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Aus
dem Briefwechsel eines Zwölfjährigen mit seiner Mutter im Kriegwinter
1940/41
Im Kriegsjahr
1940 beschloß die Reichsregierung die Aktion Kinderlandverschickung.
Kinder sollten aus den bombengefährdeten Städten in ländliche
Gebiete verschickt werden, wo keine Angriffe zu erwarten waren und auch
der Schlaf nicht durch den häufigen Fliegeralarrn gestört wurde.
Gleichzeitig bot diese Maßnahme die Gelegenheit, die Kinder durch
mitreisende HJ Führer konzentriert im Sinne des Nationalsozialismus
zu erziehen.
Von meiner Schule, der Oberschule für Jungen im Alstertal, fuhren
ca. 80 Schüler der Klassen 1 bis 4 (Sexta, Quinta, Quarta und Untertertia)
mit der Begleitung von drei Lehrern und drei HJ Führern nach Waldhäuser,
einem kleinen Dorf im Bayerischen Wald, unmittelbar an der tschechischen
Grenze, die damals aber durch die Einverleibung des Sudetenlandes nicht
bestand. Am 13. November 1940 trafen wir dort ein.
Wir fanden Unterkunft in der dortigen Jugendherberge, einem älteren
Gebäude mit ausreichend Platz. Die Schlafräume waren in der
Regel mit zehn Betten bestückt.
Ich war am 25. September 1940 12 Jahre alt geworden und hatte ein sehr
inniges Verhältnis zu meiner Mutter. Sicher hat sie dieser Reise
nur zugestimmt, weil sie mir damit etwas Gutes tun wollte.
16.11.40
Lieber Horst!
Ich denke, es freut Dich, schon zum Sonntag einen Gruß zu erhalten.
Hoffentlich ist die Bahnfahrt gut verlaufen. Wir haben Dich in Gedanken
von Ort zu Ort begleitet. Wir waren anschließend noch bei Tante
Rosa. Sie hat uns einen sehr schönen Tag gemacht. Bei uns stürmt
es so sehr, daß es an der Langenhorner Chaussee einen Baum umgerissen
hat. Vati ist gestern beim Verdunkeln mit der Maschine umgekippt. Jacke,
Nähkästen, Stopfkästen usw. alles kaputt.
Nun sei recht gehorsam und ruhig und artig. Hoffentlich denkst Du immer
an meine große Sorge um Dich. Grüße Deine Kameraden und
Deine Lehrer herzlich, so wie ich Dich auch grüße. Schreibe
bald einmal.
Alles Gute, Deine Mutti
14.11.40
Liebe Mutti!
Wir sind gut hier angekommen. Die Fahrt war wirklich sehr schön.
Wir sind über Hildesheim, Göttingen, Bamberg und Nürnberg
nach Zwiesel gefahren. Dort sind wir in den Autobus umgestiegen, in dem
wir 50 Kilometer durch Berge und Täler, durch eine wahrhaft wunderschöne
Landschaft gefahren sind. Nun noch eine Bitte an Dich. Bitte schicke mir
doch noch etwa 25 6-Rpf-Karten und etwa 5 12-Rpf-Marken und bitte meine
Turnhose und das, was Du noch weißt.
Leider kann ich nicht mehr schreiben, denn ich habe wirklich keine Zeit
Nun viele liebe Grüße auch an Vati und Uwe. Dein Horst
17.11.40
Alle meine Lieben!
Nun möchte ich Euch auch einmal einen Brief schreiben. Ich habe auch
schon 2 mal ganz kurz hintereinander geschrieben, aber diese Karten waren
wirklich nötig.
Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen wegen der Medizin, liebe Mutti,
ich brauch sie nur zur Vorbeugung. Ich hatte einmal nachts solch komisches
Gefühl, das ich manchmal zuhause hatte, bevor ich krank wurde, aber
kaum war ich draußen und hatte 5 Minuten lang diese wunderbare Luft
hier geatmet, so war ich wieder frisch, als ob mir nichts geschehen war.
Nun hier zur Herberge: Das Essen ist hier so reichlich, wie wir es im
ganzen Krieg in Hamburg nicht gehabt haben, und es schmeckt wirklich vorzüglich.
Als wir ankamen, kriegte jeder einen Teller Weiß und Wirsingkohl
mit einem großen Stück Fleisch. Den nächsten Tag gab es
Pfannkuchen, sehr reichlich, und zum Abendbrot gab es 2 Schnitten Brot
mit 1/16 Pfund Butter und 3/16 Pfund Käse. Am Sonnabend gab es Gulasch
und zum Abendbrot Knackwurst mit Erbsensuppe. Heute, Sonntagmittag, wo
ich auch diesen Brief schreibe, gab es erst Nudelsuppe (Vorspeise gibt
es hier übrigens jeden Mittag) und dann sehr viel Ochsenbraten und
zwei Teller Apfelmus. Gott sei dank gibt es hier Kartoffeln.
Zum Schlafen: Wir schlafen mit 10 Mann hier in einem Zimmer. Die Betten
stehen je 2 übereinander. In den ersten beiden Betten schlafen Bergelt
und Dieter. Letzterer ist leider augenblicklich krank. In den beiden nächsten
Betten schlafen Helmut unten und Kay oben. Dann kommen Rönneke und
Schabs. Und dann kommen Schramm und sein Bruder. Vor den Betten schlafen
Ellerbrock und ich unten. ....Besteck und Gedeck brauchen wir hier gar
nicht. Wenn ich einen Karton kriege, schicke ich es wieder nach Hause.
Bitte schickt mir im nächsten Paket mein Turnhemd und zwei Paar schwarze
Stiefelbänder und 3 Paar braune Schuhbänder. Auch 6 Pf. Marken
hätte ich gerne. Ein Junge hat Pech gehabt. Er ist von einem Felsblock
runtergefallen und hat sich den Fuß gebrochen. Er muß ins
nächste Krankenhaus, welches 12 Kilometer entfernt ist.Die Landschaft
ist hier wunderbar. Wenn wir etwas steigen, können wir die Alpen
sehen. Ich möchte, Ihr würdet es erleben, wie die Alpen aus
den Wolken ragen. Wir sind hier rings von Bergen umgeben. Gestern sind
wir 8 Kilometer weit nach St. Oswald gegangen.
Mutti, schreibe mir bitte, ob es wahr ist, daß Ihr einmal 8 Stunden
im Keller gewesen seid. Wie geht es Dir, lieber Uwe, kommst Du auch bald
weg? Und Vati, mußt Du jetzt wieder in den Dienst?Die Tageseinteilung
kann ich leider noch nicht schreiben. Wir hatten bis jetzt keine Schule,
und daher weiß ich es noch nicht..... Ich sende Euch allen die herzlichsten
Grüße aus Bayern und bin immer Euer Horst
28.11.40
Liebe Mutti!
................Besonderen Dank für das Paket. Ich habe mich dazu
so gefreut, daß ich es gar nicht beschreiben kann. Die Hausschuhe,
sie passen wie angegossen, kommen mir sehr zustatten, da die Turnschuhe
gerade entzweigegangen sind. Auch die Turnhose kommt mir gerade recht.
Die braunen und die weißen Kuchen haben mir sehr gemundet. Weiße
Kuchen könntest Du mir gern noch einmal schicken. Der Kandis war
zusammengeklebt, aber geschmeckt hat er doch. Auch den Schinken habe ich
schon gegessen. Zu ihm habe ich mich noch am meisten gefreut. Die Äpfel
waren meistens angefault. Daher habe ich sie alle aufgegessen oder verteilt.
Nun die Tageseinteilungen für montags, mittwochs und sonnabends:
Morgens um 7 Uhr wird geweckt. Danach ist Frühsport, welchen ich
wegen den Bronchien nicht mitmache, oder Duschen. Dann haben wir Zeit
bis 8 Uhr zum Waschen, Anziehen, Bettmachen und die Stube reinmachen.
Von 8 Uhr bis 8.15 Uhr ist Stubenabnahme. Dann trinken wir Kaffee bis
vor 9. Dann müssen wir ein bißchen exerzieren.
Von 9.15 Uhr bis 12.30 Uhr ist Außendienst. Es ist ganz verschieden,
was wir da machen. Manchmal bauen wir an unserer Höhle. Manchmal
gehen wir spazieren, machen auch vielleicht ein kleines Geländespiel.
Dann haben wir Freizeit bis um 1 Uhr. Dann gibt es Mittagessen bis 1/22.
Dann haben wir wieder eine Stunde Freizeit. Um halb drei beginnt der Unterricht.
Wir haben 4 Stunden a 40 Minuten und 2 Pausen a 10 Minuten und eine Pause
von. 4 Uhr bis 4.30 Uhr, wo wir Kaffee trinken. Nach der Schule haben
wir bis 7 Putz und Flickstunde. Von 7 bis 7.30 Uhr haben wir Abendbrotessen.
Von 7.30 bis 8.30 ist Innendienst. Da machen wir montags Aussprache, dienstags
Singen, mittwochs Heimabend, donnerstags schreiben wir Briefe und Karten,
freitags lustiger Sing und Erzählabend, sonnabends ist allgemeiner
Sauberkeitsappell, welches sich auf alles erstreckt. Um 9 Uhr ist Zapfenstreich.
Dienstag, Donnerstag und Freitag ist es etwas anders. Der Außendienst
dauert nur bis 11. Von 11 bis 1 Uhr ist Freizeit. Nach der Freizeit um
halb drei ist bis 4 Uhr Arbeitsstuhde für Schularbeiten. Der Unterricht
fängt dann erst nach dem Kaffee an und dauert bis viertel vor sieben.
Die Putz und Flickstunde wird um dreiviertel Stunde weniger. Sonntags
ist es immer verschieden. Vorige Woche waren wir auf dem Lusen im Schnee.
Wir konnten ganz deutlich die Alpen sehen.
Nun will ich Dir noch etwas von der Schule schreiben, damit ich es nicht
vergesse. Wir haben 21 Stunden in der Woche, davon haben wir 5 Stunden
Deutsch und 3 Stunden Geschichte bei Herrn Haupt. 4 Stunden Rechnen, 2
Stunden Erdkunde und 2 Stunden Rechnen bei Herrn Dr. Pauschmann und 4
Stunden Englisch bei Herrn Schulze.
5.12.40
Liebe Mutti!
.....Wir haben uns jetzt eingelebt. Hier ist es sehr gemütlich. Der
Schnee ist jetzt schon so, daß er vor Februar nicht taut. Ich bin
schon Schlitten gefahren und Ski gelaufen.
Manchmal, wenn wir frech gewesen sind, haben wir zur Strafe Kostümfest,
das heißt, wir müssen uns in einer Tour umziehen. Der HJ Führer
sagt dann: "In 2 Minuten in Uniform antreten, marsch, marsch."
Wenn wir dann stehen, müssen wir in 2 Minuten in Schlafzeug oder
Zivil oder Turnzeug antreten. So geht das dann eine halbe Stunde, und
dann ist das Kostümfest vorbei. Einmal mußten wir wegen einem
Jungen Kostümfest machen, Dieser hat natürlich sofort einen
heiligen Geist gekriegt. Dies heißt, am Abend nach 11 Uhr wird der
geweckt, seine Hose runtergezogen und sein Popo mit Schuhkreme eingerieben.
Dies ist jetzt allerdings verboten worden, weil dabei der Schlafsack beschmutzt
wurde. Dafür kriegt jetzt einer den heiligen Geist in Gestalt von
Stubenhieben. Unser HJ Führer heißt Horst Granzow, wird aber
nur Brillus genannt, weil er eine Brille trägt. An einem Sonntag
hatten wir Erzähler Wettstreit. Zwei aus unserem Zug haben den 1
. und den 3. Preis gewonnen, 1 Flasche Apfelwein zu 1.30
Ende Dezember 40 (?)
Mein lieber Horst
.....Ich schicke Dir nun heute ein kleines Päckchen. Die Seife bekommt
Vati alle 3 Monate 1 Stück im Dienst, aber er will sie gerne für
Dich opfern. Ein paar Kakes und das Buch von der Schule sende ich Dir
mit. Süßigkeiten gibts augenblicklich gar keine. Wenn ich wieder
Fett habe, backe ich Dir einen kleinen Kuchen, aber ich bekomme keine
Rosinen. Es ist zu Weihnachten alles ausverkauft. Schreibe nur rechtzeitig
einen lieben Brief an Deinen Vati. Du weißt doch, daß er am
11.2. Geburtstag hat. Es ist ja noch lange bis dahin, aber Dein letzter
Brief war 7 Tage unterwegs. Ich nehme an, daß die Verzögerung
durch das Wetter kommt......Gerade kommt Vati nach Hause. Er läßt
Dich schön grüßen. Er war auch schon in Sorge um Dich,
weil Du volle 8 Tage nicht geschrieben hattest.
.............Heute gab es neue Lebensmittelkarten. Bei Uwe hat es sich
ja diesmal geändert. Er bekommt jetzt 1 Pfund Fleisch die Woche.
....Auch die Buttereinteilung ist jetzt anders, er bekommt 3 mal 1/4Pfund
und 1 mal 1/2Pfund Butter, 1/2Pfund Margarine und 100 Gramm Butterschmalz.
Vati und ich bekommen in der zweiten Woche nur 1/8 Pfund Butter, das ist
knapp, aber dafür gibt es 100 Gramm Butterschmalz. Wir kommen ganz
gut zurecht.
12.3.41
Liebe Eltern, lieber Uwe!
Ich sitze hier und höre Nachrichten. Ja, Ihr wundert Euch wohl. Unser
Lager hat einen Radioapparat zur Verfügung gestellt bekommen.
Nun ist es nicht mehr lange bis zu meiner Heimreise. Ich kann jeden Tag
abreisen. Ihr werdet dann wohl telegraphisch Nachricht erhalten. Für
meine Begleitung ist gesorgt. Ein Vater holt seinen Sohn in Zwiesel ab.
Diese Stadt ist hier in der Nähe. Mit dem Herrn werde ich dann nach
Hamburg reisen. Heute mittag erhielt ich den lieben Brief vom 9. Vielen
Dank. Herr Haupt hat den Brief auch gelesen. Eben bekam ich auch das Päckchen
vom 1. März. Ich habe mich riesig gefreut Es ist ja das letzte. Genauso,
wie dies wohl der letzte Brief ist. Nun viele Grüße und ein
| www.seniorennet-hamburg.de |
©
2003 Horst Klingspor
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