Flucht und Gefangenschaft - Erfurt und Andernach
von Ernst Meyer-Hahnenkam

Flucht aus Erfurt im März 1945

Du kannst das Glück nicht anfassen. Du kannst es auch nicht pachten, noch erzwingen. So mir nichts dir nichts kann es dich treffen, ein äußeres oder inneres Glück. Du trägst es tief in dir. Du spürst es, es hat etwas mit "sich freuen" zu tun. Es kann aber auch sein, dass es dir über den Weg läuft, rein zufällig. Zu beiden kannst du "Du" sagen. Zufriedenheit, hat auch etwas mit Glück zu tun.....
.....Man kann sagen, es ist ein Spiel, fünfzig zu fünfzig. Mal gewinnst du, mal verlierst du. Gewinnst du, dann hast du wieder mal Glück gehabt. Auch so kann man es sehen. Und mir stand es zur Seite, bis auf den heutigen Tag. Es sind nur zwei Jahre aus denen ich erzählen will, zwei Jahre Glück im Unglück. Die Zeiten waren ja nicht die besten, die Jahre von 1943 bis 1945. Ich denke da an 1944, an den Flaksplitter, der mir auf den Helm geknallt ist. Wenn ich den nicht aufgesetzt hätte, -- was dann?
Ich denke an eine Nacht, Ende März 45, in Erfurt. Wir liegen an einer Brücke mit unserem Maschinengewehr, mein Freund Gerd Schönbach aus Blankenese und ich, M-G. Schütze 1 und 2, mitten in der Stadt. Wir hören die amerikanischen Panzer, die Abschüsse, das Klingen der Kartuschen und Schiessen und Zwitschern der Gewehrkugeln. Da kommt doch unser Hauptmann Grau angekrochen und ruft uns zu, wir sollten uns sofort zurückziehen und uns Zivilkleidung besorgen und abhauen. Er sagte ganz offen, ein SS- General hätte den Oberbefehl übernommen.
Die alte schöne Stadt Erfurt solle laut Führerbefehl bis zum letzten Blutstropfen verteidigt werden. In welche Gefahr brachte sich doch der Hauptmann! Er sagte noch, es gäbe in der Stadt an die 20 Lazarette, Erfurt sei eine Blumenstadt und keine Festung. Er befahl uns, wir sollten uns durch die amerikanische Linien schlagen, und uns beim nächsten Wehrbezirkskommando melden. Vielleicht sagte er es zu seiner Sicherheit. Vor einem SS Standgericht hätte ihm das aber auch nicht geholfen.
Diese Nacht erinnert mich heute sehr an den Film "Die Brücke." Nur ein Junge ist mit dem Leben davongekommen. Hier nahm es einen anderen Ausgang, einen besseren, unblutigen. Was hat er gedacht, unser Hauptmann? Was haben sechszehn-, siebenzehnjährige Jungen am Ende des verlorenen Krieges noch eine Brücke zu verteidigen, mitten in Deutschland? Unser Hauptmann! Welch ein Glück für uns. Hatte er einen Sohn, vielleicht in unserem Alter, den man von der Schulbank so mir nichts dir nichts in den Krieg schickte?
Wie unverfroren, wie schicksalsergeben waren wir doch. Was hatten wir doch für einen "Kehr dich an nichts", woher kam der Mut? Eine Nacht verbrachten wir in einem Luftschutzkeller. Am nächsten Morgen brachen wir beide in ein Bekleidungsgeschäft ein, um uns total, bis auf die Stiefel, neu einzukleiden und aus dem Büro klauten wir noch ein Fahrrad. Und das unter Artilleriefeuer, wobei der Kalk von den Einschlägen im Haus von der Decke fiel! So sind wir denn beide auf die amerikanische Linie zugeradelt. Die Richtung spielte keine Rolle, Erfurt war eingekreist. Hätte uns eine SS-Streife aufgegriffen, wir wären sicher als Deserteure erhängt worden. Bis wir aber bei den Amerikanern anlangten, mussten wir unter einer Eisenbahnbrücke hindurch. Ein Artilleriebeobachter, ein Flugzeug, leitete wohl das Feuer auf die Brücke. Man schoss sich ein. Wir zählten, wie weit wohl Salve auf Salve auseinander lagen. "Einundzwanzig, -- zweiundzwanzig, -- dreiundzwanzig,"-- und " los" ! - Verschätzt! Die Granate knallte auf das Pflaster, ich sehe noch die von Granatsplittern übersäte Betonwand. Wir werden vom Fahrrad geschleudert . Und, -- uns ist nichts passiert! Auch dem Fahrrad anscheinend nichts. Auch nicht dem Gewehrsack, der voller Tabak, kleiner Dosen Verpflegung aus einem zerschossenen LKW stammte, ein Lastwagen voller C-Rationen, Verpflegung für die an der Front kämpfenden amerikanischen Soldaten.

Wieder mal, -- Glück gehabt! Man hatte aber aus einem Haus am Waldrand gesehen, wie wir aus dem Tunnel herausspritzten, uns vorschriftsmäßig bewegten und uns in Abständen hinwarfen. Dann, das stelle man sich mal vor, haben wir beratschlagt, wer wohl das Fahrrad und den
Gewehrsack aus dem Tunnel holen sollte. Gerd hatte den "Kurzen" (Streichholz) gezogen und kam unter Beschuss unversehrt wieder zurück.
Das alles fiel den Soldaten auf, die sich in das Haus am Ackerrand zurückgezogen hatten. Als wir ahnungslos eintraten, meinte ein Feldwebel, wir seien wohl Soldaten, was wir natürlich abstritten. "Aber," sagte er, "Seht euch vor, die SS ist unterwegs, und wenn die euch schnappen!" (Er glaubte uns nicht). Ich sagte nur: "Wo sind sie denn die Amerikaner?" - "Da oben," meinte er. "Da, wo es den Hügel hoch geht, - da, - nach der Pappelreihe, - da sollen sie sein!" Wir wieder aufs Rad, Gerd auf der Lenkstange sitzend, so sind wir am helllichten Tag auf die Amerikaner zugeradelt. Soll ich noch mal das Wort "Glück" bemühen, oder "Kehr Di an nix"?
Wir waren eben oben angelangt, als wir auch schon die Amis, in Häusern und Gräben verschanzt, sahen. Gerd schmiss noch schnell seine Pistole, die er an einem Band um seinen Hals unter der Jacke trug, in den Graben und schon mussten wir vom Rad steigen und uns in einen Keller begeben, wo ich dann mein Soldbuch in eine Kartoffelkiste schmiss. Nachts sind wir noch in die oberen Räume gestiegen und haben uns mit den "boys, so gut es ging, prächtig unterhalten. Am nächsten Morgen waren die Amerikaner in Erfurt einmarschiert. "Fremdarbeiter" - deportierte Zwangsarbeiter aus allen von Deutschland besetzten Ländern - nutzten die Gelegenheit, und wer konnte es ihnen verdenken, um zu rauben und zu plündern.
Nun hatten wir ein leichtes Spiel (oder war es sehr gewagt?), uns aus einem Polenlager unter dem Protest der Frauen ein zweites Fahrrad zu "organisieren". Wir behaupteten unverfroren, dass man es uns in der Nacht geklaut hätte. Drei Dörfer weiter standen schon "Fremdarbeiter", in diesem Fall Polen, unter Gewehr, um den Arm eine weiße Armbinde. Sie holten uns von den Rädern, fanden bei Gerd noch das Pistolenmagazin und bei mir eine Karte und einen Kompass. Nun sollten wir erschossen werden, wir waren ja Spione. Das hätten die im Rausch ihrer wiedergewonnenen Freiheit sicher getan! Wenn nicht beim Palaver ein amerikanischer Jeep um die Ecke auf uns zu gekommen wäre, den wir, nachdem wir uns los gerissen haben, mit ausgebreiteten Armen stoppten. "What's the matter, boys", sagte der Ami. Auf uns machte er einen Eindruck, als wenn er schon älter sei, vielleicht 30- 35 Jahre. Wir haben ihm gesagt, was die Polen mit uns vorhatten, auf Englisch natürlich. Wir wären ja gerade 17 Jahre alt, natürlich Soldaten gewesen, wollten aber jetzt nach Hause zu unserer Mama. Das verstand er sehr gut. "Where is your home?" -"Hamburg, Sir." - "Where is Hamburg?" - "This way, Sir," und wir wiesen die Strasse lang nach Norden. "Go on, boys!" sagte er und hielt die Polen zurück. - Glück gehabt! Wenn der nicht gerade im richtigen Augenblick, dieser gutmütige, väterliche Amerikaner uns über den Weg gelaufen wäre !?

Aber gefasst haben sie uns doch, kurz vor Nordhausen, am Eingang zum Harz. Aus einer langen Kolonne scherte ein Jeep der Militärpolizei aus und brachte uns in einer Höllenfahrt über Wiesen und Feldwege zu einem Dolmetscher einer kleineren Einheit. Wir beide saßen vorn auf dem Kühler und hielten uns an einer Stange fest. Der Dolmetscher wollte uns nicht abnehmen, dass wir Schüler seien, wie wir steif und fest behaupteten. Also ab zum Hauptdolmetscher nach Osterode. "Ihr wollt Oberschüler sein? Dann beantwortet mir mal, wie heißt, ich bin Soldat, auf lateinisch!" Antwort: "Sum milites est." - "a plus b in Klammern zum Quadrat? - Na?" Auch das konnten wir beantworten. Dann erzählte er uns, dass er in Frankfurt ein Gymnasium besucht hätte, seine Eltern ein Kaufhaus besessen hätten, sie ihn 1938 nach Amerika geschickt hätten. Nun wusste er seit Jahren nicht, was mir seinen Eltern geschehen sei. Er war Jude.
Die Strassen waren voller KZ Häftlinge, die aus den Gruben von Sondershausen und Nordhausen in ihren gestreiften Kleidern und halbverhungert in die Freiheit entlassen waren. Es waren Tausende, "Unterirdische", wie ich später erfahren musste, die unter schlimmen Bedingungen tief unten in den Schächten die "Wunderwaffen", wie z.B. die V2 oder den Düsenjäger Me 262 fertigen mussten.

Die Amerikaner hätten nur die Strassen, nicht die Wälder und Nebenwege, sagte uns der Hauptdolmetscher. Und dort versteckten sich SS Leute, Werwölfe und Hitlerjungen, und von der Sorte wären wir wohl auch. Dann entdeckte er, dass wir die gleichen Stiefel anhatten, halblange Fallschirmjägerstiefel. Nun kam prompt: "Entweder ihr seid Soldaten oder Werwölfe, ich lasse euch erschießen". Da zog Gerd seelenruhig sein Schuh aus und zeigte die Erkennungsmarke. "Panzergrenadierregiment 71, Offz. Bewerber Inspektion 85." Der Amerikaner schlug uns ins Gesicht und ließ uns abführen.

Gefangen in Andernach am Rhein im Frühjahr und Sommer 1945

Auf einem Lastwagen, in einer Kolonne von ca. 20 Wagen, jeweils 60 Gefangene auf der Ladefläche, wurden wir in ein Gefangenenlager nach Andernach am Rhein transportiert. Die schwarzen Fahrer fuhren wie die Teufel. Wer würde wohl der erste sein? Vorn riefen sie "Wahr-schau!" und wieder fuhren wir haarscharf an hängenden Telefonmasten, oder an engen Tunnelwänden entlang. Die Spanten auf einer Seite brachen und wir alle umklammerten uns. Immer das "Glück" an unserer Seite. Wir erreichten das Lager Andernach am Rhein, eines der
berüchtigten Lager, wie Bad Kreuznach, Sinzig und Remagen. Jeweils 150 000 Soldaten hausten auf freiem, morastigen Feldern in Erdlöchern. Das Gras und Unkraut hatten die Gefangenen schon gefressen, so schlimm war der Hunger. Nachts hatten wir Minusgrade. Eine Nacht lag ich im Dreck, es war nass und kalt. Am Morgen, als ich erwachte, war ich am Boden angefroren. Gerd und ich hatten ja nur je einen Zivilanzug, keinen Mantel, keine Zeltplane! Es war April und es
regnete bald jeden Tag. Und doch, -- hier konnte man schon vom "Glück im Unglück." reden. Wir lebten, wenn wir auch wie Vieh vegetierten.
Noch lagerten wir auf der Hochebene von Andernach. Später ging es runter zu den Rheinwiesen.
Ich stand wieder einmal am Lagertor, als ein Amerikaner kam und ca. 15 Gefangene für einen Holztransport suchte. Ich meldete mich sofort. Wir wurden wohl zwei Stunden durch Waldgebiete gefahren und ereichten unser Ziel. Anscheinend wurde hier jeden Tag Holz abgeholt, denn es standen dort, tief im Wald, einige Leute mit einem Handwagen voller allerschönster Sachen, Brote,
Marmelade, Milchsuppe, gekochte Eier. Wie bemitleidenswert müssen die Gefangenen ausgesehen haben, dass sich Leute auf den beschwerlichen Weg machten, uns eine große Freude zu bereiten. Es war uns, als wenn Ostern und Weihnachten auf einen Tag fielen.

Nach einigen Wochen, oder vielleicht nach ca. zwei Monaten Hunger und Durst, erschien ein amerikanischer Offizier am Lagertor und rief übers Megaphon: "Dolmetscher gesucht!" Mehrere Hundert liefen nach vorn, Lehrer, Journalisten, Kaufleute u.s.w. Die Frage aber war dann: " Who is the youngest of you and speaks English?" Ich hob zögerlich meinen Arm und ich musste zu ihm kommen und wurde befragt, ob ich denn Bratpfanne, Messer und Gabel usw. übersetzen konnte.
Das war kein Problem, und so wurde ich der König von 150 000 Mann, mindestens für 4 - 6 lange Wochen. Ich konnte meinen Freund Gerd reichlich mit Essensresten aus der Küche versorgen. Er hatte sich sogar noch einen Vorrat angelegt. Meine Aufgabe war, jeden Tag 15 - 20 Gefangene auszuwählen und sie mit in die amerikanische Küche zu nehmen. Sie mussten rundum für Sauberkeit sorgen. Ich hatte die Befehlsgewalt. Wenn das kein "Glück" war? Aber nicht für Gerd. Hätte ich ihn doch mitgenommen. Aber einer sollte doch auf unsere Klamotten aufpassen. Eines Abends kehrte ich nicht wieder ins Lager zurück. Was muss er wohl gedacht haben. Ein kleines Gespräch, "a small talk" mit dem amerikanischen Kompanieführer, dem "first lieutenant." brachte die Wende. Er sagte mir, dass schon am nächsten Morgen mit dem Abtransport aller Gefangenen nach Frankreich begonnen wird, ob ich denn nicht als "Maskottchen" der Kompanie mit nach Nürnberg kommen wolle. Andernach sei jetzt französische Besatzungszone.

Im Verlaufe des Gesprächs kam ich auf meine amerikanischen Verwandten zu sprechen. Meine Großmutter und mein Stiefgroßvater, zwei Brüder meines Vaters die in Long Beach wohnten und erzählte von der Schwester, die in Canada lebte. Ich erzählte von meinem Onkel Walter, der 1920 und 1921 als Captain einer Long Beach Uni Basketballmannschaft "stateschampion" war, der nach Oil gebohrt, fündig geworden, eine Oilraffinerie gebaut hatte und was ich sonst noch so wusste. Nun kam es, - der entscheidende Satz: "Earnest, I am a Long Beach man!" Welch großes "Glück". Er schickte mich sofort in eine Baracke. Hier saßen drei amerikanische Offiziere, deutschsprechende Juden, die für die Entlassung zuständig waren. Als ich eintrat, machte ich, wie gewohnt, meine Ehrenbezeigung, d.h., wenn man in einen Raum trat ( was mir ja monatelang verwehrt war), machte man den militärischen Gruß, leider nicht mehr den an die Mütze, sondern mit erhobenem, ausgestrecktem Arm, den Hitler-Gruß. Ich konnte meine hochschnellende Hand
gerade noch runterreißen. Hätten die Amerikaner dies gesehen, dann hätte mir auch mein toller Onkel aus Kalifornien nicht mehr helfen können!
Ich kann wohl sagen, ich war der letzte Gefangene, der hier durchgeschleust wurde. So kam es, dass ich Gerd nicht mehr sehen konnte. Ich könnte noch viel mehr über das Glück schreiben, was mir stets zur Seite stand. Doch das sind andere Seiten aus dem Buch meines Lebens.

Ausschnitt aus der Erzählung "Eben geboren" von Ernst Meyer-Hahnenkam

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© 2005 Ernst Meyer-Hahnenkam