Ostermontag 1945, 2. April.
Das ist das Osterfest des Jahres 1945! Ringsum das Donnern der Kanonen,
Krachen der Geschütze, Rattern der Bordwaffen. Sturmwind peitscht das
Land, rüttelt an Fensterläden, Türen, klappert mit abgerissenen
Brettern, vermischt sich mit dem Lärm der Geschütze, es ist, als
ob die Natur sich auflehnen würde gegen das Morden und Brennen, gegen
das Sengen und Verwüsten.
Unser friedliches Dörfchen inmitten grüner Wiesen, blühender
Felder, verträumter Wälder im Herzen Deutschlands ist nun auch
vom Schrecken des Krieges bedroht und wahrscheinlich der Zerstörung
ausgeliefert. Die Dorfbewohner sind in Angst und Schrecken versetzt. Was
werden die nächsten Stunden bringen? Werden wir noch einmal ruhig schlafen
können, noch einmal die strahlende Sonne erwachen sehen?
Von Nord und Süd, von Ost und West kamen arme vertriebene Menschen
in unseren Ort, fanden hier in Ruhe und Frieden Erholung, Stärkung
ihrer angegriffenen Nerven. Wer hätte gedacht, daß der feurige
Atem des schrecklichen Krieges bis hierher dringen würde, die Zufluchtsstätte
der vielen Obdachlosen bedrängen? Gibt es keinen Weg, diesem grausamen
Ringen ein Ende zu machen? Warum diese sinnlose Verzögerung des Krieges?
Warum wird nicht "Halt" geboten? Warum muß das letzte Stückchen
deutschen Bodens zerstört werden? Hat denn niemand den Mut, die Waffen
hinzuwerfen , dadurch Menschenleben zu retten ? Welche Gedanken überhaupt,
niemand darf sich verweigern, er wäre ein Kind des Todes, unsere Regierung
will die Vernichtung, keinen Frieden. Jedermann, der für den Frieden
ist, wird rücksichtslos ausgerottet.
Panzerspitzen kommen näher! - Wir haben getan, was in unserer Macht
stand, um einiges zu retten, gestern, am Ostersonntag, hat die ganze Familie
beim Bau eines Bunkers, vielmehr eines Unterstandes, geholfen. Heute sind
viele wichtige Sachen in Säcke gestopft worden, die neben gepackten
Koffern bereit liegen. An Lebensmittel ist auch gedacht worden. Nun sitzen
wir da, warten, warten, warten - es legt uns vollkommen lahm. Der Vater
ist mit dem Volkssturm zum Schanzen vor dem Dorf, durfte sich nicht weigern.
Ein junger Leutnant hat die feste Brücke im Oberdorf sprengen lassen.
Trauriges Osterfest! Deutsche Soldaten ziehen durchs Dorf, Tag und Nacht.
Um nicht untätig herumzusitzen, habe ich diese Blätter beschrieben.
Dienstag, 3. April.
Wir haben noch einmal ruhig schlafen können, doch die nervöse
Spannung ist geblieben. Jeder geht seiner Beschäftigung nach. Vater
mußte zur Arbeitsstelle, Rüstungsfabrik in Mühlhausen
fahren. Wir haben das Haus sauber gemacht. Durch das Packen war überall
Durcheinander . Mutter, Tante Hedwig, Gerda und ich sitzen beim Strümpfestopfen.
Klein, Winfried und Inge sind im Kindergarten, warum sollen sie nicht
unbeschwert spielen? Ihr Vater, mein Lieblingsonkel, ist seit 1943 vermißt.
Da! Horcht! Der erwartete Sirenenton , auf- und abheulend, unheimlich
tönend das Signal, die Spannung lösend, die uns gefangenhielt.
"Amerikanische Panzer im Anrollen auf das Heimatgebiet." Jetzt
sind die Minuten gekommen, in denen jeder höchste Ruhe bewahren und
das Notwendige tun muß. Gerda holt sofort die Kinder. Wir bringen
alles Gepäck in den Unterstand. Traurig klingen die Kirchenglocken
bei uns und in den Nachbardörfern, Höchstgefahr! Abschiednehmend
gehe ich durchs Haus.
Vielleicht ist das bald alles nicht mehr. Ich finde noch manches wichtige
Stück, ich verstaue es im Unterstand. Das Vieh wird nochmal gefüttert,
alles ist bereit. Vater noch in Mühlhausen! Wenn er nur erst zurück
wäre. Nach einer endlos scheinenden Stunde kommt er mit dem Rad angefahren,
die neusten Nachrichten, "die Panzer stehen vor Heyerode", uns
bleibt noch eine Galgenfrist. Die Soldaten sagen, daß die Vogtei
bis zum letzten verteidigt werden würde. Heilige Unvernunft! Der
Abend kommt, wird uns ein guter Stern vor dem Untergang bewahren?
Nachts - vom Dienstag zum Mittwoch.
Gerda ist mit den Kindern bei uns geblieben, wir wollen in diesen schweren
Stunden zusammen sein, alles gemeinsam tragen. Die Kleinen sind die Einzigen,
die in dieser endlos langen Nacht Schlaf finden. Wir sitzen um den Wohnzimmertisch,
gespenstisch wirft die Petroleumlampe Schatten an die Wände. Manchmal
schreckt uns ein Laut aus leichtem Hindämmern, es ist nichts, beruhigen
wir uns. Um 4 Uhr kommt Vera mit Tante Lisbeth: "Macht Euch auf alles
gefaßt, die Soldaten gehen in Stellung." Die Beiden verlassen
uns, ich gebe ihnen die Hände, werden wir uns wiedersehen? Ich gehe
in das Schlafzimmer zu den Kindern, bewache ihren Schlummer. Wenn nur
erst die Nacht vorbei wäre -.
Ein Hahnenschrei kündet den Tag an. Ich blicke aus dem Fenster, auf
das so friedlich ruhende Dorf, heiße Tränen, immer wieder,
rinnen über meine Wangen. Ein fahles Dämmern zieht vom Osten
herauf, der Morgen graut.
Mittwoch, der 4. April.
Um 10 Uhr beginnt ein mörderisches Feuer auf Oberdorla, den Nachbarort.
Wir rennen in den Unterstand in Windeseile, zu 11 Personen sitzen wir
zusammengekauert auf Strohbündeln. Es sind Stunden, die wir nie vergessen
werden, Stunden, in denen man meint, die Hölle tue sich auf, uns
zu verschlingen, wenn es möglich ist, die Hölle auf Erden zu
erleben. Beide Großmütter, Tante Hedwig, Vater, Mutter, Gerda
und die Kinder, Ilse, Irma und ich hören mit Entsetzen, wie über
uns, neben uns, hinter uns die Geschosse explodieren, halten uns an den
Händen, schreien auf, zucken zusammen, ducken uns, die Großmutter
betet, - wir sind genau im Schußfeuer.
Eine kleine Gruppe deutscher Soldaten, das letzte Aufgebot, flüchten
an unserem Wassergraben am Rande des Gartens entlang, abgekämpft,
müde verhärmt versuchen sie der Gefangenschaft durch die Amerikaner
zu entgehen. Sie durften sich nicht ergeben, sie erregen unser tiefstes
Mitleid, wahrscheinlich haben sie den Krieg genau so wenig gewollt wie
wir. Sie werden von einer unverantwortlichen Regierung getrieben, die
alles vernichten läßt. - Eine kleine Weile verschnaufen die
Soldaten, eine kleine Feuerpause, Vater reicht einen Labetrunk, schnell
rennen sie weiter, mit Tränen sehen wir ihnen nach aus dem Unterstand.
Noch einmal beginnt das wilde Schießen, wieder meinen wir, das letzte
Stündlein habe geschlagen. Doch Gott ist uns gnädig, erhörte
unser Flehen. Niederdorla hat sich ergeben, in letzter Minute, bevor es
in Schutt und Asche gelegt worden wäre. Wir sind befreit! Wir verlassen
den Unterstand, mit dem Gefühl, aus dem Grabe aufzustehen. Wir können
wieder frei atmen! Wir haben unsere Rettung einem mutigen Dorfbewohner
zu verdanken, der mit seinem Motorrad und einem großen weißen
Tuch sich den Panzern entgegenstellte, ungeachtet der Gefahr, in der er
sich befand. Auf dem ersten Panzer sitzend fuhr er ins Dorf, ein einziger
Schuß eines Heckenschützen hätte seinem Leben ein Ende
gesetzt.
Wir stehen am Dorfeingang, Panzer nach Panzer unserer Befreier rollt vorbei,
die Tyrannei einer 12jährigen Hitler-Diktatur ist überstanden.
Das Leid und die Folgen dieser verantwortungslosen Regierung ist noch
nicht überschaubar, aber der wahnsinnige Krieg ist für uns vorbei,
die Willkür der größenwahnsinnigen Hitlerregierung. Hunderte
von Panzern rollen vorüber, welcher Irrsinn, gegen dieses Material,
gegen diese Übermacht, gegen diese kräftigen Männer mit
allem ausgerüstet, was nötig ist mit dem letzten Aufgebot unserer
erschöpften Soldaten , die unzureichend bewaffnet und ernährt
waren -- manches Auge wird naß, vor Rührung, nun das Schlimmste
überstanden zu haben. Vielleicht wurde es auch denen klar, wenigstens
einigen, die bis zuletzt treue Gefolgsleute ihres Führers waren,
einem skrupellosen Henker vertrauend.
Am Mühltor werden einige versprengte deutsche Soldaten von großen
Negern entwaffnet, die Gefangenen, mit im Nacken verschränkten Armen
werden von den kauenden Amis hin und her gejagt. Ein beschämender
trauriger Anblick für uns, immerhin war ich 12 Jahre in nationalsozialistischen
Schulen , da konnte selbst mein antifaschistischer Vater nicht immer alles
aufklären. Wir gingen nach Hause und halfen, die Sachen aus dem Unterstand
zu holen.
Donnerstag, der 5. April.
Die Panzer fuhren weiter, Fahrzeuge aller Art besetzten den Ort. Auch
in der Herrengasse baut sich ein Laster hinter dem anderen auf, ohne eine
Lücke. Kein Dorfbewohner läßt sich sehen. Was wird über
uns beschlossen werden? Wir sehen aus dem Fenster sind bei meiner Tante.
Da kommt mit langsamen Schritten die Großmutter die Straße
herab auf uns zu, besieht sich seelenruhig das Ganze! Wir ängstigen
uns unnötig. Höflich ließen die Amis das alte kleine Mütterchen
vorbeigehen!
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© 2002 Brunhilde
Kollars
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