| Ausgebombt
in Barmbek, "Glühender Schnee" von Gertrud Everding |
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Es war Donnerstag, der 29.7.43, als die Sirenen uns nachts wieder einen Angriff ankündigten. Wir lauschten längst nicht mehr auf das Donnern der Geschütze, denn wir wussten, dass die Flakbatterien kein ernstliches Hindernis für die Bomber und ihre tödliche Last sein würden. Mit stoischer Ruhe stiegen wir in den Luftschutzkeller hinunter. Würde er den Bomben standhalten? Wir hatten mehrere Kleider übereinandergezogen, um im Notfall wenigstens das zu retten, was wir am Körper trugen. Trotz der Wärme, es war wieder ein heißer Sommertag gewesen, hatten wir Hüte, Mützen oder Tücher auf dem Kopf, die unser Haar vor dem Feuer schützen sollten. Wir ahnten ja bereits, was uns erwartete. Weshalb sollte es uns besser ergehen, als den Menschen in Hammerbrook? Zum Glück waren unsere Straßen sehr weiträumig gebaut. Würde es uns gelingen, dem Feuer zu entkommen? Wir saßen bereits eine ganze Stunde im Keller und hofften, dass wir dieses Mal vielleicht doch noch verschont würden. Mitternacht war vorbei als wir das Dröhnen von Flugzeugmotoren hörten. Sie mussten wohl verhältnismäßig tief fliegen. Oder waren es so viele? Später las ich, es sollen 900 Maschinen an dem Angriff beteiligt gewesen sein. Die Vierlingsflak, die auf dem Dach der Post in der Hellbrookstraße stand, mühte sich nach Kräften, die Bomber mit ihren Geschossen zu treffen. Da! Ein sirrendes Heulen und gleich darauf ohrenbetäubendes Krachen, dann wieder nur das gleichmäßige Brummen der Motoren. Die Tommies haben die Flak vom Dach gebombt", sagte Herr Düßler. "Nun haben sie freie Bahn!" Und das stimmte wohl auch, denn die Flak schwieg. Jetzt begann der Angriff erst richtig. Elektrisches Licht hatten wir schon seit Tagen nicht mehr. Eine einzige Kerze erhellte spärlich den Raum. Das Heulen der Bomben erfüllte die Luft, gefolgt vom markerschütternden Lärm der Detonationen. Das war ein Prasseln und Scheppern, ein Knattern, Heulen und Bersten. Es schien nicht enden zu wollen. Wie mochte es Hansi, unserem Kanarienvogel gehen? Bevor wir in den Keller gingen, hatten wir wie immer sein Käfigtürchen geöffnet. Ob er noch lebte? Wieder eine gewaltige Explosion! Die schützenden Betonquader draußen vor unserem Kellerfenster fielen von der Druckwelle um und die Fensterflügel sprangen auf. Die Kerze auf dem Tisch in der Mitte des Raumes verlosch. Von draußen waberte der Schein eines glutenden, rasenden Flammenmeeres zu uns herein. "Fenster zu!" schrie eine Frau. Das Feuer kommt! Wir verbrennen!" Es heulte und krachte, die Hölle schien sich über uns zu öffnen. Wieder ein gewaltiges Bersten, ein Klirren und Poltern, als ob tausend Teufel losgelassen wären. Der Keller erzitterte, er hob und senkte sich wie bei einem Erdbeben. Ich befürchtete, dass die Decke über uns einstürzen würde."Jetzt hat es unser Haus aber richtig getroffen!" stellte der Schneider seltsam ruhig fest. Der Alte war wie ein knorriger Eichbaum, so unerschütterlich und zuverlässig. "Das war bestimmt eine Sprengbombe!" brüllte eine dicke Frau in heller Panik. Sie fuchtelte mit ihrem Krückstock in der Luft. Der kleine Schneider legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. "Es wird bald vorbei sein, glauben Sie mir." Frau Bendin, die Witwe aus dem ersten Stock begann laut
weinend das Vaterunser beten, während Frau Düßler sich
still über ihren Säugling beugte. Ihr Gesicht war weiß
wie die Kellerwand. "Mama," sagte ich, "Max hat den Keller
sicher gemacht. Er wird ganz bestimmt halten." Ich wollte mir wohl
nur selbst Mut machen, denn ich glaubte es nicht wirklich. Wie erstarrt
saß ich mit den Fingern in den Ohren und mit offenem Mund auf dem
alten Holzstuhl, wie Max es mir gezeigt hatte. Voller Angst blickte ich
zur Decke empor. "Lieber Gott, lass uns heil hier rauskommen."
Meine Mutter sah ihn an, als ob er nicht bei Verstand wäre.
Das geht nicht, Mann! Es ist Wahnsinn. Das Treppenhaus brennt." Aber
der Alte war nicht zu halten. Eine Viertelstunde später kam er mit
den Betten zurück. Seine Haare und die Jacke waren angesengt, er
roch nach Qualm, seine Schuhbänder brannten. "Hab es grade noch
geschafft," keuchte er nach Luft ringend. "Da oben brennt schon
alles und das obere Stockwerk gibt es nicht mehr. Da ist nur noch der
Himmel und das Feuer. Wir müssen raus!" begann er zu schreien.
"Wir müssen raus hier!" Gerade wollten wir alle den Keller verlassen, als wir die
Geräusche von Flugzeugmotoren hörten. Dann plötzlich das
Knattern schwerer Maschinengewehre und die Schreie von Menschen. "Jetzt
beschießen sie uns auch noch mit ihren Bordkanonen, diese Schweine!
Ein Glück, dass wir noch hier drinnen sind. Geht in Deckung!"
brüllte Düßler. "Die wollen uns wohl alle umbringen!" Das Treppenhaus brannte, war aber noch passierbar. Einer
nach dem andern betraten wir die Straße. Zuerst die Männer,
die dann den Frauen mit ihren Kindern helfen sollten. Fast hätte
mich ein brennendes Brett getroffen, das von irgendwo herunterfiel, aber
meine Mutter riss mich fort, so dass es zur Erde knallte, ohne Schaden
anzurichten. Sie ging uns voraus und ich stolperte hinter ihr drein. Hinter
mir ging Hildegard, und meine älteste Schwester Elisabeth bildete
den Schluss. Draußen sah es gespenstisch aus, ich werde diesen Anblick
niemals in meinem Leben vergessen. Was aus den anderen Mietern geworden
ist, ob sie alle mit dem Leben davonkamen, kann ich nicht sagen. Wir verloren
die meisten bald aus den Augen und haben sie nie wieder gesehen. Ich hatte nicht gewusst, dass Steine brennen können,
aber hier draußen glühte fast alles. Das Straßenpflaster
war heiß. Ich spürte es durch die Schuhsohlen. So weit ich
sehen konnte, lagen Trümmer, Äste, entwurzelte Bäume und
zerstörter Hausrat verstreut. Besonders gefährlich waren herumliegende
Bomben und merkwürdige Kanister, die zu glühen schienen. Wie
leicht konnte man in dem geisterhaften gelblichroten, manchmal fast grünlichen
Licht auf sie treten! Nach etwa zwanzig Minuten, vorbei an zerstörten, brennenden Häusern, erreichten wir mit den meisten Mitgliedern unserer Hausgemeinschaft den Erdbunker an der Habichtstraße. Unsere von Kerzen erhellten Bunker betraten. Man empfing uns freundlich, meinte aber, der Bunker sei voll und wir könnten nicht lange bleiben. Im Morgengrauen verließen wir den Schutzraum und
fanden draußen auf der Wiese vor dem Hochbahnhof Habichtstrasse
einen Bombentrichter als vorübergehende Bleibe. Schon mindestens
zehn andere Menschen saßen hier und begrüßten uns lärmend
als ausgemachte Glückskinder, weil wir, genau wie sie, noch am Leben
waren. Man erzählte sich Witze und lachte überlaut. Zwei Männer
hatten aus einem zerstörten Haus ein Glas Erdbeeren organisiert,
das nun bei uns die Runde machte. Auch ein Aluminiumlöffel hatte
sich gefunden. Das gab ein Aaah und Oooh! Jeder durfte sich etwas nehmen.
Diese Süße! Dieser Saft! Gierig öffneten sich unsere trockenen,
brennenden Lippen den duftenden Früchten. Ich meinte, nie Köstlicheres
gegessen zu haben. Die Sonne kämpfte vergeblich gegen die dicken, schwarzen
Rauchwolken. Eine unwirkliche Dämmerung lag über dem Land, obwohl
es bereits Vormittag war. Wenn wir die Stadt verlassen wollten, wurde
es höchste Zeit. Im Bombentrichter hatte man uns erzählt, dass
an der Sievekingsallee ein Treffpunkt wäre, wo Lastwagen die Flüchtenden
aufsammeln würden. Ob wir den Weg bis dorthin schaffen konnten? Elisabeth
hatte ein Fahrrad gefunden, das sie mit dem schwersten unserer Koffer
bepackte. Das Rad hatte keine Reifen mehr, aber ein junger, unbekannter
Soldat, der sich uns angeschlossen hatte, organisierte ein paar Meter
Feuerwehrschlauch, die er um die Felgen wickelte. Schließlich war
auch er es, der das Rad schob. Elisabeth hielt den mit einem Gurt festgebundenen
Koffer fest, damit er nicht herunterfiel. Unerträglich schien uns die Hitze, aber wir wollten
nicht aufgeben. Meine Füße taten mir weh. Ich war sicher, unter
normalen Umständen wären wir wohl längst umgekehrt. Aber
wohin sollten wir zurückkehren? Es gab ja für uns kein Zuhause
mehr. Kleine schwarze Bündel lagen in den Trümmern und an den
Straßen. Oft waren sie ineinander verschlungen. Ich dachte, es seien
tote Kinder, aber meine Mutter erklärte mir, dass das Feuer selbst
erwachsene Menschen so klein werden lasse. Da lagen sie, die weniger Glück
gehabt hatten als wir. Der Tod hatte sie erreicht, vielleicht auf der
Flucht, vielleicht auch ganz überraschend, oder gar in großer
Verzweiflung als willige Beute. Ich musste an unseren Nachbarn denken,
der sich vor etwa einem Jahr auf dem Boden unseres Hauses erhängt
hatte. Er war ein freundlicher, alter Mann gewesen. Wie hatte mir damals
gegraut, wenn ich mir vorstellte, dass er tot da oben am Dachbalken gehangen
hatte. Nun nahm ich den Anblick dieser vielen Leichen beinahe gelassen
auf. Es war wohl einfach zu viel für eine Kinderseele, was über
uns hereingebrochen war. Nach etwa dreistündiger Wanderung durch die brennende Stadt, erreichten wir endlich die Sievekingsallee. Wirklich, ein offener Lastwagen mit Flüchtlingen holperte an uns vorbei. Wir riefen und winkten, so eifrig wir konnten. Aber das Auto fuhr weiter. "Nehmt das nächste!" schrieen sie. "Wir sind voll besetzt!" Ob die Menschen Angst hatten, dass sie ihren Hausrat vom Fahrzeug abladen müssten, wenn sie uns aufnehmen würden? Nur weiter, weiter, stand in ihren Gesichtern geschrieben. Der zweite Wagen nahm uns wirklich auf. Meine Schwester musste zwar das alte Fahrrad zurücklassen, aber wir kamen alle mit. Elisabeth hatte eine Mahagonikommode im Rücken, Hildegard einen Kinderwagen auf dem Fuß, und ich musste zeitweise auf einem Bein stehen. Aber wir konnten die Stadt verlassen, würden irgendwohin fahren, um dort in Sicherheit zu leben. Jetzt konnte alles nur besser werden, hoffte ich. In Reinbek war die Fahrt erst mal zu Ende. Man half uns
vom Lastauto herunter. Frauen der NSV und BDM-Mädchen verteilten
belegte Brote und Äpfel. Wir mussten uns bei der Flüchtlingsstelle
melden. Jeder Erwachsene wurde gefragt, ob er bereits ein Ziel für
die weitere Reise angeben könne. Meine Mutter nannte die Adresse
eines Cousins in Osterburg in der Altmark, der ein größeres
Haus besaß. Ich hatte vorher gar nicht gewusst, dass dort Verwandte
von uns lebten. Am Abend führte man uns zu einem Kino. Es waren schon etwa einhundert Menschen da. Für unsere tragische Situation hatte diese Art von Unterkunft etwas recht Makaberes an sich. Als ob sie zu einer Filmvorstellung gekommen wären, so richteten sich die Menschen auf den Klappsesseln vor der Leinwand für die Nacht ein. Einige zogen es vor, auf dem Fußboden zu schlafen. Hier und da hörte man spöttische Stimmen: "Wann fängt denn endlich der Hauptfilm an? Die Wochenschau hatten wir ja schon!" Noch stundenlang kamen neue Flüchtlinge dazu. Im Saal war es stickig, daran änderten auch die offenen Türen nichts. Natürlich hatten wir eine miserable Nacht, aber es
gab wenigstens keinen Fliegeralarm und ich schlief, wenn auch sehr unruhig,
den Koffer auf dem Schoß haltend, an die Schulter meiner Mutter
geschmiegt. Am frühen Morgen machten wir uns zum Bahnhof auf. Schon
kurze Zeit später kam der Zug, der uns über Hagenow-Land, Wittenberge,
nach Osterburg bringen sollte. Hier hatte meine Großmutter als Kind
gelebt. Meinen Onkel, einen Feuerwehrhauptmann um die fünfzig herum,
wollte die Polizei telegrafisch benachrichtigen. Würden er und seine
Frau uns aufnehmen?
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