auch die Sprengladung der Granate zündete. Die Folge war im günstigsten Fall Rohraufbaucher, im ungünstigsten Fall Rohrkrepierer. Wir fanden nach einem der zahlreichen schweren Gefechte unser abgerissenes Rohr 100 Meter entfernt in der Nachbarschaft wieder, wie eine Bananenschale streifig aufgerissen. In der Hitze des Gefechts hatten wir nicht sofort bemerkt, daß wir nur noch mit einem Stumpf weiterschossen... Die Schuss-Folge war gewaltig - bei 7 Schuss/min kam leicht ein Munitionsbedarf von ~ 4000 Schuss für eine Stunde Gefecht zusammen. Wir hatten zwar Ersatzrohre in Reserve deponiert aber die Kranverladung nach oben und die Montage dauerte einige Zeit, in der wir nicht einsatzbereit waren. Das Auswechseln von Rohren kam während der Zeit, in der ich auf dem Turm stationiert war, mehrfach vor. Kurt erinnert sich: "In unserer letzten Batterie im Ruhrgebiet hatten wir auch Rohrzünder - einer davon war bemerkenswert: er passierte in Verschlussnähe, Splitter von Rohr und Granate, manche in der Größe 50 x 20 x 10 cm staken in der Munition ringsherum. Ausser geplatzten Trommelfellen gab's keine Verluste. Einem der Kanoniere war der Gefechtshut (Stahlhelm) heruntergerissen worden - den haben wir später immer aufgezogen, von wegen "Hut hoch gehen" (in Anlehnung an den Schlager "Wir machen Musik...da geht euch der Hut hoch..."). Schulunterricht war schon seit Juli 1944, noch zu unserer Aachener Zeit, kein Thema mehr; die ständige Alarm- und Gefechtsbereitschaft machte es auch dem Lehrkörper unmöglich, noch Unterrichtsstunden abzuhalten. Hier in Hamburg hatten wir sowieso mehr Lehrlinge als Oberschüler - feine und umgängliche Kerle, die meisten von ihnen bei Blohm & Voß in der Schiffsreparatur oder in der Flugzeugwerft auf Finkenwerder als Motorenschlosser aus der Lehre abgezogen und mit praxisnaher Lebenseinstellung und -erfahrung schon versehen, was von uns - den Schülern - sehr bewundert wurde. Bei Wochenendurlaub kleideten sie sich wie die feinen Lords heraus, mit Bowler und feinem Tuch ausstaffiert, zogen sie mit ihren Bräuten und Mädchen los. Beneidenswert! Die, welche in der Unterkunft blieben, packten ihr Grammophon aus und liessen Rosita Serrano's "Roter Mohn..." dudeln...
Der Wilhelmsburger Turm, baugleich mit dem im Arenberg-Park in Wien, war der modernste überhaupt - die Bedienungsmannschaften waren durch den runden Beton-Überbau weitgehend vor Bomben- und Splitter-Treffer geschützt; alle Flakturm-Batterien, so auch die in Wilhelmsburg, bestanden aus zwei Türmen - dem Geschützturm, einem Quader aus Stahlbeton mit 44 m (im Eingangsbereich 54 m) Kantenlänge, innen in 8 + 1 Geschosse aufgeteilt, in die bei Voralarm bereits die Anwohner aus der näheren Umgebung in den untersten drei Geschossen Zuflucht suchten. Ganz oben befanden sich unsere Unterkünfte. Auf der obersten Plattform stand in jeder Ecke ein Zwillingsgeschütz in einem eigenen Rondell, mit rundumlaufenden Munitionsbunkern (siehe Abbildung); aussen herum, in Höhe des 8. Geschosses befand sich ein umlaufender Balkon, der ursprünglich für Armierung mit leichter Flak vorgesehen war. Ihn durften wir einmal - für zehn Minuten - mit der Zahnbürste schrubben - wegen irgend eines leichteren Vergehens... Ansonsten war Drill und Schleiferei hier in Hamburg nicht mehr angesagt, das hatten wir in Aachen ausgiebigst zu erdulden gehabt. Der andere Turm war der Feuer-Leit-Turm, etwas schlanker in der Bauart, mit Messgeräten, große FuMG (Radar-Geräte), und B1 (Kommandogerät). Kurt bekamen wir kaum noch zu sehen, er war auf der B1 stationiert. Zwischen beiden Türmen, die im Abstand zueinander von ca. 160 m standen, befanden sich zu ebener Erde Baracken mit Kantine, Werkstatt-Schuppen, Friseur, Schuster u.a. Einrichtungen. Das Ganze strahlte Lager-Atmosphäre aus. Wilhelmsburg, südlich zwischen Stadtmitte und Harburg gelegen, war vom eigentlichen Zentrum Hamburg mit dem Hafen, der Alster ziemlich entfernt. Eine zweite Turmbatterie befand sich in St. Pauli, Feldstraße, in unmittelbarer Nähe zur Reeperbahn und ihren Nebenstraßen, damals Zentrum des Schwarzen Marktes, speziell Talstraße. Die auf dem dortigen Turm Stationierten hatten den Vorteil, nicht zu weit vom Zentrum St. Pauli entfernt zu sein. Eines Tages wurde eine Lkw-Ladung mit Cognac zur Einlagerung auf unserem Turm angeliefert, zur Sicherheit und für eine Fete von der Untergruppe Hafen vorgesehen... Die Kisten wurden mit dem Aufzug nach oben befördert. Nun ergab sich, daß helle W+G - Spezialisten ("Waffen & Geräte") wachsam die Einlagerung mitverfolgten und eine Kiste abzweigten. Es war dies die erste Kiste, sie wurde in Sekunden geöffnet und die Buddeln verteilt. Als unten die 30. Kiste in den Aufzug verstaut wurde, wartete man oben, wo als letzte Kiste die 29. registriert wurde, vergeblich auf die 30. Kiste. "Die muss wohl im Aufzug hängengeblieben sein..." - sie war inwischen schon sorgsam zerlegt, entsorgt und ihr Inhalt verteilt worden. Es gab bei uns ein Original, Gefr. Heinrich P., schon älter, im Zivilberuf Maurer und schon etwas gá gá - daher ein Opfer für Verhohnepiepelung. Einige machten ihm weis, er könne sich einen Orden verdienen, wenn er die Toiletten obenrum mit einem Splitterschutz ausstatte, damit man dort keine Splitter abbekäme...(Bei 3,5 m starker Stahlbetondecke!) Er baute tatsächlich einen Baldachin aus Beton! Ein gewaltiger Anschiss vom Batteriechef, Hptm. E., ließ nicht lange auf sich warten! Was von der Toiletten-Anlage noch übriggeblieben ist, sieht man in der Bilder-Galerie. Unsere Unterkunft war das oberste Geschoss, jede Stube belegt mit 6 oder 8 Mann, wie es beim Stuben - Appell stereotyp gemeldet wurde und - welch' unverdientes Glück - es befand sich noch eine unscheinbare Türe in unserer Stube, über die absolutes Stillschweigen bewahrt wurde und außer uns nur zuverlässigen und schweigsamen Kumpels bekannt war. Diese geheime Türe gab den Zugang zu einem Schacht für diverse Versorgungsleitungen frei - vom Keller bis zur obersten Plattform - ein viereckiger Kamin, mit Sprossen an der der Türe gegenüberliegenden Wand. Diesen geheimen Ausstieg benutzten wir natürlich regelmäßig, wenn wir nach draußen wollten und keinen Passierschein für die Wache an der Haupttreppe vorweisen konnten. So nach zwanzig, dreißig Sprossen abwärts konnten wir in das nächst tiefergelegene Geschoss aussteigen und ab da die Treppe benutzen. Unten kontrollierte kein Mensch, da die Aufgänge für die Unterschlupf suchende Bevölkerung offengehalten waren.Was nach der internen Sprengung von dem Schacht übrig blieb, sieht man ebenfalls in der Bilder-Galerie.
Wir "flitzten" in die nähere Umgebung, kauften markenfreie Esswaren, wie Kunsthonig oder Heringssalat und trafen uns mit den "Bräuten" - nahmen aber die Beine in die Hand, wenn die Sirenen Voralarm gaben. Als es eines Tages auffiel, daß trotz bestehenden Alarmes einige der Kanoniere verspätet eintrafen, flog unser "Schlupfloch" auf und unser Geschützführer, Uffz. Ganser, ansonsten ein feiner Kerl, nagelte die Tür mit fünfzölligen Nägeln rundum zu. Aus der Traum mit abendlichem Ausbüchsen! Arme Erika...! Von unserer ehemaligen Stammbesatzung der LW-Helfer der Aachener Batterie waren nur noch wenige hier versammelt - Paul, Ernst und Kurt - ich erinnere mich noch an Robert F. mit Sicherheit, weitere Namen sind mir nur noch vage in Erinnerung, von den Hamburger Jungs Herbert Ohde und Kurt Dobberstein. Oberster Boss von uns Jungs war ein stämmiger, gleichaltriger Flugmotorenschlosser, der älter schien und schon als eine Persönlichkeit was darstellte - ich sah ihn Anfang der 60er Jahre, als ich wieder in Hamburg lebte, als Fahrschullehrer - mit Fahrschülern sogar aus der Hi Society (!). Starker Motivationsschub für uns war der Ehrgeiz, entsprechend der Zahl der Beteiligung an bestätigten Abschüssen das Flakkampfabzeichen verliehen zu erhalten; das Soll der Punktezahl hatten wir schon lange zusammen aber die sich ab März überstürzenden Ereignisse in Hamburg machten derlei Träume zunichte. Im März 1945 hatten wir schwerste Einsätze - am 7.3., am 8.3. und speziell am 11.3. mit Bombenteppichen direkt am Turm. Zwei Tage später wurde ich offiziell mit Entlassungspapieren als LwOh verabschiedet und setzte mich nach Detmold in Marsch, wohin ein Teil der Familie nach in Köln erlittenem Totalschaden ausgewichen war. Meine Odyssee war damit aber noch nicht zu Ende. Acht Wochen später - der Krieg war mittlerweile beendet - traf ich in Bad Godesberg ein, ein von Luftangriffen weitgehend verschont gebliebenes Städtchen, bewohnt mit vorwiegend alten Leutchen, wo sich inzwischen die Großmutter ein notdürftiges Quartier in einem Fachwerkhaus beschafft hatte. Dieses Haus ist heute eine Botschaft eines arabischen Sultanats. Der Schulbetrieb auf dem Pädagogium Otto-Kühne-Schule wurde auch bald darauf wieder aufgenommen. Kriegsteilnehmer konnten das Abitur in Sonder - Lehrgängen, die jeweils ein Jahr dauerten, verkürzt erreichen. Ich war im letzten Lehrgang, mit 18 Jahren der jüngste Teilnehmer und machte, heute vor 55 Jahren, mein Abitur. Ich hatte somit nur ein Jahr verloren; was ich in zwei Jahren an Erfahrung gewonnen hatte, lässt sich nicht an metrischen Maßstäben messen... Und ich denke noch manchmal an Erika S.
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