Wie ich das Kriegsende in Hamburg erlebte
von Rolf Arnold

Den Einmarsch der Engländer in Hamburg erlebte ich am 4. Mai 1945 als fast 13jähriger. Mein
Vater hatte mich wenige Tage vorher über die letzte noch existierende Busverbindung aus dem
Kinderlandverschickungslager (KLV-Lager) in Kellenhusen an der Ostsee nach Hause geholt.
Während die englischen Streitkräfte im Westen und Süden schon dicht vor Hamburg standen, war
der Nordosten noch kein Kampfgebiet. Ich war über die Ankunft meines Vaters sehr erleichtert,
denn die Organisation des Lagers war zusammengebrochen, und es gab für uns Schüler nichts mehr zum Essen. Die letzten acht Tage hatten wir nur noch rohen Weißkohl gegessen. Wir hatten in einem Keller durch eine trübe Kellerscheibe einen kleinen Berg von Weißkohl entdeckt. Durch das Kellerfenster verschafften wir uns dann jeweils die Kohlköpfe.

Eigentlich lagen die KLV-Lager unserer Schule, der Eimsbüttler Oberschule oder wie sie später
hieß, des Kaiser Wilhelm Gymnasiums, alle in Gößweinstein in der Fränkischen Schweiz. Nach den Weihnachtsferien 1944 konnten wir jedoch dorthin nicht mehr zurückkehren, weil keine Züge mehr fuhren. Nachdem wir einige Male vergeblich am Bahnhof erscheinen mussten, wurden wir dann nach Kellenhusen umdirigiert. Viele Mütter wollten ihre Jungs angesichts der Kriegssituation nicht mehr hergeben. Man drohte Ihnen jedoch für diesen Fall mit dem Entzug der Lebensmittelkarten, so dass sie sich fügen mussten.

Eine Gruppe von Jungen aus unserer Klasse und aus der Parallelklasse war wenige Tage vorher noch nach Gößweinstein zurückgekehrt. Es war eine viertägige, meist nächtliche Fahrt auf Nebengeleisen mit vielen Unterbrechungen. Durch wiederholten Beschuss von Tieffliegern war die Bahnfahrt mit großen Risiken verbunden.

Als mit dem Einmarsch der Amerikaner in Gößweinstein auch dort die Organisation der Lager zusammenbrach, verließen meine Klassenkameraden Klaus, Wilhelm und Rudolf nachts das KLV-Lager "Hotel Stern", um sich zu Fuß von Gößweinstein nach Hamburg durchzuschlagen. Dabei wurde Rudolf getötet, als sie in einem kleinen Ort bei Nürnberg einem jungen GI zusahen, der auf einem Panzer mit einer deutschen Pistole hantierte. Dabei löste sich ein Schuss, der Rudolf in die Milz traf, so dass er verblutete.

Ich erinnere noch sehr genau, wie mein Vater am Morgen des Tages, an dem die Engländer
Hamburg besetzten, in der Küche in dem offenen Feuer unseres Kohleherdes sein Parteibuch und
einiges andere verbrannte, was auf seine Mitgliedschaft in der NSDAP hinwies. Mein Vater war ein kleiner Postbeamter des technischen Dienstes. Er beaufsichtigte in dem burgartigen Postamt in der Schlüterstraße in einem riesigen menschenleeren Wählersaal, in dem ständig das Rattern der mechanischen Wählerverbindungen zu hören war, das reibungslose Funktionieren der
automatisierten Wählverbindungen des Fernmeldeamtes.

Nachdem mein Vater durch einen Ahnenpass, den er erstellen lassen musste, seine arische Herkunft nachgewiesen hatte, konnte er Beamter werden, musste jedoch in die NSDAP eintreten. Er bekleidete in der Partei die Funktion eines Kassierers und wohl auch die eines Blockwartes. Er
besaß auch eine braune Parteiuniform, die er anzog, wenn er die Beiträge einsammeln ging. Wir wohnten in dem Eckhaus der Gustav-Falke-Straße 70 im zweiten Stock mit den Fenstern zur
Schlankreye. Hinter der Gardine der Küche beobachteten wir, wie die Engländer von der
Grindelallee kommend in die Schlankreye einrückten. In der Mitte der Straße fuhren die Fahrzeuge
und auf beiden Straßenseiten gingen die Soldaten in zwei langen Reihen hintereinander mit jeweils
wenigen Metern Abstand, und zwar in gebückter Haltung mit dem Gewehr im Anschlag, nach oben zu den Fenstern sichernd.

Sie schlugen ihr Biwak in der nahe gelegenen Jahn-Schule auf. Auf dem Schulhof, der etwa einen
und einen halben Meter tiefer liegt als die Straße, standen ihre Fahrzeuge, und direkt an der Straße
hatten sie ihre Feldküche aufgebaut. Dort standen Gulaschkanonen, die verführerische Düfte
verströmten. Dort schnitten sie auch ihr Weißbrot in dicke Scheiben. So etwas hatten wir Kinder
noch nie gesehen, schneeweißes Weißbrot. Wir bekamen von ihnen davon auch das eine oder
andere Stück.

Nachdem der Schulbetrieb wieder aufgenommen worden war, bekamen wir dann als Schulspeisung nicht nur herrliche Erbsensuppe und Haferflockensuppe mit sahniger Milch, sondern auch mehr oder minder regelmäßig kleine viereckige Cadburry-Schokoladentafeln, die bei uns zu einer Art Währung wurden, mit der man alles Mögliche eintauschen konnte.

Nach den von Russen verübten Gräueltaten, von denen aus dem Osten des Reiches zu hören war,
und den Ausschreitungen der nordafrikanischen Truppenteile der französischen Besetzungsmacht
im Südwesten Deutschlands, waren wir sehr erleichtert, dass sich die Engländer in Hamburg
ausgesprochen korrekt verhielten. Das kam auch meinem Vater zugute. Denn relativ schnell nach dem Einmarsch der Engländer wurde mein Vater verhaftet. Wie sich später herausstellte, war er von unserem Nachbarn als schlimmer Nazi denunziert worden. Schon nach wenigen Tagen kam mein Vater jedoch wieder frei. Es hatte sich schnell klären lassen, dass es sich um eine böse Verleumdung handelte. In dem späteren Entnazifizierungsverfahren wurde mein Vater dann auch als "Mitläufer" eingestuft.

In der sowjetisch besetzten Zone wäre eine solche böswillige Denunziation nicht so glimpflich
ausgegangen. Dort pflegte die Besatzungsmacht die denunzierten Personen oft ohne jede Prüfung
des Sachverhaltes in Arbeitslager nach Sibirien zu deportieren. Aus denen sehr viele nicht
zurückkamen. Für mich war nicht nachvollziehbar, dass gerade dieser Nachbar meinem Vater schaden wollte. Denn ich hatte ihn ein Jahr zuvor vor dem KZ oder gar dem Tod bewahrt. Sein Sohn, der in meinem Alter war, lud mich ein, bei ihm Bonbons zu essen, und nahm mich mit in seine Wohnung, denn seine Eltern waren nicht zu Hause. In der Küche lagen auf dem Tisch drei oder vier aufgebrochene Feldpostpäckchen. In einem von ihnen lagen Bonbons, die wir zu essen begannen. Plötzlich öffnete sich die Küchentür und der Vater, Herr Lehmkuhl, stand in der Tür - kreidebleich. Ich wusste warum. Es war mir bekannt, dass der Diebstahl von Feldpostpäckchen, die für die kämpfende Truppe bestimmt waren, als schwerstes Verbrechen, als Wehrkraftzersetzung betrachtet und mit drakonischen Strafen belegt wurde. Ich wusste, wenn ich das, was ich hier gesehen hatte, meinem Jungscharführer der Deutschen Jugend (DJ) meldete, würde das als Wehrkraftzersetzung das Todesurteil für den Vater meines Freundes oder zumindest seine Einweisung in ein KZ zur Folge haben. So sagte ich nichts, auch meinem Vater nicht.

Die Funktion meines Vaters im Fernmeldeamt führte dazu, dass er außen an unserer Wohnungstür
ein auf englisch mit der Schreibmaschine geschriebenes und mit Stempel und Unterschrift
versehenes Papier anbringen konnte, in dem erklärt wurde, dass diese Wohnung nicht requiriert
werden dürfe, da der Wohnungsinhaber für die Besatzungsmacht eine wichtige Funktion ausübe.
Von den Engländern wurde auch ein Mann aus dem Parterre verhaftet, dessen Frau den Kolonialwaren- und Gemüseladen führte. Es war ein junger, großer, blonder Mann, von dem man wusste, dass er bei der SS war, ob bei der Waffen-SS, das weiß ich nicht mehr. Er wurde in das
ehemalige KZ Neugamme eingeliefert. Nach wenigen Wochen erhielt seine Frau die Nachricht, dass er dort an einer Lungenentzündung verstorben sei.

Der 3. Mai war ein Donnerstag. Ab 13.00 Uhr durfte niemand mehr die Straße betreten, es sei denn, er war Mitarbeiter der Elektrizitäts-, Gas- oder Wasserwerke, die einen besonderen Ausweis
bekommen hatten. Diese Ausgangssperre dauerte 3 Tage. Die Polizei blieb bewaffnet und hielt die
Ordnung aufrecht. Auch beim Einmarsch der Engländer säumte sie bewaffnet die Straße und wies
den Weg.

Hamburg wurde zunächst zur offenen Stadt erklärt, was den Abmarsch der deutschen Streitkräfte zur Folge hatte. Am 3. 5. war im Rathaus um 18.30 Uhr die Übergabe. Vor der Übergabe hatten die Engländer mit zwei Drohungen gearbeitet:
1. die Stadt den Russen zu überlassen, die schon bei Schwerin stehen würden.
2. die Stadt mit einem fürchterlichen Bombardement wie 1943 zu überziehen.

Vor der Übergabe gab es Drahtfunk, damit der Feind nicht mithören konnte. Das lief über Kabel.
Jeder, der Telefon hatte, konnte das hören.

Vor den großen Luftangriffen hatte Hamburg 2,l Mio Einwohner. Bis zur Übergabe waren wieder so viele Hamburger zurückgekehrt, dass Hamburg 1,7 Mio Einwohner hatte.

www.seniorennet-hamburg.de
© 2005 Rolf Arnold