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Der neue Bahnhof Lhasa ist weit vor der Stadt in einer öden Hochebene, pompös im Stil des Potala-Palastes gebaut. Rundherum soll das neue Lhasa entstehen. Aber zur Zeit ist außer dem Bahnhof nichts zu sehen. Wir müssen Sicherheitsschecks wie auf einem Flughafen überstehen und endlos warten, bis wir zum Bahnsteig mit dem Zug vorgelassen werden. Vor der Eingangstür unseres Abteils im 1. Klassewaggon steht ein unformierter Zerberus. Dass es im kommunistischen roten Reich vier Komfortklassen auf dieser Bahnhstrecke gibt, erstaunt mich sehr. Harte Sitze 37 €. Weiche Sitze 58 €. Harte Betten 66 €, Weiche Betten 101 €. Wir haben ein 4-Bett-Abteil mit weichen Betten vorgefunden.
Das ist hier das höchste der Gefühle. Wie harte Betten aussehen, kann ich nicht berichten. Aber wir haben eine Tibetische ländliche Bauernfamilie mit Kind und Kegel einsteigen sehen, die hatten Gepäck mit, das geht nicht in einen VW-Transporter hinein.
Der Zug kann fast 1000 Menschen befördern. Drei Lokomotiven ziehen 16 Waggons. Das Abteil ist natürlich klein und eng. Wo man seine langen Beine lassen soll, ist schon ein Problem. In einem Anfall von Großmut erkläre ich mich bereit, oben zu schlafen, ohne zu wissen, wie man da hinauf kommt. Das Gepäck zu verstauen ist eine schwierige Geburt. Aber nach 120 Kilometer Fahrt haben wir uns leidlich eingerichtet und wir inspizieren die anderen
Abteile. Ein paar Chinesen spielen ununterbrochen Karten, und in einigen anderen Abteilen wird die ganze Fahrt nur rumgedöst. Gegenüber den Toiletten sind vier Waschbecken. Eine unserer Damen putzt mit Sagrotan erst mal sämtliche Waschbecken. Eine gute Tat. Hier kann man allerlei sehen, denn Sichtschutz ist hier unbekannt. Aber das kennen wir ja schon von Tibet. Wenn man da z. B. unbedingt im Kloster auf die Toilette muß, gibt es auch keine Türen. Da kann man mit einem Blick erkennen, welche Toilette besetzt oder frei ist. Völlig ungeniert machen die Einheimischen dort vor aller Augen ihre „Geschäfte.“ Sehr gewöhnungsbedürftig für uns „Langnasen.“
Auch eine Bar ist hier vorhanden. Was manchen von uns sehr erfreut. Irgendwie muß doch die Zeit totgeschlagen werden.
Der Zug fährt recht gemütlich. 120 Kilometer in der Stunde. Mehr kann wegen des Permafrostbodens nicht gefahren werden. Eintönige Landschaften. Ab und zu mal in der Ferne ein schneebedeckter Gipfel. Schafe und Yaks verlieren sich grasend in der Weite der Hochebene. Hier ist nun wirklich kein Baum und Strauch. Mal eine Baracke. Mal ein paar Lehmhäuser. Bäche und Flüsse, die wenig Wasser führen.
Der Zug ist klimatisiert und wird mit Sauerstoff versorgt. Medizinisches Personal soll an Bord sein.
Ab und zu ein Tunnel und man sieht die Röhren, in dem der Permafrostboden vereist wird, wenn er im Sommer auftauen sollte. So bekannte Städte wie Budonguan , Nanshankou, Ganlong, Xionanchuan werden passiert. Hier wird nicht so sehr auf Sauberkeit geachtet, wie in den Städten an der chinesischen Küste haben wir den Eindruck. Müll und Dreck liegen auf den Feldern und am Bahndamm.
Wir passieren in 5072 Meter Höhe den Tanggula-Paß, aber da liegen wir schon in der Koje. Mitten in der Nacht verspüre ich ein menschliches Bedürfnis und ich quäle mich leise-leise aus dem ersten Stock nach unten und blicke plötzlich in zwei grelle Lichter von Taschenlampen.“ Dann hätte ich mir nicht so Mühe geben brauchen.“ Alle sind wach und können in dieser Höhe sehr schlecht einschlafen.
Ich schaue durch die Fenster. Vollmondschein liegt über der Landschaft. Siebentausend Meter hohe Berge, die Eisfelder glitzern in der Ferne. Yak- Herden drängen sich um das Zelt der Schäfer. Ab und zu Lichter von Lastwagen. Dunkle Dörfer mit Lehmbauten. Eine Fahrt durch endlose menschenleere Weiten in fast 4000 m Höhe.
Morgens kommt unsere ständige Reiseleiterin Guo durch den Gang und ruft uns zum Frühstück, worauf wir schon warten. Alles muß mit Stäbchen gegessen werden, weil Bestecke fehlen. Das bringt Freude, denn hier sieht man, dass die Feinmotorik bei manchen von uns schon sehr zu wünschen lässt, vor allem, wenn es sich um Butter, Marmelade und Toast handelt.
In Xining können wir unsere Füße vertreten. Hier ist längerer Aufenthalt. Als ich auf dem Bahnsteig gehe, ringt meine Frau ihre Hände. Nicht dass ich wieder verschütt gehe.
Der Gelbe Fluß ist jetzt mal links oder Rechts zu sehen. Er zwängt sich durch enge Gebirgstäler. Hier die Bahnstrecke und auf der anderen Seite eine Autostraße, auf der sich Laster an Laster stauen. Die Chinesen sind dabei, eine neue Bahntrasse und eine aufgeständerte Autobahn in das enge Flusstal zu bauen und damit die Flusslandschaften entgültig zu ruinieren.
Im Dunkeln kommen wir in der alten Kaiserstadt Xian an. Hier tobt ein wahnsinniger Verkehr, aber unser Bus schafft uns innerhalb einer Stunde, die zwei Kilometer bis zum Hotel.
Am nächsten Morgen fahren wir zur Terrakotta -Armee des ersten Kaisers von China, Qin Shi Huang Di. In drei Hallen ist hier die ausgegrabene Terrakotta- Armee des Kaisers zu sehen. Nicht weit von den Ausgrabungsstätten entfernt, kann man lebensgroße Nachbildungen erwerben. Es regnet in Strömen und die Wolken sinken bis auf 50 m. Mit dem Bus fahren wir zum Flughafen, aber wir hätten uns nicht beeilen brauchen. Fast alle Flüge sind erst mal gecancelt. Erst nach Stunden können wir nach Shanghai fliegen. Hier im Galopp durch sämtliche Sperren und Terminals. Wir sind die Letzten, die hier mitten in der Nacht in das Flugzeug hetzen. Sofort setzt sich der vollbesetzte Flieger nach Frankfurt in Bewegung und verharrt auf der Landebahn. Hier wird uns mitgeteilt, dass in Deutschland wegen der Zeitumstellung
der Flug nicht angenommen wird und wir 90 Minuten hier auf dem Rollfeld vom Flughafen Gudong in mitten der Nacht ausharren müssen. Auch das noch. Dann haben wir doch Starterlaubnis und 11 Stunden später sind wir wieder in Deutschland. Unsere Reise nach Tibet und China ist zuende.
Terrakotta-Krieger
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