Mahnung einer Chemnitzer Mutter an ihre drei Kinder
von Gertrud Lehmann

Acht Jahre nach ihrer Ausbombung in Chemnitz/Adelsberg am 14.02.1945, schrieb Gertrud Lehmann dieses Gedicht für ihre drei Kinder, damit die Erlebnisse der Familie in der Kriegs- und Nachkriegszeit nicht in Vergessenheit geraten.

An meine Kinder

Wißt Ihr noch, wie's heut vor acht Jahren war ?
Wißt Ihr noch, es war doch furchtbar,
als unser Heim in hellen Flammen gestanden
als alles, was uns lieb und wert, ja alle Sachen verbrannten.

Eng aneinander geschmiegt standen wir im Wald,
in jener Februarnacht war es ziemlich kalt.
Wie gern wäret Ihr doch in Euer Bettchen gekrochen
und hättet gern die mollige Wärme gerochen.

Doch aus war es mit uns´rer Ruh
hier standen wir nun und sahen zu,
wie die gierigen Flammen alles beleckten
um sich mehr und mehr auf das phosphordurchtränkte Haus erstreckten.

Entsetzt, doch voller Vertrauen schautet Ihr zu Eurer Mutti empor,
zu mir, die ich selber innerlich fror,
denn Schreck durchzuckte mich, ich verspürte Schmerzen
trug ich doch Euer Schwesterchen noch unterm Herzen.

Es klopfte schon ganz energisch an,
denn die Zeit wie ich wußte war nun rann.
Doch als hätte sie gewußt, daß für sie kein Bettchen mehr bereit
ließ sie sich - wie gut - noch etwas Zeit.

Wir standen bis mitleid´ge Seelen gekommen
und uns für zwei Nächte aufgenommen.
Ohne Obdach waren wir auch dann nicht, daß wäre gelogen,
weil wir wie Ihr wißt´s, zur Tante gezogen.

Wißt Ihr noch wie glücklich ich war,als ich acht Tage später ein gesundes Kind gebar ?
Ich weiß es noch, als wär es heut,
wie Ihr Euch über das ersehnte Schwesterchen gefreut.

Und Du mein Ältester weißt Du noch
wie sehr Du Deine Geige vermißt ?
Sie war Dir damals genau so teuer,
wie sie Dir heut´ noch ist.

Natürlich ist's nicht dieselbe, halt sie in Ehren,
solltest Du mal deinen Kindern lehren,
das Geigenspiel, daß Du nicht solltest missen
so erzähl´ Ihnen Ihre Geschichte, sie sollten sie wissen.

Du weißt, eine Mutter, der ich erzählt,
daß Du manch stille Träne vergossen,
gab Dir Geige Ihres Sohnes,so hat sie's mit ihrem Mann beschlossen.
Sie meinte auf ein Foto Ihres Sohnes zeigend,
worauf er stand eben geigend.Auch ihm war sie das Liebste von allen.
Er ist, hier stockte sie, bei Stalingrad gefallen.
Sie strich noch einmal darüber in verhaltenen Schmerz.
Diese Geste dieser Mutter, sie schnitt mir in´s Herz.

Und Du mein Gottfried, der nun schon ein tüchtiger Lehrling bist.
Wie sehr hast Du Dein vieles Spielzeug vermißt.
Weißt Du noch, der Spielschrank, er stand ganz hinten an der Wand ?
Wie jäh riß man Dich aus dem Kinderland.

Als es wieder Spielzeug gab, es geschah nicht sobald.
Hieß es: Nun hat es keinen Zweck, jetzt bist Du zu alt.
Vielleicht weil man Dir das alles enthielt,
bist Du noch gern ein bißchen verspielt.

Was wir dann noch alles erlebt
wie wir dann noch manchmal erbebt.
Ihr wißt es, doch ich will versuchen in lebendigen Bildern
auch dieses euch noch einmal zu schildern.

Wißt Ihr noch, wie oft das Häuschen in den Fugen gekracht,
wie oft wir uns zur Flucht zurechtgemacht.
Wie Euer Schwesterchen staunend um sich geschaut,wenn wir schützend uns um sie aufgebaut.

Am 5. März, das Herz krampfte es uns zusammen,
sahen wir doch aus der Ferne, Chemnitz stand in Flammen.
Und wißt Ihr noch was dann später noch war,
die traurige die schändliche Tieffliegergefahr.
Als hätten sie nur mit den Waffen gespielt,
haben sie auf alles, auch auf uns mal gezielt.

Wißt Ihr noch ? Während wir den Garten bestellt,
haben wir unser Mädel in die Sonne gestellt.
Sie sollte die schönen Frühlingstage genießen,
braucht doch ein Kind die Sonne genau wie die Blume zum sprießen.

Wie oft rieft Ihr dann durch´s Haus, das es geschallt.
Es brummt in der Ferne, Flieger kommen bald.
Dann hab´ ich, Ihr wißt´s es ist nicht gelogen,
oft 10 mal am Tag den Schwingern in den Schuppen gezogen.

Und wißt Ihr noch wie mal ein Ari´ Splitter an uns vorbeigeschwirrt
und bei uns sich im Garten verirrt ?
Und auch das werdet Ihr noch wissen,
wie wir uns dann weiter so durchgebissen
und wie wir uns vom Grünen ernährt, fast wie das Vieh.
Das meine lieben Kinder, das alles, vergesst es nie!

Und dann welch´ schöner Tag war es doch,
als wir nach langem Warten
vom Vati die Nachricht erhielten: "Ich lebe noch"
Und eines Tages hatten wir das Glück
und er kam zu uns gesund zurück.
In seinem Propus steht es heute noch zu lesen,
bis Ende "48" in Kriegsgefangenschaft gewesen.

Weißt Du noch mein Mädel, wie Dir Dein kleines Herzlein geklopft,
wie Dir die Tränen über die Bäckchen getropft ?
Weil dieser fremde Mann, der eben mit dem Zug gekommen
Dich einfach so in Besitz genommen.
Weil er, der auch Dich bis dahin nicht kannte,
Dich lachend und weinend " Dein Vati " nannte.

Wie von einem bösen Zauber waren wir bis dahin versponnen.
Erst dann hat unser Leben erst richtig begonnen.
Und das man schon wieder vom Krieg spricht, das ist doch vermessen
drum merkt´s euch gut, ihr sollt es nie vergessen.

Ein Krieg hat noch keinen glücklich gemacht,
er hat stets viel Leid über die Menschheit gebracht.
Drum ruft es laut, daß es alle hören.
Nie wieder soll ein Krieg unsere Heimat zerstören.
Wir wollen unsere Heimat immer schöner gestalten
und Freundschaft mit allen Völkern halten.



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© 2003 Gertrud Lehmann
Gedicht