Kriegsende in Sulzbach-Rosenberg/Obpf
Von
Volker Kuhlwein

Per Telegramm werden wir im Januar 1945 aus dem Weihnachtsurlaub ins Stammhaus des Großen-Militär- Waisenhauses nach Potsdam beordert. Das idyllische Landheim in Seebenstein liegt mittlerweile zu nahe an der Front. Aber bereits im Februar steht die Rote Armee auch an der Oder, der Großraum Berlin ist nun bedroht. Dies und die täglichen Bombenangriffe haben offenbar die Leitung des Hauses veranlaßt, die verbliebenen jüngeren Zöglinge wieder in eine der Dependancen des Hauses zu evakuieren, diesmal nach Sulzbach-Rosenberg in der Oberpfalz.

Es sind nicht mehr viele. Wir, die O2, 12jährige Quintaner, sind die Ältesten im Hause. Die Dreizehnjährigen und die noch Älteren sind im Einsatz bei Schanzarbeiten, bei der Flak oder beim Volkssturm. So finden wir uns Mitte Februar "feldmarschmäßig ausgerüstet", den Affen nach Vorschrift gepackt, Dreieckszeltplane und Wolldecke, Kochgeschirr und Feldflasche darauf festgezurrt und mit einigen Gewehren in jedem Zug versehen auf einem Bahnsteig des Potsdamer Bahnhofs ein.

Die Reichsbahn stellt für die ca. 60 Jungen, ihre Erzieher und die Möbelwagen zwei Güterwaggons und einen (oder zwei?) Personenwagen zur Verfügung, Holzklasse, jedes Abteil durch Türen beidseitig direkt zu betreten. Die Wagen werden an Güterzüge angehängt, die auf dem Weg nach Süden sind, soweit die Strecken gerade befahrbar sind.

Eine endlos erscheinende Reise beginnt, drei Tage und zwei Nächte. Wir sind uns weitgehend selbst überlassen. Die Erzieher, in einem gesonderten Abteil untergebracht, haben während der Fahrt keine Möglichkeit zur Kontrolle. Lesestoff oder Spiele sind nicht vorhanden. Die Disziplin nimmt mit der Dauer der Fahrt ab, die eigenen "Jungmann-Zugführer" können sich nicht durchsetzen, ich auch nicht. Wir liegen auf den Bänken, dem Fußboden oder in den Gepäcknetzen, hängen aus den Fenstern, ganz Mutige turnen auch während der Fahrt auf den Trittbrettern herum. Zum Zeitvertreib wird mit den mitgeführten Gewehren, geladen mit Papierkügelchen, im Waggon oder aus dem Fenster geschossen.

Verpflegung wird nur sehr unregelmäßig durch das Rote Kreuz verteilt, wenn der Zug einmal zufällig in der Nähe einer NSV-Verpflegungsstation hält. Das ist selten der Fall. Dann steht der Erzieher breitbeinig auf dem Gegengleis und brüllt: "Raustreten zum Essenfassen". Wir greifen unsere Kochgeschirre, treten auf dem Gleiskörper an und marschieren zur Gulaschkanone. Alles muß immer sehr schnell gehen, da niemand weiß, wann der Zug sich wieder in Bewegung setzt. Abgewaschen wird das Kochgeschirr mit Fingern und Zunge.

In der Nacht vom 13. zum 14. Februar stehen wir wegen Fliegeralarm sehr lange auf einem großen Rangierbahnhof in der Nähe der Leuna-Werke. Wir hören die endlosen Fliegerverbände über uns und sehen in der Ferne einen roten Streifen am Horizont. Das beruhigt uns. Wissen wir doch, daß der Angriff nicht den Leunawerken gilt und uns damit in Lebensgefahr bringt. Daß dies der Angriff auf Dresden war, der Stadt, in der meine Mutter und meine Geschwister jetzt lebten, erfahre ich erst viel später in Sulzbach. Sie sind aus ihrem total zerstörten Haus durch einen Mauerdurchbruch ins Nachbarhaus und schließlich ins "brennende Freie" gelangt und haben überlebt. Ein "Überlebenszeichen" erhalte ich allerdings nicht.

In der Nähe von Lichtenfels fahren wir durch den Heimatort eines Mitschülers. Den packt das Heimweh. Beim nächsten Halt schnappt er sich seinen Affen und verläßt den Zug. Keiner hält ihn zurück. Meldung an den Erzieher erfolgt erst, als dieser sich wieder sehen läßt.

Aus dem Fenster sehen wir in einer langen Kurve, daß wir einen Niederbordwagen mit einer darauf montierten Vierlingsflak im Zug mitführen. Unsere sachkundigen Spekulationen, daß dies zu unserem Schutz sei, weicht bald der Erkenntnis, daß wir an einen Munitionszug angekoppelt sind; denn die meisten Güterwagen sind mit dem "P"-Warnschild versehen. Das macht uns etwas nervös, möglichen Tieffliegern geben wir aber siegesgewiß keine Chance.

Mit diesem Zug erreichen wir den Bamberger Bahnhof, als die Sirenen Fliegeralarm ankündigen. Unser gerade eingeleitetes Essenfassen wird sofort unterbrochen. Der Zug wird eilends aus dem Bahnhof Richtung Süden in einen nahegelegenen Wald gefahren und uns wird befohlen, ohne Gepäck durch den Wald bis zur nächsten Lichtung zu laufen. Dort sehen wir die Rauchbomben, die als Zielmarkierungen über Bamberg abgeworfen werden, sehen die Flugzeugverbände und spüren die Detonationen der Bomben. Den Rest des Tages verbringen wir wegen dauernden Tieffliegerbeschusses zwischen Bamberg und Nürnberg überwiegend in den Gräben neben den Gleiskörpern. Erst nachts wird der Zug endgültig auf den Rangiergleisen in Nürnberg-Doos abgestellt. Einen in dieser Nacht auf Nürnberg geflogenen Fliegerangriff verbringen wir im sicheren Keller eines Stellwerkes, eng umgeben von dicken Baumstämmen, die die Kellerdecke abstützen sollten.

Im Morgengrauen kehren wir durch rauchende Trümmer, verbogene Geleise, vorbei an nicht entzündeten Stabbrandbomben, zurück zu unseren Waggons. Bis auf einige Fensterscheiben sind sie heil geblieben. Es sollte noch einen weiteren langen Tag dauern, das nur 60 km entfernte Sulzbach-Rosenberg zu erreichen.

Im Gebäude des ehemaligen Kreishauses werden wir provisorisch zunächst auf Strohsäcken untergebracht und erhalten die erste gewohnte "Waisenhausmahlzeit", süße Mehlklunker-Wassersuppe. Wir haben das Gefühl, zu Hause zu sein. Die Amerikaner stehen in diesen Tagen am Rhein.

Die geringen und seltenen Mahlzeiten im Heim werden auf einem Zweirad-Handkarren in großen Milchkannen aus der Küche der Waisenhauses in der Burg angeliefert. Gegessen wird aus den Kochgeschirren, später aus braunen Bakkalit-Schalen, die wir im Waschraum selbst abwaschen können. In den viel zu kleinen Tagesräumen findet gelegentlich stundenweise Unterricht durch die verbliebenen Erzieher statt, der aber schließlich ganz eingestellt wird, als in unser Gebäude noch eine Gruppe ungarischer Waffen-SS einquartiert wird.. Wir müssen noch enger zusammenrücken und schlafen jetzt in "Vierstockbetten". Die an sich unliebsame Einquartierung - die Ungarn sind jede Nacht betrunken und unsere Toiletten und Waschräume am nächsten Tag unbenutzbar - hat aber auch nahrhafte Vorteile. Die Ungarn kochen in einer Gulaschkanone auf dem Hof und dort liegt für sie ein großer Haufen Kartoffeln. Solange niemand Einwände erhebt, haben wir uns bedient, die Kartoffeln geschält und im rohen Zustand mit Salz bestreut gegessen. Als sie aber ihre Vorräte schwinden sehen, stellen die Ungarn Wachen auf und wir müssen die leicht angeschimmelten Kartoffelschalen aus unseren Papierkörben klauben, um den gröbsten Hunger zu stillen.

Die täglichen Ausbildungsübungen der Ungarn auf unserem Hof bleiben schließlich der Air-Force nicht verborgen. Immer wieder kreisen "Jabos" (Jagdbomber) über Sulzbach und unser Aufenthalt im Keller des Gebäudes wird zur vertrauten Gewohnheit. Abwechselnd haben zwei Schüler jeweils sog. Luftschutzdienst, d. h. sie halten sich vor dem Gebäude in unmittelbarer Nähe des Löschkarrens auf. Im Falle eines Brandes sollen sie sofort die bereitliegenden Schläuche an den Hydranten anschließen und mit dem Löschen beginnen. Bei einem solchen Lufzschutzdienst sitze ich mit einem Kameraden auf der Bank neben der Haustür und wir sehen verträumt den Übungen der Ungarn zu, als wie aus dem Nichts plötzlich ein Jabo im Tiefflug über das Gebäude rast. So schnell, wie ich die MG-Munition im Grand des Hofes aufspritzend wahrnehme, bin ich auch schon um die Ecke in den Keller gefegt. Verlassen der Wache? - Der Erzieher im Keller nimmt es kommentarlos hin.

Meine Stunde Null

Ich habe nie erfahren, was sich die Leitung des Hauses wirklich dabei gedacht hat, welche Absichten verfolgt wurden oder ob irgendwelche Befehle befolgt werden mußten. Mitte April 45 - die Amerikaner müssen schon vor Würzburg gewesen sein - erging der Befehl, aus der O2 (6. Schuljahr) eine Gruppe zusammenzustellen, die "Richtung Front" abrücken sollte.

Stolz, dabei sein zu können, packen wir erneut unsere Affen, dürfen aber nur das Marschgepäck mitnehmen. Meine kleine Kriegsschiffsammlung und sonstiger privater Tand bleibt nebst Sonntagsausgehuniform und Drilligzeug im Spind. Ein Pferdefuhrwerk wird mit Verpflegung und Kochuntensilien beladen, die wenigen Gewehre, die wir haben, zwischen die Kartoffelsäcke verstaut. Antreten, abzählen, Meldung an den Erzieher, "im Gleichschritt, marsch", solange wir im Ort sind, später im Gelände "ohne Tritt", vermutlich weil das Pferdefuhrwerk nicht mithalten kann. Wohin? Ganz Schlaue wissen etwas von der Alpenfestung, die es zu verteidigen gilt. Die Richtung stimmt, Südwesten. Um Tieffliegern zu entgehen, werden abseits vom Hauptstraßennetz überwiegend Feld- und Waldwege benutzt. Das Gefühl für die Entfernung von unserem Standort Sulzbach-Rosenberg schwindet. Wir marschieren,- mit Vorhut, Flankensicherung und Nachhut, so wie wir das jahrelang bei Geländespielen geübt haben.

Gegen Abend erreichen wir das Dorf Hackern, keine 15 km von Sulzbach entfernt. Unser Erzieher organisiert für uns die Unterkunft in einer Scheune bei einem unwilligen Bauern. Er selbst bezieht ein Privatquartier in einem Bauernhaus. Zu unserer großen Überraschung marschieren wir am nächsten Tag nicht weiter sondern richten uns ein. In der Tenne werden die Affen ordnungsgemäß aufgereiht und aus dem Heuboden soetwas wie ein Schlafsaal gemacht. Wachen und Küchendienste werden eingeteilt, Wasser muß von einem Trupp regelmäßig aus einer entfernten Quelle besorgt werden, Geländeerkundungsgänge werden angeordnet, ansonsten die üblichen Appelle.

Die Nähe der Front und den Ernst der Lage erfahren wir am zweiten oder dritten Aufenthaltstag. Bei einem Erkundungsgang wird um uns herum geschossen, aber keiner weiß, woher es kommt, ob es uns gilt und ob es Freund oder Feind ist. In der Ferne hören wir Geschützdonner. Ständig sind irgendwelche Jabos in der Luft, vor denen wir in Deckung gehen müssen. Im Schleichgang geht es zurück ins Quartier.

Abends kommen die letzten Reste deutscher Truppen durchs Dorf - auf dem Rückzug oder auf der Flucht? Schlecht gekleidete, müde und abgekämpfte Gestalten, überwiegend zu Fuß oder auf einem Pferdewagen. Nur ein Schützenpanzer fährt mit hoher Geschwindigkeit Richtung Osten. Von militärischer Ordnung keine Spur. Als ein älterer Landser versucht, beim Bauern Zivilkleidung zu erstehen und seine Uniform ausziehen will, läßt sich unser Erzieher von unserem Hundertschaftsführer seine Uniformjacke mit den Hauptmannsschulterstücken samt Offizierskoppel und Pistole bringen und befiehlt ihm mit vorgehaltener Waffe, die Auffangstellung aufzusuchen.

Danach kehrt Ruhe ein im Dorf, beängstigende Ruhe. Wir vermuten, daß zwischen uns und den Amerikanern keine deutschen Truppen mehr stehen und warten nun doch recht bange auf irgendwelche Befehle zum Einsatz. Aber unser Erzieher ordnet Nachtruhe an, ohne Wachen, im Heuboden. Wir ziehen unsere Uniformen aus, legen sie ordentlich gepackt auf unsere Affen, ziehen die Trainigsanzüge an, klettern die wacklige Treppe hinauf, und wickeln uns in die Decken.

Gegen 6 Uhr morgens, die Dämmerung hat gerade eingesetzt, weckt uns gewaltiger Geschützdonner und gleich danach das Geräusch rasselnder Panzerketten. Daß dies die Amerikaner sein mußten, wird uns klar aus den Sprachfetzen, die zu uns heraufdringen. Was sollen wir tun? Wo bleiben die Befehle? Wo, verdammt noch einmal, ist unser Erzieher?

Lähmendes Entsetzen erfaßt uns, als die Stimmen unter uns in der Tenne zu hören sind und irgendwo außen an der Scheune ein Feuer entsteht. Die Flammen sind bis oben durch die Bretterritzen sichtbar. Wollen die Amis uns ausräuchern? Die Flucht mit einem Sprung auf die angrenzende Wiese wäre zwecklos, weil diese keine Deckung bietet. Sollen wir uns verbrennen lassen? Unser ganzer großdeutscher Mut schwindet dahin. Einige Mitschüler weinen und wimmern, als wir ein Knarren auf der windigen Treppe vernehmen. Ich richte mich auf und sehe zuerst eine MP, dann einen Stahlhelm und blicke unmittelbar danach in das Weiße der Augen eines Schwarzen.

Dann geht alles sehr schnell. Der Schwarze ist mit einem Satz mitten auf dem Heuboden, hinter ihm stürmen noch drei, vier weitere Soldaten herauf und schreien in ständiger Wiederholung: "Get up, hands up, get up, hands up". Wir schälen uns alle eilends aus unseren Decken und stehen den Amerikanern mit erhobenen Händen gegenüber. Irgendeiner von den Soldaten ruft etwas nach unten. Ein Offizier erscheint und redet Unverständliches auf uns ein. Das einzige Wort, das wir verstehen, ist Werwolf. Nun wird uns klar, warum wir noch in den letzten Tagen den Spruch auswendig lernen mußten: "We are pupils from the orphanage asylem in Sulzbach Rosenberg".

Wir wissen nicht, was der Offizier mit dieser Auskunft anfangen kann, aber die anfängliche Spannung legt sich etwas. Immerhin registriert er wohl, daß er es mit einer Horde Zwölfjähriger zu tun hat, deren Uniform zwar der deutscher Wehrmachtssoldaten gleicht und die in der Tenne über militärische Ausrüstung verfügen, die aber ohne Führung durch einen Erwachsenen sind. Vielleicht hat ihn auch die Tatsache milde gestimmt, daß etliche von uns hemmungslos heulen. Seine weiteren Fragen können wir nicht verstehen.

Die Soldaten klopfen uns auf Waffen in den Trainigsanzügen ab, andere durchstöberen das Heu nach versteckten Waffen. Sie fördern auch tatsächlich eine Landseruniform samt Gewehr zutage, die in einer Ecke im Heu versteckt ist und die selbst wir in den Tagen zuvor nicht entdeckt haben. Ein Deserteur, der die Scheune schon vor uns benutzt hatte? Auch Fragen danach, können wir mit unseren geringen Englischkenntnissen und aus Angst, etwas Falsches zu sagen, nicht beantworten. Immerhin verstehen wir soviel, daß wir den Heuboden einzeln verlassen und uns auf dem Hof versammeln sollen.

Dort stehen viele verschiedene amerikanische Militärfahrzeuge und Soldaten in Gruppen herum. Als sie uns mit erhobenen Händen aus der Scheune treten sehen, haben wir das Gefühl, daß sie uns auslachen. Vor der Tür des Bauernhauses steht der unwillige Bauer und wird offenbar vernommen. Es muß wohl ein Dolmetscher sein, den er über unsere Herkunft aufklärt, denn danach entspannt sich die Situation endgültig. Der Offizier gibt irgendwelche Anordnungen, der größte Teil der Truppe zieht weiter. Bei uns bleiben einige Soldaten mit einem Sergeant, der nun denn auch die Befehlsgewalt über uns hat.

Wir wagen es nun auch, wieder miteinander zu reden und finden es zunächst einfach skandalös, daß unser Erzieher nicht zu sehen ist. Er mußte am Abend vorher getürmt sein. Als wir ihn zuletzt gesehen haben, hatte er Zivil an. Das kannten wir an ihm bis dahin gar nicht. Vaterlandsverräter !?

Drei oder vier Tage lassen uns die Amerikaner mit einer kleinen Mannschaft von Bewachern im Dorf. Obwohl unberechenbar in ihren Reaktionen, gibt es über Kaugummi, Schokolade und "Five-Ration-Packets" die ersten freundschaftlichen Kontakte. Hunger korrumpiert. Ohnehin ausschließlich auf Befehl und Gehorsam gedrillt, folgen wir widerstandslos den neuen Leitwölfen. Im Gelände des Bauernhofes dürfen wir uns frei bewegen. Mit einem nie vorher gekannten Gefühl der Erleichterung sehen wir Bomber- und Jaboverbände über uns hinwegziehen. Für uns geht von ihnen jetzt keine Bedrohung mehr aus. Wir können stehen bleiben und die glitzernden Vögel in aller Ruhe betrachten, der Krieg ist für uns zu Ende.

Einige Tage später marschieren wir nach Sulzbach zurück. Den oberen Schloßhofbereich haben die Amerikaner abgesperrt und für ihre Truppen requiriert. Uns werden in dieser "Kaserne" zwei Räume zugewiesen, und dieses Kasernengelände dürfen wir nicht verlassen. Wir werden von den Amerikanern verpflegt und haben dafür Versorgungsdienste zu leisten: Küchendienst, Räume säubern, Wäsche waschen,-- eine durchaus angenehm von uns empfundene "Gefangenschaft". Gegenüber den anderen, im unteren Teil der Burg konzentrierten Jüngeren, sind wir die Privilegierten, die reichlich zu Essen haben.

Einzig unangenehm sind die Launen der GI's, die wir nicht einschätzen können und denen wir wehrlos ausgesetzt sind. Wenn es einem GI einfällt, Messerwerfen zu üben, dann stellt er schon einmal einen Jungen von uns vor eine Eichentür im Schloßhof und plaziert mit gezielten Würfen seine Messer rings um dessen Kopf. Beim Fegen eines Raumes wird mir demonstriert, daß Benzin, auf der Kleidung in Brand gesetzt, keine Löcher hinterläßt. Auf meiner Trainigshose befindet sich anschließend nur ein handflächengroßer Fleck. Andererseits lernen wir schnell, aus den reichlich eingesammelten Zigarettenkippen Kapital zu schlagen. Über Mittelsmänner hinausgeschmuggelt, konnte man für 4 Kippen einen Laib Brot im Ort erstehen.

Der Zustand zwischen Willkür der Mächtigen und Anarchie verändert rasch unser Bewußtsein. Wer überleben will, ist auf sich selbst gestellt, eigenverantwortlich. Das Führerprinzip hat ausgedient, die angelernte Wertordnung ist zerfallen. Den Alliierten sei's gedankt! Was wäre aus uns geworden, wenn....? Hätten wir auch eines Tages als "willing executioners" an der Rampe gestanden und über Leben und Tod anderer Menschen mit einem Fingerzeig entschieden?

Im Juni 1945 erhalten wir eine Registrierungskarte und im August werden wir dem Stammhaus im unteren Burggelände wieder zugeführt. Schmalhans ist wieder Küchenmeister. Von den ehemaligen Erziehern sind nur wenige "Unbelastete" verblieben. Die Leitung des Hauses, in das immer mehr Flüchtlingskinder, deren Eltern nicht auffindbar sind, eingewiesen werden, übernimmt ein Amerikaner, der von der Militärregierung eingesetzt ist. Wir sind uns lange Zeit weitgehend selbst überlassen, bis die "Innere Mission" der evangelischen Kirche das Haus übernimmt und es in "Großes Evangelisches Waisenhaus" umtauft.

In der Annahme Vollwaise zu sein, habe ich bei der Registrierung als Heimatanschrift die meiner Großeltern in Pirna angegeben. Zu dieser Zeit war auch nicht absehbar, was aus uns im Waisenhaus werden sollte. Viele meiner Kameraden haben sich heimlich nachts auf den Weg gemacht in der Hoffnung, irgendwie ihren Heimatort zu erreichen, obwohl vielerorts Ausgangssperre war und keiner von uns eine Ahnung von der politischen Großwetterlage hatte. Ich entschloß mich zu bleiben, weil ich auch nicht sicher wußte, ob meine Großeltern in Pirna noch lebten.
Zwischenzeitlich veröffentlicht beim Specht-Verlag ISBN 3-925325-68-9

SeniorenNet Hamburg
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