Kriegsende
Aus meinen Tagebuchaufzeichnungen
Brunhilde Kollars (Jg. 1925)

Ostermontag 1945, 2. April.
Das ist das Osterfest des Jahres 1945! Ringsum das Donnern der Kanonen, Krachen der Geschütze, Rattern der Bordwaffen. Sturmwind peitscht das Land, rüttelt an Fensterläden, Türen, klappert mit abgerissenen Brettern, vermischt sich mit dem Lärm der Geschütze, es ist, als ob die Natur sich auflehnen würde gegen das Morden und Brennen, gegen das Sengen und Verwüsten.

Unser friedliches Dörfchen inmitten grüner Wiesen, blühender Felder, verträumter Wälder im Herzen Deutschlands ist nun auch vom Schrecken des Krieges bedroht und wahrscheinlich der Zerstörung ausgeliefert. Die Dorfbewohner sind in Angst und Schrecken versetzt. Was werden die nächsten Stunden bringen? Werden wir noch einmal ruhig schlafen können, noch einmal die strahlende Sonne erwachen sehen?

Von Nord und Süd, von Ost und West kamen arme vertriebene Menschen in unseren Ort, fanden hier in Ruhe und Frieden Erholung, Stärkung ihrer angegriffenen Nerven. Wer hätte gedacht, daß der feurige Atem des schrecklichen Krieges bis hierher dringen würde, die Zufluchtsstätte der vielen Obdachlosen bedrängen? Gibt es keinen Weg, diesem grausamen Ringen ein Ende zu machen? Warum diese sinnlose Verzögerung des Krieges? Warum wird nicht "Halt" geboten? Warum muß das letzte Stückchen deutschen Bodens zerstört werden? Hat denn niemand den Mut, die Waffen hinzuwerfen , dadurch Menschenleben zu retten ? Welche Gedanken überhaupt, niemand darf sich verweigern, er wäre ein Kind des Todes, unsere Regierung will die Vernichtung, keinen Frieden. Jedermann, der für den Frieden ist, wird rücksichtslos ausgerottet.

Panzerspitzen kommen näher! - Wir haben getan, was in unserer Macht stand, um einiges zu retten, gestern, am Ostersonntag, hat die ganze Familie beim Bau eines Bunkers, vielmehr eines Unterstandes, geholfen. Heute sind viele wichtige Sachen in Säcke gestopft worden, die neben gepackten Koffern bereit liegen. An Lebensmittel ist auch gedacht worden. Nun sitzen wir da, warten, warten, warten - es legt uns vollkommen lahm. Der Vater ist mit dem Volkssturm zum Schanzen vor dem Dorf, durfte sich nicht weigern.

Ein junger Leutnant hat die feste Brücke im Oberdorf sprengen lassen. Trauriges Osterfest! Deutsche Soldaten ziehen durchs Dorf, Tag und Nacht. Um nicht untätig herumzusitzen, habe ich diese Blätter beschrieben.

Dienstag, 3. April.
Wir haben noch einmal ruhig schlafen können, doch die nervöse Spannung ist geblieben. Jeder geht seiner Beschäftigung nach. Vater mußte zur Arbeitsstelle, Rüstungsfabrik in Mühlhausen fahren. Wir haben das Haus sauber gemacht. Durch das Packen war überall Durcheinander . Mutter, Tante Hedwig, Gerda und ich sitzen beim Strümpfestopfen. Klein, Winfried und Inge sind im Kindergarten, warum sollen sie nicht unbeschwert spielen? Ihr Vater, mein Lieblingsonkel, ist seit 1943 vermißt. Da! Horcht! Der erwartete Sirenenton , auf- und abheulend, unheimlich tönend das Signal, die Spannung lösend, die uns gefangenhielt. "Amerikanische Panzer im Anrollen auf das Heimatgebiet." Jetzt sind die Minuten gekommen, in denen jeder höchste Ruhe bewahren und das Notwendige tun muß. Gerda holt sofort die Kinder. Wir bringen alles Gepäck in den Unterstand. Traurig klingen die Kirchenglocken bei uns und in den Nachbardörfern, Höchstgefahr! Abschiednehmend gehe ich durchs Haus.

Vielleicht ist das bald alles nicht mehr. Ich finde noch manches wichtige Stück, ich verstaue es im Unterstand. Das Vieh wird nochmal gefüttert, alles ist bereit. Vater noch in Mühlhausen! Wenn er nur erst zurück wäre. Nach einer endlos scheinenden Stunde kommt er mit dem Rad angefahren, die neusten Nachrichten, "die Panzer stehen vor Heyerode", uns bleibt noch eine Galgenfrist. Die Soldaten sagen, daß die Vogtei bis zum letzten verteidigt werden würde. Heilige Unvernunft! Der Abend kommt, wird uns ein guter Stern vor dem Untergang bewahren?

Nachts - vom Dienstag zum Mittwoch.
Gerda ist mit den Kindern bei uns geblieben, wir wollen in diesen schweren Stunden zusammen sein, alles gemeinsam tragen. Die Kleinen sind die Einzigen, die in dieser endlos langen Nacht Schlaf finden. Wir sitzen um den Wohnzimmertisch, gespenstisch wirft die Petroleumlampe Schatten an die Wände. Manchmal schreckt uns ein Laut aus leichtem Hindämmern, es ist nichts, beruhigen wir uns. Um 4 Uhr kommt Vera mit Tante Lisbeth: "Macht Euch auf alles gefaßt, die Soldaten gehen in Stellung." Die Beiden verlassen uns, ich gebe ihnen die Hände, werden wir uns wiedersehen? Ich gehe in das Schlafzimmer zu den Kindern, bewache ihren Schlummer. Wenn nur erst die Nacht vorbei wäre -.

Ein Hahnenschrei kündet den Tag an. Ich blicke aus dem Fenster, auf das so friedlich ruhende Dorf, heiße Tränen, immer wieder, rinnen über meine Wangen. Ein fahles Dämmern zieht vom Osten herauf, der Morgen graut.

Mittwoch, der 4. April.
Um 10 Uhr beginnt ein mörderisches Feuer auf Oberdorla, den Nachbarort. Wir rennen in den Unterstand in Windeseile, zu 11 Personen sitzen wir zusammengekauert auf Strohbündeln. Es sind Stunden, die wir nie vergessen werden, Stunden, in denen man meint, die Hölle tue sich auf, uns zu verschlingen, wenn es möglich ist, die Hölle auf Erden zu erleben. Beide Großmütter, Tante Hedwig, Vater, Mutter, Gerda und die Kinder, Ilse, Irma und ich hören mit Entsetzen, wie über uns, neben uns, hinter uns die Geschosse explodieren, halten uns an den Händen, schreien auf, zucken zusammen, ducken uns, die Großmutter betet, - wir sind genau im Schußfeuer.

Eine kleine Gruppe deutscher Soldaten, das letzte Aufgebot, flüchten an unserem Wassergraben am Rande des Gartens entlang, abgekämpft, müde verhärmt versuchen sie der Gefangenschaft durch die Amerikaner zu entgehen. Sie durften sich nicht ergeben, sie erregen unser tiefstes Mitleid, wahrscheinlich haben sie den Krieg genau so wenig gewollt wie wir. Sie werden von einer unverantwortlichen Regierung getrieben, die alles vernichten läßt. - Eine kleine Weile verschnaufen die Soldaten, eine kleine Feuerpause, Vater reicht einen Labetrunk, schnell rennen sie weiter, mit Tränen sehen wir ihnen nach aus dem Unterstand.

Noch einmal beginnt das wilde Schießen, wieder meinen wir, das letzte Stündlein habe geschlagen. Doch Gott ist uns gnädig, erhörte unser Flehen. Niederdorla hat sich ergeben, in letzter Minute, bevor es in Schutt und Asche gelegt worden wäre. Wir sind befreit! Wir verlassen den Unterstand, mit dem Gefühl, aus dem Grabe aufzustehen. Wir können wieder frei atmen! Wir haben unsere Rettung einem mutigen Dorfbewohner zu verdanken, der mit seinem Motorrad und einem großen weißen Tuch sich den Panzern entgegenstellte, ungeachtet der Gefahr, in der er sich befand. Auf dem ersten Panzer sitzend fuhr er ins Dorf, ein einziger Schuß eines Heckenschützen hätte seinem Leben ein Ende gesetzt.

Wir stehen am Dorfeingang, Panzer nach Panzer unserer Befreier rollt vorbei, die Tyrannei einer 12jährigen Hitler-Diktatur ist überstanden. Das Leid und die Folgen dieser verantwortungslosen Regierung ist noch nicht überschaubar, aber der wahnsinnige Krieg ist für uns vorbei, die Willkür der größenwahnsinnigen Hitlerregierung. Hunderte von Panzern rollen vorüber, welcher Irrsinn, gegen dieses Material, gegen diese Übermacht, gegen diese kräftigen Männer mit allem ausgerüstet, was nötig ist mit dem letzten Aufgebot unserer erschöpften Soldaten , die unzureichend bewaffnet und ernährt waren -- manches Auge wird naß, vor Rührung, nun das Schlimmste überstanden zu haben. Vielleicht wurde es auch denen klar, wenigstens einigen, die bis zuletzt treue Gefolgsleute ihres Führers waren, einem skrupellosen Henker vertrauend.

Am Mühltor werden einige versprengte deutsche Soldaten von großen Negern entwaffnet, die Gefangenen, mit im Nacken verschränkten Armen werden von den kauenden Amis hin und her gejagt. Ein beschämender trauriger Anblick für uns, immerhin war ich 12 Jahre in nationalsozialistischen Schulen , da konnte selbst mein antifaschistischer Vater nicht immer alles aufklären. Wir gingen nach Hause und halfen, die Sachen aus dem Unterstand zu holen.

Donnerstag, der 5. April.
Die Panzer fuhren weiter, Fahrzeuge aller Art besetzten den Ort. Auch in der Herrengasse baut sich ein Laster hinter dem anderen auf, ohne eine Lücke. Kein Dorfbewohner läßt sich sehen. Was wird über uns beschlossen werden? Wir sehen aus dem Fenster sind bei meiner Tante. Da kommt mit langsamen Schritten die Großmutter die Straße herab auf uns zu, besieht sich seelenruhig das Ganze! Wir ängstigen uns unnötig. Höflich ließen die Amis das alte kleine Mütterchen vorbeigehen!


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© 2002 Brunhilde Kollars