Absturz
Von Volker Kuhlwein

Als „Jungmann“ (Kadett) im Großen Militär-Waisenhaus Potsdam, in der ersten und zweiten Klasse Oberschule ausgelagert nach  Seebenstein / Niederdonau, hatte ich Pflichtausgang ...jeden Sonntag zwischen 14 und 18 Uhr! Der EvD, Erzieher vom Dienst und gleichzeitig Heimleiter, wollte einmal in der Woche für einige Stunden ohne die Meute von 40 Elfjährigen im Landheim II in Seebenstein seine Ruhe haben,  - oder gab es andere Gründe?

An einem sonnigen Sommersonntag 1944 (?) verlassen wir in einer Gruppe von fünf oder sechs Schülern pflichtgemäß das Haus und machen uns auf zum etwa 5 km entfernten Schwarzachfluß im Nachbartal, einem herrlichen, weiten Spielgelände mit großen Kiesbänken in flachem Gewässer. Wir buddeln im Kies, bauen Kanäle, Deiche und Staudämme, lassen aus Borkenrinde geschnitzte Schiffchen fahren und nehmen nur im Unterbewußtsein den Radfahrer mit seiner Handsirene auf dem Fahrrad auf der etwa zweihundert Meter entfernten Landstraße wahr, der damit Fliegeralarm ankündigt.

Erst allmählich lauter werdende Motorengeräusche lassen unsere Blicke gen Himmel schweifen. Da sind sie wieder, die Bomberverbände, die „Terrorbomber“ der Tommies, wie wir sie zu nennen pflegen. Im Gebüsch sitzend schauen wir in den stahlblauen Himmel auf die zahllosen winzigen, silberglänzenden Punkte mit ihren Kondensstreifen über uns und fantasieren darüber, ob sie wohl einen Angriff auf den Fliegerhorst in Wiener Neustadt oder auf die Stadt Wien fliegen. Als die ersten weißen Wölkchen sichtbar werden, stellen wir befriedigt fest, daß „unsere Flak“ ihnen den gebührenden Empfang bereitet und erwarten voller Spannung den ersten Treffer.

In unserer dörflichen Umgebung sind noch keine Bomben gefallen, und so fühlen wir uns außer Gefahr, bis plötzlich tatsächlich ein Bomber ziemlich genau über uns aus dem Verband ausschert und unter merkwürdigem Motorengeheul ganz langsam näher kommt. Hat der uns entdeckt? Werden wir jetzt unter Tieffliegerbeschuß genommen? Schatten aufsuchen und flach hinlegen, haben wir gelernt, aber dazu kommen wir nicht. Der Bomber brennt ganz außen an der rechten Tragfläche und wird nur noch von den Motoren der linken Tragfläche gezogen. Dadurch stürzt er nicht senkrecht ab, sondern beschreibt, sich  langsam dem Erdboden nähernd, einen wohl kilometergroßen spiralförmigen Kreis. Über dem Flugzeug sehen wir die ersten Fallschirme aufgehen. Jetzt ist klar, der Bomber stürzt ab, - aber wohin? Genau auf uns?

Panik ergreift uns. Wir rennen über den Acker zum nächstgelegenen Gehöft, immer mit einem kurzen Blick nach oben zum herannahenden Verfolger. Das Motorengeräusch schwillt je nach Entfernung von uns auf oder ab. Im Rennen rufen wir uns noch zu, daß wir uns beim Aufschlag des Flugzeuges hinwerfen müssen, da sicher mit der Explosion einer Bombenlast zu rechnen ist.

Wir haben das Gehöft noch nicht ganz erreicht, als wir mit der Nase im Dreck den Aufschlag hören. Danach ist Stille, nichts, keine Explosion, und wir sind unversehrt. Wir können es kaum glauben: auf seinem spiralförmigen Flug ist der Bomber weit entfernt von uns am anderen Schwarzachufer aufgeschlagen. Eine dicke Rauchwolke hinter der Uferböschung kündet von der Absturzstelle. Über uns nur noch zwei Tommies an Fallschirmen, die in die Richtung eines nahegelegenen Waldes treiben. Unsere Todesangst von eben mischt sich mit eingedrilltem Pflichtbewußtsein. Wir müssen den Absturz und die beiden Fallschirmspringer melden, bevor wir uns zum anderen Ufer aufmachen, um das Wrack zu besichtigen. Ein mürrischer Bauer mit einem Luftschutzhelm auf dem Kopf, der die Vorgänge natürlich selbst beobachtet hat, nimmt uns nach Erreichen des Gehöftes in Empfang. Er hört sich gelangweilt unsere gestotterte Meldung an, schiebt uns in eine Kartoffelmiete und schließt uns darin ein mit den Worten: „Da bleibt's drin, bis ich euch hol.“ Wir sind enttäuscht, widersprechen aber selbstverständlich nicht.

Immerhin hat der Mann kraft seines Helmes eine erkennbar offizielle Funktion und damit Befehlsgewalt. Und wir haben gelernt, jedem Leitwolf zu folgen und zu gehorchen, wenn er nur als solcher zu erkennen ist. Als Flaksplitter vor der Kartoffelmiete herunterrieseln, wie wir durch die Türritzen erkennen können, sind wir froh über diesen Unterstand. 

Mit Verspätung kehren wir am Abend von unserem Pflichtausgang ins Heim zurück. Unser Erzieher nimmt unseren Bericht zum Anlaß, einige Tage später einen Ausmarsch zum Flugzeugwrack anzusetzen. Die Trümmer liegen am anderen Schwarzachufer, ziemlich weit verstreut. Vor einer abgerissenen Hand, die in einem mit Stromkabeln versehenen Fliegerhandschuh steckt, verzehren meine Freunde und ich unsere mitgebrachte Jause und „fachsimpeln“ über die Ausrüstung der englischen Bomberpiloten. Keine Trauer, kein Entsetzen, nur das Gefühl des Triumpfes über einen miterlebten Abschuß. Nazi-Drill! Erziehung ... wozu?

Zwischenzeitlich veröffentlicht beim Specht-Verlag ISBN 3-925325-68-9
SeniorenNet Hamburg
© 1999 Volker Kuhlwein