Impressionen unserer Reise zur Schubertiade
vom 28.8. bis 10.10.2002

Von Greta Kiesel

Zur Einführung möchte ich die Entstehung und Entwicklung der Schubertiade in Vorarlberg kurz skizzieren:

Die Gründung der Schubertiade erfolgte 1975 nach einer Idee des jetzigen Geschäftsführers Gerd Nachbauer und dem leider so früh verstorbenen Hermann Prey. Das erste Konzert, ein Liederabend mit Hermann Prey, fand im Palast Hohenems am 08.05.1976 statt. Hermann Preys Idee, alle Werke Franz Schuberts in chronologischer Reihenfolge aufzuführen, scheiterte aus finanziellen Gründen. Ende 1980 gab deshalb der Sänger seinen Rücktritt als künstlerischer Leiter bekannt.

Im Jahre 1985 wurde mit einem Liederabend Dietrich Fischer-Dieskaus im Montforthaus in Feldkirch dieser Veranstaltungsort in das Schubertiade-Programm eingebunden, ebenso 1989 der renovierte Konservatoriumssaal in Feldkirch. Bis Ende 2000 blieb Feldkirch, nachdem 1991 die Schubertiade aus Hohenems abgezogen wurde, die Heimat der Schubertiade-Aufführungen. Erstmals wurde im Herbst 1994 noch eine "Landpartie" in Schwarzenberg angeboten. Ab 2001 findet das Festival ausschließlich im renovierten und ausgebauten "Angelika-Kauffmann-Saal" und im "Kleinen Dorfsaal" im Sommer und Herbst in Schwarzenberg statt. Für größere Konzerte bietet sich die Tennishalle - umfunktioniert als Konzertsaal - des Hotels Post in Bezau an.

Uns reizt an der Schubertiade das Angebot eines vielfältigen Programms mit den besten Lied-Interpreten, Pianisten und Kammerorchestern dieses Genres, verbunden mit der herrlichen idyllischen Landschaft des Bregenzer Waldes und einer familiären intimen Atmosphäre.

Da die Hotel- und Übernachtungskapazitäten in Schwarzenberg sehr begrenzt sind, muss auf die umliegenden kleinen Orte ausgewichen werden. Wir hatten das Glück, in diesem Jahr ein Zimmer im "Gasthof Gams" in Bezau zu bekommen. Dieses, im Jahre 1648 erbaute und seit Generationen im Familienbesitz stehende kleine Hotel, besticht durch sehr persönlichen Service und einer exquisiten Küche ( 1 Haube im Gault Millau). Die "Geschichte" der Gams ist heute noch in den kleinen gemütlichen Stübchen aus der Gründerzeit oder im Festsaal aus der Jahrhundertwende spürbar. Fast jeden Tag vor dem Frühstück zogen wir unsere Runden in dem mit ca. 25° beheiztem Außenschwimmbecken. Ein herrliches Gefühl, in diesem warmen Wasser bei leichtem Frühnebel, taubenetztem Gras und hervorkommenden Sonnenstrahlen zu schwimmen. Anschließend waren wir bereit für das gut sortierte Frühstücksangebot mit Säften, Müsli und guten Tees. Ein besonderes Angebot, ein kostenloser Bus-Service zur Schubertiade nach Schwarzenberg, nutzten wir ebenfalls.
Ab einem Aufenthalt von über drei Tagen erhält man die Bregenzer-Wald-Card, mit der alle Bergbahnen, Busse, Frei- und Hallenschwimmbäder etc. in der Region kostenlos benutzt werden können. Ein Angebot, dem wir bei diesem wunderschönen Herbstwetter nicht widerstehen konnten. Die Bezauer Bahnen führten uns zu einigen Wanderungen auf dem Panorama-Weg von der Baumgarten-Alpe, der Bergstation, zu dem Berggasthof Vordere-Niedere, auf den Grat der Niedere und wieder zurück.

Dicker Herbstnebel lag im Tal und in der Höhe sonnten wir uns in der starken Herbstsonne. Es war ein interessantes Schauspiel, als die Nebelschwaden aus dem Tal heraufzogen und von der Sonne sehr schnell aufgeleckt wurden. Die Wanderung vom Berggasthof bis zur Mittelstation Sonderdach ging durch den Wald ziemlich steil abwärts und forderte Kondition. Von Schoppernau geht die Bahn hinauf zum Diedamskopf, den wir bis zum Gipfelkreuz "bestiegen" und von dort mit einer sehr guten Aussicht auf die Schweizer und Allgäuer Berge belohnt wurden. Der Abstieg bis zur Mittelstation war für uns natürlich ein "Muss". Ein sehr schöner, landschaftlich abwechslungsreicher Weg durch die herbstliche Alpenblumen-Landschaft führte uns von der Bergstation der Mellau-Bahn über die Kanis-Alm, Wurzachalpe und Oberalpe bis zum Berggasthof Edelweiß und wieder zurück. Im "Adlerhorst" ließen wir uns einen frisch zubereiteten Kaiserschmarrn schmecken und amüsierten uns über den "musizierenden" Wirt, der mit seiner Harmonika volkstümliche Weisen zum Besten gab. Eine lange Wanderung im Tal der Bezauer Ache von Bezau über Reuthe, Bad Reuthe, Bizau, Hilkat über das Rimsgrund-Tal wieder in unser "Heimatdorf" nahm einen ganzen Tag in Anspruch. Einen sehr schönen Tag verbrachten wir mit Freunden aus Schwerin, die Unterkunft im Berggasthof Kanisfluh fanden. Nette Gespräche und große Wiedersehensfreude zeichneten diese Begegnung aus. Reiner Zufall war es, dass wir uns bei einem kleinen Spaziergang plötzlich mitten im Almabtrieb befanden. Die Kühe und Hirten waren bunt geschmückt, ein Zeichen, dass es während des langen Aufenthaltes auf den Almen keinen Unfall gab.

So füllten wir unsere Tage aus. An den Abenden, an denen wir Konzerte besuchten, gönnten wir uns am Nachmittag noch einen kleinen Mittagsschlaf und ließen uns dann, geduscht und hübsch gemacht, mit dem Bus nach Schwarzenberg bringen.

Ein kleines Resümee der besuchten Konzerte möchte ich natürlich auch noch ziehen. Eine große Enttäuschung erlebten wir gleich nach Ankunft in unserem Hotel, als wir erfuhren, dass meine absolute Lieblings-Liedsängerin, Barbara Bonney, wegen Krankheit absagte. Ein adäquater Ersatz war Thomas Quasthoff im zweiten Teil des Abends. Im ersten Teil hörten wir den Tenor Marcus Ullmann, den wir u.a. von einer Aufführung der Johannes-Passion kennen. Er sang vier Schubert-Lieder und den Liederkreis von Robert Schumann mit Texten von Joseph von Eichendorff. Er sang mit seiner hellen lyrischen Stimme zwar wunderschön, doch der "Funke" sprang nicht rüber. Man merkte die Anspannung und die Konzentration, auch beim Pianisten Justus Zeyen, denn es fehlte ja eine "Probezeit". Thomas Quasthoff ließ uns die "Dichterliebe" Robert Schumanns mit Texten Heinrich Heines erleben. Quasthoff fasziniert mit seiner warmen Baritonstimme und überrascht mit einer fast schwarzen dunklen Bass-Stimmung in Vortrag und Emotion, man hängt förmlich an seinen Lippen. Das gilt auch für seinen "eigentlichen" Liederabend am folgenden Tag mit Schubert- (u.a. Erlkönig, Wanderer und Musensohn), Richard-Strauss- und Hugo-Wolf-Liedern.

Wir durften ihn noch einmal erleben, als "Einspringer" für Ian Bostridge, der ebenfalls aus Krankheitsgründen absagte. Wir waren beeindruckt von seiner Interpretation des Schwanengesangs und den "Vier ernsten Gesängen" von Johannes Brahms mit Texten aus dem Alten Testaments. Zwei Klavierabende standen auf unserem Programm. Paul Lewis, ein junger englischer Pianist, spielte u.a. Schuberts Sonaten D 959 und 960, die in Schuberts Todesjahr entstanden. Abgründe taten sich auf und Todesahnung ist spürbar. Wir hoffen, diesen vielversprechenden Pianisten in Zukunft noch öfter auf der Schubertiade zu hören. Konstantin Scherbakow, ein russischer Pianist, ließ uns neben der erst vor 33 Jahren entdeckten "Grazer Fantasie" die Sonate D 958 erleben - eine russisch-schubertiadische Seele entfaltete sich. Nicht besonders gefielen mir die Klaviertranskriptionen von Franz Liszt der Schubert-Lieder Barcarole, Ständchen, Erlkönig und Die Forelle als Kompositionen. Ein Kammerkonzert mit Schuberts Klaviertrio B-Dur D 898 und dem Klavierquintett A-Dur D 667, "Forellenquintett" brachte uns einen interessanten Kunst-Genuss. Zwei Liederabende mit Christoph Prégardien und Olaf Bär standen noch auf unserem Programm . Als Abschluss der Schubertiade am Sonntag und als ein Höhepunkt erlebten wir Peter Schreier mit einer sehr eindringlichen und faszinierenden Darbietung von Beethoven-Liedern und Schuberts Schwanengesang.

Es ist die Symbiose von idyllischer Landschaft, Kultur und positivem Lebensgefühl, die hier auf der Schubertiade eingegangen wird. Man freut sich, wenn sich Menschen begegnen und begrüßen, die aus früheren Schubertiaden sich kennen. Die Karten für die Sommer-Schubertiade 2003 wurden bereits bestellt und wir hoffen, dass uns auch im nächsten Jahr wieder ein schönes Zimmer in der "Gams" reserviert wird.

Zirndorf, 11.Sept. 2002


NACHSATZ
Auszug aus der SZ (Süddeutsche Zeitung) vom Mittwoch, 11.September 2002 zum Jahrestag des Attentats auf das World Trade Center

THEMA: Welche Spuren hat der Anschlag auf das World Trade Center in der Kunst hinterlassen?

DAS GRÖßTE KUNSTWERK
Klassik: Schubert trauert noch immer
Aber die Trauer über das, was am 11. September Menschen von Menschen angetan wurde, die Trauer über 30 000 Kinder, die täglich verhungern, die Trauer über den Holocaust, die Minenopfer, die Menschen, die in Selbstmordattentate getrieben werden, die durch die Atombombe in Hiroshima Ermordeten - all dies findet sich immer und immer wieder in der klassischen Musik. Am deutlichsten und in all seiner verheerenden Bandbreite natürlich bei Franz Schubert.
Der langsame Satz seiner späten A-Dur-Klaviersonate verbohrt sich in einer schier endlosen Trauer, verbeißt sich darin, verzweifelt daran. Doch dann geht Schubert daran, den Grund dieser Trauer zu beschreiben, diesen letzten denkbaren Schrecken dingfest zu machen. In der Mitte des Satzes stürzen nicht nur zwei Türme ein, sondern die ganze Welt. Und doch gibt es für Schubert ein Leben danach - auch wenn der Schrecken nachzittert und selbst noch im Finale durch viele Pausen erinnert wird. die den Lauf des Lebens durchbrechen und das Nichts offenbaren.
REINHARD J BREMBECK
SeniorenNet Hamburg
© 2002 Greta Kiesel / SN Franken
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