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Neun Monate nach Anmeldung bei der FDP, pünktlich wie nach einer komplikations-
losen, normalen Schwangerschaft, konnten neun Mitglieder des SeniorenNet Hamburg die frohe Geburt einer Informationsreise auf Kosten
des Presse- und Informations-Amtes nach Berlin erleben. Mit etwa 40 weiteren informations- hungrigen Hamburgern kamen wir nach 105 Minuten mit dem ICE -in
gepolsterter Holzklasse- pünktlich um 8:43 Uhr in Berlins neuem Hauptbahnhof,
dem ehemals Lehrter Bahnhof, auf der untersten Ebene (3. Ebene) an. Dort wurden wir von unserem Fremdenführer empfangen, der uns durch
schier endlos lange Gänge, Treppen und hallenartige Gewölbe an die Oberfläche
der Stadt brachte. Die Architekten von Gerkan, Marg & Partner aus Hamburg haben
der Hauptstadt einen Bahnhof beschert, der den Namen "Hauptbahnhof" wirklich
verdient. Weil der ganze Bau schon 750 Mio. Euro gekostet hat- man spricht
sogar von mehr- wurde das imposante Glasdach um 300 Meter gekürzt, so dass die
Fahrgäste auf der obersten Ebene und bei der Länge der Züge bei Regen im
wahrsten Sinne des Wortes im Regen stehen. Vom Bahnhof kann man das Regierungsviertel und die Kuppel des
Reichstags-Gebäudes sehen, aber ich bin sicher, kein Parlamentarier, der am
Bahnhof ankommt, wird den Weg dorthin zu Fuß machen. Wir aber hatten trockenes
Wetter und auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof wartete unser Bus. Von dort
startete die an politischen Gesichtspunkten orientierte Stadtrundfahrt.
Unser
Fremdenführer, Herr Dr. Grüning, erklärte uns so viel, dass ich hier nur einige
Bruchstücke wiedergeben kann, so z.B. dass die Fläche von Berlin etwa die der
Insel Rügen entspricht, die Länge der Stadtgrenze etwa 234 km beträgt, Bürger
aus ungefähr 200 verschiedenen Ländern in Berlin wohnen und dass es mehr als 180
verschiedene Museen und kaum zu zählende Theater gibt. Wir fuhren über den
Ku-Damm, an dem sich nach einer ruhigeren Phase in den vergangenen Jahren jetzt
wieder die Geschäfte aller großen Marken angesiedelt haben. Wir fuhren über den
Potsdamer Platz, einst der verkehrsreichste Platz in Europa. Dort machten wir
eine kurze Pause und eine kleine Gruppe nutzte die Zeit für eine Besichtigung
des SONY-Center. Die meisten von uns waren schon ungefähr 6 Stunden auf den
Beinen und hatten in der Zeit nichts zu trinken gehabt. Deshalb entspannten wir
in einer der vielen Gaststätten bei Kaffee mit Stillem Wasser für 4,70 EURO
bzw. bei Schokolade mit oder ohne Sahne. Die Bedienung, eine schlagfertige,
junge Sächsin hatte einiges Verwirrpotential.
Ziemlich pünktlich erreichten wir
nach der Fortsetzung der Stadtrundfahrt die Landesvertretung Hamburg in der
Jägerstraße. --Für mich ist das das Konsulat der Freien und Hansestadt
Hamburg.-- Das Gebäude ist während des Krieges einigermaßen erhalten
geblieben. Es wurde vollkommen renoviert und meiner Meinung nach
innenarchitektonisch hervorragend gestaltet. Das Ambiente verbindet Rustikales
mit Modernem; eine gelungene Kombination! Im Keller gab es ein leckeres
Zwei-Gänge-Menü, bei dem über die Geschichte des Hauses erzählt wurde. Herr
Müller-Sönksen von der FDP, über den die Berlinreise organisiert wurde, hatte
uns willkommen geheißen, und hier gab es auch die erste kleine politische
Diskussion mit dem Abgeordneten. Danach machten wir Rundgang durch das Gebäude.
Das Kaminzimmer, das für Besprechungen im kleinen Kreise benutzt wird, hat über
dem Kamin eine vollkommen leere Wandfläche. Ich machte den Vorschlag, und der
wurde wohlwollend aufgenommen, dort als Blickfang ein großes Hamburger Wappen
auf zu installieren. Vielleicht kann später jemand einmal berichten, ob das
geschehen ist. Der Rundgang ging bis zur Dachterrasse, von der man einen schönen
Blick über die Stadt hat. Danach versammelten wir uns wieder im Bus. Bis jetzt
hatten wir niemand verloren und auch keinen Blinden Passagier an Bord. Unsere
Fahrt ging über den Gendarmen-Markt und durch die zum neuen Leben erwachte
Friedrichstraße, wo alle Nobel-Marken ihre Geschäfte wieder eröffnet haben.
Hier kann man Geld ausgeben, wenn man es hat. Man sagt, manch einer bezahlt
hier mit seinem "guten Namen", so weit es die Kreditkarte hergibt. Weiter geht
es. In der Französischen Straße gibt es das Borchert-Restaurant, in das man
geht, um sehen und gesehen zu werden. Ein Ableger von Hamburger Original? Um
die Ecke ist der Gendarmen-Markt mit dem von Schinkel gebauten Schauspielhaus,
eingerahmt vom Französichen und vom Deutschen Dom. Hier gab es die legendären
Aufführungen von und mit Gustav Gründgens. Der Gendarmen Markt war einst ein
Exerzierplatz, jetzt ist das ein "Flanierplatz". Die Fahrt ging dann durch eine
Reihe von bekannten und unbekannten Straßen, vorbei an der Neuen Wache, wo
jetzt die Deutschland- und Europa-Flagge weht. Das ist der Ort, den viele noch
aus dem Fernsehen kennen und wo die Soldaten der Volksarmee so überaus zackig
den Wachwechsel zelebrierten. Im Vorbeifahren sehen wir die Parteizentrale der"Grünen". Sie haben sich ganz in der Nähe der Charitè angesiedelt, wo kranke
geheilt oder eingeliefert werden. Dann ging es zum Informationsgespräch ins
Ministerium für Wirtschaft und Technologie zur Scharnhorststraße. Nach der"Gesichtskontrolle" hörten wir einen hochlangweiligen, zweistündigen Vortrag
von einer sehr kompetenten Referentin, den kaum einer im "Voll-Wach-Zustand"
erlebt hat. Trotzdem kam eine kleine Diskussion in Gang, aber ich glaube,
unsere Argumente oder die der Behörde haben weder hier noch dort Nachhaltigkeit
erzielt. Das Ministerium ist entstanden aus dem Invalidenhaus vom Alten Fritz.
Zu Seiner Zeit gab es in dieser Gegend durch Krieg Verletzte, also etwas"herunter gekommene" Militärs. So ist es nicht verwunderlich, dass Wilhelm
Voigt, der Hauptmann von Köpenick, mit der "Secondhand-Unform", von hier aus
seinen Marsch begann und "Erfolg" hatte. Nach der Fahrt, vorbei an weiteren
interessanten Objekten, ging es durch den Tunnel, der einen Teil des
Tiergartens und das Regierungsviertel unterquert und die umliegenden Straßen
entlasten soll. Der Tunnel ist 2420 m lang und dürfte mit Kosten von 162.000
Euro pro Meter eines der teuersten Bauwerke Berlins sein. Was sind da Baukosten
in Höhe von ca. 390 Mio. Euro bei einer Verschuldung von beinahe 200 Mrd. Euro?
Das sind doch nur "peanuts". Nun hofft man, dass jeden Tag rund 55.000 Autos
den Tunnel benutzen werden. Ob man da schon einmal an eine Maut gedacht hat?.
Die Fahrgeschwindigkeit ist auf 50 kmh beschränkt und ich denke, damit hat
jeder Autofahrer genügend Zeit, das Bauwerk gebührend zu würdigen.
Vorbei ging
es am SPD-Parteihaus, am Tempodrom, an der stehen gebliebenen Ruine des
Anhalter Bahnhofs, durch den ehemaligen Checkpoint Charly. Das zugehörige
Museum verzeichnet mehr Besucher als das weltbekannte und -berühmte
Pergamon-Museum. An der Friedrichstraße steht auf ca. 1,8 km ein Teil der
Mauer, die als "Outside Galerie" bekannt ist und die von verschiedenen
Künstlern mit Grafittys bemalt wurde. Hinter dem Bahnhof Warschauerstraße hatte
es zu Kaiser`s Zeiten große Industrieobjekte gegeben, z.B. Osram, Borsig. In
diesem Quartier liegt die Zentrale der PDS; das müsste die Karl Liebknecht
Straße sein.
Es ist natürlich, dass wir bei so vielen Informationen mit einer kleinen
Verspätung zu unserem Hotel Holiday Inn kamen. Das Abendessen wartete schon,
deshalb ging es nach dem Check-in und dem Frischmachen ganz schnell ins
Restaurant. Nach dem Essen bummelten wir SNHHer, fit wie wir waren, ein wenig
durch die Straßen. Bei Oma´s Apotheke, einer beinahe typisch Berliner Kneipe,
wurden wir schwach, aber jedem von uns wurde die richtige Medizin verabreicht.
Sie reichte bis zum nächsten Morgen.
Entgegen dem Programm konnten konditionsstarke Reisende ab 8:00 Uhr zum
Bundesrat fahren und an einer Führung durch das historische Gebäude teilnehmen.
Das ehedem Preußische Herrenhaus, während des Krieges stark beschädigt und
unmittelbar an der ehemaligen Grenze gelegen, wurde noch zu DDR-Zeiten partiel
instand gesetzt. Nach dem Mauerfall und der Entscheidung des Bundesrates,
seinen Sitz nach Berlin zu verlegen, wurde es renoviert und teilweise umgebaut.
Zu dem Herrenhaus und den Nebengebäuden gehören so bekannte Namen wie KPM-
Königliche Porzellan-Manufaktur, Bankier Abraham Meldelssohn-Bartoldy,
Alexander von Humboldt, Theodor Fontane und unter anderen auch Konrad Adenauer,
der als Präsident des Staatsrates in diesem Hause bis zur Auflösung 1933 tätig
war.Die Wappen der 16 Bundesländer an der Stirnseite schmücken den einfach
gehaltenen Plenarsaal. Je nach Größe gibt es für das Bundesland 3 bis 6
Stimmen, zusammen 69. Im Ehrenhof des Herrenhauses sind 35 große Blumenkübel
aufgestellt, das ist die Zahl, die bei der Abstimmung die absolute Mehrheit
bedeutet. Umgeben sind diese Blumenkübel von niedrigen Hecken und Rabatten.
Diese sind mit absoluter Genauigkeit und Präzision, offenbar mit Zentimetermaß,
Winkelmesser, Theodolit, Nivelliergerät und Horizontal-Laser angelegt. Der
Gärtner, der diesen Garten pflegt, muss mindestens 4 Semester Mathematik und
Vermessungstechnik studiert haben, sonst könnte er diese exakte Aufteilung
nicht so in Szene setzen.
Aus den 3 Oberlichten in der Wandelhalle hängen überdimensionale
"Mikadostäbe", genannt "Die drei Grazien", die zu "tanzen" beginnen, wenn die
Bewegungsmelder Bewegungen im Raum registrieren. Es ist eine Installation der
bekannten Künstlerin Rebecca Horn, und die soll zurückgehen auf die "Drei
Grazien" aus der griechischen Mythologie. Ich stelle mir aber unter einer
Grazie etwas anderes vor.
Nun ging es weiter in Richtung Reichstagsgebäude. Vor dem Reichstag warteten
viele Menschen auf Einlass, die alle das Gebäude besichtigen wollten. Wir
wurden an der langen Menschenschlange vorbei geführt und unsere privilegierte
Gruppe wurde nach dem Sicherheits-Check ohne Wartezeit eingelassen. Das Haus
war voller Besucher und wir wurden durch die Menschenmassen zur
Zuschauertribüne geführt, um dort eine Bundestagsitzung "live" zu sehen und zu
hören. Bei der Bundestag-Debatte ging es um Politik, die die Familien betreffen.
Leider mussten wir Fotoapparate an der Garderobe abgeben und so kann ich vom
Plenarbesuch nur einige Namen nennen von Abgeordneten, die ich kenne und von
meinem Platz habe sehen können : Frau Merkel und Herrn Müntefering mit
geschientem Bein ganz kurzzeitig, Frau von der Leyen, Herrn Seehofer, Frau
Haiduk und Frau Blumenthal als Abgeordnete aus Hamburg. Die Redner werden von
den Saaldienern, die mit schwarzem Frack, weißem Hemd und Querbinder von hinten
aussehen, wie Pinguine, mit jeweils mit einem Glas Wasser versorgt, wobei einer
der Diener mir auffiel, der das Glas Wasser mit der einer Grazie servierte und
auch noch so aussah, wie der Butler James aus dem unübertroffenen Sketch: "Dinner for One".
Nach ca. einer Stunde sollte die Diskussion im Fraktionsraum
der FDP beginnen. Auf dem Weg dort hin hatten wir, eine kleine Gruppe vom
SNHH-Mitgliedern, den Anschluss zu unserem Führer verloren, wurden aber bald
wieder im Gewimmel der Besucher eingefangen und in den Fraktionsraum der FDP
geleitet. Neben Herrn Müller-Sönksen stand ein Großaufgebot von weiteren 4
FDP-Abgeordneten, manchmal im fliegenden Wechsel, für die Diskussion zur
Verfügung. Je nach Fachgebiet antworteten Frau Dyckmans und Frau Dr.
Happach-Kasan sowie Herr Meinhardt und Herr Dr. Schily auf unsere Fragen. Auf
die politischen Fragen und Antworten will ich hier nicht eingehen. Die muss
jeder Teilnehmer für sich selbst werten.
Wie immer war die Zeit für eine
ausführliche Diskussion zu knapp, denn wir mussten pünktlich zum Fototermin auf
der Dachterrasse des Reichtag-Gebäudes erscheinen. Das Erinnerungsfoto, oder
ist das ein Alibi-Foto für das Presse- und Informationsamt(?) sollen wir in den
nächsten Tagen erhalten. Dann erfolgte die Besichtigung der Glaskuppel und der
Aufstieg. Ich möchte nicht wissen, wie viele Statiker daran gerechnet haben.
Eine tolle Konstruktion!! Es ist ein Anziehungsmagnet erster Klasse und man hat
von da oben einen einmaligen Ausblick über die ganze Stadt! Im digitalen
Zeitalter wurden hier sicherlich einige tausend von Fotos geschossen. Früher
hätte ich gesagt: mehrere hundert Meter Film wurden verknipst. Und das alles
bei herrlichem Sonnenschein. Das Mittagessen am frühen Nachmittag in Form von
Lunchpaketen war sehr willkommen, denn wir hatten bei dem prall gefüllten
Programm vom Frühstück bis jetzt noch nichts gegessen. Essend und trinkend, auf
der Fahrt zum Auswärtigen Amt, laufend von unserem Fremdenführer unterrichtet über Straßen, Plätze, Gebäude und alle möglichen politischen und historischen
Fakten, wurden wir wieder nach der obligatorischen "Gesichtskontrolle"
eingelassen. Im Flur vor dem Informationsraum roch es wunderbar nach Kaffee und
ich glaube, jeder von lechzte nach einer Tasse Kaffee. Die gab es erst nach dem
Vortrag. Wir hörten bei einem interessanten Vortrag, dass die Bundesrepublik
Deutschland in rund 220 Ländern diplomatisch vertreten ist. Die Vertretungen
helfen, wenn ein Bundesbürger im Ausland in Schwierigkeiten gekommen ist.
Ferner gibt das Auswärtige Amt Reisewarnungen heraus, aber erst, wenn schon
etwas passiert ist!!??
Nach dem Vortrag stürmten alle ausnahmslos zum Kaffee.
Eine Wohltat und die müden Geister wurden wieder geweckt. Das war auch nötig,
denn das Informations-Programm war doch ganz schön komprimiert und anstrengend.
Schon mit dem Gedanken an die Heimfahrt ging es wieder mit dem Bus vorbei an
historischen Objekten und Plattenbauten zum Abschiedsessen ins Restaurant Cum
Laude, einen Steinwurf entfernt vom Deutschen Historischen Museum und der Neuen
Wache. Nach dem Abendessen, gesättigt und zufrieden stiegen wir frühzeitig in
den Bus, der uns zum Hauptbahnhof brachte. Einen Blick für das wahrlich
gigantische Bauwerk hatte wohl keiner von uns mehr. Unser Zug kam pünktlich,
wir stiegen ein aber die Ankunft in Hamburg verspätete sich gewaltig. Kein
Problem, denn auf der Fahrt gab es noch jede Menge zu erzählen. In Hamburg
angekommen und mit vielen Eindrücken und Informationen im Kopf verabschiedeten
wir uns von einander. Es war eine tolle Informationsreise.
Die Frage, ob jemand durch diese Reise neue politische Erkenntnisse gewonnen
hat, muss sich jeder selbst beantworten.
An dieser Stelle möchte ich mich, auch im Namen der SNHH-Mitglieder, die diese
Reise haben mitmachen dürfen, ganz herzlich bei den Veranstaltern bedanken und
mit einem besonderem Lob für Herrn Dr. Grüning, der uns 2 Tage lang
hervorragend informiert und uns die Stadt erklärt hat, meine Reminiszenz
beenden.

Fazit: Berlin ist eine faszinierende Stadt!!!!
Nikolaus Johann
(nebenstehend Schloss Charlottenburg, im Vorbeifahren aufgenommen)
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