| "Heimatschuss"
Verwundet im Zweiten Weltkrieg Von Dr. Philipp Hofmann |
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Ich hatte gerade, 20 Jahre jung, mein Chemiestudium an der Technischen Hochschule zu Danzig begonnen, als ich im Sommer 1939, kurz vor Kriegsbeginn, zur Danziger Landespolizei eingezogen, nein: freiwillig gemeldet wurde. "Die Danziger Studentenschaft stellt sich geschlossen freiwillig hinter unseren Führer!" hatte der markige nationalsozialistische Studentenführer im Sommer 1939 getönt. Da ich nie ein begeisterter Soldat war, nahm ich als
Infanterist an den "Feldzügen" in Polen, Frankreich und
dem Balkan bis nach Athen teil, ohne besonders aufzufallen. Ein guter
Infanterist vermeidet es, einen unnötigen Schuß abzugeben.
Das Reinigen des Gewehres 98 ist zwar langweilig, aber immer noch besser,
als damit schießen zu müssen. "Die Disziplin soll aber
nicht so weit gehen, daß überhaupt nicht mehr geschossen wird",
vergatterte uns der Kompaniechef in Athen. Es war am dämmrigen Nachmittag des 21. November. Ich stand mit einigen Kameraden auf der Dorfstraße, die Ortschaft lag unter dem Streufeuer der russischen Artillerie. Während man sich unterhielt, lauschte man mit einem Ohr auf die Abschüsse, schätzte am Heulen der Granaten ab, wo sie wohl niedergehen würden. Unnötig wollte sich ja niemand in den Schnee in Deckung werfen. Einer dieser vereinzelten Einschläge - er war so weit von uns heruntergegangen, daß wir ihn gar nicht bemerkt hatten - jagte mir einen knapp bohnengroßen Splitter in meinen linken Oberschenkel. Ich hatte einen "Heimatschuß". So nannte man damals eine Verwundung, die so schwer oder kompliziert war, daß man nur in der Heimat operiert werden und wieder genesen konnte. Aber bevor mir das klar wurde, mußte ich noch eine lange Leidenszeit durchmachen. Anfang Dezember 1941 begann nämlich der erste große
Rückzug, der verheerende Wirkungen auf den Nachschub und das Sanitätswesen
hinter der Front hatte. Monate waren zu überstehen in Krankensammelstellen,
Feldlazaretten, meist in primitiven Unterkünften auf Stroh, auf den
Boden gestreut, in Schulen, Bauernhäusern. Alle Niederungen des Soldatseins,
Kälte, Hunger und Läuse lernte ich kennen, sodass es mir fast
wie ein Wunder vorkam, als ich mit vielen Leidensgefährten am 10.2.1942,
also über drei Monate nach der Verwundung, endlich in einen regelrechten
Lazarettzug mit herrlichen weißen Betten in Smolensk eingeladen
wurde. Da meine Eltern in Berlin wohnten, stellte ich natürlich
sofort einen Antrag auf Verlegung nach dort. Anfang Mai 1942 erhielt ich
dann die erfreuliche Nachricht, daß mein Antrag genehmigt sei. Bereits
am 4. Mai 42 wurde ich nach Berlin "in Marsch" gesetzt, wie
der Terminus technicus lautete. Man verfrachtete mich am Hauptbahnhof
Magdeburg in einen fahrplanmäßigen Zug, und damit begann der
unbeschwerteste aber bemerkenswerte Abschnitt meiner Soldatenzeit. Wannsee ist ein westlicher Vorort von Berlin. Herrlich um den kleinen und großen Wannsee gelegen ist dieser Stadtteil bevorzugtes Wohngebiet der sogenannten oberen Zehntausend. In den damaligen Zeiten gehörte dazu natürlich die Parteiprominenz. Goebbels und viele andere Naziparteibonzen hatten dort ihre Villen. Daneben wohnten die Stars der Filmwelt, erfolgreiche Geschäftsleute und Unternehmer in ihren Häusern, häufig umgeben von einem parkartigen Garten. Ich wollte es erst nicht glauben: Dort sollte sich ein Lazarett befinden? Ich hatte noch keine Ahnung davon, daß ich in ein Speziallazarett eingewiesen war. Ich muß gestehen, daß meine Spannung, wie dies Abenteuer wohl ausgehen würde, während der Bahnfahrt von Minute zu Minute wuchs. In Wannsee angekommen erkundigte ich mich bei einem Bahnbeamten vorsichtig, ob es hier wohl irgendwo ein "Reservelazarett 103" gäbe. Noch immer war ich auf einen Irrtum oder einen Schreibfehler gefaßt. Mein Erstaunen war groß, als ich von dem Beamten erfuhr, daß es dort sogar 3 Abteilungen dieses Lazarettes gab: Haveleck I und II und Sandwerder. Ich sah auf meine Marschpapiere: Wirklich, dort stand geschrieben: "Haveleck I". Das sei aber ein recht weiter Weg, sagte mir der Beamte. Mit dem Stock zu gehen, wird es lang und beschwerlich werden. Ich solle doch lieber ein Taxi nehmen, die Fahrer wissen schon Bescheid!
So begannen für mich an diesem Tage, dem 5. Mai 1942 - das konnte ich allerdings nicht ahnen - die unbeschwerteren Jahre meiner Militärzeit. Waren doch die vorangegangenen 2 1/2 Jahre erfüllt gewesen mit dem ödesten Kommißbetrieb, in dem die Einsätze an der Front und in der Etappe - von dem harten Rußlandeinsatz mal abgesehen - geradezu wohltuende Unterbrechungen gewesen waren. Ich stand dem militärischen Drill völlig ablehnend gegenüber. Da ich aus dieser Einstellung auch nie einen Hehl gemacht hatte, gab es für mich auch wenig Chancen auf Beförderungen. Kurz vor meiner Verwundung in Rußland ereilte sie mich dann doch. Nachdem in der Kompanie in wenigen Tagen etliche Unteroffiziere gefallen waren, ließ mich der Kompaniechef stillstehen und beförderte mich zum Korporal. Die Obergefreiten spielten eine besondere Rolle. So
auch der Obergefreite D., der damals in der Lazarettabteilung Haveleck
I durch seine lauthals im Tone Hitlers und Goebbels gehaltenen Schmähreden
auffiel: "Männerrr und Frauen des Deutschen Volkes ! Schafft
mehr Errrbswürste für unsere Soldattten ! Schafft mehr Hosenknöpppe
für die Buxen unserer trefflichen Wehrrrmacht !" Viel könnte
ich noch von Diefenthal berichten. Eine allen zugängliche Telefon-zelle
gab es im Lazarett. Ich ging einmal vorbei, als darin des Telefon klingelte.
Es war nicht ungewöhnlich, daß auf diesem Wege dieser oder
jener Kamerad aus der Stadt angerufen wurde. So ging ich hinein: eine
Damenstimme wünschte den "Freiherrn von Diefenthal" zu
sprechen! Wie zwar geschunden aber doch privilegiert ich und etliche andere das dritte und vierte Kriegsjahr im Nobellazarett 103 am Wannsee in Berlin "verleben" durften, sei an folgenden Episoden hier beispielhaft erzählt: Militärisches Wecken gab es nicht, jeder konnte morgens aufstehen, wann es ihm paßte. Das Frühstück stand zu einem bestimmten Zeitpunkt bereit, da aber - wir waren ja alle junge Leute - jeder morgens einen mainchaffenen Hunger hatte, war bis 9 Uhr alles aus den Federn. Nur einmal im Monat wurde morgens ohne Vorankündigung mit großem Getöse geweckt: "Aufstehen! Antreten zum Wiegen!" Das war ein Ereignis von größter Bedeutung. Drohte doch jedem Patienten, der abgenommen hatte, zeitweise der E n t z u g des Dauerausgangsscheines! So hub denn beim Ertönen dieses Rufes ein emsiges Treiben an: Einige stürzten zum nächsten Wasserhahn um noch schnell vor dem Betreten der Waage möglichst viel Wasser zu trinken. Andere versuchten in der Kleidung oder in Dreiecktü-chern, in denen man den verletzten Arm trug, irgendwelche Gewichte zu verbergen. Wrede, der schwergewichtige Sanitätsunteroffizier, überwachte mit bärbeißiger Miene dies Geschäft und trug die Gewichte sorgfältig in eine Liste ein. Er machte immer ein sehr trauriges Gesicht, wenn er beispielsweise einem gleichgültig blickenden Patienten eine mit Wasser gefüllte Bierflasche aus der Armschlinge zog. . . . Der ärztliche Betreuer und damit militärische Vorgesetzte dieser Abteilung war ein Unterarzt, dessen Name mir entfallen ist. Dies hängt damit zusammen, daß sein Name wenig gebraucht wurde. Er hatte einen Spitznamen, der so einprägsam und wirklich zutreffend war. Er wurde nur der "Kraxelhuber" genannt. Er war aus Österreich und hielt demonstrativ ziemlich großen Abstand zu uns Patienten, deren höchster Dienstgrad ein Oberfeldwebel war. Wir hatten wenig persönlichen Kontakt zu ihm. Aber er ließ uns gehen, das war für uns das Wichtigste. Er untersuchte uns in regelmässigen Abständen sehr sorgfältig, um Fortschritte aktenmässig festhalten zu können. Ich hatte den Eindruck, er benutzte die Untersuchungsergebnisse für eine wissenschaftliche Arbeit. Eines Tages wurde ein großes Schachturnier angesetzt, Auf meiner Stube wohnte ein Korporal, der zu Friedenszeiten brandenburgischer Schachmeister gewesen war. Er spielte gleichzeitig gegen zwanzig Gegner und gewann bis auf eine Remispartie alle. Er pflegte beispielsweise auf seinem Bett liegend ein Buch zu lesen. Dann konnten 2 - 3 Kameraden am Tisch die Bretter aufbauen und gleichzeitig gegen ihn spielen, ohne daß er ein Schachbrett zu sehen bekam. Man mußte ihm nur den eigenen letzten Zug ansagen, und dann gab er nach kurzem Nachdenken seinen Zug bekannt und las dann ruhig weiter. . . und gewann trotzdem immer. Es war eine seltsame Zeit im Lazarett im 4. Kriegsjahr. Feste wurden fleißig gefeiert! Man muß bedenken, im Deutschen Reich war es bereits ansonsten verboten, öffentlich Tanzveranstaltungen zu veranstalten. Nur die Verwundeten, mit einem Dauerausgangsausweis in der Tasche konnten es sich leisten, den verschiedenen Vergnügungen, Kino, Theater und sonstigen Kulturveranstaltungen nachzugehen, wobei sie meist noch bevorzugte Plätze erhielten. Im Hause Haveleck saßen wir abends sogar vor einem Fernsehgerät. Dies war für 1942 bereits ein großer Fortschritt. Das Gerät war ein großer Kasten, in dem eine Braunsche Röhre von einer Länge von mindestens einem Meter senkrecht eingebaut war. Darüber war mit einer Neigung von 45 Grad ein Spiegel angebracht, über den das entsprechend spiegelverkehrte Bild der Braunschen Röhre zu den Betrachtern gelenkt wurde. Diese abendlichen Fernsehübertragungen vom "Fernsehsender Witzleben" fanden 3 - 4 mal in der Woche statt. Die Übertragung war naturgemäß noch nicht so gut wie heute, aber man konnte den in Schwarz-weiß ausgeführten Vorstellungen doch schon ganz gut folgen. Eines schönen Tages ging das Gerücht um, es
steigt ein Fest mit Musik und Tanz ! Ich war nach einigen Monaten Aufenthalt
im Haveleck schon allerhand gewohnt an Sitten und Gebräuchen in diesem
Lazarett, aber daß ein Fest mit Musik und Tanz stattfinden sollte,
das erschien mir bei der ansonsten kritischen Lage im Reich beinahe utopisch.
Jedoch ich täuschte mich: die Vorbereitungen liefen auf höchsten
Touren. Eine Kapelle - bestehend aus einer Band des Orchesters Herms Niels
(Erica - bumm - bumm -) wurde organisiert. Die Männer kamen nach
meiner Erinnerung vom Reichsarbeitsdienst, trugen also auch Uniformen.
Wein, Getränke wurden auch auf allerhand abenteuerlichen Wegen "organisiert"
- dies nannte man "Besorgen". Und die Damen stellte ein Betrieb,
wo viele dienstverpflichtete Mädchen beschäftigt wurden. Unser Chefarzt, Prof. Dr. Schulte, kam normalerweise einmal im Monat in die Außenabteilungen zur Chefvisite. Die monatlichen Visiten waren beileibe nicht eine so hochdramatische Angelegenheit, wie man sie sonst in Lazaretten erleben konnte. Gewiß, die militärischen Spielregeln wurden eingehalten, die Stuben waren in bester Ordnung aufgeräumt, der Stubenälteste machte ordnungsgemäß seine Meldung, jedoch herrschte nicht die gewisse Hektik, die in anderen militärischen Orten diesem Ereignis voranzugehen pflegte. Es war bekannt, daß bei Prof. Schulte immer ein möglichst großer Prozentteil der Patienten als "in Urlaub" befindlich gemeldet werden mußte. Der Chefarzt hatte eine Devise: "Urlaub hebt den Gesundungswillen!" So kam es, daß jeder Insasse des Lazarettes jährlich einmal neben seinem normalen Jahresurlaub auch noch einmal in den sogenannten Freiplatzspenden-urlaub fahren konnte. Es hatte den Anschein, als ob in der Schreibstube in der Lazarettzentrale in Nikolassee einige geeignete Arbeitskräfte nur damit beschäftigt waren, aus den Bestimmungen und Verordnungen des Deutschen Militärapparates Möglichkeiten zu eruieren, wie man die Männer in den Abteilungen bald wieder in irgendeinen Urlaub schicken könnte. So konnte es bei einer solchen Chefvisite durchaus geschehen, daß der Prof. Schulte zu einem Patienten sagte: "Sagen Sie mal, habe ich Sie nicht die letzten 3 oder 4 Visiten bereits immer wieder hier gesehen ? Spieß, überlegen Sie, wie man den Mann in Urlaub schicken kann!" Dieser sogenannte Freiplatzurlaub spielte sich etwa so ab: Glaubte man als Patient, daß es an der Zeit wäre und man wieder mal Lust hatte, in Urlaub zu fahren, setzte man sich in die Stadtbahn und fuhr zu einer bestimmten Dienst-stelle in Berlin. Dort liefen alle Spenden privater Quartiergeber zusammen. Zu diesen Freiplatzspenden für verwundete Soldaten war und wurde laufend von Partei und Staat aufgerufen. Man suchte sich aus einer umfangreichen Kartei einen geeigneten Urlaubsplatz aus, meldete diesen der Schreibstube und konnte dann dorthin auf einen dreiwöchigen Urlaub fahren. Die Kosten für Unterkunft und Verpflegung trug der Gastgeber, die Reisekosten die Wehrmacht. So konnte ich bereits im Herbst 1942 einen derartigen Urlaub in Tirol antreten. Ich war dort bei einem Bauern untergebracht, hatte eine vorzügliche Verpflegung - das spielte seinerzeit bereits eine beachtliche Rolle - mein Gastgeber war ein kriegsversehrter Gebirgsjäger, wir verstanden uns sehr gut. Es gefiel mir trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit - es war der Herbst gerade zu Ende - so gut, daß ich auf Anregung meines Gastgebers einen Brief an des Reservelazarett schrieb und dreist und gottesfürchtig um eine Verlängerung meines Urlaubs um 3 Wochen bat. Ich hatte es nicht für möglich gehalten, meine Argumente (die gute Luft und Verpflegung tragen wesentlich zu einer ausgezeichneten Erholung bei. ) hatten Erfolg: zwei Tage vor der geplanten Abreise trafen Urlaubsschein und Verpflegungsgeld für weitere drei Wochen ein. Ich möchte annehmen, so etwas konnte im 4. Kriegsjahr im Großdeutschen Reich nur im Reservelazarett 103 in Berlin-Wannsee geschehen . . . Die Patienten der Lazarettabteilungen um den großen Wannsee waren immer irgendwie unterwegs. Man konnte ja so herrlich bequem fahren: ein Ausweis berechtigte zur kostenlosen Benutzung aller öffentlichen Verkehrsmittel (Stadtbahn, U-Bahn, Omnibus und Straßenbahn). Die Theater und Kinos verkauften auf diesen Ausweis bevorzugt Karten, man brauchte nicht anzustehen und vieles andere mehr. In den Lokalen kannte man sich bald so gut aus, daß man genau wußte, wo man da oder dort etwas Gutes zu trinken bekam. Nachdem ich schließlich im März 1944
zum Ersatztruppenteil entlassen war, begann noch einmal eine kurze Zeit
der Ungewißheit. "General Heldenklau" ging um, gemeint
war die Durchforstung sämlicher militärischer Dienststellen
nach noch fronttauglichen Soldaten. Erstaunlicherweise wurde ich nicht
mehr kv, d.h. kriegsverwendungsfähig geschrieben, brauchte also nicht
mehr an die Front. In kurzen Zeitabständen wurden die Ersatzeinheiten
einer Gruppe von Ärzten und Offizieren vorgeführt, die jeden
Mann, in wenigen Sekunden oft, kv oder gvh (garnisonverwendungswürdig
Heimat) schrieben. Dabei wurde in die jeweilige Personalakte Einsicht
genommen. Diese hatte bei mir einen beträchtlichen Umfang im Lazarettaufenthalt
erreicht, was mir irgendwie nützlich war. So wurde mein Antrag auf
Studienurlaub an der Technischen Hochschule Danzig genehmigt und ich konnte
bereits am 17.4.44 zu meiner zweiten Heimat nach Danzig abreisen.
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