Ich war froh, endlich von zu Hause fortzukommen.
Weg von den quengelnden Geschwistern, denen ich nie eine kleben durfte,
nur weil sie jünger waren als ich. Nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit
ausgeschimpft werden, keine Milch von weither holen müssen. Endlich
frei sein!
Die ersehnte Freiheit glaubte ich, im Landdienst der Hitlerjugend zu
finden. Im April 1943, nachdem meine Schulzeit beendet war, wurde ich
einberufen nach Rodenthal, in Masuren. Es war fast eine Weltreise von
Labiau, dicht beim Kurischen Haff, nach Masuren zu fahren. Die Freude
war kurz. Es kam ganz anders. Das Lagerleben lief nach strengen Regeln
ab und war kein bißchen gemütlich. Früh um sechs Uhr,
wenn es im Bett am schönsten war, ertönte ein schriller Weckpfiff.
Der Drill begann. Erste Pflichtübung: Unsere Fahne ehren. Das hieß:
antreten, strammstehen, singen, mit Deutschem Gruß die Fahne grüßen,
während sie hochgezogen wurde, Ansprache, wieder singen, abtreten
zum Arbeitseinsatz beim Bauern. In der Erntezeit begann alles eine Stunde
früher, mit der Mahnung: "mit aller Kraft und vor allem mit
Freude an die harte Arbeit heranzugehen. Denn wäre nicht der Bauer,
so hätten wir kein Brot," zitierte die Lagerführerin
ernsthaft. "Brot braucht unsere kämpfende Truppe und das Volk.
Seid euch eurer Wichtigkeit bewußt.
Einmal passierte es, ich war nach dem Pfiff nicht gleich aufgestanden
und schaffte es nicht, meine Stiefel anzuziehen. Es war Pflicht, zur
Arbeit halbhohe Schnürstiefel zu tragen und jene hatten lange Schnürsenkel,
die mir das Leben noch schwerer machten. Entweder verknoteten sie oder
rissen, wenn ich es besonders eilig hatte. Ich trat mit nackten Füßen
vor die Fahne.
Nach dem Abtreten wurde ich zur Lagerführerin befohlen. Ich wußte
nicht wie mir geschah, als ein fürchterliches Donnerwetter auf
mich niederging. Von wegen der Schande, die ich unserer Fahne zugefügt
hatte. Hinterher war ich genauso klug. Es blieb mir verborgen, warum
die Fahne nicht barfuß geehrt werden durfte. "Deine Strafe
fällt nur so milde aus, weil du noch nicht vierzehn bist! Glück
gehabt!" schnauzte sie.
Ich mußte allein und auf Knien einen unendlich langen Korridor
schrubben. Während des Schrubbens wurde er immer länger und
länger. Wer weiß, was ich zwei Wochen später, nach meinem
vierzehnten Geburtstag, hätte scheuern müssen.
Die Arbeit beim Bauern war schwer. Kühe melken, Stall ausmisten,
Rüben hacken, deren Reihen bis zum Horizont reichten, beim Heuen
helfen. Der Bäuerin im Haus zur Hand gehen. Das mochte ich überhaupt
nicht. Lieber ging ich aufs Feld. Der Tag war pausenlos ausgefüllt
mit Arbeit.
Ich bekam Heimweh. Entsetzliches Heimweh. Obwohl die Lagerführerin
gesagt hatte: "Ein deutsches Mädchen, das dem Führer
dient, bekommt kein Heimweh!" Lieber wollte ich dreimal am Tag
Milch holen, nie mehr meine Schwestern verprügeln und nie wieder
versuchen, ihnen die Himbeerbonbons abzuluchsen, und immer lieb zu meiner
Mutter sein. Ich bereute tief, alle begangenen Sünden meines vierzehnjährigen
Lebens.
Um endlich nach Hause zu dürfen, beschloß ich, krank zu werden,
schwerkrank natürlich. Eine Blutvergiftung erschien mir gerade
richtig. Jede Wunde, die ich mir zuzog, beschmierte ich mit Erde, aber
eine Blutvergiftung bekam ich nicht. Meine Wunden eiterten und taten
bisweilen sehr weh, mehr geschah nicht.
Mitten im Landdienstjahr durfte mich für zwei Tage meine Mutter
besuchen. Sie wiederzusehen, zu fühlen, zu riechen war noch viel
schöner, als Weihnachten oder Geburtstag haben oder beides zugleich.
Ich kuschelte mich an sie. Sie fühlte weich und warm an. Es tat
gut, ihre Hände an meinem Kopf zu spüren, als sie meine dünnen
Zöpfe flocht. Ich fühlte mich wohl, wie schon lange nicht
mehr und hätte sie am liebsten für den Rest der Landdienstzeit
bei mir behalten. Aber sie mußte wieder zurück zu den Geschwistern.
Ich brachte meine Mutter an den Bahnhof und winkte dem Zug nach. Verloren
stand ich da, weinte und schniefte. Als ich in meiner Schürzentasche
nach dem Taschentuch griff, berührte ich etwas Hartes. Es war ein
Himbeerbonbon. Wann hatte meine Mutter mir dieses seltene Geschenk in
meine Tasche gesteckt?
Gierig steckte ich das Bonbon in den Mund, genoß seine lang entbehrte
Süße. Sie breitete sich aus in mir und begann, mich zu trösten.
Langsam ging ich zurück. Schritt um Schritt wurde das Bonbon kleiner
und kleiner und mein Abschiedsschmerz erträglicher.