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und Lehrzeit zwischen 1930 und 1936 in Limburg Von Hans Bruchschmidt |
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Meinen Vater, einen Sozialdemokraten und Gewerkschaftler, hörten mein Bruder Theo und ich 1930 gelegentlich sagen: "Wenn Hitler an die Macht kommt, führt er uns in den Krieg und wird die Jugend als Kanonenfutter missbrauchen." Mich interessierte die politische Entwicklung als 12jährigen Schuljungen wenig. Mir machten mehr die Wettkampferfolge im Schul- und Vereinssport großen Spaß. Bei den Reichsjugendwettkämpfen 1931 errang ich den II. Preis mit 57 Punkten und war mächtig stolz auf die große (DIN A 3) Ehrenurkunde. Unterzeichnet ist sie mit "Von Hindenburg - Reichspräsident!" Am 20. März wurde ich konfirmiert und war erleichtert über das Ende der Christenlehre. Unser Pfarrer erzählte uns Kindern häufig von den schönen Idealen und Zielen der neuen nationalen Kraft NSDAP und ihres Führers Adolf Hitler. Zu Hause hörte ich dann meinen Vater auf diese Rassisten und Kriegshetzer schimpfen. Was sollte ich nun glauben? Meiner Mutter hatte ich versprechen müssen, Vater nichts davon zu erzählen, da sie Ärger mit dem Pfarrer befürchtete und unbedingt wollte, daß ich konfirmiert werde. Sie war übrigens katholisch und meine Eltern wollten sich auch so trauen lassen, wegen der Kindererziehung. Als der Pfarrer in Wiesbaden bei der Terminvereinbarung erfuhr, dass sie einen evangelischen Mann heiraten wollte, demütigte er sie regelrecht. Sie lief weinend aus der Kirche und ließ sich dann evangelisch trauen. Man muss sich die Situation meiner Mutter heute vorstellen. Sie war 1917 die ersten Monate bereits schwanger und mein Vater erhielt wegen der schweren Kämpfe an der Westfront keinen Heiratsurlaub! Wenn das der Pfarrer damals gar gewusst hätte!! Am 22. März 1932 war meine Zeit in der Volksschule Limburg zu Ende. Sehr spannend und aufregend war für mich zum Ende der Volksschulzeit die Aufnahmeprüfung für das RAW (Reichsbahn-Ausbesserungswerk). Neun Lehrlinge sollten eingestellt werden und 160 Bewerber aus der ganzen Umgebung hatten sich zum Test gemeldet. Meinem Vater lag in der damals wirtschaftlich schwierigen Zeit sehr viel daran, mich "an die Bahn zu bringen". Ich selbst wollte nicht in einen kleinen Handwerksbetrieb, wo häufig bei mangelhafter Ausbildung noch Lehrgeld bezahlt werden musste und meldete mich vorsichtshalber auch bei der Reichspost zur Aufnahmeprüfung an. Zunächst musste eine Prüfung bei der Reichsbahn absolviert werden. Über der Lehrlingswerkstatt fand in den Unterrichtsräumen die theoretische und die praktische Prüfung statt. Es wurde einiges an Schulbildung, logischem Denken und praktischem Geschick getestet. Ich war nicht bei den ersten neun, sondern erst an elfter Stelle. Das erfuhr ich aber später, denn wir ersten 20 wurden anschließend zum Arzt und zur Prüfung der Farbensichtigkeit geschickt. Da der Arzt zwei Bewerber als nicht geeignet einstufte, rückte ich zur Freude meines Vaters nach. Bei den beiden vom Werksarzt abgelehnten Bewerbern war ein mit mir befreundeter Schulkamerad, was mir sehr leid tat. Ich wäre damals genau so gerne zur Post gegangen. Im Gegensatz zum kleinen Handwerksbetrieb, hatten wir an der Bahn eine sehr interessante und rein beruflich ausgerichtete Ausbildung. Sie war außerdem mit viel Sport und einigen weiteren Vorteilen, wie Freifahrtscheinen, einem Deputat von billigem Nutz- und Brennholz etc. angereichert. Auch der Bau eines Segelflugzeuges mit anschließender Möglichkeit der A-Prüfung auf dem Mensfelder Kopf gefiel mir. Das Segelflieger-Barackenlager wurde damals bereits schon von einem SA-Sturmführer geleitet. Die Ausbildung in der freiwilligen Werksfeuerwehr hat mir sehr imponiert. Der wöchentliche Lehrlingslohn von sieben RM die Woche im ersten Lehrjahr war für die damalige Zeit ebenfalls sehr großzügig. Samstags ging es bei der damals 6tägigen Arbeitswoche statt in die Werkstatt sehr oft zum Schwimmen in die alte Badeanstalt an der Lahn. Nach vielen Diskussionen meiner Eltern mit engen Freunden sah mein Vater endlich ein, dass ich wie die anderen RAW-Lehrlinge in einem Staatsbetrieb HJ-Mitglied werden mußte. Auch im Interesse seiner eigenen politischen Probleme. Parallel zur sehr vielseitigen praktischen Ausbildung fand in der RAW-Werkschule
ein spezieller Fachunterricht statt, der weit über die Lerninhalte
der öffentlichen Berufsschulen hinausging. Neben Buchstabenrechnen,
wie es damals hieß, wurden wir intensiv in Elektrotechnik ausgebildet.
Im vierten Lehrjahr arbeiteten wir in vielen Abteilungen des Werkes in
ganz unterschiedlichen Arbeitsbereichen. Zum Beispiel auch in der Waggonreparatur.
Die Bahnbücherei, in der mein Vater kostenlos herrliche Bücher
ausleihen konnte, nahm ich schon vor meiner Lehre voll in Anspuch. Auch
den Eisenbahnerverein, der sehr schöne Familien-Fahrten an Rhein,
Mosel etc. zum Nulltarif machte, nutzten meine Eltern zum großen
Spaß von uns Kindern häufig. Wir hatten damals schon einige
gern akzeptierte Vorteile durch diese Unterschiede zwischen Öffentlichem
Dienst und Dem Sport in der Schule, den Vereinen sowie an der Reichbahn, folgten nun die HJ-Sportfeste. Das Leistungsbuch vom Mai 1933 "schmückt" übrigens als letzte Unterlage noch kein Hakenkreuz. Zwei Beispiele der Gestaltung im künftigen neuen Deutschland waren das Deutsche Jugendfest 1934 und das HJ-Gebietssportfest 1935. Auf dem Gebietsfest in Mainz wurde ich Gebietsmeister im 400m Lauf und musste nun für ähnliche HJ-Sportfeste verdammt oft zusätzlich für den "Bann 253" (Organisationseinheit in der Hitlerjugend) trainieren. Die Ertüchtigung der deutschen Jugend erfolgte natürlich nicht nur zur reinen sportlichen Zwecken. Wir lernten in Geländespielen, Märschen, Zeltlagern und vielen interessanten Übungen mit dem Kompass umzugehen, ein Ziel anzusprechen, Handgranaten-Zielwurf mit Holzattrappen und anderes mehr. Uns machte dies damals Spaß. Dass die Initiatoren der Sportförderung hohe NSDAP-Funktionäre waren, wie z.B. der Jugendführer des Deutschen Reiches Baldur v. Schirach, der Reichssportführer v. Tschammer und Osten und der Reichsorganisationsleiter der NSDAP und Leiter der Deutschen Arbeitsfront, Dr. Robert Ley, störte uns nicht. Für mich standen meine sportlichen Erfolge im Vordergrund. Sie brachten mir schließlich einen tollen RAW-Sportlehrgang in der Riesenbaude im Erzgebirge ein. Als 17-Jähriger nahm ich damals in Schweidnitz an einem Sportlehrgang für das neu geschaffene SA-Sportabzeichen teil und bestand die Prüfung. Als Mitglied der freiwilligen RAW-Feuerwehr bekam ich auch diese interessante Ausbildung und wusste oft nicht, wie ich die Termine alle schaffen sollte. Die schicke Ausgehuniform gefiel mir allerdings sehr und das zunehmende weibliche Interesse bei Feuerwehrbällen natürlich auch. Unangenehm empfand ich aber bald den häufigen Abenddienst bei Parteiveranstaltungen. Wir Hitlerjungen mußten als Dekoration mit der Hakenkreuzfahne auf der Bühne stehen. Einerseits war ich müde und konnte dem Parteigequatsche nicht folgen, andererseits ekelte mich der miese Tabakqualm an. Dabei dachte ich an mein Rudertraining und die damit verbundene nachlassende Kondition. Kurz vor dem Ende meiner Lehrzeit erlebte ich einen sehr deprimierenden Vorfall. Meine Mutter war aus dem jüdischen Kaufhaus "Geschwister Mayer" kommend, von einem Nazi fotografiert worden. Die Folge war, einer meiner Lehrgesellen, ein fanatischer Parteigenosse, machte mich vor allen Lehrjungen zur "Schnecke" und meinem Vater wurde, nicht nur infolge dieser Sache, die Lehrerlaubnis entzogen. Wir waren keine Antisemiten! In unserer Straße in Limburg wohnten mehrere jüdische Familien und als Nachbarn waren mein Bruder und ich mit den beiden "Sternskindern", die etwas jünger waren, befreundet. Später, als ich schon in Aschersleben war und Frau Stern in deutschen Geschäften nicht mehr einkaufen durfte, half meine Mutter ihr oft aus, was allerdings immer gefährlicher wurde. Dass "Mama" in der damals nicht ungefährlichen Situation meine Stiefel für die Hitlerjugend mit mir sogar in einem jüdischen Geschäft - auf wöchentliche Abzahlung kaufte - klingt im Nachhinein fast unglaublich. Diese ganze beunruhigende Entwicklung heilte mich schnell von den ursprünglich leicht positiven Empfindungen. Den endgültigen Rest gab mir aber der gelegentlich abendliche HJ-Marsch durch Limburg, wenn wir an jüdischen Geschäften vorbei marschierend singen mussten " wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann geht´s noch mal so gut..." oder " . . Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt, den heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt -!!" Als mich später in Aschersleben die SA "übernehmen" wollte und etwas später die Werkschar, in der ich inzwischen Rottenführer" war, geschlossen in die NSDAP eintreten sollte, weigerte ich mich als Einziger und wurde entsprechend behandelt. Nun, ich war heilfroh, dass meine Lehrzeit als erster beruflicher Abschnitt
am 25.03.1936 endete. Dieser 25. März war ein Mittwoch und am Donnerstag,
dem 26. März fuhren wir abends bereits in Richtung Aschersleben zu
unserem neuen Arbeitgeber, den Junkers-Flugzeug- und Motorenwerken und
einem völlig neuen, noch unbekannten, aber sehr interessanten und
aufregenden Lebensabschnitt.
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