Zur Einführung möchte ich
die Entstehung und Entwicklung der Schubertiade in Vorarlberg kurz skizzieren:
Die Gründung der Schubertiade erfolgte 1975 nach einer Idee des
jetzigen Geschäftsführers Gerd Nachbauer und dem leider so
früh verstorbenen Hermann Prey. Das erste Konzert, ein Liederabend
mit Hermann Prey, fand im Palast Hohenems am 08.05.1976 statt. Hermann
Preys Idee, alle Werke Franz Schuberts in chronologischer Reihenfolge
aufzuführen, scheiterte aus finanziellen Gründen. Ende 1980
gab deshalb der Sänger seinen Rücktritt als künstlerischer
Leiter bekannt.
Im Jahre 1985 wurde mit einem Liederabend Dietrich Fischer-Dieskaus
im Montforthaus in Feldkirch dieser Veranstaltungsort in das Schubertiade-Programm
eingebunden, ebenso 1989 der renovierte Konservatoriumssaal in Feldkirch.
Bis Ende 2000 blieb Feldkirch, nachdem 1991 die Schubertiade aus Hohenems
abgezogen wurde, die Heimat der Schubertiade-Aufführungen. Erstmals
wurde im Herbst 1994 noch eine "Landpartie" in Schwarzenberg
angeboten. Ab 2001 findet das Festival ausschließlich im renovierten
und ausgebauten "Angelika-Kauffmann-Saal" und im "Kleinen
Dorfsaal" im Sommer und Herbst in Schwarzenberg statt. Für
größere Konzerte bietet sich die Tennishalle - umfunktioniert
als Konzertsaal - des Hotels Post in Bezau an.
Uns reizt an der Schubertiade das
Angebot eines vielfältigen Programms mit den besten Lied-Interpreten,
Pianisten und Kammerorchestern dieses Genres, verbunden mit der herrlichen
idyllischen Landschaft des Bregenzer Waldes und einer familiären
intimen Atmosphäre.
Da die Hotel- und Übernachtungskapazitäten in Schwarzenberg
sehr begrenzt sind, muss auf die umliegenden kleinen Orte ausgewichen
werden. Wir hatten das Glück, in diesem Jahr ein Zimmer im "Gasthof
Gams" in Bezau zu bekommen. Dieses, im Jahre 1648 erbaute und seit
Generationen im Familienbesitz stehende kleine Hotel, besticht durch
sehr persönlichen Service und einer exquisiten Küche ( 1 Haube
im Gault Millau). Die "Geschichte" der Gams ist heute noch
in den kleinen gemütlichen Stübchen aus der Gründerzeit
oder im Festsaal aus der Jahrhundertwende spürbar. Fast jeden Tag
vor dem Frühstück zogen wir unsere Runden in dem mit ca. 25°
beheiztem Außenschwimmbecken. Ein herrliches Gefühl, in diesem
warmen Wasser bei leichtem Frühnebel, taubenetztem Gras und hervorkommenden
Sonnenstrahlen zu schwimmen. Anschließend waren wir bereit für
das gut sortierte Frühstücksangebot mit Säften, Müsli
und guten Tees. Ein besonderes Angebot, ein kostenloser Bus-Service
zur Schubertiade nach Schwarzenberg, nutzten wir ebenfalls.
Ab einem Aufenthalt von über drei Tagen erhält man die Bregenzer-Wald-Card,
mit der alle Bergbahnen, Busse, Frei- und Hallenschwimmbäder etc.
in der Region kostenlos benutzt werden können. Ein Angebot, dem
wir bei diesem wunderschönen Herbstwetter nicht widerstehen konnten.
Die Bezauer Bahnen führten uns zu einigen Wanderungen auf dem Panorama-Weg
von der Baumgarten-Alpe, der Bergstation, zu dem Berggasthof Vordere-Niedere,
auf den Grat der Niedere und wieder zurück.
Dicker Herbstnebel lag im Tal und in der Höhe sonnten wir uns in
der starken Herbstsonne. Es war ein interessantes Schauspiel, als die
Nebelschwaden aus dem Tal heraufzogen und von der Sonne sehr schnell
aufgeleckt wurden. Die Wanderung vom Berggasthof bis zur Mittelstation
Sonderdach ging durch den Wald ziemlich steil abwärts und forderte
Kondition. Von Schoppernau geht die Bahn hinauf zum Diedamskopf, den
wir bis zum Gipfelkreuz "bestiegen" und von dort mit einer
sehr guten Aussicht auf die Schweizer und Allgäuer Berge belohnt
wurden. Der Abstieg bis zur Mittelstation war für uns natürlich
ein "Muss". Ein sehr schöner, landschaftlich abwechslungsreicher
Weg durch die herbstliche Alpenblumen-Landschaft führte uns von
der Bergstation der Mellau-Bahn über die Kanis-Alm, Wurzachalpe
und Oberalpe bis zum Berggasthof Edelweiß und wieder zurück.
Im "Adlerhorst" ließen wir uns einen frisch zubereiteten
Kaiserschmarrn schmecken und amüsierten uns über den "musizierenden"
Wirt, der mit seiner Harmonika volkstümliche Weisen zum Besten
gab. Eine lange Wanderung im Tal der Bezauer Ache von Bezau über
Reuthe, Bad Reuthe, Bizau, Hilkat über das Rimsgrund-Tal wieder
in unser "Heimatdorf" nahm einen ganzen Tag in Anspruch. Einen
sehr schönen Tag verbrachten wir mit Freunden aus Schwerin, die
Unterkunft im Berggasthof Kanisfluh fanden. Nette Gespräche und
große Wiedersehensfreude zeichneten diese Begegnung aus. Reiner
Zufall war es, dass wir uns bei einem kleinen Spaziergang plötzlich
mitten im Almabtrieb befanden. Die Kühe und Hirten waren bunt geschmückt,
ein Zeichen, dass es während des langen Aufenthaltes auf den Almen
keinen Unfall gab.
So füllten wir unsere Tage aus. An den Abenden, an denen wir Konzerte
besuchten, gönnten wir uns am Nachmittag noch einen kleinen Mittagsschlaf
und ließen uns dann, geduscht und hübsch gemacht, mit dem
Bus nach Schwarzenberg bringen.
Ein kleines Resümee der besuchten Konzerte möchte ich natürlich
auch noch ziehen. Eine große Enttäuschung erlebten wir gleich
nach Ankunft in unserem Hotel, als wir erfuhren, dass meine absolute
Lieblings-Liedsängerin, Barbara Bonney, wegen Krankheit absagte.
Ein adäquater Ersatz war Thomas Quasthoff im zweiten Teil des Abends.
Im ersten Teil hörten wir den Tenor Marcus Ullmann, den wir u.a.
von einer Aufführung der Johannes-Passion kennen. Er sang vier
Schubert-Lieder und den Liederkreis von Robert Schumann mit Texten von
Joseph von Eichendorff. Er sang mit seiner hellen lyrischen Stimme zwar
wunderschön, doch der "Funke" sprang nicht rüber.
Man merkte die Anspannung und die Konzentration, auch beim Pianisten
Justus Zeyen, denn es fehlte ja eine "Probezeit". Thomas Quasthoff
ließ uns die "Dichterliebe" Robert Schumanns mit Texten
Heinrich Heines erleben. Quasthoff fasziniert mit seiner warmen Baritonstimme
und überrascht mit einer fast schwarzen dunklen Bass-Stimmung in
Vortrag und Emotion, man hängt förmlich an seinen Lippen.
Das gilt auch für seinen "eigentlichen" Liederabend am
folgenden Tag mit Schubert- (u.a. Erlkönig, Wanderer und Musensohn),
Richard-Strauss- und Hugo-Wolf-Liedern.
Wir durften ihn noch einmal erleben, als "Einspringer" für
Ian Bostridge, der ebenfalls aus Krankheitsgründen absagte. Wir
waren beeindruckt von seiner Interpretation des Schwanengesangs und
den "Vier ernsten Gesängen" von Johannes Brahms mit Texten
aus dem Alten Testaments. Zwei Klavierabende standen auf unserem Programm.
Paul Lewis, ein junger englischer Pianist, spielte u.a. Schuberts Sonaten
D 959 und 960, die in Schuberts Todesjahr entstanden. Abgründe
taten sich auf und Todesahnung ist spürbar. Wir hoffen, diesen
vielversprechenden Pianisten in Zukunft noch öfter auf der Schubertiade
zu hören. Konstantin Scherbakow, ein russischer Pianist, ließ
uns neben der erst vor 33 Jahren entdeckten "Grazer Fantasie"
die Sonate D 958 erleben - eine russisch-schubertiadische Seele entfaltete
sich. Nicht besonders gefielen mir die Klaviertranskriptionen von Franz
Liszt der Schubert-Lieder Barcarole, Ständchen, Erlkönig und
Die Forelle als Kompositionen. Ein Kammerkonzert mit Schuberts Klaviertrio
B-Dur D 898 und dem Klavierquintett A-Dur D 667, "Forellenquintett"
brachte uns einen interessanten Kunst-Genuss. Zwei Liederabende mit
Christoph Prégardien und Olaf Bär standen noch auf unserem
Programm . Als Abschluss der Schubertiade am Sonntag und als ein Höhepunkt
erlebten wir Peter Schreier mit einer sehr eindringlichen und faszinierenden
Darbietung von Beethoven-Liedern und Schuberts Schwanengesang.
Es ist die Symbiose
von idyllischer Landschaft, Kultur und positivem Lebensgefühl,
die hier auf der Schubertiade eingegangen wird. Man freut sich, wenn
sich Menschen begegnen und begrüßen, die aus früheren
Schubertiaden sich kennen. Die Karten für die Sommer-Schubertiade
2003 wurden bereits bestellt und wir hoffen, dass uns auch im nächsten
Jahr wieder ein schönes Zimmer in der "Gams" reserviert
wird.
Zirndorf, 11.Sept. 2002
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NACHSATZ
Auszug aus der SZ (Süddeutsche
Zeitung) vom Mittwoch, 11.September 2002 zum Jahrestag des Attentats
auf das World Trade Center
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THEMA: Welche Spuren hat der Anschlag auf das World Trade Center in
der Kunst hinterlassen?
DAS GRÖßTE KUNSTWERK
Klassik: Schubert trauert noch immer
Aber die Trauer über das,
was am 11. September Menschen von Menschen angetan wurde, die Trauer
über 30 000 Kinder, die täglich verhungern, die Trauer über
den Holocaust, die Minenopfer, die Menschen, die in Selbstmordattentate
getrieben werden, die durch die Atombombe in Hiroshima Ermordeten -
all dies findet sich immer und immer wieder in der klassischen Musik.
Am deutlichsten und in all seiner verheerenden Bandbreite natürlich
bei Franz Schubert.
Der langsame Satz seiner späten A-Dur-Klaviersonate verbohrt sich
in einer schier endlosen Trauer, verbeißt sich darin, verzweifelt
daran. Doch dann geht Schubert daran, den Grund dieser Trauer zu beschreiben,
diesen letzten denkbaren Schrecken dingfest zu machen. In der Mitte
des Satzes stürzen nicht nur zwei Türme ein, sondern die ganze
Welt. Und doch gibt es für Schubert ein Leben danach - auch wenn
der Schrecken nachzittert und selbst noch im Finale durch viele Pausen
erinnert wird. die den Lauf des Lebens durchbrechen und das Nichts offenbaren.
REINHARD J BREMBECK