Im Spätherbst 1945 begann wieder der Schulunterricht
in Hamburg. Die Knabenschule in der Alsterdorfer Straße, die zuletzt
als Lazarett gedient hatte, war ausgeräumt und notdürftig instandgesetzt
worden. Zusammengewürfeltes Mobiliar, Bänke und Tische durcheinander,
eine alte Wandtafel, ein Pult für den Lehrer, mehr gab es nicht. Sechsundvierzig
Kinder drängten sich in dem Raum zusammen. Sie kamen aus den verschiedensten
Gegenden, redeten in allen möglichen Mundarten, hatten die unterschiedlichsten
Bildungsgrade. Manche waren schon auf dem Gymnasium gewesen, manche kamen
aus einer Dorfschule, einige - so auch ich, hatten zwei Jahre gar keine
Schule besucht. Die meisten waren kinderlandverschickt gewesen. Es war eine
wirklich bunt zusammengewürfelte Klasse. Der Lehrer, Herr Rimkeit,
hatte Mühe, alles und alle einigermaßen in den Griff zu bekommen.
Neu war für mich der Englischunterricht, andere hatten schon Englisch
gehabt.
Die Heizungen blieben auch im Winter kalt. Ein eiserner
Ofen wurde installiert, und die Kinder mußten abwechselnd Briketts
mitbringen. Schulbücher gab es nicht, kaum Papier zum Schreiben.
Manchmal bekamen wir lose, abkopierte "Wachsmatrizenblätter",
Blätter mit Aufgaben und Textvorlagen. Das meiste mußten wir
von der Wandtafel abschreiben, z. B. Vokabeln.
Der Winter 1946/47 war besonders hart; wir hatten zum Teil
Frost bis minus 28°. Es gab so gut wie kein Brennmaterial zum Heizen
und Kochen. Meine Mutter fuhr ein paar Mal nachts mit einem alten Rucksack
und Taschen zum Güterbahnhof in Rothenburgsort oder nach Eidelstedt,
wo ein großer Rangierbahnhof war. Hier warteten schon eine Menge
Leute auf das Eintreffen der Güterwagen mit Kohlen. Aber sie mußten
sich vorsehen, denn "Kohlenklauen" war streng verboten, es war
Diebstahl.
Die Wagen wurden bewacht vom Aufsichtspersonal der Bahn
und von Polizei mit Taschenlampen und Wachhunden. Kamen die Wagen zum
Stillstand, sprangen einige Leute hinauf auf die Waggons, die anderen
reichten Beutel und Taschen oder Säcke hinauf. Gefüllt wurden
sie vorsichtig wieder hinuntergereicht. Einer stand immer Schmiere. Alles
mußte schnell und leise gehen. Meine Mutter nahm mich nie dorthin
mit. Ich war jedesmal froh, wenn sie wieder zu Hause ankam, heil und gesund,
wenn auch ziemlich schmutzig und verstaubt. Sie schleppte schwer an den
mitgebrachten Kohlen. Völlig erschöpft mußte sie sich
danach erst einmal waschen und ausruhen.
Einige Male verabredeten wir uns auch mit Nachbarn zum
"Bäumefallen im Stadtpark". Da durfte ich mitgehen. Nachts
zog ein kleiner Trupp mit Sägen und Taschenlampen und - wer hatte
- mit Handwagen zum Park. Ein Baum wurde ausgesucht, Wachen aufgestellt,
und schon ging das Sägen los. Auch hierbei mußte alles heimlich,
rasch und geräuschlos vonstatten gehen, denn natürlich war es
verboten, Bäume zu fällen. Wenn der Baum fiel, wurde er in kleine
Teile zerlegt, auf die Wagen geladen und abtransportiert. Die jungen Leute
waren für das Geäst zuständig und teilten es sich untereinander
auf. Kein Zweiglein blieb übrig, nur der Baumstumpf gab Zeugnis von
einem ehemaligen Baum. Später holte meine Mutter dann von den Nachbarn,
die den Stamm und die großen Äste inzwischen auf ihrem Hinterhof
zerkleinert hatten, große Holzscheite ab. So ein Holzfeuer in unserem
Kanonenofen oder im Herd war etwas Herrliches!
Wir verbrannten überhaupt alles, was brennbar
war. Auf dem Boden fand sich so manches, was aus Holz, aber für uns
nutzlos war, wie alte Stühle, Bretter, Kisten. Rigoros wurde alles
zu Kleinholz gemacht und verbrannt. Das war notwendig, um überleben
zu können.
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