Als Schachtelkleber in Gorki
Meine letzte Station als Kriegsgefangener
Tagebuchaufzeichnungen kommentiert
von Willi Krück

Willi Krück wurde im März 1945 als 22jähriger junger Leutnant in Kurland verwundet und lag beim Einmarsch der sowjetischen Truppen am 2. Mai in Graal-Müirtz im Lazarett. Die Hoffnung auf eine baldige Entlassung aller Verwundeten erfüllte sich für ihn nicht. Aus seinen umfangreichen autobiografischen Aufzeichnungen ist der folgende Auszug entnommen.

Ein armer Teufel
Nach dem etwa zweistündigen Marsch durch den hohen Schnee erreichten wir die kleine Station an der Bahnlinie Kirow - Gorki. In der Erinnerung sehe ich uns in dem kleinen Eingangs- und Warteraum auf der Holzbank oder auf dem Bretterboden, mit dem Rücken an die Holzwand gelehnt, sitzen. Wir aßen einen Teil der Marschverpflegung, und unser Bewacher hämmerte uns ein: "Zug ‚chält' nur ‚chalbe' Minute, wenn Zug steht, schnell einsteigen!!" Dann öffnete ein anderer Uniformierter mit MP die Tür und ließ einen ungepflegt aussehenden Gefangenen in die Bude treten. Dieser bemerkte schnell, dass wir Kriegsgefangene waren, zeigte mit dem Finger auf sich und hielt dann die gespreizten Finger beider Hände so gekreuzt gegeneinander, dass es ein Gitter ergab, ein unmissverständliches Zeichen, woher er kam und wohin er wieder sollte. Ich sagte: "Dem armen Kerl geht es dreckiger als uns!" und reichte ihm ein kleines Stück von meinem Brot, auch die anderen zweigten einen Happen ab. War er ein Insasse des Straflagers nebenan, wo ich die Sockel gebaut hatte?

In Richtung Gorki
Es war draußen inzwischen dunkel geworden, als die Geräusche eines nahenden Zuges zu hören waren. Unser Bewacher trieb uns nach draußen und zur Eile an - "Dawai!" Der Zug hielt, unser Iwan riss die nächstliegende Waggontür auf, sprang hinauf und riss uns, einen nach dem anderen förmlich hoch in den Waggon, so dass wir zunächst fast bäuchlings auf dem Boden landeten. Die schwere Schiebetür war kaum zugeschoben, als sich der Zug auch schon in Bewegung setzte. Wir rappelten uns hoch und erkannten, dass sich rundherum an den Wänden Bänke befanden. Ein paar Sowjetbürger saßen dort schon. Ich erinnere mich nicht mehr, ob auf weiteren Stationen noch Reisende zustiegen, weil wir mehr oder weniger durch die Nacht dösten.

Es war heller Morgen, als wir die Millionenstadt Gorki erreichten. Irgend jemand hatte die Tür geöffnet: Was für ein ungewohnter Blick nach des Waldes Einsamkeit! Ich glaube, wir staunten wie Landkinder (als es noch kein Fernsehen gab), die das erste Mal in eine große Stadt kamen. Der Zug rumpelte langsam über die ziemlich lange Wolgabrücke. Als unser Wachmann uns durch die Straßen führte, war mir, als käme ich in eine andere Welt: die vielen Menschen, die zur Arbeit oder zum Einkauf eilten, die Häuserblocks, das ungewohnt Laute des Stadtverkehrs - ‚Trellobusse' (elektrisch betriebene Omnibusse mit Oberleitungen wie bei der Straßenbahn) fuhren vorüber, LKW. Erinnere ich auch PKW? Ich wurde an meinen ersten Hamburg-Besuch erinnert: Das laute Getöse empfand ich fast verwirrend nach den anderthalb Jahren in der Stille des Waldes.

Bald erreichten wir das Nebenlager und staunten weitere Male: Es war keine niedrige Holzbaracke, sondern ein gemauertes Gebäude! Und dann: Der deutsche Lagerleiter begrüßte uns mit den Worten: "Ihr habt sicher Hunger, es gibt gleich eine Suppe." War so etwas noch möglich??! Nicht zu fassen! Und es ging so noch weiter: Wir wurden der Ärztin vorgeführt. Bei der letzten Kommissionierung im Waldlager waren wir alle als "Zweier" in die Liste eingetragen worden. Wenn ich nicht irre, wurden jetzt fast alle in die niedrigere Arbeitskategorie "drei" eingestuft!

Schachtelkleber
Es folgte die nächste Überraschung. Der Lagerleiter bot uns "Dreiern" zwei Alternativen an: Entweder Innendienst, d. h. fegen, putzen, reinigen - oder die Schachtelkleberei. "Was ist das?" "Da werden Zigarettenschachteln für eine Tabakfabrik produziert". Natürlich entschied ich mich ohne Überlegung für das Schachtelnkleben! Mit dem "Spezialisten" im Sinne der Aussonderung im Waldlager für Gorki wurde es also nichts, aber ein "Spezialist" wurde ich dennoch - oder nur Fließbandarbeiter?

Ich glaube, wir waren drei oder vier, die den großen Schlafraum wieder verließen und durch einen Seiteneingang in die Schachtelkleberei geführt wurden. Hier lebte, arbeitete und wohnte in drei hohen Räumen die 15-Mann-Brigade, die Zigarettenschachteln produzierte. Im Eingangsraum wurde alles, was sozusagen zur Organisation einer Produktionsstätte nötig ist, abgehandelt bzw. erledigt. Die Tabakfabrik lieferte das Material, die Karton- und Papierbogen (z. T. vorgefertigt) für die Böden und Deckel der Zigaretten- bzw. Papirossi-Schachteln sowie die Etiketten und den Kleber. Ich meine, einmal wöchentlich wurden die fertigen Schachteln abgeholt. Das alles zu organisieren, war Aufgabe des deutschen Brigadiers. Er war ein ‚Stalingrader', also bereits seit Anfang 1943 in sowjetischer Gefangenschaft, einer der Soldaten der 6. Armee, die nach mörderischen Kämpfen in Stalingrad in die gefürchtete und damals wohl ebenso mörderische sowjetrussische Gefangenschaft geraten waren. Wir wussten Anfang 1948 nicht, dass nur 6000 der 90.000 Stalingrader Gefangenen in den Lagern überlebt hatten und nach langen Jahren wieder in die Heimat zurückkehren durften. Ich vergaß den Namen unseres Brigadiers. Er war Akademiker. Der eher verschlossene, aber nicht unfreundliche Mann wohnte und schlief allein im Eingangsraum, also nicht im dritten Raum, der unser Schlafraum war. Auf sein Zuhause und seine Angehörigen angesprochen, antwortete er, dass die Verbindung seit Stalingrad abgebrochen sei. "Die halten mich für vermisst, und so soll es auch bleiben, bis ich wieder da bin." Die Kommunikation mit unserem Brigadier beschränkte sich im Wesentlichen auf die gemeinsame Arbeitszeit. Er war an unseren Unterhaltungen nach Feierabend nicht beteiligt. - Beim abendlichen Austausch von Erinnerungen wurde mir deutlich, wie wichtig schöne Erlebnisse im Leben sind, besonders als einmal einer der kleinen Runde nach meinem Gesprächsbeitrag sagte: "So schöne Erinnerungen, wie du sie hast, möchte ich auch haben!"

Der Arbeits- oder Produktionsraum war schmal und hatte auch nur Oberlicht, also keine Fenster in normaler Höhe. Wir arbeiteten ständig bei elektrischem Licht. Rundherum an den Wänden waren recht schmale Arbeitsplatten befestigt. Die Beinfreiheit war also beschränkt, zu beengt, um die Beine zwischendurch mal strecken zu können. In der Werkstatt für die Fließbandarbeit per Hand begann es für mich mit dem Umkleben der angeritzten und an den Ecken ausgestanzten Schachtelböden mittels Papierstreifen und Kleber. Je 20 Böden wurden im Wechsel quer und lang gestapelt, so dass sie bei Arbeitsschluss schnell gezählt waren. Als ich am ersten Tag nach sechs Stunden mühevoller und eintöniger Klebearbeit meine wenigen Stapel sah, fragte ich nach der Norm. Es war nur ein Bruchteil der Norm, was ich fabriziert hatte. Der Brigadier lachte und meinte: "Reine Übungssache!" Ich brachte es bald zur Norm, etwa 200 pro Arbeitstag. Der nächste Werdegang der Schachtel war das Einkleben der stabilen Innenseiten (Karton). Danach wurde der ebenfalls angeritzte und ausgestanzte Deckel aufgesetzt, und beide Teile wurden mit einer breiteren Banderole umklebt, die überstehenden Teile per Hand umgefalzt und auf Deckel und Boden geklebt. Nun war die Schachtel im Prinzip fertig. Bevor drei Seiten (in der Mitte der Banderole) aufgeritzt wurden, mussten die Deckel- und Bodenetiketts aufgeklebt werden.

Die mangelhafte Bewegungsfreiheit der Beine an diesen schmalen Tischflächen machte mir je länger desto mehr zu schaffen: schmerzende Knie (rheumatisch) und geschwollene Beine (Unterschenkel): Wasserstau. Später meinte ein Diagnostiker: Hungerödem. Die gesundheitlichen Folgen dieser Arbeitsplatzmisere werden in meiner Biografie noch öfter genannt werden.Der Schlafraum hatte eine die Hälfte des Raumes füllende durchgehende Doppelpritsche von Wand zu Wand, also zwei übereinander. Jeder hatte genügend Platz - auch vor der Pritsche, wo ein Tisch mit zwei oder drei Stühlen stand. Wasch- und Toilettenraum erinnere ich nicht mehr, sicher Indiz dafür, dass beide in Ordnung waren - mit fließendem Wasser.


Die sowjetische Hymne zum Wecken
Wie hatte sich unser Gefangenenleben doch positiv geändert! Schon morgens um sechs Uhr meldete sich Radio Moskau über Lautsprecher. Nach dem Gong sagte die Nachrichtensprecherin: "Radio Moskwa, tsches tschasow!" (Radio Moskau, es ist sechs Uhr). Ich glaube, sie begrüßte ihre "Genossinnen und Genossen" mit "Guten Morgen!" Und dann erklang die Hymne der Sowjetunion, die mich in den folgenden Jahrzehnten bei internationalen Sportveranstaltungen oder bei den Olympiaden, wenn sowjetische Athleten/innen siegreich waren, immer wieder an diese frühen Morgenstunden in Gorki erinnerte. Den nachstehenden Text der Hymne las ich in Jochen Blumes Roman:
Vom Amur bis an die Beresina, von der Taiga bis zum Kaukasus
wandelt frei der Mensch in seiner Schönheit, ist das Leben Wohlstand und Genuss.
Teures Land, kein Feind soll dich verheeren.
Teures Land, du kannst nicht untergehn.
Denn es gibt kein schönres Land auf Erden, wo so frei das Herz dem Menschen schlägt.
Es fehlte mir bei diesem Text das "...Sowjetski Sojus..." (Sowjetunion), die einzigen Vokabeln, die ich meines Erinnerns damals verstand. Aber der letzte Satz "... es gibt kein schönres land auf Erden, wo das Herz so frei dem Menschen schlägt", den wir damals schon - mit Skepsis - übersetzt hörten, veranlasste mich, diesen Text hier einzufügen, obgleich mir später noch zwei andere Textversionen der alten Sowjethymne freundlicherweise überlassen wurden (s. unter [7]). - Schlug das Herz der Menschen in der SU wirklich "so frei"? Ich denke, die Masse des Volkes hat es ebenso geglaubt, wie wir unter Hitler auch glaubten, freie Menschen zu sein. "Nur der Freiheit gehört unser Leben ...," sangen wir in der Hitler-Jugend-Zeit aus voller Überzeugung, ebenso wie wir an die Größe Deutschlands unter Hitlers Führung damals glaubten. Schade, dass unsere Sprachkenntnisse nicht ausreichten, um die Radio-Meldungen zu verstehen. Nur Weniges konnten wir übersetzen, der eine mehr, der andere weniger.

Es besuchte uns mindestens zweimal in der Woche ziemlich regelmäßig Schwester Tamara. Ich erinnere die Mitdreißigerin als ruhigen Typ, der wohl aus Verständigungsschwierigkeiten nicht sehr gesprächig war, und ich denke, sie war für vieles zuständig, vor allem für Gesundheit und Hygiene. Dass es überhaupt so eine Mittelsperson nach draußen gab, war für uns aus dem Waldlager auch wieder etwas Erstaunliches.

Währungsreform am Beginn des Jahres 1948
Es schlief bei uns im Schlafraum auch ein Stuckateur, der nicht zur Schachtelkleberbrigade gehörte. Tagsüber arbeitete er in der Stadt in öffentlichen Gebäuden, wo er Stuckverzierungen einbrachte oder alte erneuerte. Eines Abends hatte er sich ein Kochgeschirr voll Kartoffelbrei gekocht. Ich denke, uns lief beim Anblick seiner genüsslichen Mahlzeit aus dem Vollen - er saß auf der oberen Pritsche - das Wasser im Mund zusammen. Als er alles verzehrt hatte, ließ er sich stöhnend ob des vollen Bauches zurückfallen. Aber wir hofften, auch bald mal so genießen zu können: Seit Anfang des neuen Jahres war mit der Währungsreform (ähnlich der deutschen 1948 in den drei Westzonen) der Rubel wieder etwas wert: für drei Rubel konnte man in der Stadt ein Brot kaufen, und unsere Aussichten, auch in der Schachtelkleberei Rubel zu verdienen, standen gut, wie wir hörten.

Eine Beerdigung in der atheistischen Sowjetunion
Einer der Wachmannschaft brauchte eines Tages vier Träger für den Sarg mit seiner verstorbenen Mutter. So erlebte ich als Sargträger eine Beerdigung nach russischer Sitte, zumindest zu jener Zeit, als der Atheismus vorherrschend war. Wir trugen den offenen Sarg mit der friedlich ruhenden Madka vom LKW zur offenen Gruft auf dem Friedhof, stellten den Sarg zunächst seitlich neben die vorbereitete Grube und verharrten mit dem Sohn und ein paar anderen Teilnehmern in einer kurzen, stillen Minute des Abschiednehmens. Danach deckten wir die Tote mit dem Sargdeckel zu, den wir mit Nägeln befestigten. Nachdem wir den Sarg langsam in die Grube gesenkt hatten, folgte die zweite stille Minute der Trauernden. Damit war das Beerdigungszeremoniell beendet. Nach dem "Spassiba!" (Danke!) des Trauernden wurden wir zurückbefördert.

Viel freie Zeit
Was machten wir mit der arbeitsfreien Zeit in Gorki? Im Waldlager war Holz der Werkstoff für die Freizeitbeschäftigung gewesen, hier gab es Papier und Karton, und Stifte zum Schreiben waren ebenfalls leicht zu beschaffen. Wie es im Waldlager Künstler mit dem Schnitzmesser gab, so gab es hier Fachleute, die mit Papier, Karton, Schere, Messer und Lineal etwas zu gestalten wussten: Bereits am 20. Januar besaß ich ein Schreibbuch, das TAGEBUCH. Es steht absichtlich in Großbuchstaben, weil Tagebuchaufzeichnungen in und aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft ganz sicher zu den Seltenheiten zählen. Es gibt viele Erinnerungsberichte .... aber Tagebuchaufzeichnungen - zumindest bis 1948 - waren 1. für den durchschnittlichen Plenni kaum möglich wegen des fehlenden Papiers; es war schwer zu beschaffen, 2. fiel bei den Heimtransporten alles Geschriebene den Filzungen zum Opfer und 3. bestand die Gefahr, bei der letzten Filzung in Brest-Litowsk, wieder zurückbefördert zu werden, wenn Aufzeichnungen entdeckt wurden, die die UdSSR negativ darstellten. Es wurde von derartigen Beispielen erzählt. Ich hatte in allen drei Punkten großes Glück. Weil mir mit Blick auf die Millionen deutscher Kriegsgefangenen in der SU ein wohl recht seltenes Zeitdokument vorliegt, werde ich weitgehend daraus zitieren.....

Aus meinen Tagebuchaufzeichnungen ( kommentiert)

Gorki, Dienstag, d. 20. Januar 1948
Heute ist mein Tagebuch fertig geworden, und ich will auch heute noch den Anfang machen. - Walter Glatzle ist der Schöpfer dieses wunderbaren Buches. Ich freue mich sehr darüber. Walter ist Bildhauer von Beruf. Ich verehre und achte aber nicht nur den Künstler in ihm, sondern auch den Menschen - und dies ist besonders für die Gefangenschaft an erster Stelle zu nennen. Wer die "Universität des Lebens" mit der Note "ein sauberer, gerader Charakter" absolviert, ist vielleicht eher als wertvolles Glied unserer menschlichen Gemeinschaft zu nennen als mancher, dessen Name Weltruf genießt. Walter ist Vorbild, an dem man sich aufrichten kann. Leider haben sich nicht alle Offiziere als Vorbild erwiesen in der Gefangenschaft. - Aber solche Gedankengänge wollte ich eigentlich gar nicht auf der ersten Seite meines Tagebuches festhalten."..... "20. I. 23°° Uhr: Ich mußte unterbrechen, weil eine Lagerversammlung stattfand. Auf der Tagesordnung stand: 1. Ein kurzer politischer Vortrag vom Aktiv-Ältesten Seifermann (gemeint ist das Antifa-Aktiv) über die Einheit Deutschlands, 2. die Wahl von Delegierten zur Teilnahme an der Konferenz des gesamten Lagerbereichs 117 im Lager 5, und 3. Aussprache über Fragen des Lagerlebens. - Als "Sonntagsjunge" war ich mal wieder Glückspilz heute Abend: Ich gehe am Sonntag mit nach Lager 7 als Delegierter unseres Lagers zur Lagerkonferenz. Sieben Mann wurden insgesamt gewählt. Der Grund, warum ich dabei war, ist nicht meine allgemeine Popularität, sondern weil ich von Karl Althof vorgeschlagen wurde. - Karl Althof kam mit mir aus dem Waldlager. Vielleicht ist in unserer Postangelegenheit etwas zu machen.( Dieser letzte Satz bedeutet sicher, dass es uns bei einem Lagerwechsel zu lange dauert, bis man wieder mit Post rechnen kann.) Die offene Aussprache und Kritik über Mängel und Missstände, die unser Lagerleben betreffen, war interessant. Aber der 20. Januar geht zu Ende, und der Körper fordert endlich Ruhe.

21. I. 1948: Es ist schon wieder spät geworden. Die Tage sind immer derart ausgefüllt, dass ich vorerst gar nicht so ausführlich schreiben kann, wie ich gern möchte. .... Heute gab es Graupen in den Magazinen zu 3,6 Rubel pro Kilo. Der Andrang und die Schlange waren ebenso so stark, und so lang wie gestern beim Öl, das zu 29 Rubel das Kilo verkauft wurde. Ich ließ mir ½ Kilo Graupen mitbringen; es sind ganz grobe z. T. nicht geschrotete Weizen- und Gerstenkörner. Etwa 100 g davon kochen jetzt auf dem elektrischen Kocher beim Zahnarzt. (Ob dieser Zahnarzt ein Mitgefangener war, weiß ich nicht, aber es ist anzunehmen). Und dann folgen die Antworten auf die Fragen, die sich uns beim Aufbruch vom Waldlager nach Gorki stellten: "Das Jahr 1948 hat für mich einen guten und verheißungsvollen Anfang genommen. Ich glaube nun doch bald, dass es das Jahr unserer Heimkehr sein wird. Der erste Tag im neuen Jahr sah mich auf der Reise vom Waldlager in ein Stadtlager. Vom Langholzverladen und Bäumefällen kam ich in eine kleine sog. Werkstatt, in der wir mit 15 Mann täglich etwa 1500 Zigarettenschachteln herstellen für die Zigarettenfabrik hier in Gorki. - Im Waldlager war ich Arbeitsgruppe II und hätte acht Stunden in Schnee und Kälte schwere Waldarbeit verrichten müssen. Hier wurde ich Arbeitsgruppe III kommissioniert und zu dieser schönen, leichten Arbeit im geheizten Raum eingeteilt. Das ist ein Gegensatz wie Tag und Nacht. Diese Fahrt ins neue Jahr und alles, was damit im Zusammenhang steht, hat mir einen seelischen Auftrieb gegeben, der mich wohlgemut in die Zukunft schauen läßt. Und als ich die wunderbaren selbstgebundenen Bücher von Walter Glatzle sah, war mein Entschluß schnell gefaßt: Walter muss dir ein Tagebuch binden und zum dritten Mal in der Gefangenschaft wird angesetzt und werden abends die täglichen Ereignisse kurz schriftlich festgehalten... Vielleicht werde ich in späteren Jahren doch irgendwann einmal Lust verspüren, dieses Geschreibsel nachzulesen. Aber sicher werden meine Kinder, die ich bestimmt einmal haben werde, gerne in dem Tagebuch ihres Vaters nachblättern, um zu erfahren, was er in russischer Gefangenschaft schrieb. Wenn mein Vater mir etwas Ähnliches hinterlassen hätte, ich hätte es sehr interessiert studiert. - Vielleicht ist es gut so, daß ich die ersten Jahre der Gefangenschaft nicht aufschrieb, sie waren z.T. recht bitter und hart. Ich glaube jetzt aber, daß mir bis zur Entlassung nicht allzu Schweres mehr bevorsteht. Mit der Geldumwertung (gemeint ist die Währungsreform am Beginn des Jahres 1948 in der UdSSR, vergleichbar mit der Währungsreform 1948 in den deutschen Westzonen) und dem damit verbundenen Wegfall der Lebensmittel- und Brotkarten ist es nun möglich, soweit die Rubel reichen, etwas zusätzlich zum Essen zu kaufen. Am besten kauft man sich Schwarzbrot, es kostet 3 Rubel das Kilo, und es schmeckt mir immer wieder wie sonst zu Hause der Kuchen (Mutters braune Plätzchen). Vielleicht bekomme ich auch im nächsten Monat für die Arbeit in der Schachtelkleberei ein paar Rubel mehr ausgezahlt als meine 10 Rubel Offizierslöhnung. Dann werde ich erst einmal mit einem ganzen Brot, einem halben Pfund Zucker und einem Viertelliter Öl "Praßnik" halten und mir, soweit das Geld reicht, täglich 3 - 500 g Brot kaufen. Im übrigen hoffe ich immer noch, dass wir eine bessere Brotzuteilung erhalten werden. So - und jetzt werde ich meinen Graupenkascha, die sog. Kälberzähne essen und mich dann auf meine Pritsche begeben. Morgen wird erst um 7.00 Uhr Wecken sein, weil Feiertag ist, Lenins Todestag.

26. I. 1948: Gestern war Sonntag, aber wir machten heute unseren Feiertag. Die letzte Woche stand im Zeichen des Monatsabschlusses (Arbeitsmonat). Wir haben täglich viele Überstunden gemacht, weil wir gern die Stückzahl des letzten Monats erreichen wollten, um etwa dasselbe Geld ausgezahlt zu bekommen. Das haben wir jetzt geschafft, und heute schlafen wir uns mal richtig aus.

Ich selbst hatte gestern ja schon einen besonderen Feiertag wegen der Teilnahme an der Lagerkonferenz 117 in der Lagerabteilung 5. Die Konferenz stand unter dem Motto "Die Einheit Deutschlands und ein gerechter Friede". - Im ersten und Hauptteil der Konferenz hörten wir zwei Hauptreferate, mehrere kurze Diskussionsreden sowie eine kurze Stellungnahme des russischen Lagerkommandanten der Lagerabteilung 5. - Das heutige politische Weltproblem ist die deutsche Frage. Es kam zum Ausdruck, daß sich die Welt in zwei große Lager geteilt hat: das demokratische, fortschrittliche Lager unter der Führung der SU (Sowjetunion) und das imperialistische Lager unter der Führung Amerikas. Die SU vertritt die Schaffung eines einheitlichen demokratischen Deutschlands, während die USA das Bestreben der deutschen Monopolkapitalisten unterstützt, die die Spaltung Deutschlands betreiben, um damit ihre eigene Existenz zu erhalten. Sie befürchten, dass in einem einheitlichen Gesamtdeutschland die Bodenreform zur Durchführung kommt und alle Bodenschätze zum Eigentum des ganzen Volkes erklärt werden und somit alle Großbetriebe in die Hand des Volkes übergehen. Es kam weiterhin zum Ausdruck, dass die Hilfe Amerikas nur eine momentane Hilfe ist - und das noch nicht einmal, weil der Industriearbeiter hungert". - (Die damaligen Streiks in den Westzonen wurden nicht nur von der antikapitalistischen Propaganda der SED in der Sowjetzone propagandistisch ausgewertet, sondern, wie man sieht, auch von der deutschen Antifa in den Gefangenenlagern.) Die Hilfe Amerikas ist nichts weiter als eine Kolonisierung Westdeutschlands, denn der größte Teil der westdeutschen Wirtschaft wird von amerikanischem Kapital finanziert. Amerika ist nicht interessiert an der Entwicklung einer starken deutschen Friedensindustrie, weil dann über kurz oder lang Deutschland wieder ein zu starker Partner auf dem Weltmarkt wird. Das zeigt die Demontage von großen Industriebetrieben, die anschließend Bedarfsartikel produzieren."(Die sowjetische Militäradministration hatte Mitte Januar 1947 überraschend die Einstellung der Demontagen in der Ostzone bekanntgegeben. Am 26. Juli 1947 verfügte die US-Militärregierung noch die Demontage weiterer 738 deutscher Industriebetriebe. Andererseits aber wird das Ruhrgebiet wieder zur größten Waffenschmiede des imperialistischen Lagers ausgebaut. - Als Ergebnis dieser Konferenz wurde eine Resolution gefaßt und angenommen. Der erste Hauptpunkt war die Forderung der Einheit Deutschlands."... ferner "Bitte an die Sowjetbehörden um Einberufung einer Konferenz sämtlicher Kriegsgefangenen der Sowjetunion und Entsendung eines ständigen Komitees von Kriegsgefangenen zum deutschen Volkskongreß." - Ich denke, dieser Volkskongreß wurde in Berlin von der SED veranstaltet. Der zweite Teil der Konferenz war das Theaterstück "Das Ufer" der Spielgruppe der Lagerabteilung 5, ein Zeitbild aus dem heutigen Deutschland, geschrieben von einem Kriegsgefangenen, der die Hauptrolle spielte......

Sonntag, 1. Februar 1948: Ich bin den ganzen Tag aus Zeitmangel nicht zum Schreiben gekommen und glaube, dass ich auch in Zukunft nicht derartig ausführlich schreiben kann wie am 26. 1. Kurz zusammengefasst, verurteilt das Zeitbild "Das Ufer" diejenigen Deutschen, die heute in der gesamtdeutschen Not die Rettung in föderalistischen Bestrebungen sehen, die glauben, daß sie am schnellsten die Zerstörungen und die Not überwinden können, wenn sie einen kleinen Staat für sich aufmachen. In der Jugend ist der Gedanke eines einheitlichen Deutschlands aber nicht mehr auszulöschen. Die Kreise, die eine föderalistische Politik in Deutschland betreiben, sind bekannt, es ist auch bekannt warum. Aber ihre Zeit ist abgelaufen, und es wird der Tag kommen, an dem der Wille des Volkes in allen Fragen entscheidend sein wird. Der dritte Teil des Konferenztages war ein Lustspiel, eine sehr gute Theaterleistung. Alles, was geboten wurde, war musikalisch umrahmt von den zusammengefassten Orchestern der Lagerabteilungen 5 und 7. In den kurzen Pausen zwischen den Veranstaltungen war ich mit Gerhard Glaubit zusammen. Wir haben von Mai 1946 bis November 1947 die Gefangenschaft durchrungen. Er ist der "grünen Hölle" einen Transport vor mir entlaufen. Weil ich damals "Dreier" war, kam ich nicht mit. Gerhards Adresse ist: Hardisleben 165 bei Buttstädt, Kreis Weimar. Heute waren wir mit 80 Mann im Kino, nach 3½ Jahren mal wieder in einem richtigen Kinosaal!"...

Montag, 2. Februar 1948: Heute waren es nur noch 333 Tage bis zum 31. Dez. 1948, dem Tag, an dem alle Kriegsgefangenen zu Hause sein werden. - Es war wieder Zwischenkommissionierung der "Dreier". Ich habe Wasser in den Beinen. Bei der letzten Untersuchung hatte ich ein Gewicht von 62 kg, immerhin schon drei Kilo mehr als bei der letzten Untersuchung im Waldlager. Aber 2 kg von den drei werden wohl Wasser sein. Auch war ich heute beim Arzt mit meinen Ohren. Das rechte Ohr wird morgen ausgespült, beim linken hat der Arzt im Trommelfell einen kleinen Fehler entdeckt. Daran ist wahrscheinlich die Schießerei bei den Panzerjägern schuld. Es ist nicht angenehm, wenn man die Ohren so oft spülen muß oder wenn man sich unterhält und der andere leise spricht. Die Sehschärfe, besonders des rechten Auges hat noch mehr nachgelassen. Lediglich mit einer Schießbrille ist es wohl in Zukunft nicht getan zu Hause. Gestern bekamen wir neue saubere Kopfkissenbezüge, da schläft es sich gleich hundertmal besser. Ich lege aber ohnehin immer ein sauberes Leinentuch auf das dreckige Kissen. Wenn ich mal nach Hause komme, wage ich es wahrscheinlich gar nicht, mich in das von Mutter schneeweiß und molligwarm zubereitete Bett zu legen. Neben mir sitzt Kurt Siegmund und macht Scherenschnitte. Es werden hübsche Schnitte. (Früher bekam ich mal von ‚jemand' Briefe, deren Kopf oft mit einem Scherenschnitt verziert war, ich hatte immer meine Freude daran). Kurt ging vor ein paar Tagen auf dem Weg in die Banja (Bad) in einen Fotoladen und bat um schwarzes Fotopapier für Scherenschnitte, weil es in den Papiergeschäften nicht zu bekommen war. Er musste eine Probe seines Könnens ablegen und bekam dann einen ganzen Haufen Blätter geschenkt.....

Sonntag, 8. Februar 1948: Heute feiert unser Ernst seinen 22. Geburtstag. Da muß ich unbedingt wieder ein paar Sätze schreiben. Hoffentlich feiert er, denn er ist sicher noch genau so Gefangener wie ich, allerdings in England. Aber in diesem Jahr wird ja der große Tag in unserem Leben sein, der uns die Freiheit wieder schenkt. Herr Gott, schon 22 Jahre! Wann war es eigentlich, als wir uns das letzte Mal sahen? Darüber wollen wir uns unterhalten, wenn wir wieder alle zusammen sind. Ich wollte heute zur Feier des Tages 1 kg Brot mit 200 g Zucker essen, hatte es mir gestern schon mitbringen lassen. Es war so verlockend, daß ich schon mal anfing - und es blieb nichts übrig! Aber ich besaß noch ein paar Rubel und habe mir heute 700 g mitbringen lassen. Nun habe ich eine leichte Magenverstimmung, die ich aber nicht auf den vollen Brotmagen von gestern zurückführe, sondern als Folge der dritten Spritze gegen Typhus und Fleckfieber. Nach diesen Impfungen habe ich immer die Magenbeschwerden feststellen müssen.... Soeben wurde uns der Farbfilm "Sportparade1947 in Moskau" gezeigt - sehr gut!
Heute ist es wieder etwas kälter, ich schätze zwischen minus 15 und 20°. Hier im Zimmer sind es 17° plus. Der Lagernadschalnik war gerade hier und meinte, dass es doch etwas "malo" (wenig) sei. Wir sind hier heute erst in den Raum, die sog. kleine Baracke, eingezogen. Alles wurde überholt, entwanzt, frisch gestrichen usw., der Fußboden ist noch naß, die Heizung schaffte die Kälte noch nicht. Morgen wird es wohl schon besser sein. Für die Nacht werde ich mir eine Decke vom Nachtschneider (?) Richard ausborgen. Die Decke hatte ich auch immer drüben in der Baracke.

Freitag, 13. Februar 1948: Freitag, dazu der Dreizehnte! Einige sagen, daß er Glück bringt, andere meinen: doppeltes Pech! Bisher verlief er ohne besondere Ereignisse. Ich scharnierte wieder 600 Schachteln, die Norm, 300 vormittags und 300 nachmittags, je in vier Stunden. Die Zeit vergeht immer sehr schnell - und das ist gut so. Das Verpacken der Schachteln muß nach dem Abendessen erledigt werden und dauert 1½ - 2 Stunden. Somit ist der Tag restlos ausgefüllt. Man kann nur zwischendurch mal in die Zeitung sehen, an Bücher lesen ist kaum zu denken. Das ist eigentlich schade, auch daß man kein deutsch-russisches Wörterbuch bekommt, die sind in den Buchgeschäften dauernd vergriffen. Ich hätte Lust, meine russischen Sprachkenntnisse zu erweitern und zu vervollständigen Ich will mich aber doch immer ganz kurz geistig beschäftigen....

Sonntag, 15. Februar 1948: Gestern Abend, bei der Lagerversammlung, bestand der Hauptteil in der geheimen und direkten Wahl der Delegierten, die das antifaschistische Komitee wählen werden. Das antifaschistische Komitee soll das Führungsorgan des Lagers werden, mit großen Vollmachten und mit großer Verantwortung ausgestattet. Das Ganze ist von russischer Seite angestrebt worden. Es soll ein weiterer Schritt sein in der Umerziehung der deutschen Kriegsgefangenen zu einer demokratischen Gesinnung. Die Fragen, die im zweiten Teil der Versammlung an den Lager-Natschalnik (Lagerkommandant) gestellt wurden, betrafen die Rubelauszahlung, das einseitige Essen, die Supplemente (Zusatzverpflegung), den schlechten Postverkehr mit der Heimat. Der Kapitän beantwortete alle Fragen und Beschwerden sehr offen oder versprach die Beantwortung während der nächsten Lagerversammlung. In meinem letzten Lager wäre eine solche freie Aussprache nicht möglich gewesen, da wären wohl einige Leute in den Karzer gewandert oder es wäre gar nicht erst so kritisch gefragt worden. Eine Änderung zum Besseren war gar nicht gewollt. - Auch die Entlassung aus der Gefangenschaft kam zur Sprache. Wie die Entlassungen in die Heimat im Einzelnen vor sich gehen werden, konnte aber nicht gesagt werden. Generell und autorisiert konnte uns der Kapitän die Versicherung geben, daß sich die Sowjetunion an das Moskauer Abkommen halten werde, dass alle bis zum 31. Dez. dieses Jahres zu Hause sein werden. An einem dieser 321 Tage, die es noch bis dahin sind, werde ich also in Erfde ankommen, nach der Absolvierung einer gründlichen Lebensschule. Allerlei Menschenkenntnisse hat man sich erworben, das wurde mir auch gestern wieder bei der Lagerversammlung bewusst.

Am 11. Februar war übrigens Auszahlung: 48 Rubel! Da war ein Gemeinschaftspraßnik fällig! 5 Rubel pro Mann legten wir zusammen, das gab zwei Liter Kartoffel-Kapusta-Stampf (Kapusta = Kohl) mit Margarine. Die Menge ist mir gut bekommen. Jetzt kann ich mir täglich ein paar Hundert Gramm Brot zusätzlich leisten. - Vor einem Monat sahen wir anderen der Schachtelkleberei noch fast schmachtend zu, als der Stukkateur, also ein echter Spezialist, die von draußen mitgebrachten Kartoffeln zu Kasch gekocht hatte und die große Portion, ein volles Kochgeschirr auf der Pritsche sitzend verdrückte und sich dann pustend zurücklegte.

Dienstag, 24. Februar 1948: Der Februar hat sich (mal wieder!) zu einem recht ungemütlichen Monat entwickelt. Wenn es auch nie kälter als (minus) 22 - 25° geworden ist, so machten der Wind und das Schneetreiben doch sehr zu schaffen. Ich bin sehr dankbar, dass ich hier diese leichte Arbeit in einem geheizten Raum ausführen kann. Wieviele Zehntausende Plennis arbeiten jetzt in der Kälte draußen, schlagen und stapeln Holz, räumen Schnee und Eis weg - und was es alles an "netten" Gefangenenarbeiten gibt. Vorgestern wurden wir gewogen. Mit großer Freude stelle ich fest, dass es seit Jahresbeginn mit mir gewichtsmäßig bergauf geht. Seit dem letzten Wiegen im Waldlager nahm ich 6 kg zu (65,5 kg) und kann schon mal wieder leichten Trab laufen, ohne dass ich mir dabei "etwas abbreche". Wenn es so weitergeht, habe ich im Mai wieder mein Normalgewicht. Man kann es immer noch nicht richtig glauben und es sich vorstellen, dass wir in diesem Jahr noch nach Hause kommen. Überzeugt sind wir wohl erst, wenn wir in Frankfurt/Oder ankommen..... Im Zuge der Neuüberholung der Innenräume des Lagers ist nun auch ein "Büfett" eingerichtet worden, eine Kantine - kaum zu glauben! Zu kaufen ist jetzt im Lager: Fett, Zucker, Tee, eingemachte Bohnen, Wein, Bulkis (Brötchen), Zigaretten. Am wichtigsten ist aber das Brot! bisher brachte der Uhrmacher immer aus der Stadt fürs Lager Brot und Zucker mit, was immer mit Warten verbunden war.....

Wir haben jetzt gegen Ende des Monats wieder Endspurt für den Monatsabschluß. 36.000 Schachteln wollen wir schaffen, weil wir dann 100 Rubel ausbezahlt bekommen. Das glauben wir zwar selbst kaum, aber versuchen wollen wir es trotzdem. Leider ist nun die "Remonte" (Renovierung) unserer Werkstatt dazwischen gekommen, so dass wir Nachtarbeit einlegen müssen, um unser selbstgestecktes Soll zu erreichen. Vor zwei Monaten erhielt ich die letzte Post, und es wird wohl noch einen Monat dauern. Unsere Beschwerden bei den Lagerversammlungen fruchten nicht so schnell, wir sind in Russland!

Donnerstag, 26. Februar: Heute wird kurz getreten in der Schachtelkleberei - Monatsschluß. Wir lieferten der ????????-Fabrik 36700 Papirossischachteln der Marke ??????. Nach unserer Berechnung müsste es pro Mann 153,4 Rubel geben. Wenn wir sie bekommen, brauchen wir im nächsten Monat keinen Kohldampf mehr zu schieben und werden alle stramme Zweier. Vom alten Lager erhielt ich eine Karte von zu Hause nachgeschickt. (Es klappte also doch früher als erwartet!). Mutter schrieb die Karte am 17. 12. 1947, und sie beklagt, dass ihr einziger Weihnachtswunsch wieder nicht in Erfüllung gehen wird: meine Heimkehr. Ja, liebe Mutter, auch ich hatte diesen Wunsch. Hoffen wir, daß der "Weihnachtsmann" 1948 nicht in Pellkartoffeln und heißem Wasser besteht.

Sonntag, 29. Februar 1948: Gestern Abend erlebten wir wieder einen Höhepunkt in unserem Plenni-Dasein: Die Lagerkapelle der Lagerabteilung 7 war hier und entführte uns ein paar Stunden ins Reich der Musik, ein Abend, der an bessere Zeiten erinnerte. Dabei wird unser Verlangen nach dieser anderen Welt, nach Freiheit immer drängender und stürmischer. Der 31. Dezember ist der Endtermin, wenn man uns darüber hinaus hier noch festhält, garantiere ich für nichts mehr. Im Lager 7 ist eine deutsche Frau, die vom Ural aus der Gefangenschaft entflohen war. Man hat sie im Karzer einsperren wollen. Die gesamte Lagerbelegschaft hat protestiert und mit Arbeitsverweigerung und Hungerstreik gedroht. Die Frau wurde nicht eingelocht, sie soll in ein Internierungslager weitergeleitet werden. Jetzt werden kompanieweise Zucker- und Fettrationen für die Gefangene gespendet. Endlich mal wieder etwas Ehren- und Ruhmvolles in der Kriegsgefangenengeschichte! Zwei Monate sind geschafft, noch 307 Tage des letzten Kriegsgefangenenjahres! Ein paar Sonnennachmittage ließen in diesem kalten und ungemütlichen Februar verheißungsvoll die kommende wärmere Jahreszeit ahnen. 21° (minus) sind es heute. Immer wieder bin ich meinem Schicksal dankbar, dass ich diese beiden Monate bei so angenehmer Arbeit verbringen konnte, wenn sie auch manchmal von morgens früh bis abends spät dauerte. Aber dafür haben wir nun Rubel und können bei Hunger Brot in der Kantine kaufen. Für heute sagte der U.v.D. ein Bolschoi-Sonntagsessen an: Kapustasuppe, Kartoffelbrei mit Gulasch, Hirsepudding mit Karamelltunke und zwei Berliner Ballen. Da sage noch jemand, wir lebten schlecht! Am Freitag war die Suppe allerdings um so dünner, da wurde wohl schon Mehl für heute zurückbehalten.

Dienstag, 2. März: Am Sonntagnachmittag sahen wir hier im Lager den sehr schönen Märchen-Farbfilm "Die steinerne Blume". Er ist vergleichbar mit dem Film "Münchhausen". Die Kameraden sind in ihrer Freizeit jetzt damit beschäftigt, Ostergrüße für zu Hause zu schreiben. Einige lassen sich die eine Hälfte der Karten von talentierten Künstlern mit Osterhasen, Ostereiern und dgl. verzieren oder sie schreiben Osterverse auf die Karte. Ich bleibe bei meinen eigenen geistigen Ergüssen.....

Sonntag, 14. März 1948: Die Tage eilen dahin. Das erste Viertel dieses Jahres ist bald vorbei, und wir wissen immer noch nicht, in welchem Monat wir fahren werden, nicht einmal in etwa. Mutter schreibt, dass Ernst Mitte Juni kommen wird. Der Februar war hier der kälteste Monat dieses Winters, aber diese ersten Märzwochen waren auch noch sehr ungemütlich. Wir haben davon in unserer Werkstatt zum Glück wenig gespürt. Vorgestern bekamen wir 103 Rubel ausgezahlt. Es wurden gleich zweimal je 30 % für "Betriebsunkosten" abgezogen. Sind damit Unterkunft und Verpflegung gemeint? Aber wir werden uns nicht beschweren - obwohl wir uns "übers Ohr gehauen" fühlen -, weil wir glauben, dass wir einen außerordentlich günstigen Arbeitsplatz haben. Die Masse der Plennis bekommt ganz sicher nach wie vor keinen einzigen Rubel und arbeitet draußen bei Kälte und Nässe. Wir sitzen trocken und warm bei der Arbeit und können uns Brot kaufen, wenn die normale Verpflegung nicht reicht.

Montag, 29. März 1948: Wandzeitung mit einer Sensation: Ab April setzen die Entlassungen verstärkt ein! Es werden bis 6000 Heimkehrer täglich in Deutschland eintreffen. Das ist eine schöne, eine wunderbare Meldung, aber die meisten sind zu misstrauisch, um sich aus vollem Herzen darüber freuen zu können. Weil aber seit Beginn dieses Jahres ein glücklicher Stern über meinem Leben steht, glaube und hoffe ich, dass ich im Laufe des nächsten halben Jahres nach Hause kommen werde. Gestern am Ostersonntag schrieb ich nur das Datum, weil wir zum Film abgerufen wurden....Wir kamen soeben aus der Banja zurück. Obwohl es noch immer recht kalt ist, bekommt mir der wöchentliche Marsch in die Stadt sehr gut, weil ich ja sonst 8 bis 10 Stunden des Tages sitzender Weise verbringe. Leider hat das gesundheitliche Folgen. Bei der Kommissionierung vorgestern blieb ich "Dreier", weil ich noch immer dicke Beine vom Wasser habe. Ich wiege jetzt 72 kg. In den letzten drei Monaten nahm ich also 13 kg zu. Wie viel ist davon Wasser? Fast täglich verschlinge ich 1 kg Brot zusätzlich. Die letzte Auszahlung wird fast ausschließlich in Brot umgesetzt. Vor einer Woche kaufte ich Lebertran. Nun genehmige ich mir jeden Morgen einen Löffel voll von der Kraftnahrung. Die "Zweier" mussten nach der Kommissionierung die Schachtelkleberei verlassen und arbeiten jetzt in einer der Außenbrigaden außerhalb des Lagers.In den letzten Wochen las ich mal wieder ein umfangreiches gutes Buch: "Der Nachsommer" von Adalbert Stifter. Ich lese es gern, man kann daraus sehr viel für sein Leben lernen.

Montag, 5. April: Gestern hatten wir den ersten schönen Sonntag dieses Jahres. Der Schnee schmilzt jetzt rapide weg, aber er wurde hier im Laufe des Winters überall, wo es möglich war, so aufgetürmt, dass wohl mindestens 14 schöne Sonnentage nötig sind, ihn ganz verschwinden zu lassen. Die Menschen helfen der Sonne, das Schmelzwasser wird abgeleitet, die Schneewälle werden geebnet. Auch heute ist wieder ein schöner Tag. Wie schön wird es jetzt zu Hause sein! Hoffentlich kann ich im nächsten Frühjahr nach langen Jahren mal wieder Mutters Garten mit bestellen und anlegen. Die letzte Karte, die vor ein paar Tagen eintraf, hatte Elfriede am 5. März geschrieben, und sie schreibt vom beginnenden Frühling.

Gestern Vormittag sahen wir mit etwa 100 Mann in einem Kino der Stadt einen sehr schönen Farbfilm mit wunderbaren Chören und herrlichen Landschaftsbildern, letztere z. T. aus Sibirien. Ein Nachkriegsfilm, ungekünstelt in Darstellung und Handlung. So wurden wir uns unseres Gefangenendaseins mal wieder so richtig bewusst: Gefangene eines besiegten Volkes, drei Jahre nach Kriegsende!!! - Gestern Nachmittag zeigte mir Hans Eckstein aus Eichenbühl bei Miltenberg allerlei Fotografien von zu Hause. Auch hatte er schon eine Fotografie von seinen Eltern und den vier Geschwistern bekommen. Alles was ich an Fotos hatte, blieb in Kurland, vielleicht sind sie mit dem Verwundetengepäck doch zu Hause angekommen. ... Jahn, der Rumäne, hier bei uns in der Schachtelkleberei, erzählte gestern von Sibirien, wo er im Bergwerk gearbeitet und gut gelebt habe. Wir staunten. Auch der Kinofilm hatte uns die riesigen Wälder, die in unserer Vorstellung als Verbannungsgebiete lebten, ganz anders dargestellt.

Sonntag, 11. April 1948: Der Schnee liegt tatsächlich nur noch an den Stellen, wo er aufgehäuft wurde. Wir hatten jeden Tag schönes Sonnenwetter. Weil es aber überall noch sehr nass ist von der Schneeschmelze, bräuchte man gute Schuhe, in meinen bekomme ich schnell nasse Füße. - Am Freitag war Kommissionierung. Ich blieb aufgrund des Wassers in den Beinen Dreier und damit in der Schachtelkleberei. Hier fehlten in letzter Zeit immer Teile des Materials, augenblicklich sind nicht genügend Etiketten vorhanden. Die relative Freiheit für Kriegsgefangene der letzten Zeit wurde wieder eingeschränkt. Sämtliche Arbeitskommandos werden wieder von "Konvois" (Posten) begleitet. Ohne Propusk (Ausweis) darf niemand das Lager verlassen. Und die allgemeine Stimmung ist beeindruckt von den Ereignissen in Deutschland und der Politik Amerikas, die auf einen neuen Krieg hinzielt......

Sonntag, 18. April 1948: Neue Parolen, neue Nachrichten und Zeitungsmeldungen haben manchen glauben lassen, dass wir alle im Laufe der nächsten beiden Monate nach Hause fahren werden - schön wär's! Die Schachtelkleberei stand schon vor der Auflösung, aber gestern erhielten wir den Auftrag, die noch vorhandenen "Moskwa-Wolga"-Etiketten zu verarbeiten. Bei der Auszahlung für den Monat März erhielt ich 94 Rubel (Verpflegungslage bis Mitte Mai gesichert!). Ich fühle mich körperlich recht wohl, kenne keinen Hunger mehr, weil ich mir zusätzlich Brot kaufen kann. - Leider gehe ich jeden Tag in die Ambulanz und schlucke Tabletten oder Pulver gegen Rheuma, besonders in der rechten Schulter und in den Knien.

Montag, 26. April 1948: Eine Woche - die letzte Woche in der Schachtelkleberei - ist vorüber, es wurde noch mal voller Arbeitseinsatz von uns abgefordert. 30.000 Schachteln werden uns für diesen Monat verrechnet, obwohl bei den letzten 5000 noch die Bodenetiketten fehlen, es waren keine mehr vorhanden. Heute billigte man uns also einen Ruhetag zu, und ab morgen geht es nach draußen zur Arbeit. Die letzten Tage ist es wieder kalt geworden. - Gestern wog ich 74 Kilo. Hoffentlich kann ich mit diesem guten Gewicht nach Hause fahren.

Dienstag, 27. April 1948: "Util-Zech" heißt unser Kommando. Es ist ein Metall verarbeitender Betrieb. Wir "Dreier" brauchen nur vier Stunden zu arbeiten. Ich war bei der Frühschicht von 8 bis 12 Uhr. Zusammen mit Rudi Kulisch zerrten wir mit Hilfe von Eisenhaken, Forken und Schaufeln Eisenspäne auseinander. Die langen Teile kommen in eine Zerhackmaschine und werden wohl wieder verarbeitet. Den kurzen Abfall schaufelten wir auf ein Fahrzeug, das ihn hier in der Nähe des Lagers zu einer Schuttabladestelle fuhr, wo wir entluden. Obwohl es kalt ist, schwitzten wir bei der Arbeit. Die Arbeit in der Schachtelkleberei war zwar schön sauber und erheblich leichter und immer schön im warmen Raum, aber meiner körperlichen Verfassung wäre dieser oder ein ähnlicher Einsatz sicher besser bekommen. Das stundenlange Sitzen an dem schmalen, langen Tisch direkt an der Wand mit den fehlenden Möglichkeiten, die Beine mal zu strecken, brachten mir rheumatische Schmerzen ein, auch die rechte Schulter macht mir zu schaffen. Es hätte sich bei mehr Bewegung wohl vermeiden lassen. - Ich habe jetzt einen neuen Pritschennachbar, Heinz Wolf aus Forst/Lausitz. Er war ein Schulkamerad von Hans Konrad, mit dem ich im Spätsommer 1943 von der Leningradfront nach Landau in der Pfalz fuhr. Wir sollten und wollten von dort zur Kriegsschule. Mein Gott, das war vor vier ein halb Jahren! Mein neuer Nachbar hier war jedoch Weihnachten 1943 das letzte Mal zu Hause und kann mir über den Verbleib von "Hänschen" oder "Konni" nichts berichten. Ein Weiteres, was mit Heinz Wolf erinnerungsmäßig verbindet, ist seine Zugehörigkeit zur 12. Panzerdivision in Kurland. Von ihm erfahre ich erste Nachrichten, wie die Heeresgruppe Kurland (unbesiegt) am 8. und 9. Mai 1945 in die Gefangenschaft ging bzw. fuhr....
Eine schöne "Parole" wurde heute mal wieder erzählt: Am 5. Mai soll ein Transport nach Hause gehen, und 90 Leute unseres Lagers sollen dabei sein. Ich habe mir vorgenommen, in den nächsten drei bis vier Monaten nicht unruhig zu werden, rechne mit August oder September. Als einer der letzten möchte ich natürlich nicht entlassen werden. - Wie könnte man jetzt doch den Nachmittag nutzreich verbringen, wenn man z. B. ein paar Bücher für Mathematik oder Physik, Elektrotechnik oder für Englisch oder Russisch hätte. Aber das zu bekommen, ist hier mit derartigen Schwierigkeiten verbunden, dass man bald die Versuche aufgibt. Gestern Abend hat mir Sepp Bär, Baumeister von Beruf, ein anderes als das mir bekannte Verfahren des Quadratwurzelziehens beigebracht. Ich werde einige Beispiele in mein (selbst) leinengebundenes Notizbuch eintragen.....

"Sonnabend, 1. Mai 1948: Der "Kampf- und Feiertag der Werktätigen ..." wird auch in unserem Lager in entsprechender Weise begangen. In einem Meeting am Vormittag wurde das Bekenntnis zur Einheit Deutschlands abgelegt und "... weiter vorwärts im Kampf für den Frieden und zum Sozialismus." Ein - für unsere jetzigen Begriffe - gutes Mittagessen wurde bereitet. Die Gorkier Bevölkerung strömte schon von neun Uhr an in die Stadt zu den Mai-Demonstrationen mit Fahnen und Transparenten. Diese trugen Aufschriften wie:
"Es lebe der 1. Mai der Kampftag der Werktätigen der ganzen Welt für ihre Rechte und für den Frieden." - "Es leben die Führer auf dem Wege vom Sozialismus zum Kommunismus, Lenin und Stalin." "Es lebe die mächtige Sowjetunion, der Garant für Frieden und Fortschritt."
Vor einem Jahr wurde uns am 1. Mai verkündet, dass der Rat der Außenminister beschlossen habe, die Rückführung der deutschen Kriegsgefangenen bis zum 31. Dezember 1948 abzuschließen. Wenn ich mich nicht irre, zählte ich zu den Zweifelnden und nicht zu den Optimisten, die meinten, dass es vielleicht schon zum 1. Mai geschehen könne. Auch heute gehöre ich nicht zu den Hoffnungsvollen, die sagen, dass bis Ende Juni die meisten von uns zu Hause sein werden, ich rechne mit August/September. Mögen bis dahin keine welterschütternden Ereignisse eintreten, es könnte sonst mit der Heimfahrt noch länger dauern." (Ich erinnere dann an den 1. Mai vor drei Jahren in Graal-Müritz, als der Oberstabsarzt von den "letzten Stunden des Krieges" gesprochen hatte, und an den Einmarsch der Roten Armee in Graal-Müritz. Auch die Erinnerung an den 1. Mai 1939 notierte ich, als ich mit noch nicht 16 Jahren schon verliebt "bis über beide Ohren" war.) Der langsame Walzer ‚Ich tanze mit dir in den Himmel hinein', war für mich auch fast ein Tanz ‚in den siebenten Himmel der Liebe.' Ob man noch mal so über alle Ohren verliebt sein kann? Augenblicklich kann ich es mir nicht vorstellen. ...

Dienstag, 4. Mai 1948: Alle "Dreier wurden ‚kommissioniert'. Man sprach von einem Kolchosenkommando."
(Doch dies war, wir ahnten es - und es wurde gemunkelt - die entscheidende Kommissionierung für den ersten Heimtransport. Die Ärztin fragte mich, als sie meine geschwollenen Unterschenkel sah, (brauchte sie meine Bestätigung?) "Woddi, da?" (Wasser, ja?) "Da!" (ja), war natürlich meine Antwort. Das "Dawei!" hieß diesmal "weiter, der nächste!" Ich erfuhr also nicht, ob ich nun in die Liste der evtl. Heimfahrer kam. Auch wurde erzählt, es dürften bei den jetzt vermeintlich einsetzenden Heimtransporten nur jeweils 5% Offiziere dabei sein.)

Mittwoch, 5. Mai 1948: "Es wird nun auf ‚Transport' getippt. Ich traue dem Frieden aber nicht, möchte keine große Enttäuschung erleben. ‚Plenni-Großeinsatz' im Stadion Dynamo Gorki: Es wird hergerichtet für eine Sportveranstaltung am Sonntag. Bei so einem Einsatz sieht man mal wieder hübsche Frauen. Da wird einem noch bewusster, dass man Gefangener ist. Seit drei Jahren schweigen die Geschütze, und wir sitzen immer noch hinter Stacheldraht, sind keine freien Menschen! - Die Dreier und die Obsluga ...arbeiteten von 16 bis 20 Uhr im Dynamo-Stadion. Anschließend sollten wir gleich von dort in die Banja (Duschen), um den Weg nicht doppelt machen zu müssen. Unsere "Konvois" hatten aber scheinbar keine Lust, uns noch länger zu begleiten. Wir marschierten ins Lager zurück. Nach dem Abendessen hieß es dann: Wer noch nicht zum Baden war , antreten!" Es fanden sich bei der Budka (Wachhäuschen) aber nur 30 Mann ein, und anschließend ließ man uns laufen ohne jegliche Bewachung. Es ist kaum zu glauben: Am Nachmittag führte man uns mit vier Posten mit aufgepflanztem Seitengewehr zur Arbeit, und um 22 Uhr, bei Dunkelheit, gehen wir völlig unbewacht durch die ganze Stadt!"
(Eigentlich war das Verhalten der Rotarmisten damals zumindest im Nachhinein absolut verständlich: Die Deutschen sollen doch in allernächster Zeit heimfahren, vielleicht wussten sie gar schon den Tag, da wird keiner mehr zu fliehen versuchen! Die werden schon im Lager ankommen, und wir haben Feierabend! Zu diesem Zeitpunkt noch die Strapazen einer Flucht zu riskieren, wäre wirklich schwachsinnig gewesen!)

Donnerstag, 6. Mai 1948: "Heute ist wieder "Dynamo-Großeinsatz".
(So lautet die kurze Eintragung. Zu diesen Aufräumeinsätzen im Dynamostadion ist aus der Erinnerung noch zu ergänzen: Es sollte am darauffolgenden Sonntag das erste Fußballspiel nach der Winterpause des Gorkier Clubs gegen Dynamo Moskau stattfinden. Wir wurden in mehrere Arbeitsgruppen eingeteilt. Meine Gruppe hatte die Toiletten zu säubern, die waren offensichtlich - wie vieles andere auch - nach dem letzten Spiel vor dem Wintereinbruch in den Winterschlaf gefallen. Die Kabinen sahen aus, wie sie nach einem Spiel wahrscheinlich immer aussehen: ziemlich verdreckt. Es waren eine ganze Reihe fensterloser Kabinen in einem länglichen Gebäude, Tür an Tür. Wir taten bei der Dreckarbeit unser Bestes, aber die eine Kabine war rettungslos verstopft. Weil wir verhindern wollten, gezwungen zu werden, halbwegs mit den Händen das Becken wieder flott zu machen, säuberten wir alles übrige und schlugen dann die elektrische Birne kaputt, um die eventuelle Kontrolle "hinters Licht" zu führen. - Als unsere Arbeitszeit vorbei war, und wir locker, im "Sauhaufen", wie wir damals sagten, zum Lager zurückgeführt wurden, hatte ich Gelegenheit - nach wie viel Jahren? - von einem Eisverkäufer ein "Eis am Stiel" zu kaufen. Eigentlich war es noch viel zu kalt zum Eisessen. Der Verkäufer stand da mit seinem Kasten in warmer Bekleidung.)

Freitag, 7. Mai 1948: Ich wurde zur Unterschrift meiner Personalakte gerufen, und da stellte sich heraus, daß es nicht meine Personalien waren, sondern die eines Kameraden, namens "Brück".
(Das war ein ziemlicher Schlag gegen Heimkehrhoffnungen, weil ich doch bei der Mentalität der Russen befürchten musste: "Nidschewo (macht nichts, egal), der kommt mit beim nächsten Transport, dann werden die Papiere da sein!" Ich versprach dem Mitgefangenen in der Verwaltung alle meine Papirossi, die ich hatte, wenn er es schaffe, die richtige Akte zu finden. Er versprach, im Hauptlager anzufragen und erzählte noch, dass auch er Geburtsjahrgang 1923 sei. Dieser Jahrgang sei sehr dünn vertreten. Jahre später, als unter dem ersten Bundeskanzler, Konrad Adenauer, wieder deutsche Soldaten marschierten, wurde bekannt, dass der Jahrgang 1922 der verlustreichste des Zweiten Weltkrieges gewesen sei. Dieser Jahrgang war größtenteils bereits 1941 beim Einbruch in die Sowjetunion dabei. Mein Jahrgang wurde ein Jahr später eingezogen, das reichte auch für hohe Verluste. Ich zählte zu denen, die viel, viel Glück gehabt hatten. Waren diese drei Jahre mein Tribut für "Führer befiehl, wir folgen dir"?)

Montag, 10 Mai 1948 - morgens 8 Uhr: Ich mußte gestern meine Eintragungen abbrechen, weil es hieß: "Raustreten mit Gepäck! " Nach der Durchsicht unseres Gepäcks usw. brachte man uns auf einem LKW zum Stalin-Bahnhof. Wir haben den Stacheldraht hinter uns.... Ich liege mit 65 weiteren des "Transportkommandos"... in einem großen Waggon und warte auf die Abfahrt. Angeblich sollen wir schon in 7 Tagen in Brest sein.....

© Willi Krück, Kriegsgefangener in Stalins Sowjetunion 1945-1948, Eigenverlag
(Der Gesamtbericht umfaßt 95 DIN A4-Seiten (mit 27 Abbildungen), Anschrift: W. Krück, Süderstraße 21,
25451 Quickborn, Tele. 04106/68241, ab Mai 04: Schillerstraße 49 [GH], 14513 Teltow)

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© 2004 Willi Krück