Die Auszeichnung
von Hans-Werner Ecker

Zum Andenken an die toten Soldaten des tausendjährigen Reiches.

Der Soldat musste vortreten, Haltung annehmen und wurde vor den Kameraden seiner Einheit ausgezeichnet, indem ihm der Kommandeur das schwarzglänzende Kreuz verlieh und an den Uniformrock heftete.

Wie aus weiter Ferne hörte er die Stimme des Bataillonsführers: "Mutig, mit vorbildlicher Moral und unbeugsamem Kampfgeist hat unser Kamerad - von seiner Einheit abgeschnitten - im unbedingten Willen, zu seiner Truppe zurückzukehren, ganz auf sich gestellt einen wichtigen feindlichen Stützpunkt ausgeschaltet und sich so zu den eigenen Linien durchschlagen können."

Der feldgrauen Moral war Genüge getan.

Der Ausgezeichnete sah sich indes noch einmal in seiner namenlosen Angst mit der Maschinenpistole wild um sich schießen, sah sich seine letzte Handgranate werfen und spürte noch einmal die gleich danach herrschende Totenstille auf sich lasten.

Der Händedruck des Kommandeurs holte ihn aus seinen lähmenden Erinnerungen. Unbewusst salutierte er und trat ins Glied zurück. Dort - von seinen Vorderleuten verdeckt - fasste er sich an die Brust und ertappte sich dabei, wie er auf seine Hände schaute, sich zu vergewissern, dass keine Blutspuren daran zu sehen waren. Das Kreuz, ob stilisiert aus Metall an der Uniform oder einfach aus Holz in der Erde steckend, bedeutete es nicht immer Leiden, Wunden, Tod?

Als der Soldat nur wenige Tage später, über seinem Ordenskreuz in die Brust geschossen, zu Boden sank, bekam er wieder ein Kreuz, dieses Mal das andere, glanzlose und auf Endgültigkeit weisende aus Holz. Und das kleine, aufgemalte, schwarze Kreuz in der Mitte hatte nur noch die Form mit der ihm verliehenen Auszeichnung gemein, war im übrigen ein amtliches Zeichen für den toten Soldaten geworden, den man eingereiht hatte in das große Heer derer, die unter ihren uniformen Kreuzen überall in der Welt - wie das Gesetz es befahl - zu Helden geworden waren, nachdem man ihnen - wie das Gesetz es befahl - versagt hatte, ihr Leben zu leben und ihr Kreuz zu tragen.


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© 2002 Hans-Werner Ecker