Der Weg zurück
Letzte Kriegstage in der Altmark
von Gertrud Everding

Wir drei Töchter waren mit unserer Mutter von Juli 43 bis Oktober 45 in einem Dorf bei Osterburg in der Altmark evakuiert. Hier erhielt meine fünf Jahre ältere Schwester 1944 den Einberufungs - Befehl zum Arbeitsdienst nach Gardelegen.

Die jungen Frauen mussten in einer Rüstungsfabrik hart arbeiten. Kurz vor Kriegsende wurde das Lager im Schloß Gänsefurt, aufgelöst. Die Führungskräfte hatten sich bei Nacht und Nebel vor den heranrückenden Amerikanern aus dem Staube gemacht. Meine Schwester kehrte unter Schwierigkeiten zu unserem Domizil bei Osterburg zurück. Erst im Oktober 45 kamen wir endgültig wieder in unsere Heimat Hamburg.

Da meine Schwester vor fünf Jahren verstorben ist, erzähle ich für sie, so gut ich es vermag, von ihrem Erlebnis der Rückkehr vom Arbeitsdienst:


Der Weg zurück

Am Horizont flammte der Feuerschein eines zerschossenen Dorfes, färbte den grauen Frühlingshimmel düsterrot. Nebel waberte über dem Fluss und mischte sich mit dem beißenden Geruch von verbranntem Holz. Wie von weither klang der Ruf wilder Schwäne herüber, obwohl ihre Umrisse schattenhaft in der nahen Uferzone sichtbar waren. Das Mädchen blickte auf das graugrüne, schnelldahinschießende Wasser. Eine ganze Weile stand sie schon hier und kämpfte mit ihrer Angst. Vor etwa einer Stunde war die Leiche eines deutschen Soldaten vorbeigetrieben, das Entsetzen darüber lag ihr noch immer in den Gliedern. Ihre dünne Winterjacke, aus einer braunen Wolldecke genäht, hatte sie neben sich ins Gras gelegt. Obwohl sie vor Kälte zitterte, zog sie nun doch Pullover und Rock aus und rollte die Kleidungsstücke zu einem festen Bündel zusammen. Die Schuhe hatte sie sich mit Hilfe der Bänder um den Hals gehängt. Den Kleiderballen in den Händen eilte sie mit ein paar gewandten Sprüngen die Böschung hinab und begann ohne Zögern das Flussbett zu durchqueren. Die reißende Strömung umfing sie gurgelnd und rauschend. "Nimm dich zusammen", sprach sie zu sich selbst, "wenn du den Kopf verlierst, machst du nur Fehler."

Es schien ihr, als wäre sie der einzige Mensch auf der Welt, so dicht war der Nebel um sie her. Die Schwäne kamen neugierig heran, flüchteten aber sofort wieder in das ruhigere Fluten der Uferzone. Die Wellen umspülten den mageren Körper des Mädchens, drohten, ihn fortzureißen. Sie versuchte mit aller Kraft, ihnen standzuhalten. Wie mit Messern schnitt die Kälte in ihre Glieder. Schon ging das Wasser der zierlichen jungen Frau fast bis zur Brust. Ihre langen schwarzen Zöpfe hatten sich gelöst, nun umspielte das Haar ihre Schultern wie glänzende Schlangen.

Karen hatte keine andere Wahl, sie musste über den Fluss, um nach Haus zu kommen. Die einzige Brücke weit und breit war am Tag zuvor von deutschen Soldaten auf dem Rückzug gesprengt worden. Ängstlich sah die junge Frau sich um. Dort im Schilf! War das nicht das Gesicht eines "Negers" ? Irgendwann musste sie ihnen doch begegnen, den feindlichen Soldaten! - Da, ein Klatschen, wie vom Aufprall eines Körpers! Aber es war nur das Geplänkel zweier Schwäne.

Diese Kälte! Ihr kam der letzte Morgenapell vor zwei Tagen im Arbeitsdienstlager Gotleben in den Sinn. Eine halbe Stunde hatten die Arbeitsmaiden im kalten Regen vor der Baracke auf ihre Führerin gewartet, bis sie entdeckten, dass die ganze Führungsgruppe sich in der Nacht davongemacht hatte. Mit keinem Wort hatte man die jungen Frauen davon in Kenntnis gesetzt. War das die vielgerühmte deutsche Treue, die angeblich stärker war als der Tod? Sie waren enttäuscht und fühlten sich von allen verraten. Nun wollten sie nur noch nach Haus. Wie lange schon hatten sie insgeheim diesen Tag herbeigesehnt. Sie gerieten in Panik. Nur weg von hier! Weg hier! Endlich heim! Wenn es so etwas wie die Heimat überhaupt noch gab.

Vorbeiziehende deutsche Soldaten nahmen die Mädchen auf ihren Lastwagen ein Stück mit, um sie nicht in die Hände der Feinde fallen zu lassen. Dann war jede auf sich selbst gestellt. Karen hatte einen Weg von etwa 60 Km vor sich, bis sie bei ihrer Familie sein konnte. Aber der Weg ging durch umkämpftes Gebiet, vorbei an Dörfern, die schon von der amerikanischen Armee besetzt waren. Wie eine Partisanin schlich sie durch Wälder und Felder und umging ängstlich jede Art menschlicher Siedlungen. Einmal war sie einem amerikanischen Panzer begegnet. Der Kommandant hatte den Kopf aus der Turmluke gesteckt und sie angehalten. Der Mann sprach sogar Deutsch. Er hatte sie nach dem Woher und Wohin gefragt, dann auf ihre Antwort freundlich gelächelt und der Siebzehnjährigen "good luck fraulein" gewünscht. Seitdem hatte sie nicht mehr gar so große Angst, es sei denn, sie würde einem "Neger" begegnen; davor fürchtete sie sich sehr. Schreckliche Geschichten hatte sie bereits über diese Schwarzen gehört.

Da! Was war das! Eine riesige Gestalt stand unter der Weide am anderen Ufer und schien sie zu beobachten. War das nicht sogar ein schwarzer Soldat? Sie konnte jedoch nichts genaues erkennen. Wenn sie doch nur schneller vorankäme! Wo sollte sie nur ans Ufer gehen, wenn der Schreckliche auf sie wartete? Ihr Herz klopfte bis zum Hals und die Kälte in ihren Gliedern war glühender Hitze gewichen. Ihre Arme wurden bleischwer, so dass sie fürchtete, das Kleiderbündel nicht mehr halten zu können. Woher kamen nur die Funken vor ihren Augen? Sie war plötzlich so schwach, so schwach - - . Dann wurde es dunkel um sie.

Als sie zu sich kam, hörte sie an dem lautbrummenden Motorengeräusch, dass sie auf der Ladefläche eines fahrenden Lastwagens lag. Ein großes dunkles Gesicht beugte sich über sie und ein Paar freundlicher brauner Augen, in denen das weiße auffällig blitzte, sahen sie fast zärtlich an. Eine dunkle Hand, die ebenfalls dem Soldaten an ihrer Seite zu gehören schien, strich sanft über ihre Wange. Der schwarze Mann reichte ihr einen Becher mit heißem Kaffee:

"Come on, drink my little girl" hörte sie seine gutturale Stimme." O you must drink, darling! Er stützte sie, indem er einen Arm um ihre Schultern legte. Verwundert und misstrauisch sah sie ihn an. " I had to swim, to save your life, else you would have died in the river." Er machte die Bewegungen eines Schwimmers. Sie versuchte ihn zu verstehen, aber es gelang ihr nicht, nur seine guten Augen, die verstand sie. Als wäre sie seine Tochter, so fürsorglich half er ihr.

"Darling" flüsterte er, " don´t worry, nicht Angst haben" und nahm ihre kalten blassen Hände in seine großen dunklen. Dabei sah sie zum ersten Mal, dass schwarze Menschen auch helle Handflächen haben. Das hatte sie nicht gewusst. Später holte er eine Tafel Schokolade hervor, und gab ihr davon zu essen. "Danke" flüsterte sie und sah ihn schüchtern an. Erst jetzt fiel ihr ein, dass sie seit Tagen kaum etwas gegessen hatte.

Als sie nach einem Krümel Schokolade griff, der ihr in den viel zu weiten Militärmantel gerutscht war, den sie jetzt trug, bemerkte sie, dass sie darunter nackt war. Er hatte ihr gewiss seinen Mantel angezogen, der amerikanische Soldat, der sie aus dem Fluss gerettet haben musste. Sie wurde rot vor Bestürzung, sah jedoch zugleich ein, warum dies wohl geschehen musste. Der Mann lächelte ihr aufmunternd zu. "You are a lovely girl. I have also a girl, my daughter Delila in Alabama. She is 17 and the nicest girl of the world, let me see – yes! She looks like you." Dabei kramte er das Foto eines niedlichen, schwarzen jungen Mädchens mit strahlenden Augen wie dunkle Kirschen aus seiner Brusttasche. "My Tochter!" verkündete er stolz. Dann zeigte er auf sich selbst und sagte, lachend seine weißen Zähne zeigend: "I am Daddy Joe, what´s your name?" "Karen", antwortete das Mädchen mit leiser Stimme.

Allmählich gewann sie Vertrauen zu dem Mann. Schließlich fiel sie in einen unruhigen Schlummer und träumte von dem Mädchen Delila, das merkwürdigerweise blonde Locken trug und ihr eine riesige Tafel Schokolade entgegenhielt. Dabei rief sie ständig "Darling, keine Angst!" Wohl einige Stunden blieb sie mit Daddy Joe allein hinten im Wagen und er bewachte ihren Schlaf, bis der Fahrer seinen Kameraden zu sich auf den Beifahrersitz rief.

"Tomorrow morning we are in Osterburg. Then you must go on foot, Karen." Mit diesen Worten ließ "Daddy Joe" sie allein, nicht ohne sie mit noch einer weiteren warmen Decke einzuhüllen. Das ratternde Geräusch des Wagens schläferte das Mädchen bald wieder ein und sie wurde erst wach, als der Morgen graute. Neben ihr lag ihre Kleidung und die war sogar leidlich trocken. Schnell zog sie sich an. Die junge Frau war es vom Arbeitsdienst her gewohnt, sich blitzschnell anzukleiden. Oft genug hatte sie es tun müssen, wenn die Sirenen Alarm heulten. In letzter Zeit hatte es Tiefflieger - Angriffe gegeben und einmal waren zwei Kameradinnen dabei ums Leben gekommen. Ob diese Schreckenszeit nun wohl endlich zu Ende war?

Kurz darauf hielt der Lastwagen auf der Straße an. Die Soldaten halfen ihr, abzusteigen. Der jüngere, ein blonder Draufgänger wollte sie zum Abschied küssen. Da blitzten in dem breiten glänzenden Gesicht des schwarzen Amerikaners energisch zwei Reihen schneeweißer Zähne auf, wie bei einem Raubtier; aber nur einen kurzen Moment! "No! That´s my girl!" Mit einem Schwung stellte er sie auf die Straße und lachte ihr fröhlich zu. "Bye bye, darling!" Vielen Dank Daddy Joe," entgegnete Karen. "Was hätte ich gemacht, wenn du nicht gekommen wärst." Er winkte ihr noch lange nach. – Dann verschwand der Armeelastwagen knatternd hinter der Wegbiegung.

Die ersten Sonnenstrahlen beschienen den Wegweiser, dessen Botschaft Karens Herz schneller schlagen ließ. Noch drei Kilometer bis Liesendorf, drei Kilometer bis nach Haus. Sie begann zu laufen.

Gertrud Everding, Jahrgang 1932
Homepage: www.literadies.de
 

www.seniorennet-hamburg.de
© 2002 Gertrud Everding