Evakuierung von Hamburg in die Altmark
im Juli 1943

Von Elisabeth Ploewka (Jhrg.1925)

Ein glutheißer Sommertag. Gerade läuft der Zug in den Osterburger Bahnhof ein. Nur wenige Reisende steigen aus, darunter einige müde Gestalten mit wenig Handgepäck. Es sind Flüchtlinge aus Hamburg. Die Menschen sind gezeichnet von Strapazen. Sie haben rußgeschwärzte Gesichter. Viele Nächte haben sie wohl in Luftschutzkellern zugebracht und sind gerade dem Feuer entkommen. Im Rundfunk sprach man ja alle Tage von den Bombenangriffen auf Hamburg, wo Tausende von Menschen zwischen brennenden Trümmerwüsten umherwankten, wo Mütter verzweifelt ihre Kinder suchten und Kinder nach ihren Müttern weinten. Das Elend war unermesslich.

Auf dem Bahnsteig läuft Hitlerjugend in Uniformen geschäftig hin und her. Diensteifrig stellen sie sich sofort den Flüchtlingen zur Verfügung, geben Getränke aus, fragen nach dem Woher und Wohin, laden Gepäckstücke auf die mitgebrachten Handwagen, und schon setzt sich wieder ein Trupp in Bewegung. Man spürt, wie es sie anspornt, hier gebraucht zu werden. Sie sind mit ganzer Seele dabei.

Osterburg nimmt seit Monaten Flüchtlinge auf. Die Menschen helfen ohne Murren, gilt es doch den Heimatlosen Unterkunft zu gewähren. Auch wir drei Mädchen, 10,16 und 18 Jahre alt, sind mit unserer Mutter unter den Flüchtlingen. Mutter hat als Reiseziel Familie Kandel in Osterburg angegeben. Hans Kandel ist ihr Vetter. Er ist ein angesehener Handwerksmeister und hat in der kleinen Stadt einen guten Namen. Zwar haben wir Kinder ihn noch nie gesehen, aber die Großeltern haben viel von ihm erzählt. Jetzt in unserer Not, hoffen wir auf seine Hilfe. Wird er uns aufnehmen? - Einer der Hitlerjungen läuft voraus und meldet der Familie Kandel, dass Flüchtlinge im Anmarsch sind.

Als wir eintreffen, steht Onkel Hans mit seiner Frau und den zwei erwachsenen Töchtern schon vor der Ladentür. Sie empfangen uns freundlich und ehrlich erschüttert. Mit Unsicherheit und bangen Gesichtern treten wir näher. Wir wissen, dass wir nur wenig vertrauenerweckend wirken in unserer verschmutzten und versengten Kleidung, noch zudem verrußt wie die Kaminkehrer. Doch Onkel Hans nimmt uns herzlich in die Arme. Man holt uns herein. Drinnen im Hof ist bereits der Tisch gedeckt. Wir staunen: Ein blütenweißes Tischtuch und darauf ein wunderbarer Streuselkuchen. Dazu gibt es Malzkaffee und das Erzählen will kein Ende nehmen. Das erlebte Grauen muss Worte finden. Erst jetzt merken wir, wie erschöpft wir sind und dass wir seit langem nichts gegessen haben. Aber wir dürfen tüchtig zulangen. Später gibt es eine Badewanne mit schönem warmen Wasser, wo wir uns alle vier nacheinander wieder in saubere Menschen verwandeln. Die Tante versucht, wo es geht, mit Wäsche und Kleidung auszuhelfen. Auch die Cousinen finden ein paar Kleider, die sie den Hamburger Verwandten schenken. Wenn auch nicht alles so passt, wie es soll, was macht das schon!

Und nachts? Nun, für vier Schlafplätze zusätzlich ist das Haus doch nicht groß genug. So müssen also immer zwei von uns zusammen schlafen, oben unterm Dach. Richtig schlafen können wir ohnehin nicht, denn das Sirenengeheul und die Bombenangriffe der letzten Jahre sind noch zu frisch in unserer Erinnerung.
Anderntags zieht unsere Mutter mit unserer jüngsten Schwester zu Onkel Franz, einem Verwandten ganz in der Nähe, einem freundlichen Schneidermeister, der doch tatsächlich wie das tapfere Schneiderlein beim Nähen mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch am Fenster sitzt. Das Ehepaar hat eine erwachsene Tochter. Alle drei sind sehr liebevolle Menschen. Der Garten, hier steht ein herrlicher Kirschbaum, hat eine hohe Steinmauer, wie eine Burg. Alle Verwandten bemühen sich nach Kräften darum, dass "Ihre" Flüchtlinge sich wohl fühlen.

Eine Cousine, die bei der NSV tätig ist, kommt eines Abends nach Hause und verkündet freudig, dass sie im Kreise Osterburg eine möblierte Wohnung für die Ausgebombten gefunden hat. Ein geräumiges Haus in einem Dorfe. Welch Glück für uns Vier! Gleich am Sonntag wollen wir es besichtigen. Und wieder treffen wir es gut. Die Bäuerin empfängt uns freundlich und zeigt uns das hübsche Haus mit der sonnigen Veranda und dem herrlichen, großen Obstgarten. Wir erhalten die Erlaubnis, von nun an stets das Fallobst aufsammeln und essen zu dürfen.

Obwohl es Krieg war, mit allen Sorgen und Nöten, die ja auch uns nicht erspart blieben, verlebten wir in jenem Dorfe eine glückliche Zeit. Bis zum Kriegsende blieb uns dieses Domizil erhalten. Dann vertrieben uns die Russen daraus und wir mussten in eine dürftige Notunterkunft umziehen.

Im Oktober 1945 kehrten wir zurück nach Hamburg, in unsere zerstörte Heimatstadt. Wir besaßen nichts, als ein wenig Handgepäck. Unser Haus war ja im Juli 43 schon zerstört worden. So zogen wir für fast ein Jahr nach Winterhude zu einem Onkel, der Witwer war. Andere Verwandte waren auch inzwischen angekommen. Schließlich lebten wir mit neun Personen in seiner kleinen Zweizimmer-Wohnung. Für ihn war diese Hilfsbereitschaft eine Selbstverständlichkeit. Wie dankbar waren wir ihm, für sein selbstloses Verhalten.

Und wie ist das heute?
Jeder Mensch braucht ein eigenes Zimmer. Wirklich das ist gut und richtig! Aber ist das auch lebenswichtig? Die Not setzte einmal andere Maßstäbe. Sie machte uns deutlich, wie gut es ist, wenn Menschen füreinander Verantwortung übernehmen.



SeniorenNet Hamburg
© 2002 Elisabeth Ploewka
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