Meine Erinnerungen an das Kriegsende in Hamburg von Charlotte Brozzo

Als ich 16 Jahre alt war begann der Krieg und als ich 22 Jahre alt wurde endete er im Chaos. Meine gesamten Jugendjahre habe ich in der Kriegs-zeit verbracht. Ich hatte als Heranwachsende allerdings den Vorteil, dass ich mit vielen Menschen zusammenkam, die schon den ersten Weltkrieg miterlebt hatten und mir davon erzählten. Darum war ich vielleicht auch nicht so blauäugig wie die Zwischenkriegsgeneration und die meisten Jugendlichen und Kinder, welche nicht anderes kannten als die Göbbel'sche Propaganda.
Nach der deutschen Niederlage in Stalingrad im Februar 1943 war es jedem, der hören konnte und Verstand hatte, klar, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden konnte und nur noch ungeheure Opfer gebracht werden mussten. Anfang 1945, nachdem Deutschland schon zu einem großen Teil besetzt war, standen die Briten bereits in der Lüneburger Heide und in den Vororten von Harburg, südlich der Elbe. In der ganzen Stadt hörte man Geschützdonner. Erstaunlicherweise klappte die Versorgung der Bevölkerung noch recht gut. Ja, es gab sogar gelegentliche ‚Sonderzulagen', besonders Bohnen-kaffee und Zigaretten. Einen schwarzen Markt gab es vor dem Kriegs-ende nicht, im Gegenteil: solche 'Geschäfte' wurden streng bestraft und Helden waren wir alle nicht. Man musste sich allerdings end-los lange vor den Geschäften anstellen, um Grundnahrungsmittel wie Brot oder Fleischwaren auf die Lebensmittelkarten zu bekommen. Die Schlachtereien verkauften Wurstbrühe ohne Marken, vorausgesetzt, man wartete ab 5 Uhr früh bis etwa 9 Uhr. Diese Brühe roch zumindest nach Wurst. Illusion war eben Alles! Ich erinnere auch noch, wie 'künstliches Schmalz' gemacht wurde: eine Zwiebel,(die gab es immer!) wurde ohne Fett leicht angebraten, dann kochte man aus Mehl, Wasser und etwas Salz einen dicken Brei, vermischte ihn mit der Zwiebel und schon hatte man die Illusion von Zwiebelschmalz.
Täglich gab es Alarm. Bomben fielen nur noch selten, aber das wusste man vorher ja nicht. In jedem Fall tat man gut daran, sich einen Splitterschutz zu suchen, einen überdachten Graben, ein Treppenhaus oder dergleichen, denn weil die Flugzeuge sehr niedrig flogen, wurde oft auch mit Bordwaffen auf die Bevölkerung geschossen. Meistens über-flogen sie allerdings Hamburg in großer Höhe, dann suchten sie andere Städte heim, oft Berlin.
Rundfunkgeräte waren selten bei uns 'Ausgebombten'. So waren wir auf den Drahtfunk, der über das Telefon funktionierte, oder die einzige Zeitung, das 'Hamburger Blatt', angewiesen. Diese Zeitung bestand nur aus zwei Seiten. Viel stand nicht drin: Was es an Lebensmittelrationen gab, der Heeresbericht, einige Verhaltensmaß-regeln und ein paar Durchhalteparolen. Interessant waren nur die Mitteilungen über die Rationen. Elektrischen Strom gab es meistens und Wasser immer, was nach den Bombardierungen Hamburgs keine Selbstverständlichkeit war.
Ich wohnte damals im völlig zerbombten Rothenburgsort, ganz in der Nähe des 'Billstrangs'. Das war ein großer Verschiebebahnhof. Eine Brücken-waage gehörte noch dazu. Dort gab es auch einige Bunker, die in den Bahndamm hineingebaut waren und die wir wenigen Zivilpersonen gemeinsam mit den Reichsbahnern benutzen durften. Ganz in der Nähe verlief auch die Bahnstrecke nach Berlin. Die wurde, wie alle Bahn-strecken, öfter mal bombardiert. Obwohl bereits alles in Trümmern lag, musste man doch noch mit weiteren Bombenabwürfen rechnen. Auch Waschen, sich und die Wäsche, war schwierig, denn man zog sich nachts kaum noch aus und an und wenn, dann in rasender Geschwin-digkeit. Nach dem Ausziehen staubte man sich mit einem nassen Waschlappen ein wenig ab, zog frische Wäsche an und dann war auch schon wieder Alarm.
So vergingen die Wochen und die ersten Monate 1945. Immer mehr Flüchtlinge kamen in die Stadt, große Familien mit Pferden und Wagen. Sie waren der einheimischen Bevölkerung durchaus nicht willkommen. Hieß es doch, die knappen Rationen noch mit ihnen zu teilen und noch enger zusammenzurücken. Ende April, am 30.04., beging Adolf Hitler Selbstmord. Aber der Krieg war damit noch nicht zu Ende. In Hamburg waren schon Löcher zur Sprengung in die Elbbrücken gebohrt worden, um den Vormarsch der Alliierten nach Hamburg aufzuhalten. Aber der Reichsstatthalter Karl Kaufmann (er war so etwas wie der Oberbürgermeister) verhinderte das und übergab die Stadt am 03.05.1945 den Briten.
Wir, die Bevölkerung, bekamen von der britischen Militärregierung genaue Anweisungen: Totale Ausgangssperre, Fenster und Türen mussten geschlossen bleiben, keiner durfte an den Fenstern zu sehen sein. M.P.(Military Police) patrouillierte in den Nebenstraßen. Aus einem fast unmöglichen Winkel sah ich große Schatten (Panzer) über den Heidenkampsweg rollen. Das Rasseln der Ketten war gut zu hören. Wir waren alle sehr froh, konnte man nun doch endlich nachts durch-schlafen, ohne von Sirenen geweckt zu werden. Das Ausgehverbot wurde später nach und nach gelockert. Neben der M.P. gingen nun auch deutsche Polizisten Streife, allerdings nur mit einem Knüppel bewaffnet.
Am 8. Mai 1945 war der Krieg mit der Kapitulation aller deutschen Truppen endgültig vorbei. Soweit ich mich erinnere, wurde das Kriegsende von der Bevölkerung in Hamburg nicht gefeiert, aber wahrscheinlich von der Besatzungsmacht. Zunächst klappte die Versorgung noch ganz gut und im Laufe der folgenden Wochen und Monate begann sich auch das kulturelle Leben hier in Hamburg wieder zu etablieren.
Für uns aber begann eine dreijährige, harte Nachkriegszeit, über die ganz andere Geschichten geschrieben werden müssen.
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© 2003 Charlotte Brozzo