| Der
Treck von Gertrud Everding |
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Auf der schmalen Landstraße, deren graues Band sich in der Ferne verlor, wälzte sich ein endlos scheinender Zug ausgemergelter, erschöpfter Menschen dahin. Da waren Frauen mit Koffern und Bündeln, Soldaten in zerrissenen, schmutzigen Uniformen, hungrige Kinder, die mit kraftlosen Händen an den Röcken ihrer Mütter hingen, oder im Kinderwagen zwischen erstickenden Lasten eingezwängt waren. Die größeren Kinder versuchten mit den Erwachsenen schritt zu halten, was ihnen kaum gelang. Selbst gebrechliche Greise, deren Füße kaum noch den eigenen Körper trugen, geschweige denn den Rest ihrer Habe, waren dabei. Sie alle waren an jenem 18. Oktober 1945 auf der Flucht aus dem sowjetisch besetzten Teil Deutschlands und zogen gen Westen.Wohl kaum einer von ihnen beachtete die Schönheit, mit der die Sonne in einem Farbenspiel von Rot und Gold hinter den Hügeln des Eichsfeldes versank.Die von den Strapazen bleichen Gesichter waren von der Glut rosig überhaucht. Wieder ging ein Tag zu ende, ohne daß die Grenze zum englisch besetzten Gebiet erreicht worden war. Ein etwa vierjähriges Mädchen mit blonden Zöpfen und einer großen roten Narbe auf der linken Wange, zeigt mit ausgestrecktem Arm auf die goldgeränderten Wolken am westlichen Horizont: "Mama, gehen wir jetzt zum Himmelstor?" Die es hörten, blickten verwundert auf. Mit lauter heller Stimme hatte die Kleine gesprochen. "Wer weiß das schon," entgegnete versonnen ein alter Mann und strich dem Mädchen über das Haar. "Meinst du, daß sie schon auf uns warten dort?" fuhr das Kind fort. "Nein Inge," protestierte energisch die Mutter, "wir gehen zu Papa nach Hannover!" "Schade," antwortete Inge, "schade! Ich will nicht nach Hannover." Mehr sagte sie nicht. Ich konnte das Kind so gut verstehen. Sicher war sie genau so erschöpft wie ich und hatte nur den sehnlichen Wunsch endlich ausruhen zu dürfen. Aber es gab keine Pause. Der Treck hatte seine eigenen Gesetze und fragte nicht nach den Bedürfnissen eines Kindes. Einige Flüchtlinge hatten alte, klapprige Fahrräder, andere sogar einen Handwagen dabei, um recht viele ihrer Habseligkeiten mitnehmen zu können. Wir hatten derartige Fuhrwerke leider nicht zur Verfügung. Meine Mutter und meine zwanzigjährige Schwester trugen an jeder Hand einen viel zu schweren Koffer und stolperten nur noch mühsam dahin. Ich war nahe daran, am Wege liegenzubleiben. Erst vor wenigen Tagen hatte ich nach monatelanger Krankheit das Bett verlassen und war eigentlich noch viel zu schwach für dieses Unternehmen. Aber wir hatten keine andere Wahl, denn schon zum zweiten Mal innerhalb der letzten zwei Jahre, hatten wir kein Dach mehr unter dem wir wohnen konnten. Im Juli 43 war unser Haus in Hamburg bei einem Bombenangriff zerstört worden und wir hatten freundliche Aufnahme in der Altmark gefunden. Nun hatten uns die Russen auch aus diesem Domizil vertrieben. So zog es uns nun wieder nach Hamburg, wo schon Vater, Bruder und eine Schwester bei Verwandten auf uns warteten. Wir waren bereits seit 10 Tagen zwischen Harz und Thüringen unterwegs und am Ende unserer Kraft. Wer würde es merken, wenn ich zurückbliebe? Der Menschenstrom würde weiterziehen. Jeder hatte genug mit sich selbst zu tun. "Ich kann nicht mehr, ich bin so müde - - - so müde," klagte ich.Eine junge Frau streckte mir die Hand entgegen. "Komm, halte dich an unserem Handwagen fest, dann schaffst du es noch eine Weile." Meine Mutter lächelte mir ermutigend zu. Ihre Lippen waren wund vom Durst und vom Fieber. Aber sie klagte kaum. Ahnte sie, daß dies die letzten Tage ihres Lebens waren? So wanderten wir weiter, bis der goldene Schein verblaßt war und tiefe Dämmerung sich über das Land breitete. Die Wälder waren nun in tiefes schwarz getaucht, so daß sie aussahen wie an den Horizont geklebte Scherenschnitte. Die letzten Nächte hatten wir in überfüllten Güterzügen, an Wegrändern, in Kuh-oder Schweineställen und auch in einem russischen Gefängnis ohne Wasser und Nahrung verbracht. In dieser Nacht würde wieder die Straße unser Bett sein. Wo sie gerade standen waren die Menschen zur Rast niedergesunken. Die wenigen Männer rissen Weidezäune aus und entzündeten mit dem Holz rauchende Lagerfeuer. Die erschöpften Menschen kamen heran um sich zu wärmen, während die züngelnde Lohe funkensprühend in den Himmel stieg. Brüllende umherirrende Rinder wirkten im Licht der Flammen wie Urweltungeheuer. Das Feuer knisterte bald leiser und das weinen der Kinder verstummte. Ich hing halbträumend meinen Gedanken nach, als eine schriller Schrei, wie die Stimme eines apokalyptischen Rufers sich gellend erhob. Da stand die Frau am Feuer: Verzweifelt und anklagend schrie sie ihr Entsetzen hinaus über Krieg, Vergewaltigung und Mord und fand vielfältiges Echo im Wimmern der aufgeschreckten Kinder. Irgendjemandem gelang es, die Frau zu beruhigen, dann trat wieder Stille ein. Es war eine Nacht wie sicher viele, in jener Zeit, auf jenen Straßen. Seit Tagen hatten wir so gut wie nichts gegessen, aber wir merkten es kaum, denn der Gedanke, vielleicht bald zu Haus zu sein, überstrahlte alle Strapazen wie ein Licht. Die dicken Weidepfähle glosten noch in dunkler Glut, während das vom Waldesrand gesammelte Reisig hell aufloderte. Ein riesiger Vollmond beschien die herbstliche Landschaft. Aus den Wiesen stieg der Nebel auf, als atmete die Erde. Auch die Rinder stießen weiße Dampfwölkchen in die Luft, wenn sie die Köpfe hoben. Ab und zu muhten sie verhalten. Sicher waren sie recht verwirrt über die seltsame Nachtgesellschaft. Meine Schwester war dicht an mich herangerückt. Ihre Wärme durchströmte mich belebend. Auf einmal spürte ich überhaupt keine Müdigkeit mehr. Fest umschlungen, eine Bastion der Geborgenheit gegen diese aus den Fugen geratene Welt, saßen wir neben unserer Mutter. "Du Schwesterchen, wollen wir singen?" flüsterte Elisabeth mir ins Ohr. Ich nickte: "Gern, aber was werden die Leute sagen?" "Wir können es doch wenigstens mal versuchen," bat meine Schwester. Wie oft hatten wir gesungen in den letzten Tagen, wenn uns der Mut verlassen wollte. Jedes Mal war es uns danach etwas leichter ums Herz gewesen. So wagten wir es auch hier. Erst zaghaft, dann etwas lauter sangen wir zweistimmig das vertraute Matthias Claudius-Lied: Der Mond ist aufgegangen . . . nun fiel meine Mutter ein, . . .die goldnen Sternlein prangen . . . allmählich wurden es mehr und mehr Stimmen, bis es ein großer voller Chor war. Es war ein wundersames Singen und Klingen, wie es wohl die Hügel bei Friedland noch nie zuvor erlebt hatten. Bis in die Nacht hinein tönten die Lieder und wollten kein Ende nehmen. Schließlich sang ein Soldat das Wolgalied. Er hatte eine schöne volle Baritonstimme. Als er zum Refrain kam, fielen alle mit ein: Hast du dort droben vergessen auch mich, es sehnt doch mein Herz nach Liebe sich . . . Manche Träne rollte über eingefallene Wangen, voller Bitterkeit, aber auch voller Sehnsucht und Hoffnung. Das Singen hatte mich getröstet. Selbst die Sterne schienen mir nun lebhafter zu glänzen, als wüßten sie eine tröstliche Antwort auf unsere Klage. Aber das war natürlich eine Täuschung, geboren aus den Märchen meiner Kinderzeit. Am nächsten Morgen, als es noch dunkel war, zogen wir mit dem Treck weiter.Es war mein dreizehnter Geburtstag und als Geschenk erhielt ich den letzten Wurstzipfel aus unserem Koffer, den meine Mutter für mich aufbewahrt hatte. Am Tag danach erreichten wir endlich die Grenze zum Westen, die hier, an diesem einzigen Punkt in Deutschland täglich von etwa 5000 Flüchtlingen passiert werden durfte. Weinend vor Erschöpfung und Glück fielen wir einander in die Arme. Nach einer weiteren Nacht auf dem Fußboden einer Baracke in Friedland
brachte uns ein fensterloser Personenzug in zwölfstündiger Fahrt
nach Hamburg. Das eintönige Rattern der Räder ließ uns
immer wieder in einen bleiernen Schlaf sinken. Die stampfenden Geräusche
formten sich zu Worten, die deutlich in meinen Ohren klangen: Nach Haus,
nach Haus, endlich nach Haus.
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