Bahnhofsdienst in Altona
von Edith Hahn

Herbst 1944. Viele Schulen in Hamburg waren geschlossen. Wer nicht in der Kinderlandverschickung war, wurde in eine Sammelschule eingewiesen. Ich, damals vierzehn, mußte nach Altona in die Klopstockstraße. Es gab nur eine Klasse. In der waren Mädchen unterschiedlichen Alters und verschiedener Lehranstalten wie Lyzeum, Mittelschule und Volksschule zusammengefaßt. Die Lehrerin kam von einer Haushaltsschule. Unter diesen Umständen war es schwierig, einen geordneten Unterricht durchzuführen und wir dammelten nur herum. Mittags gab es eine warme Mahlzeit, und dann war bis achtzehn Uhr BDM-Dienst. Das war Zwang.

Längst hatten die Flüchtlingsströme aus dem Osten eingesetzt und es wurden immer mehr. So wurden wir eines Tages zum Bahnhofsdienst aufgerufen. Ich meldete mich. Am Bahnhof Altona wurden wir in zwei Schichten eingeteilt. Einmal von achtzehn- bis vierundzwanzig - und einmal von vierundzwanzig bis sechs Uhr morgens. Das hieß, entweder von der Schule zum Dienst oder vom Bahnhof direkt zur Schule gehen.

Kam ein Zug an, gingen wir mit vielen anderen Helfern auf den Bahnsteig und verteilten belegte Brote und heiße Getränke. Viele Flüchtlinge fuhren dann weiter. Etliche aber wollten in Hamburg bleiben. Wer nicht abgeholt wurde und auch nicht wußte wohin, wurde von uns in vorbereitete Notunterkünfte gebracht. Diese waren mit Doppelstockbetten, Strohmatratzen und Wolldecken ausgestattet. Helferinnen von der Bahnhofsmission schmierten Brote, kochten Kaffe, leisteten Erste Hilfe. Überwiegend kamen junge Mütter mit Kindern, alte Leute, hin und wieder junge Männer. Alle hatten S c h r e c k l i ch e s d u r c h g e m a c h t . Meistens waren sie überrascht, so empfangen und versorgt zu werden. Erschöpft und übermüdet fielen sie auf ihr Lager. Manche weinten. Vor allem die Kinder. Einige waren ganz apathisch und starrten vor sich hin.Wenn Fliegeralarm war, gingen wir in die Schutzräume. Kam aber ein Zug an, mußten wir trotzdem hinaus, um die Leute in Empfang zu nehmen.

Zu dieser Zeit gab es schon Tieffliegerangriffe. Besonders rollende Züge wurden beschossen. So mußte vom Lokführer unbedingt, koste es was es wolle, der nächste Bahnhof erreicht werden. Dann stürzten wir los.Das Gepäck schmissen wir auf kleine Bollerwagen, Kinder obenauf, oder wir nahmen sie Huckepack. So hasteten wir, selber die Angst im Nacken, in die Luftschutzräume.

Einmal erhob sich auf dem Bahnsteig ein hysterisches Geschrei. Eine ältere Frau hatte die Nerven wohl völlig verloren und schrie wie am Spieß. Sie stampfte mit den Füßen und fuchtelte mit ihren Fäusten in der Luft herum.Wir Jugendlichen wurden nicht fertig mit ihr. Schließlich brachten zwei Sanitäter sie fort. Eine schreckliche Szene. Manchmal drückten uns die Flüchtlinge die Hände: "Was für ein Elend. Wir ziehen heimatlos durch die Gegend und ihr steht Nacht für Nacht am Bahnhof!" Dann und wann kamen aber auch stramme Nazis durch. Die gebärdeten sich ganz pathetisch und gebrauchten große Worte:"Was ihr hier tut für Volk und Vaterland, wird nicht vergessen. Nach dem Sieg wird euch Ehrung zuteil. Heil Hitler", und dann fuhren sie weiter.

Mit der Zeit wurden wir müde und kraftlos. Bei Alarm kam oft die Ablösung nicht und wir mußten bleiben. Warum wir uns so übermüdet morgens noch in die sowieso sinnlose Schule schleppten, weiß ich nicht. Vielleicht war es die warme Suppe. Ich weiß auch nicht mehr, wann und wie es aufhörte. Wahrscheinlich kamen irgendwann keine Flüchtlingszüge mehr an.

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© 2002 Edith Hahn