| Unternehmen
Gomorrha Die roten Nächte der tausend Steine Von Henni Klank |
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| Zu Beginn scheint es mir angebracht,
ein paar einleitende Erklärungen zu geben. Mir ist natürlich klar,
wie vielen anderen Deutschen wohl auch, dass unter Hitlers Regime furchtbare
Gräueltaten an anderen Völkern geschehen sind. Niemand kann sich
davon völlig freisprechen. Was jedoch in der Nacht vom 27. auf den
28. Juli 1943 mit Hamburg geschah, wurde allein schon deshalb einmalig,
weil dieses Bombardement auf die Bevölkerung Hamburgs schon lange vorher
geplant und in seinen grauenhaften Auswirkungen unvorhersehbar war 1)
Um 23 Uhr 40 war der Alarm für die schreckliche Feuersturm Nacht in Hamburg. Ein orkanartiger, heißer Sturm fegte durch Hamburgs zerstörte Straßen und wirbelte alles, was nicht niet und nagelfest war, durch die Luft. Verkohlte Holzteile, Fetzen von Kleidungsstücken, verbranntes Papier und verbranntes Laub. Die Sonne war nicht zu sehen und es stand ein sieben Kilometer hoher, schwarzer Rauchpilz über der Stadt. Es war der 28. Juli 1943, der Tag, nachdem ein gewaltiger Feuersturm durch die Straßen gerast war, ein Feuersturm, wie ihn keine andere deutsche Stadt während des Krieges jemals erlebt hat. Die Luftgeschwindigkeit über den Häusern betrug zeitweise 45 m/Sek, die Windgeschwindigkeit in 7 Kilometer Höhe war 60 m/Sek. Die Bäume in diesen Straßen, durch die der Feuersturm raste, bogen ihre Kronen fast bis zum Boden! Es herrschte also extreme Orkanstärke! Am Berliner Tor in der Wallstraße wurden Bäume mit über 30 cm Durchmesser einfach entwurzelt und in anderen Straßen hatten entwurzelte Bäume einen Durchmesser von fast 1 Meter. Es rasten windhosenartige Feuerwirbel durch viele Straßen und die Menschen, die da hineingerieten, wurden augenblicklich wie in einem Feuerofen verbrannt! Entweder blieb von ihnen nur ein Häuflein Asche übrig oder man fand sie als mumifizierte, schwarze, kleine Reste wieder. Im Zentrum des Feuersturms wurde eine Temperatur von 800° gemessen! 2) Es begann für uns Hamburger der Bombenkrieg mit all' seinen Schrecken! Es gab Nächte, da mussten wir 2 3 mal in der Nacht in den Luftschutzkeller, wir kamen gar nicht aus unseren Kleidern raus. Die Koffer mit den wichtigsten Papieren und notwendigsten Habseligkeiten blieben sowieso unten im Keller. In solchen Nächten war an Schlaf, trotz aufgestellten Luftschutzbetten, nicht zu denken. Trotzdem begann für viele, auch für mich, wieder der Alltag und wir mussten zur Arbeit. Die Angst, von einer Bombe getroffen zu werden, bestimmte jahrelang unser Leben, das Warten auf etwas, was "von oben kommen könnte" erfasste alle. Trotzdem ging das Leben weiter, so gut es ging. Es gab noch Kinos, Konzerte und Theater und niemand ahnte damals, dass im Sommer 1943 eine entsetzliche Katastrophe über uns hereinbrechen würde! So entsetzlich und einmalig, dass wohl keiner, der dieses überlebt hat, auch nach über 50 Jahren nicht, dieses Inferno je vergisst! Es gibt noch heute viele Menschen, die noch immer nicht darüber reden können, so grauenvoll war das Erlebte. Nachdem ich 1942 bei meiner Firma gekündigt hatte, fing ich als Kontoristin in der Gebührnisstelle in der "Brinkmann Kaserne" in Wentorf bei Hamburg an. Da ich noch ledig war, musste ich, wie andere unverheiratete junge Mädchen auch, zu einer Schulung des 10. Generalkommandos, um nach einigen Stunden als "Wehrmachtshelferin" Verwendung zu finden. Wir sollten mit einer Einheit nach Oslo und später nach Narvik transportiert werden. Mir war klar, dass kaum einer dieses Unternehmen überleben würde. Es bestand Krieg mit Norwegen und im Atlantik tobte der U Bootkrieg. Mein Glück bestand darin, dass ich zu dieser Zeit einen Freund wiedertraf; wir kannten uns schon seit unserer Zeit im Jugendorchester, in dem wir 4 Jahre zusammen musizierten. Meine Schwester und ich gingen ins "Haus Vaterland" zum Tanzen (mit Varieté) und wie der Zufall es wollte, es wurde ein Treffen vereinbart zum sich "Wiederkennenlernen" und mündete in einer baldigen Verlobung und nach kurzer Zeit in eine Heirat. Somit blieb mir die Versetzung mit der Wehrmacht nach Narvik erspart! Im Februar 1943 wurde unser erster Sohn, Harald, geboren. Leider erlebte auch er oft die häufigen Fliegerangriffe. Wir mussten dann jedes Mal den Kleinen im Kinderwagen vom zweiten Stock in den Luftschutzkeller transportieren. Wir waren ja jung, und es machte uns nicht viel aus. Aber der Kinderwagen war in der schrecklichen Feuersturmnacht vermutlich die Rettung für das Baby! Denn ohne diese schützende "Umhüllung" für ein kleines Baby von 5 Monaten wäre unser Ältester heute nicht mehr am Leben! Um 23 Uhr 40 am 27./28. Juli 1943 begann der Angriff des Unternehmens "Gomorrha". Es war der insgesamt 142. Fliegerangriff. Die Sirenen heulten, und kein Hamburger konnte in diesem Augenblick ahnen, welche Katastrophe ihm bevorstand! Mein Vater war damals zuständig als Kassenleiter bei der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) für die Abrechnung der Gelder bei den Straßensammlungen und musste zusätzlich bei Fliegeralarm in die Geschäftsstelle in der Banksstraße wegen Telefondienst. In der Banksstraße befanden sich damals fast ausschließlich nur große, stabile 4 Etagenhäuser. Die Banksstraße verlief parallel zur Danielstraße, in der wir bei meinen Eltern eine Zwei Zimmerwohnung hatten, mit separatem Eingang. Die Danielstraße gibt es heute nicht mehr; sie ist, wie das ganze Süd Hammerbrook, nach dem Krieg um 6 Meter aufgeschüttet worden. Nun, mein Vater blieb noch etwa 1 Stunde bei uns im Luftschutzkeller, hatte aber ein ungutes Gefühl und wollte seine "Pflicht" nicht verletzen. Nachdem das Bombardement der britischen Flugzeuge etwas nachgelassen hatte, ging mein Vater doch (manchmal kroch er auch im Rinnstein) in die Banksstraße. Wir sollten ihn nie wiedersehen! Eine Woche vor der Feuersturmnacht, am 20. Juli, hatten unsere Eltern gerade ihre Silberhochzeit gefeiert. Sämtliche Blumen, hauptsächlich Rosen, schwammen in der mit Wasser gefüllten Badewanne. Wir hatten ja schon viele Wochen vor diesem Feuersturm eine grässliche Hitzewelle von 30 bis 35 Grad ohne nennenswerten Niederschlag. In den ausgetrockneten Fleeten tummelten sich die Ratten! Das Fallen der Bomben hatten wir bis jetzt überstanden, rundherum das Krachen der Einschläge und Schwanken der Wände und Fußböden. Wer so etwas einmal erlebt hat, kennt die Merkmale einer heruntersausenden Bombe: Wenn man, ganz egal, ob im Keller oder in der Wohnung, ein "Singen" oder "Pfeifen" hört, ist der Einschlag der Bombe weiter entfernt. Aber wehe, wenn der Luftdruck auf die Ohren spürbar ist (ganz unangenehm), dann fällt die Bombe in unmittelbarer Nähe! Man hört kein Rauschen, nichts! Nur diesen schrecklichen Luftdruck; wie oft haben wir das erlebt! Den entsetzlichen Feuersturm haben wir anfangs, so ab 2 Uhr nachts, nur ein wenig mitgekriegt, wir waren von ihm eingeschlossen im kleinen Haus Luftschutzkeller. Panik machte sich breit, als der Sauerstoff ganz knapp wurde, das Licht brannte schon lange nicht mehr, die Kerzen als Notbeleuchtung gaben ihren Geist auf und es wurde unerträglich heiß! Mein kleines Baby wurde im Kinderwagen durch eine nasse Wolldecke abgedeckt, damit es nicht erstickte! Gottseidank hatten wir noch einen Eimer Wasser. Ich weiß nicht warum, aber ganz plötzlich ritt mich der Teufel; ich wollte noch mal in unsere Wohnung! Vielleicht dachte ich, ich könnte noch etwas rausholen, Papiere, Fotos oder sonst was. Aber als ich im Korridor stand, über mir die Decke schon knisterte und ich zum Schreibtisch meines Vaters ins Wohnzimmer wollte, da sah ich nur noch Feuer. Die Flammen und brennende Gardinen flogen ins Zimmer, die Scheiben waren geplatzt, es war ein Fauchen und Krachen um mich herum, so dass ich die paar Schritte zum Schreibtisch, der am Fenster stand, nicht mehr schaffte; meine Beine waren wie gelähmt. Beim Hinausstürzen aus der Wohnung habe ich nicht einmal Zeug von der Garderobe gegriffen. Ich war in einer derartigen Panik, dass ich schnellstens in den Keller stürzte. Die Straße brannte schon, der Feuersturm raste jetzt durch alle Straßen! Wir bekamen gerade noch die Luftschutztür auf. In diesem Augenblick rastete ein Nachbar aus, geriet in Panik, nahm seine Bettdecke und wollte raus. Keiner von uns konnte ihn halten. Wir sahen ihn nur noch als lebende Fackel vom Feuersturm getragen "durch die Luft davonfliegen". Der Schock saß bei Allen tief! Unsere Lage war zu diesem Zeitpunkt fast hoffnungslos. Wir waren vom Feuer eingeschlossen und wären wahrscheinlich an Hyperthermie oder CO Vergiftung gestorben. Die Verzweiflung griff allmählich um sich und wir mussten daran denken, dass außer dem Feuersturm durch Brandbomben, Phosphor und Flüssigkeitskanister und dem Orkan, der durch die Straßen tobte, unserem Wohnungshaus gegenüber eine große Holzhandlung stand, die noch zusätzlich für ein Flammenmeer sorgte. Zwar gab es dahinter den Kammerkanal, aber wie dahin kommen? Oder nach der anderen Seite, zum Stadtdeich und an die Oberelbe? Dies war im Augenblick eine Fata Morgana für uns. Da kam als Rettungsanker im letzten Moment einem Nachbarn die Idee, einen Durchbruch durch die halbstein'sche Mauer zu versuchen. Mein Mann erinnerte sich an eine Spitzhacke, die in einer Ecke stand. Und das war unsere Rettung! Die Männer schlugen Mauerbrocken heraus und wir probierten, ob mein Kinderwagen da durchpasste; und es ging! Wir kamen am Stadtdeich heraus, aber in eine tosende Flammenhölle! Die Straße brannte, die Bäume brannten, ihre Kronen bis zur Straßendecke runtergebogen, es liefen brennende Pferde an uns vorbei; sie kamen aus dem Fuhrgeschäft "Hertz", die Luft brannte, einfach alles! Der Orkan war so stark, dass wir kaum atmen konnten, und ich weiß noch heute, dass ich meiner Mutter zuschrie: "Nicht hinfallen!". Unser Ziel war ein einige hundert Meter entfernter Hafen-Schuppen an der Elbe. Wir haben ihn erreicht und dort den Morgen abgewartet. Oben auf dem Boden des Schuppens brannten allerdings schon riesige Papierrollen für Zeitungen, aber die Männer konnten sie löschen. Nachdem gegen Morgen das Tosen des Feuersturms abebbte, wagten sich einige Männer auf die Straße und fanden in der Danielstraße im einzigen Haus, das stehengeblieben war, eine Sekthandlung(!) und brachten uns einige Flaschen. Wir hatten durch die Hitze einen wahnsinnigen Durst! Zum Glück konnte ich meinem Kleinen die Brust geben, auch ein Ersatzfläschchen und Babywäsche hatte ich unter der Matratze des Kinderwagens versteckt. Da der Feuersturm schon cà eine Stunde nach dem Fliegeralarm begann, raste er 2 bis 3 Stunden zwischen 1 und 4 Uhr morgens durch Hamburgs Straßen. Zwischen 4 und 5 Uhr flaute er ab. Am darauffolgenden Tag, bis zum späten Abend, war der Himmel schwarz. Hamburg war mit einer 7 Kilometer hohen, schwarzen Rauchwolke bedeckt! Gegen Morgen, als der Sturm nachließ, wagten auch einige Frauen und ich uns einige Meter auf die Straße, aber vom "Frische Luft schnappen" konnte keine Rede sein. Überall brannten Häuser, ja ganze Straßen und die Luft war unerträglich heiß! Trotzdem mussten wir hier weg, ganz egal wohin. In diesem Augenblick wurden wir noch Zeuge eines schrecklichen Geschehens: Wir blickten in unsere Danielstraße, die parallel mit dem Stadtdeich in der sogenannten "Sonnenburg" endete, eine Straßenfront mit großen Balkonen und im Parterre ein großes Restaurant. Aus der Eingangstür kamen etwa 10 bis 15 Leute, bepackt mit Hausrat, Matratzen, Decken usw. Und genau in dem Moment, als sie ins Freie getreten und fast gerettet waren, stürzte die ganze 4 stöckige große Hausecke ein und begrub alles unter sich! Ich werde diesen Anblick nie vergessen! Nichts wie weg, dachten wir. Ans Wasser, an die Oberelbe zum Stadtdeich, an den Anleger für die Raddampfer von Basedow. Die Elbe war übersät mit unzähligen Trümmern, aber es kamen keine Dampfer, sonder große "Schuten", offene, große Schiffe; das war unsere Rettung! Und es kamen hunderte von Menschen aus allen Richtungen, Verbrannte, Verletzte, hauptsächlich Frauen mit Kindern aus Hammerbrook! Während wir noch warteten, bis eine Schute voll war, kam ein Pulk Flugzeuge und beschoss uns. Wir hatten Glück, denn der Angriff galt einem Transportzug, der über die nahegelegene Elbe fuhr, wahrscheinlich ein Truppen oder Gefangenentransport. Die Hälfte des Zuges stürzte in die Elbe! Was sich dann auf der Fahrt, es sollte nach Lauenburg gehen, auf der Schute abspielte, ist kaum zu beschreiben. Es gab kein Verbandszeug, nur Papierbinden. Ich half einer jungen Mutter, ihren halb verbrannten Säugling mit meinen Mullwindeln notdürftig zu verbinden. Mehr konnten wir nicht tun. Sie kam aus dem dichtesten Hammerbrook/Hinterhof, und hatte im Weglaufen ihre kleine 5 jährige Tochter verloren, die von Trümmern verschüttet wurde. Die Frau und auch die anderen standen alle unter Schock. Wir blickten noch einmal zurück auf unser geschundenes und geliebtes Hamburg, über das sich dieser riesige Rauchpilz breitete, so als wolle er sagen: Ich decke alles Grauen, welches in dieser Nacht über Hamburg hereinbrach, für immer zu! Es fällt mir noch heute nicht leicht, über all' dieses Schreckliche zu berichten, und doch befreit es mich von einer Last, die ich nun schon über 50 Jahre mit mir herumtrage! Das Zentrum des Feuersturms lag nur ein paar hundert Meter von unserem zerstörten Wohngebiet entfernt; etwa in der Süderstraße/Grevenweg/Ausschlägerweg (meine alte Schule!). In dieser einen Nacht starben schätzungsweise 41.800 Menschen. Es wurden cà 790 Flugzeuge gezählt (britische). Die Amerikaner griffen meistens am Tage an. Etwa 2.230 Sprengbomben und 325.000 Brandbomben wurden abgeworfen. Erst Anfang Oktober waren alle Brände endgültig gelöscht. Ganz Hammerbrook, eines der dichtbesiedeldsten Stadtteile Hamburgs, war zum Sperrgebiet erklärt worden. Hammerbrook wurde über 90 % zerstört! Unsere Schuten kamen irgendwann in Lauenburg an, der ganze Landungssteg und Umgebung roch nach verbrannten Menschen; es war furchtbar! Die Bürger von Lauenburg halfen aufopfernd und nahmen hunderte von verzweifelten Menschen auf. Wir kamen zu einem netten Ehepaar und konnten uns erst mal ausruhen und mein Baby versorgen. Die Frau buk extra eine Torte, denn ich hatte am nächsten Tag Geburtstag; ich wurde 24. Leider konnte ich nichts davon bei mir behalten, und als ich mich übergeben hatte, stellte ich fest, dass ich wieder schwanger war! In dieser Situation eine niederschmetternde Erkenntnis! Ich weiß bis heute nicht, welcher Teufel mich ritt, am nächsten
Tag, ausgerechnet mein Geburtstag am 29. Juli, noch einmal in das geschundene
Hamburg zurückzukehren, um meinen Vater zu suchen. Meine Mutter war
mit Wäsche waschen beschäftigt, denn es roch alles nach Rauch;
und mein kleines Baby musste ja auch versorgt werden. Mein Mann konnte
in keine Schuhe mehr hineinkommen, da seine Hacken beim Brandlöschen
im Schuppen, in den wir uns gerettet hatten, vom Phosphor verbrannt waren. Ich stand vor den Trümmern unseres abgebrannten Hauses, wagte mich in den Luftschutzkeller. Merkwürdigerweise war die schwere Eisenschutztür offen, die wir in der schrecklichen Nacht nicht aufbekamen, und die uns beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Ich warf einen Blick in den kleinen Raum und mir sträubten sich die Nackenhaare! Sämtliche Holz Stützpfeiler waren zu einem kleinen Häufchen Asche verbrannt! Nicht durch Feuer, sondern durch die abnorme Hitze! Niemand von uns hätte diese Hitze überlebt, alle wären durch Kohlenmonoxid oder Hyperthermie zu Tode gekommen! Nach dieser schockierenden Erkenntnis machte ich mich weiter auf den Weg, in die Banksstraße, die parallel mit der Danielstraße verläuft. An der Ecke Amsinckstraße Lippeltstraße traf ich zufällig einen Kollegen meines Vaters, es erschien mir wie ein Wunder. Er machte mir wieder etwas Hoffnung und meinte, außer ihm wären noch einige andere aus dem Luftschutzkeller herausgekommen und sind zur Moorweide, dem großen Sammelplatz für Ausgebombte am Dammtorbahnhof, gegangen. Also, nichts wie hin; aber was mir so leicht erschien, war ein einziger Horror! Schon in der Banksstraße in Richtung Hauptbahnhof bekam ich es mit der Angst, der heiße Sturm wehte immer noch leichte Holz , Papier und andere Teile durch die Luft. Mitten auf der Straße stand ein ausgebranntes Feuerwehrauto, an der Bordsteinkante lagen verkohlte, bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschrumpfte Überreste von Menschen, es war furchtbar!! Ein glücklicher Zufall hat mir in dieser Situation zum zweiten Mal das Leben gerettet. Ich ging auf der rechten Straßenseite, am Bahndamm entlang und im selben Moment krachte das große, vierstöckige Haus, in dem auch unser Hausarzt Dr. Reuter seine Praxis hatte, mit einem gewaltigen Getöse zusammen, bis hin zur Straßenmitte! Wäre ich auf der linken Seite gegangen, meine Angehörigen hätten mich nie wieder gefunden Niemand weiß, wie viel Leichen oder Teile davon, unter diesem Gebiet liegen, zumal dort nach dem Krieg eine bis zu 6 Meter hohe Aufschüttung mit Trümmern stattfand! Hammerbrook war wochenlang Sperrgebiet. Diesen Schrecken musste ich erst mal verdauen, meine Knie waren ganz weich und es fiel mir schwer, weiter zu gehen. Und doch schaffte ich es, bis zur Mönckebergstraße zu kommen, Hamburgs Hauptgeschäftsstraße in der Innenstadt. Überall Trümmer und verzweifelte, umherirrende Menschen; es war ein deprimierender Anblick. In Höhe des Karstadt Kaufhauses musste ich eine Pause machen, es ging sowieso nicht weiter, denn inmitten der Fahrbahn klaffte ein riesiger Bombentrichter! So setzte ich mich erschöpft auf die Stufen eines Geschäftes, oder was davon noch übrig geblieben war, und musste weinen! Ja, mir liefen die Tränen die Wangen herunter, so sah also unser ehemals schönes Hamburg aus! Diese Erkenntnis war so bitter, so ausweglos, dass ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, jemals wieder durch schöne, heile Straßen gehen zu können. Aber ich wollte ja meinen Vater suchen und hoffte immer noch, dass ich ihn finden würde. So kam ich über den Jungfernstieg, der schöne Alsterpavillon war eine riesige, ausgebrannte Ruine, bis zur Moorweide am Dammtorbahnhof. Au dem großen Platz war eine riesige Ansammlung von verzweifelten Menschen, die auf einen Abtransport warteten, entweder nach Schleswig Holstein, nach Süden oder auch weiter weg. Die letzte Habe mit sich rumschleppend, mit Kisten auf Karren und Bündeln Bettwäsche auf Rädern standen sie; sie hatten, wie ich, alles verloren. Dazwischen waren riesige Brotberge aufgebaut, auch Butter und andere Nährmittel. Was für ein Wahnsinn, die Butter schmolz förmlich in der Hitze! Und in diesem Wirrwarr von Tausenden von Menschen wollte ich meinen Vater finden!? Eine Unmöglichkeit, wie ich nach einiger Zeit feststellte. Also machte ich mich auf den Rückweg, zurück durch die zerstörten Häuser und Straßen und kam nachmittags niedergeschlagen mit der Schute wieder in Lauenburg an. Was sollte nun werden, wohin sollten wir gehen, wie ging das Leben weiter? Fragen der Verzweiflung und Ungewissheit türmten sich auf. Aber wie so oft in meinem Leben kam uns auch hier das "Schicksal" zu Hilfe, wie so manchen anderen Menschen auch.
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