Gartenreich Wörlitz-Dessau vom 10.10. – 15.10.2004
Im Herzen des Fürstentums von Anhalt liegt Wörlitz mit dem wunderschönen und wohl bedeutendsten englischen Landschaftspark in Europa.
Dieses Reiseziel ist eine Kombination von Geschichte und landschaftlicher Schönheit. Deswegen habe ich mir diese Reise ausgesucht.

10.10.
Mit dem Hansataxi wurde ich um 8.30 Uhr abgeholt und zum Bus am Bahnhof ZOB gebracht. Abfahrt 9 Uhr, der Bus ist voll besetzt, ich habe eine nette Nachbarin. Die Sonne scheint, die Fahrt geht los.

Zunächst geht es auf der A 24 Richtung Schwerin, beim Rasthaus Stolpe gab es eine Frühstückspause. Wir bekamen eine kleine Flasche Sekt und eine Wundertüte mit belegten Broten, 1 Frikandelle, Obst und Schokolade. Die ersten Gespräche fanden statt. Wir sind alle wohlgestimmt. Weiter geht die Fahrt durch Brandenburg und die Altmark. Es ist eine sehr schöne Landschaftsfahrt.

In Tangermünde habe wir zwei Stunden Mittagspause, Zeit genug, um einen Rundgang durch die kleine, mittelalterliche Stadt zu machen und die ersten Fotos zu schießen. In der Gaststube Exempel, die früher mal eine Schule war, sitzen wir auf Schulbänken, die für uns viel zu klein sind. An der großen Tafel werden Speisen und Getränke angeboten. Ich entscheide mich für flüssige Nahrung, und zwar einem Kuhschwanz-Bier und einem Exlepäng, der mit einem Zinnlöffel serviert wird. In der Speisekarte wird erklärt, warum das Bier Kuhschwanz-Bier heißt. Früher entnahmen die Brauer das Wasser für ihr Bier aus der Tanger. Doch auch Kühe benutzten die Tanger als Tränke und so kam es vor, dass bei der Entnahme für das Bier wohl auch mal ein Kuhschwanz im Wasser war. Das ist aber heute nicht so, wie uns versichert wurde.

Weiter geht die Fahrt durch mit Bäumen bestandenen Alleen. Der Fahrer erklärt uns, dass er mit Absicht einen Umweg macht, damit wir auch was von der Landschaft sehen. Wir sind begeistert.




Um 16.30 erreichen wir Wörlitz. Unser Quartier ist das Landhaus Wörlitzer Hof, direkt am Park gelegen. Es ist ein modernes Hotel, die Zimmer sind hell und geräumig, Dusche/WC und TV. Um 18.30 Uhr treffen wir uns im Speisesaal zum Abendessen. Wir werden von der Hotelchefin, Frau Miertsch, freundlich begrüßt. Dann wurde das Drei-Gänge-Menü serviert, als Hauptgericht gab es Wildgulasch mit Klößen, sehr schmackdhaft. Nach dem Essen habe ich noch einen kleinen Verdauungspaziergang gemacht. Wörlitz ist zwar eine Stadt, aber sehr klein und irgendwie gemütlich.

11.10.
Den Vormittag haben wir zur freien Verfügung. Also mache ich den ersten Spaziergang in den Park, auch wieder bei Sonnenschein, auch wenn ein kalter Wind weht. Ich habe mir einen Lageplan besorgt und gehe auf Entdeckungen. Der Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau hat hier eine wunderschöne Anlage geschaffen (von 1764 bis kurz nach 1800), viele verschiedene Bäume, einige leuchten schon herbstlich rot, große Wiesen, Blumrabatten, hie und da ein schönes Gebäude, mal griechisch, mal italienisch, mal im Tudorstil, dazu viele Kanäle und Brücken. Jede Brücke ist anders. Der See ist ziemlich groß und wird durch Kanäle mit einem kleineren See verbunden. Der Fürst Franz, wie er genannt wurde, ist viel gereist und hat hier seine Erinnerungen lebendig werden lassen. So zum Beispiel auf der Insel Stein. Dort hat er sogar den Vesuv nachbauen lassen. Doch der wird zur Zeit renoviert. Nächstes Jahr soll er sogar wieder Feuer spucken.
Baumeister aller klassizistischen Bauten in Wörlitz und im gesamten Gartenreich war Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, ein Freund des Fürsten.
Auf dem Rückweg habe ich eine Fähre über den See benutzt, um den Weg abzukürzen. Die Fähre wird mit Seilwinden über den See gezogen.
Nach einer Mittagspause treffen wir uns wieder um 15 Uhr. Eine Gondelfahrt über den See und durch die Kanäle wird uns angeboten. So können wir den Park auch von der Wasserseite bewundern. Es ist romantisch. Der Gondoliere erzählt uns während der Fahrt einige Geschichten über den Fürsten Franz, der beim Volk sehr beliebt war. Im Zeitalter der Aufklärung hat er dafür gesorgt, dass die Kinder zur Schule gehen, die Eltern Arbeit haben und in gesunden Häusern wohnen.
Nach dem gepflegten Abendessen werden wir eingeladen zu einem Video-Vortrag über das Gartenreich Wörlitz-Dessau. Nun sind wir bestens informiert.

12.10.
Heute lernen wir das Gartenreich besser kennen. Frau Gerds, unsere Gästeführerin, erzählt uns mit viel Begeisterung von ihrer Heimat. Das ganze Fürstentum wurde zu einer gestalteten Kulturlandschaft.in den Elbauen zwischen Elbe und Mulde Es gibt Rokoko-Gärten, Waldgärten, englische und niederländisch-barocke Gärten, auch einen chinesischen Garten gibt es. Dazwischen immer wieder landwirtschaftlich genutzte Flächen. Auch diese wurden aufgelockert mit Solitair-Eichen, die die Bauern nicht abholzen durften.
Dann kommen wir nach Oranienbaum, einer barocken Stadt mit Schloss.

Oranienbaum.
Das großartige Ensemble von Schloss, Park und Stadt entstand Ende des 17. Jahrhunderts und ist weitgehend erhalten. Während des Rundgangs erzählt uns Frau Gerds von den künstlerischen Auswirkungen der dynastischen Verbindungen des Fürstenhauses Anhalt-Dessau mit den Niederlanden. Den heute auf der Welt einzigartigen englisch-chinesischen Garten im Norden des Schlossparks ließ Fürst Franz Ende des 18. Jahrhunderts anlegen.
Bis heute haben sich im ländlichen, durch niederländischen Einfluss geprägten Ort die Grundstrukturen der Stadtgestaltung erhalten. Auf dem quadratischen Marktplatz am südlichen Ende der Querstraße erhebt sich die 1712 geweihte Stadtkirche. Inmitten des Platzes steht eine Sandsteinvase mit schmiedeeisernem Orangenbaum. Die Orange ist das Symbol der Oranier. Im Jahre 1659 hatte Fürst Johann Georg II. von Anhalt- Dessau (1627- 1693) die Prinzessin Henriette Catharina von Nassau-Oranien (1637- 1708) geheiratet.
In Oranienbaum entstand ein dreiflügeliges Schloss, später sind dann Kavalierhäuser, Wirtschaftsgebäude und Stallungen in Fachwerkkonstruktion angefügt worden. Große Teile des Schlosses werden

gegenwärtig renoviert, so dass eine Besichtigung nicht möglich war, nur einen mit Delfter Kacheln dekorierten Raum im Souterrain des Schlosses konnten wir besichtigen..

Von der weitläufigen Parkanlage am Schloss Oranienbaum konnten wir nur durch die von Hecken gerahmten Rasengevierte des Gartenparterres und durch den chinesischen Garten spazieren gehen. Dieser "Chinesische Garten" blieb bis heute fast unverändert erhalten. Wasserläufe und Brücken gliedern das Terrain. Die Anlage, auch eine Pagode und das Gartenhaus, entstanden unter dem Einfluss des Engländers Sir William Chambers.
An der Orangerie sind wir nur vorbeigefahren. Bis zu 550 Orangenbäume überwintern hier. Jeden Sommer werden die Kübelpflanzen im Park aufgestellt.
Dann fuhren wir zurück zum Hotel. Da wurde uns Kesselgulasch serviert. Um 15 Uhr fuhren drei Kremserwagen, jeweils mit zwei Pferden bespannt, auf den Marktplatz. Wir bestiegen die Karren, nahmen Platz auf den Bänken und wickelten uns warm ein mit Decken, die uns der Kutscher gab. Dann fuhren wir „hoppla-hopp“ erst durch die Stadt und dann in die Elbauen. Es war sehr kalt. Wir waren froh, als wir durch einen Wald fuhren, der uns vor dem eisigen Wind schützte. Nach ca. 30 Minuten wurde auf einer Wiese Halt gemacht und wir bekamen Glühwein zum Aufwärmen. Die Rückfahrt war dann sehr lustig.
Nächster Programmpunkt: die Kirche St. Petri von Wörlitz. Der Küster empfing uns und erklärte uns die Schönheiten seiner neugotischen Kirche. Im Turm befindet eine Dauerausstellung von einer Bibelgesellschaft. Wir kletterten die 240 Stufen hinauf bis zur Aussichtsplattform. Wir bewunderten die schöne Aussicht auf Stadt Wörlitz und Park und kletterten dann vorsichtig die Wendeltreppe wieder hinunter. Mir zitterten die Knie!
Das Hotel lag schräg gegenüber und so konnten wir uns noch einen Moment ausruhen, bis es Zeit zum Abendessen war.
Nach dem Abendessen wurden wir eingeladen zu einem Unterhaltungsprogramm „Von Dessauer Köpfen und Töpfen“. Unsere charmante Frau Gerds spielte eine Landfrau und ein anderer Gästeführer spielte den Hobusch, ein Dessauer Original.

13.10.
Gleich nach dem Frühstück fuhren wir zum Luisium Landschaftspark bei Dessau. Dort wanderten wir durch die kleine und intime Anlage zum Schlösschen, das wir besichtigen konnten. Das klassizistische Schlösschen widmete Fürst Franz seiner Gemahlin Louise. Die Innenausstattung ist noch weitgehend im Original. Es war alles sehr hübsch.
Wir fuhren zurück nach Wörlitz, wo uns Frau Gerds durch den Wörlitzer Park. führte. Sie zeigte uns romantische Ecken, die ich auf meinem Spaziergang am ersten Tag meines Aufenthaltes nicht gefunden hatte. Es gab eine Eremitenklause, die nur durch Tunnel zu erreichen war. Den Venustempel konnten wir aus der Nähe betrachten. Das Motto des Fürsten Franz war „Schönes sollte nützlich sein“ und so waren die klassizistischen und neugotischen Gebäude im Park nicht nur Staffage, sondern dienten den unterschiedlichsten Zwecken, sei es zur Unterbringung von Kunstschätzen und Sammlungen, sei es als Aufbewahrungsort für Gerätschaften oder Pflanzen, als kulturhistorisches und technisches Anschauungsmaterial oder auch als Wohnstätte für Gärtner und Wachpersonal. Die Verehrung der Antike ist in Wörlitz überall gegenwärtig. Ob englischer Gartensitz, Venustempel, Pantheon, Floratempel, Nymphaeum oder Synagoge, vieles erinnert an Italien und England. Stand die Antike für das Schöne und Vollkommene, galt das Gotische als Symbol von Freiheit und Naturverbundenheit.
Am Nachmittag hatten wir dann noch eine Führung durch das Wörlitzer Schloss.
Dieses klassizistische Gebäude diente dem Fürsten Franz als Sommerresidenz. Von seinen zahlreichen Reisen brachte der Fürst viele Antiken und Gemälde mit, die sich im Inneren befinden. Für damalige Verhältnisse hatte das Haus eine ganz moderne funktionale Einrichtung mit Wasserleitung, Wandschränken und gusseisernen Öfen. Die Einrichtung aus dem 18. Jahrhundert ist zum größten Teil im Original erhalten und wurde auch von der Sowjetarmee nicht als Beutegut fortgetragen.
Ab 16 Uhr hatten wir Freizeit, die ich zum Besuch der Hotelsauna nutzte.

14.10.
Ausflug nach Wittenberg, das ja nicht weit von Wörlitz entfernt ist.
Hier erwartete uns eine andere Gästeführerin, die uns durch diese kleine aber geschichtsträchtige Stadt führte.
Wittenberg, erstmals 1183 urkundlich erwähnt, diente seit Ende des 15. Jahrhunderts als kurfüstliche Residenz Friedrichs des Weisen. Seine kluge Politik, die 1502 gegründete Universität, das Wirken Luthers und anderer Reformatoren führte dazu, dass die Stadt an der Elbe Zentrum geistigen Lebens in Europa wurde. Bis weit über das Jahrhundert hinaus bewahrte sich Wittenberg eine bedeutende Rolle in Kirche, Wissenschaft und Kultur und präsentiert sich seit 1938 offiziell als die „Lutherstadt“.

Als Mönch und Professor lebte Martin Luther seit 1511 ständig im Augustiner-kloster am Ostende der Stadt. Nach seiner Heirat 1525 erhielt er das Gebäude vom Kurfürsten geschenkt. Noch heute ist sein Wohnzimmer im Original erhalten.
Bei einem Bummel durch die Altstadt, in der die steinernen Zeitzeugen wie Perlen aneinander gereiht sind, kommt man geradewegs zur Schlosskirche mit der weltberühmten Thesentür und den Gräbern Luthers und Melanchthons, zu den Höfen des Meisters Cranach, zur Stadtkirche mit dem eindrucksvollen Cranach-Altar und zu den Häusern von Dr. Martin Luther und Prof. Philipp Melanchthon. Die Wittenberger Altstadt: ein einzigartiges Freilichtmuseum, um Weltgeschichte zu erleben.
Nach dieser reichlichen geistigen Nahrung wurden wir ins Brauhaus eingeladen zu einem Mittagsimbiss. Dort gab es auch Bier, wie es damals gebraut und getrunken wurde, es ist trüb. Mir hat es nicht sonderlich geschmeckt.
Danach hatten wir noch Freizeit, die ich zu einem Bummel durch Straßen nutzte, die nicht Teil der Stadtführung waren. In einem Geschäft in einem Cranach-Haus kaufte ich mir 18 Kunstkarten „Lucas Cranach .d.Ä. – Die Galerie der Schönheiten“. Evtl. mache ich mir daraus einen Kunstkalender für 2005.
Auf der Rückfahrt nach Wörlitz fuhren wir noch am Luther-Gymnasium vorbei, das durch den Wiener Künstler Friedensreich Hundertwasser 1999 umgestaltet wurde. Es ist sehr bunt.
Um 16 Uhr waren wir wieder in Wörlitz und ich konnte noch einmal die Hotel-Sauna benutzen.

15.10.
Koffer packen und zum Bus bringen. Die Heimreise beginnt. Frau Gerds begleitet uns noch bis Dessau und wird uns durch die Stadt führen.
Die Stadt wurde im letzten Krieg weitgehend zerstört, weil dort die Junckers-Werft angesiedelt war und Flugzeuge für den Krieg baute. Die Werft wurde aber nicht getroffen. Die Stadt ist sehr schön wieder aufgebaut, es gibt ein großes Einkaufszentrum in der Nähe der Marienkirche. Hauptanziehungspunkt ist aber das Bauhaus.
Das Bauhaus, 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet, war Deutschlands berühmteste Kunst- und Designeinrichtung der Klassischen Moderne. Die zwischen 1919 und 1933 am Bauhaus entstandenen Arbeiten haben weltweit das Verständnis von Architektur und Design beeinflusst. Das Bauhausgebäude in Dessau wurde 1925/26 nach Plänen von Walter Gropius gebaut, nachdem die Schule ihren Gründungssitz Weimar aus politischen Gründen verlassen hatte. Das Bauhausgebäude und die zeitgleich entstandenen Meisterhäuser sind immer noch bedeutend für Architektur und Design im 20. Jahrhundert. 1945 wurden die Gebäude teilweise zerstört und konnten erst 1976 denkmalgerecht rekonstruiert werden. Im gleichen Jahr wurde das Wissenschaftlich-kulturelle Zentrum (WKZ) gegründet und mit dem Aufbau einer Bauhaus-Sammlung begonnen. 1994 wurde die Stiftung Bauhaus Dessau gegründet. Sie verfolgt zwei Ziele: das Erbe des historischen Bauhauses zu bewahren und der Öffentlichkeit zu vermitteln und angesichts dieses Erbes Beiträge zur Gestaltung der heutigen Lebensumwelt zu leisten.
Nach der Besichtigung wurde ich zum Bahnhof gebracht, denn hier wollte ich die Gruppe verlassen und weiterfahren nach Dresden, wo ich meinen Sohn und seine Familie besuchte.

Text: Alice Chidiac Foto: Alice Chidiac