Mitte März 1945 kam ich - damals 11 Jahre alt - von Hamburg aus
in ein KLV-Lager nach Kellenhusen an der Ostsee. "Haus Olga",
eine grössere Pension, die mit Etagenbetten ausgerüstet war.
Unser Jungzugführer war ein Fünfzehnjähriger. Dieter. Wie
konnte man bloß Dieter heißen! Rosiges Milchgesicht, aber
Schipporden! Das war ein Ordensband, das man fürs Panzergrabenausheben
bekam. Schwarzweißorangefarben. Sah fast wie das EK zwo aus. Darum
beneideten wir ihn schon, aber Respekt hatten wir kaum vor ihm. Bei einem
Ausmarsch schlug einer von uns immer mit der Hand auf einen seitlich verlaufenden
Zaundraht. Unser Milchgesicht befahl ihm, das zu unterlassen. Aber der
kümmerte sich nicht darum! Das war das erste Mal, daß ich erlebte,
wie einem Befehl nicht gehorcht wurde. Eigentlich nicht zu fassen! Befehlsverweigerung?
Bei Soldaten gab es da nur Standgericht. An die Wand gestellt und über
den Haufen geschossen.
Die Front rückte dichter heran. Vor allem die Sowjets näherten
sich bedenklich der Lübecker Bucht. Wir hungerten wie verrückt.
Das Essen bestand morgens aus Buttermilchsuppe, die wir mithelfen mussten
zu kochen. Da standen wir Steppkes vor diesem riesigen Hotelküchenherd,
auf ihm ein enormer Kessel mit Buttermilchsuppe. Und wir rührten
- auf Zehen stehend - an der Oberfläche dieser Suppe herum. Natürlich
brannte die an. Und klüterig wurde sie auch noch. Fraß.. Mittags
und abends gab es meistens Rote Beete. In Scheiben, in Würfeln, gemust.
Fraß. Kaum gesäubert und mit allen faulen Stellen - es war
ja Ende Winter! Entsetzlich. Um unseren Hunger zu stillen, brachen wir
Zuckerrübermieten auf. Die jungen Zuckerrüben waren essbar,
die großen dagegen - bäh! Fraß. Lieber hungern. Bei einem
Höker im Dorf konnte man Zwiebeln und künstlichen Pfeffer ohne
Lebensmittelmarken bekommen. Das schmeckte ja geradezu köstlich!
Viele Schüler, der Ort wimmelte von KLV-Lagern, flüchteten
allerdings. Morgens gegen 4 Uhr hauten sie ab, marschierten zum nächsten
Bahnhof, nach Lensahn, und fuhren von da mit einem Frühzug über
Lübeck nach Hamburg. Oder aber ab Richtung Dänemark. Wenn die
Lagerleitungen dann morgens die Zimmer leer vorfanden, waren die Jungs
längst in Sicherheit, also da, wohin sie wollten.
Hamburg war zur Festung erklärt worden. Aha, allmählich würde
es ernst werden. Wir sahen Wehrertüchtigungsfilme und Wochenschauen.
HJ-Regimenter im Einsatz. Rauf auf den feindlichen Panzer, Deckel aufgerissen,
Handgranate hineingeworfen. Peng - alle Russen hopps. So einfach würde
das gehen. Das würden auch wir schaffen. Klar. Wann wir wohl endlich
gerufen würden? Die Bolschewiken rückten immer näher. Die
Bauern schlachteten schon mal ihr Vieh. Nun gab es plötzlich jede
Menge Fleisch. Gulasch, Frikadellen, Braten. Auf Beilagen konnte man jetzt
gut verzichten. Rote Beete ade! Gelegentlich erlebten wir Luftkämpfe
mit. Eigenartigerweise habe ich nie den Verlust einer deutschen Maschine
gesehen. Aber etliche Tommies, die in die Ostsee stürzten. Sieg heil
nach wie vor!
Eines späten Nachmittags hieß es, am Abend würde ein
Bus nach Hamburg fahren. Wer wolle, könne mit. Ab in die Heimat.
Ich stand vor einer schweren Frage. Schließlich hatten meine Eltern
mir bei der Abreise aus Hamburg zu verstehen gegeben, daß ich bloß
in Sicherheit bleiben sollte. Dennoch - alle fuhren, also fuhr auch ich.
Mit einem reichlichen Vorrat an Frikadellen. Nachts schlich sich der Bus
bei sternklarem Himmel und ohne Beleuchtung die Landstraße entlang.
Immer schön unter Bäumen. Aber ein feindliches Flugzeug hatte
uns wohl doch entdeckt und kreiste um uns herum. Alle Mann raus und in
geduckter Haltung im Straßengraben weg vom Bus. Klasse. Soldaten
im Schützengraben! Irgendwann verlor der Feindflieger dann wohl das
Interesse an uns und zog ab.
In Hamburg angekommen erwischte ich frühmorgens die Straßenbahn
Linie 16 Richtung Hagenbecks Tierpark. Keine Fensterscheiben. Alles mit
Holz abgedichtet. Abgesplitterte Email-Schilder "Beim Niesen, Husten,
Spucken bediene Dich des Taschentuchs" und am Ausgang "Linke
Hand am linken Griff".. So trudelte ich Ende April 1945 wieder bei
meinen Eltern ein, die dann doch sehr froh waren, daß ich mitgefahren
war. Mit unseren Nachbarn hörten wir im Radio vom Tod Adolf Hitlers,
unseres heißgeliebten Führers, der in heldenhaftem Kampf gegen
den Bolschewismus gefallen war. Ich stellte mir vor, wie Hitler mit Handgranaten
in den Händen auf irgendwelchen Panzersperren kämpfte und vom
Feind erschossen wurde. Bei dem Gedanken heulten wir alle schnapslange
Tränen. Was sollte nun bloß werden?
Aber erst einmal ab zu unserem Bunker, den wir jetzt immer abends aufsuchten.
Die Front war so nahe, daß ein Fliegeralarm nichts mehr genützt
hätte. Wir brauchten fast eine Viertelstunde bis zum Bunker. Alles
Wichtige lag schon da. Nur noch, was erneuert werden musste, transportierten
wir dorthin. Z. B. Verpflegung. Und daran war in diesen Tagen so gut wie
kein Mangel! Gauleiter Karl Kaufmann hatte die Lebensmittellager geöffnet.
Es gab jede Menge Sonderrationen. Kiloweise Fleisch und haufenweise Butter
beispielweise. Wir hatten zum Glück aus Kronach /Oberfranken(meinem
ersten Aufenthalt in der KLV) etliche Steinguttöpfe mitgebracht.
Darin konnte man Butter, extra kräftig nachgesalzen, lange aufbewahren.
Noch im Sommer hatten wir davon. Allerdings leicht ranzig.
Am Abend des 3. Mai waren wir wieder auf dem Weg zum Bunker, als wir
auf der anderen Straßenseite eine Gruppe von etwa dreißig
Menschen vor einem geöffneten Fenster stehen sahen. Man hörte
aus dem Radio Staatssekretär Ahrens, Onkel Baldrian genannt wegen
seiner immer beruhigenden Kommentare zur Luftlage, der eine Ansprache
Karl Kaufmanns ankündigte. Und dann hörten wir Kaufmann. Hamburg
habe kapituliert. Die Briten würden am nächsten Tag in Hamburg
einmarschieren. Ausgehverbot mit ganz wenigen Ausnahmen. Noch wenige Tage
zuvor Heulen und Zähneklappern, weil Hitler gefallen war. Und jetzt?
Nichts. Weder Trauer noch Entsetzen, aber auch keine Freudenausbrüche.
Resignation, Erleichterung bestenfalls.Wir machten kehrt und schliefen
ohne Bombengefahr in den Frieden hinein. Dummerweise hatte ich doch tatsächlich
noch unsere Verbandstasche verloren. Zu ärgerlich, fast neu. Aber
andererseits - sie war auch überflüssig geworden! Zum Glück!
Zum Glück? Naja....
Am nächsten Tag war herrliches Frühlingswetter. Und alles still.
Keine Straßenbahn, die sonst nur wenige zig Meter von uns entfernt
vorbeizufahren pflegte. Kein Fliegeralarm. Stille - und das nicht einmal
Stille vor dem Sturm. Dabei hatten wir doch die ganzen Tage mit einer
Schlacht um Hamburg gerechnet. Nach meiner Rückkehr aus Kellenhusen
hatte ich mit einigen Mitschülern noch die Verteidigungsmöglichkeiten
in unserer näheren Umgebung erkundet. Klar, da ging es: Die Methfesselstraße
war an der Kreuzung zum Eidelstedter Weg durch eine Panzersperre dicht
gemacht. Tiefer Graben und Doppel-T-Träger. Da kam kein Panzer durch.
Und auf der linken Seite der Kaiser-Friedrich-Straße (heute Hagenbeckstraße)
gab es ein Grundstück, das mit einer hohen Mauer umfasst war, aber
eine Öffnung hatte. Da könnte man doch stehen, bewaffnet mit
ner Panzerfaust. Und wenn dann etwa ein Panzer - aus Richtung Hagenbeck
kommend - vor der Panzersperre halten müßte, würde man
den ganz bequem abknallen. Daran muß ich immer denken, wenn ich
mal wieder den Film "Die Brücke" sehe: Wir waren so eingestellt!
Die geistige "Vorbereitung" vor allem im KLV-Lager in Kellenhusen
hatte gewirkt.
Schon nach kurzer Zeit wurde das Ausgehverbot etwas gelockert. Mit meinem
Braunhemd, jetzt natürlich blau eingefärbt, machte ich einen
ersten Erkundungsausflug. Ecke Eidelstedter Weg und Methfesselstraße
vor der Kneipe "Tüxen" lagerte eine Gruppe britischer Soldaten.
Baumlang. Dagegen waren ja unsere SS-Leute geradezu klein! Und dann deren
Panzer! Wie Einfamilienhäuser. Aber auch ganz kleine Kettenfahrzeuge,
in denen der Fahrer liegen musste, sausten wie verrückt durch die
Gegend. Und dann erst die Jeeps. An den Seiten offen, ein Bein lässig
raushängen.
Die Besatzungszeit war am Anfang geprägt von allen möglichen
Bekanntmachungen der Alliierten. "I, Dwight D. Eisenhower....."
Komische Namen. Montgomery. Sah eigentlich ganz gut aus, fast lustig.
Ich kann mich nicht entsinnen, daß es irgendwelche Abneigungen gegen
die feindlichen Truppen gab. Auch unser Nachbar, alter Kämpfer aus
den Zwanzigerjahren, rechter Arm im Ersten Weltkrieg ab, noch geheult
bei Hitlers Tod, jetzt ganz gefasst.
"This is Radio Hamburg, a station of the British Military Government".
Und später "BFN". Jazz-Musik. Noch vor wenigen Wochen verboten.
Jetzt Benny Goodman und Louis Armstrong und Glenn Miller. Und dann erst
die Andrew Sisters mit "Bei mir bist Du scheen".. Was war deutsche
Tanzmusik dagegen? Theo Mackeben und Franz Grothe? Rudi Schuricke, genannt
Schwulicke? Nein, jetzt gaben "Chattanooga Choo Choo" und "Moonlight
Serenade" den Ton an. Ein Ansager des BFN, des British Forces Network
in Germany, wurde schnell auch bei deutschen Hörern bekannt und beliebt,
Chris Howland. Seine Popularität riet ihm später, zum NWDR,
dem Nordwestdeutschen Rundfunk, zu gehen. Und von dort her vermittelte
er uns dann Jazz in allen Variationen, dieser Mr. Pumpernickel. Deutscherseits
wurde allerdings eine Gruppe unglaublich populär, die sich King-Cole-Trio
nannte (nicht zu verwechseln mit dem späteren Nat King Cole - Trio)
und "Wasser ist zum Waschen da, falleri und fallera, auch zum Zähneputzen
kann man es benutzen" und vom "Russischen Salat" sang.
Leider verschwand sie so schnell, wie sie gekommen war. Merkwürdig.
Nachrichten von Konzentrationslagern. Naja, das war natürlich die
übliche Lügenpropaganda. Das konnte man ja nun wirklich nicht
glauben. Zehntausende, Hunderttausende ermordet. Wer's glaubt.....! Die
wollten uns wohl für dumm verkaufen! Reeducation. Irgendwann gab
es die Anordnung, daß sich jeder Erwachsene Filme mit Aufnahmen
aus Konzentrationslagern anzusehen hätte. Der Filmbesuch würde
in der Stammkarte, die zum Bezug von Lebensmittelkarten nötig war,
vermerkt werden. Kein Vermerk - keine Lebensmittelkarten. Aber schließlich
verlief auch das im Sand.
Tja, nun war ja Frieden. Aber wie würde die Zukunft aussehen? Wie
würde es z. B. um "Brennstoffe", also Kohlen, stehen? Die
Aussichten waren schlecht. Klar, die Besatzungsmächte würden
natürlich zunächst einmal für sich selbst sorgen und unsere
Bergwerke ausplündern. Also - erst mal die Straßenbäume
abgesägt, und dann ab in die Wälder und Holz geklaut. Für
Eimsbüttel bot sich das Niendorfer Gehege an. Meine Eltern lehnten
das Holzklauen jedoch ab. Diebstahl blieb Diebstahl. Aber eines Tages
zogen meine Mutter und ich zusammen mit einem Nachbarsjungen, der einen
kleinen Bollerwagen hatte, doch zum Niendorfer Gehege. Oft wurden von
den Bäumen ja nur die Stämme geklaut. Die Krone blieb dann liegen.
Und davon nahmen wir uns mit, soviel wir konnten. Mein Vater war noch
immer nicht beeindruckt. Schließlich aber konnte ein Nachbar, der
über eine richtig große Bandsäge sowie über Keile
und Vorschlaghammer verfügte, ihn denn doch überreden. Als wir
aber dann am nächsten Tag beim Niendorfer Gehege ankamen, war der
Zugang durch Polizei gesperrt. Ein junger Mann, der sich als Revierförster
vorstellte, bot nur an, daß wir in vierzehn Tagen zum Stubbenroden
kommen könnten. Und das haben wir gemacht. Mein Vater morgens in
aller Herrgottsfrühe hin zum Gehege. Meine Mutter und ich mittags
zur Verstärkung nachgerückt. Mit Essen. Bohnenmehlsuppe. Ausgebratene
Mettwurst zur Geschmacksverbesserung darüber. Unsere Vorräte
an Lebensmitteln waren noch beachtlich.
Das Stubbenroden war Schwerstarbeit. Vor allem, weil man - trotz Bohnenmehlsuppe
- irgendwie zu wenig in den Knochen hatte. Und mein Vater, von Beruf Buchhalter,
war ja an so schwere körperliche Arbeit schließlich gar nicht
gewöhnt. Und gesund war er sowieso nicht. Meine Mutter hatte natürlich
auch nicht gerade besonders viel "Knöf", ganz zu schweigen
von mir mit meinen elf Jahren. Aber wir hielten durch und machten auf
den Revierförster offenbar einen so guten Eindruck, daß er
meinem Vater anbot, als Waldarbeiter bei ihm anzufangen. Hurra - die Brennstoffprobleme
waren damit gelöst. Zwölf Festmeter oder achtzehn Raummeter
Holz pro Jahr als Deputat und außerdem jeden Tag soviel Holz, wie
mein Vater auf seinem Fahrrad transportieren konnte. Er quälte sich
schrecklich ab.
In der folgenden Zeit hatten wir so immer viel Besuch, der sich bei uns
aufwärmen oder backen wollte. Und wenn wir jemanden besuchten, nahmen
wir einen Karren Holz mit. Statt Blumen sozusagen.
Schule gab es noch nicht. Aber ein Mitschüler hatte Privatunterricht
bei Fräulein Mathilde Langenberg, Jahrgang 1874. Sechzig Jahre später
war sie als Lehrerin an der fortschrittlichen Versuchsschule Telemannstraße
wegen ihrer SPD-Zugehörigkeit zwangspensioniert worden, hatte in
ihrer Wohnung, Heußweg 98, einen Unterricht in zwei Klassen aufgezogen.
Eine Klasse morgens, eine nachmittags. Schulgeld 1,50 RM pro Woche. Und
wir lernten wohl ganz eifrig. Als im Oktober 1945 dann die Schulen ihren
Betrieb wieder aufnahmen, endete dieser Privatunterricht natürlich
ziemlich schnell. Aber ich blieb noch. Konnte ja nicht schaden. Und als
nach einem Jahr zusätzlicher Unterricht nicht mehr nötig war,
fing ich an, bei ihr schon mal Latein zu lernen. Das sollte ja in der
7. Klasse ohnehin kommen. Frühstart einmal die Woche. Donnerstags.
Bezahlen musste ich alsbald nichts mehr, dafür brachte ich immer
einen Korb Holz für ihre "Kochhexe", eine Art Primitivst-Ofen,
mit.
Der reguläre Unterricht fand zunächst in der Ausweichschule
in der Bismarckstraße statt. Eines Tages bekamen wir einen neuen
Schüler, der uns von unserem Schulleiter Dr. Strempel höchstpersönlich
vorgestellt wurde. Rothaarig. Schon schlecht. Jüdisch. Aus dem KZ
Theresienstadt. Na, das hatte uns gerade noch gefehlt. Der bei uns, die
wir doch noch immer irgendwie beleidigt waren, daß man uns nicht
hatte siegen lassen! Und die mit Demokratie noch nicht recht etwas anzufangen
wussten. Die wir doch alle im Jungvolk gewesen waren und vor noch nicht
allzu langer Zeit gelernt hatten, daß die Juden unser aller Unglück
seien. "Mobbing", den Ausdruck gab es damals noch nicht. Aber
wir praktizierten es schon mal gegenüber diesem Jungen. Der hatte
nichts zu lachen. Eines Tages war er verschwunden. In die SBZ, die Sowjetische
Besatzungszone, geflüchtet. Wir wurden von Dr. Strempel fürchterlich
zusammengestaucht. Aber beeindruckt hatte uns das nicht.
Auf dem Sportplatz gegenüber unserer "richtigen" Schule,
also auf dem Sparbier-Platz, veranstalteten die britischen Besatzungssoldaten
Motorrad-Rennen, sog. Dirt Track-Rennen. Engste Kreise, ein Fuß
zum Abstützen auf dem Boden. Der Dreck flog uns nur so um die Ohren.
Aber derartige Veranstaltungen, die wir bisher gar nicht kannten, machten
uns die Besatzer richtig sympathisch. Später gab es sogar Motorradrennen
im Stadtpark. Auch deutsche Fahrer waren da zugelassen. Schorsch Meyer
auf BMW 500 Kompressor. Über 200 Stundenkilometer konnte er damit
schaffen! Hängte jeden Engländer ab. Na also!
Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher Göring &
Co. Dönitz dabei. Das war ja unerhört! Der war doch Soldat und
somit schon allein deswegen kein Verbrecher? Und wieso Hans Fritzsche?
Wegen der paar Reden, die er als zweiter Mann in Goebbels Propagandaministerium
halten musste? Schacht? Naja, der war unsympathisch. Und erst von Papen.
Aber sonst? Rundfunkübertragungen aus dem Gerichtssaal. Ha, wie Göring
sich verteidigte. Der redete die Anklage ja geradezu gegen die Wand! Ein
Reporter, ich meine, er hieß Zimmermann, war besonders engagiert.
Höchst unbeliebt bei uns. Eines Tages war er abgelöst: Es hatte
sich herausgestellt, daß er gar nicht der große Nazi-Gegner
war, als den er sich ausgegeben hatte, sondern im Gegenteil selbst handfester
Nazi. Das war ja zum Brüllen komisch! Hatte der doch die Siegerjustiz
wochenlang an der Nase herumgeführt.
Bei der Urteilsverkündung wurde jeder Freispruch und jedes Urteil,
das nicht "death by hanging" lautete, mit Freude und Genugtuung
aufgenommen. Nein - alle diese Vorwürfe waren unerhört. Unsere
Leute waren doch keine Mörder! Es hat lange, sehr lange gedauert,
bis die Bevölkerung endlich begriff - wir hatten eine Verbrecherregierung
gehabt. Allerdings: "Aber nun muß endlich mal Schluss sein!"
Dieser Satz fiel schon 1945/46. Er fällt noch heute, rund 60 Jahre
danach. Und ich denke, zu oft von Leuten, die sich nie wirklich mit unserer
Vergangenheit auseinandergesetzt haben.
Auszug aus der Broschüre von Klaus Hückel: "An sich nichts
Aufregendes - eine ziemlich normale Kindheit". Eigenverlag
| www.seniorennet-hamburg.de |
©
2003 Klaus Hückel
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