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Ein glutheißer Sommertag. Gerade läuft
der Zug in den Osterburger Bahnhof ein. Nur wenige Reisende steigen aus,
darunter einige müde Gestalten mit wenig Handgepäck. Es sind
Flüchtlinge aus Hamburg. Die Menschen sind gezeichnet von Strapazen.
Sie haben rußgeschwärzte Gesichter. Viele Nächte haben
sie wohl in Luftschutzkellern zugebracht und sind gerade dem Feuer entkommen.
Im Rundfunk sprach man ja alle Tage von den Bombenangriffen auf Hamburg,
wo Tausende von Menschen zwischen brennenden Trümmerwüsten umherwankten,
wo Mütter verzweifelt ihre Kinder suchten und Kinder nach ihren Müttern
weinten. Das Elend war unermesslich.
Auf dem Bahnsteig läuft Hitlerjugend in Uniformen geschäftig
hin und her. Diensteifrig stellen sie sich sofort den Flüchtlingen
zur Verfügung, geben Getränke aus, fragen nach dem Woher und
Wohin, laden Gepäckstücke auf die mitgebrachten Handwagen, und
schon setzt sich wieder ein Trupp in Bewegung. Man spürt, wie es
sie anspornt, hier gebraucht zu werden. Sie sind mit ganzer Seele dabei.
Osterburg nimmt seit Monaten Flüchtlinge auf. Die Menschen helfen
ohne Murren, gilt es doch den Heimatlosen Unterkunft zu gewähren.
Auch wir drei Mädchen, 10,16 und 18 Jahre alt, sind mit unserer Mutter
unter den Flüchtlingen. Mutter hat als Reiseziel Familie Kandel in
Osterburg angegeben. Hans Kandel ist ihr Vetter. Er ist ein angesehener
Handwerksmeister und hat in der kleinen Stadt einen guten Namen. Zwar
haben wir Kinder ihn noch nie gesehen, aber die Großeltern haben
viel von ihm erzählt. Jetzt in unserer Not, hoffen wir auf seine
Hilfe. Wird er uns aufnehmen? - Einer der Hitlerjungen läuft voraus
und meldet der Familie Kandel, dass Flüchtlinge im Anmarsch sind.
Als wir eintreffen, steht Onkel Hans mit seiner Frau und den zwei erwachsenen
Töchtern schon vor der Ladentür. Sie empfangen uns freundlich
und ehrlich erschüttert. Mit Unsicherheit und bangen Gesichtern treten
wir näher. Wir wissen, dass wir nur wenig vertrauenerweckend wirken
in unserer verschmutzten und versengten Kleidung, noch zudem verrußt
wie die Kaminkehrer. Doch Onkel Hans nimmt uns herzlich in die Arme. Man
holt uns herein. Drinnen im Hof ist bereits der Tisch gedeckt. Wir staunen:
Ein blütenweißes Tischtuch und darauf ein wunderbarer Streuselkuchen.
Dazu gibt es Malzkaffee und das Erzählen will kein Ende nehmen. Das
erlebte Grauen muss Worte finden. Erst jetzt merken wir, wie erschöpft
wir sind und dass wir seit langem nichts gegessen haben. Aber wir dürfen
tüchtig zulangen. Später gibt es eine Badewanne mit schönem
warmen Wasser, wo wir uns alle vier nacheinander wieder in saubere Menschen
verwandeln. Die Tante versucht, wo es geht, mit Wäsche und Kleidung
auszuhelfen. Auch die Cousinen finden ein paar Kleider, die sie den Hamburger
Verwandten schenken. Wenn auch nicht alles so passt, wie es soll, was
macht das schon!
Und nachts? Nun, für vier Schlafplätze zusätzlich ist
das Haus doch nicht groß genug. So müssen also immer zwei von
uns zusammen schlafen, oben unterm Dach. Richtig schlafen können
wir ohnehin nicht, denn das Sirenengeheul und die Bombenangriffe der letzten
Jahre sind noch zu frisch in unserer Erinnerung.
Anderntags zieht unsere Mutter mit unserer jüngsten Schwester zu
Onkel Franz, einem Verwandten ganz in der Nähe, einem freundlichen
Schneidermeister, der doch tatsächlich wie das tapfere Schneiderlein
beim Nähen mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch am Fenster sitzt.
Das Ehepaar hat eine erwachsene Tochter. Alle drei sind sehr liebevolle
Menschen. Der Garten, hier steht ein herrlicher Kirschbaum, hat eine hohe
Steinmauer, wie eine Burg. Alle Verwandten bemühen sich nach Kräften
darum, dass "Ihre" Flüchtlinge sich wohl fühlen.
Eine Cousine, die bei der NSV tätig ist, kommt eines Abends nach
Hause und verkündet freudig, dass sie im Kreise Osterburg eine möblierte
Wohnung für die Ausgebombten gefunden hat. Ein geräumiges Haus
in einem Dorfe. Welch Glück für uns Vier! Gleich am Sonntag
wollen wir es besichtigen. Und wieder treffen wir es gut. Die Bäuerin
empfängt uns freundlich und zeigt uns das hübsche Haus mit der
sonnigen Veranda und dem herrlichen, großen Obstgarten. Wir erhalten
die Erlaubnis, von nun an stets das Fallobst aufsammeln und essen zu dürfen.
Obwohl es Krieg war, mit allen Sorgen und Nöten, die ja auch uns
nicht erspart blieben, verlebten wir in jenem Dorfe eine glückliche
Zeit. Bis zum Kriegsende blieb uns dieses Domizil erhalten. Dann vertrieben
uns die Russen daraus und wir mussten in eine dürftige Notunterkunft
umziehen.
Im Oktober 1945 kehrten wir zurück nach Hamburg, in unsere zerstörte
Heimatstadt. Wir besaßen nichts, als ein wenig Handgepäck.
Unser Haus war ja im Juli 43 schon zerstört worden. So zogen wir
für fast ein Jahr nach Winterhude zu einem Onkel, der Witwer war.
Andere Verwandte waren auch inzwischen angekommen. Schließlich lebten
wir mit neun Personen in seiner kleinen Zweizimmer-Wohnung. Für ihn
war diese Hilfsbereitschaft eine Selbstverständlichkeit. Wie dankbar
waren wir ihm, für sein selbstloses Verhalten.
Und wie ist das heute?
Jeder Mensch braucht ein eigenes Zimmer. Wirklich das ist gut und richtig!
Aber ist das auch lebenswichtig? Die Not setzte einmal andere Maßstäbe.
Sie machte uns deutlich, wie gut es ist, wenn Menschen füreinander
Verantwortung übernehmen.
| SeniorenNet
Hamburg |
©
2002 Elisabeth Ploewka
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