Ich
habe mich getraut - mit einem zuverlässigen Reisebegleiter aus dem
Michael Müller Verlag, Volker Feser "Ecuador"!
Ich bin allein und auf eigenen Füßen
vier Wochen durch Teile Ecuadors gereist. Vorbestellt hatten wir von Hamburg
aus ein Zimmer in Quito und ein Hotelzimmer in Cuenca, wo ich auch einen
dreiwöchigen Spanischkurs gebucht hatte.
Als mich mein Mann abends zum Flughafen
brachte, signalisierten ihm meine hängenden Schultern und der gesenkte
Kopf die Angst vor der eigenen Courage. Der Einstieg in das prall gefüllte
Langstreckenflugzeug fand in Amsterdam statt. Zwischenlandungen in Curacao
und Guayaquil - aber da waren wir schon fast in Quito - erlaubten uns
Bewegung. In Curacao schlug uns trotz der Nacht feucht-heiße Luft
ins Gesicht. Neben mir saß ein 80jähriger katholischer Missionar,
der seit 40 Jahren in Cuenca arbeitete und in einer Broschüre über
den rechten Glauben vom Kardinal Ratzinger las. Hinter mir saß
ein junger Mann, der für ein Dritte- Welt-Projekt den Regenwald
aufforstete. Beide Männer erzählten mir nun von den Gefahren
in Ecuador - ich sah mich schon für vier Wochen in meinem Zimmer
verbarrikadiert.
Das Rufen einer Taxe am Flughafen in Quito am Morgen war überhaupt
nicht schwer, man muss nur tun, was einem die Globetrotterbücher
erzählen, und schon funktioniert es mit den Preisen. Auch die Sicherheit
im Land wird größer. Ich bin gleich nach der Ankunft im Hotel
in die Altstadt von Quito mit Hilfe eines Taxis ausge- schwärmt,
ohne Fotoapparat mit wenigen Dollars - die Währung SUCRE ist inzwischen
vollständig auf US-Dollar umgestellt worden. Die Sonne brüllte
erbarmungslos auf die baumlosen großzügigen Plätze,
an denen schöne Kirchen provozierend große und goldene Altäre
schützen. In der ältesten Kirche Südamerikas San Francesco
gibt es eine vergoldete geschnitzte Holzdecke. In ihren vielen Kassetten
lachen Sonnen in das Kirchenschiff - die heimliche Rache der christianisierten
Indios, die man das Malen und Schnitzen christlicher Kunst lehrte. Immer
haben die Conquistadoren und ihre Priester die Kirchen auf die Tempel
und Heiligtümer der Inca gestellt. Manchmal sind am Mauergrund
noch die alten, schön behauenen Steine dieser Kultur zu erkennen.
Am Anfang meiner Reise war es für mich schon unheimlich, wenn ich
mich - auffällig als große Ausländerin - völlig
allein unter den besonders kleinen und zierlichen Indigenas von Ecuador
bewegen musste und ihre Gestik und Mimik langsam deuten lernte. Hier
in Quito und später auch in Cuenca und anderen Orten sah ich, dass
die europäische Kleidung auf dem Vormarsch ist. Bei Männern
haben sich nur wenige selbstbewusste Indiogruppen die Trachten erhalten,
Frauen kleiden sich noch häufiger in Röcke, Bluse, Gürtel,
Umhängetuch und den Hut ihrer Provinz. Die oft grellfarbigen Röcke
haben am Saum Plastikpailletten, die zu Blüten zusammengestellt
sind.
Blutjunge Mädchen und Jungen schleppen ihre eingepackten Säuger
über die schattenlosen Plätze auf dem Arm und in Tüchern
auf dem Rücken. Kinder fast.
In den Straßen, die durch die schönen alten Kolonialbauten
gesäumt werden - oft verfallend und nach Farbe schreiend, die
sie zusammenhalten könnte -ein ohrenbetäubender Lärm.
Es gibt nichts, was nicht verkauft wird: CDs, Mandarinen, Mottenkugeln,
Schöpfkellen, Kleidungsstücke, meterhohe Torten. Bunt und
weiß werden sie durch die Sonnenhitze getragen oder in ein klapperiges
Auto geschleppt, durch dessen Tür ihre Höhe nicht passt. Große
Schweine oder Ferkel werden kross gebraten auf der Straße angeboten,
ganze Stücke werden aus den Tieren geschnitten, es riecht appetitlich,
aber wenn ich sehe, wie in einem winzigen Emailschüsselchen der
schmutzige Emailteller abgewaschen wird und die Feuchtigkeit mit einem
verdreckten und nassen Lappen abgewischt wird, sackt der Appetit in
sich zusammen. Gegessen wird mit den Fingern. Alles wird schreiend bekannt
gemacht. Drei junge Männer singen und spielen in ihrem Laden Gitarre.
Es klingt schön. Auf mich achtet keiner.
Die Stadt liegt in einer langgezogenen Senke inmitten einer heiter aufgelockerten
und grünen Bergkette, in der zwei schneebedeckte Vulkane auffallen.
Einer davon hatte im Januar mit Ausbrüchen auf sich aufmerksam
gemacht. Elendsviertel wie in Peru habe ich keine gesehen, mich hat
auch keiner angebettelt. Es sieht so aus, als wohnten die Armen in richtigen
Häusern.
Von einem der abgerundeten Bergkämme grüßt übergroß
und hässlich eine aus vielen Eisenteilen zusammengenietete geflügelte
Maria, deren Füße an einen Drachen gekettet sind. Eine Nachbildung
der Altarfigur von San Francesco. Auf diesen Hügel bin ich im Schutz
eines Taxifahrers gekommen, um einen Überblick über die Stadt
zu kriegen. Allein hinauf darf dort kein Bürger eines wohlhabenden
Industriestaates gehen. Er wird mit Sicherheit überfallen und seiner
kleinen Reichtümer beraubt. Übrigens wird Quito von einem
elektrisch betriebenen Trolleybus durchquert, der für wenig Geld
den Transport von hier nach da bewerkstelligt, immer übervoll ist,
in kürzesten Zeitabständen fährt und ein Paradies für
Taschendiebe sein soll.
Quito ist wie fast alle Städte Perus und Boliviens auch übersichtlich
angelegt, rechtwinklig zerschneiden sich die Straßen, so waren
schon die Incastädte gegründet. Die Neustadt unterscheidet
sich von europäischen Städten überhaupt nicht. Gläserne
Hochbauten bestimmen das Stadtbild. Dazwischen hinter einer dicht bewachsenen
Steinmauer in einem üppigen Garten eine Jugendstilvilla. Sicher
stehen diese Reste nicht mehr lange. Natürlich sind solche Häuser
mit Elektrozäunen und Wachtposten vor hungrigen Mitmenschen geschützt.
Wie auch das kleine bescheidene Hotel, in dem ich gewohnt habe.
Die Autos fahren gnadenlos über die Straße, keines würde
wohl vor einem verspäteten Fußgänger anhalten. Ganze
Straßenzüge leben von den Internetcafes, in denen man e-Mails
empfangen und absenden kann, wenn man lange von zu Hause weg ist. Es
gibt hoch elegante Geschäfte für die Kreolen und Märkte,
auf denen vor allen Dingen die Indigenas kaufen. Und es gibt ein wunderbares
Museum, das die unterschiedlichen Kulturen Ecuadors bis zur Zeit der
Incas mit fantastischer Keramik und Goldobjekten zeigt. Ergreifend waren
Szenen vor dem Flughafen Quitos. Da standen bei der Ankunft ganze Familien
mit großen Sträußen im Arm und vielen Tränen im
Auge, um die heimkehrenden und urlaubenden Auswanderer oder Gastarbeiter
mit viel Gefühl zu begrüßen. Beim Abflug - das Flugzeug
wartete auf einer Startbahn - drängten sich die abfliegenden Ecuadorianer
vor den Fenstern, um den am Zaun dicht gedrängten Verwandten zuzuwinken.
Übrigens sieht man vielerorts die Früchte des erarbeiteten
Geldes. Die Familien bauen davon schmucke Häuser, mit Erker und
Garten, in bunten Farben, fröhlichen Fensterrahmen, die Ziegeldächer
gelb, blau oder rot, nein, das peruanische Elend habe ich so auffällig
in Ecuador nicht getroffen.
Zwei volle Regentage habe ich in Quito erlebt, auf den Bergkämmen
lag Schnee, in der Altstadt liefen Wasserströme über das Kopfsteinpflaster
aus altspanischen Tagen, Wasserströme ergossen sich über die
Köpfe der Fußgänger, weil defekte Regenrinnen nicht
erledigen konnten, was ihre Aufgabe ist, sie baumelten haltlos von den
Dächern und drohten zu stürzen, dunkel war es in der Stadt.
Die Hänge waren nicht zu sehen, die Vulkane verstecken sich in
diesem wolkenreichen und grünen Land ohnehin gern.
Cuenca - etwa 400 km südlich von Quito, 11 Busstunden über
die in diesem Land behäbige Panamericana, die gespickt ist mit
Schlaglöchern, Geröll aus Erdrutschen, eingesunkenen Straßenteilen
und besten Asphaltrouten wurde für 3 Wochen meine Schul- und Wohnstadt.
Auch sie liegt in den Anden - etwa 2400 m hoch, in einem weiten Tal
mit viel Grün und einem Hamburger Klima. Viele graue Wolken gab
es und wenig Regen, wenn die Sonne schien, war sie warm und gut erträglich.
Mindestens ein Pullover und warme Wollsocken waren meine ständige
Kleidung.
Hier konnte ich in aller Ruhe auf der Bank des großen Platzes
vor der Kathedrale sitzen und mich - mehr holperig als flüssig
- mit den Indigenas unterhalten, die immer glaubten, ich käme aus
den USA, weil sie den Erdteil Europa nicht kennen, die immer nach Arbeit
fragten, ob es wohl genug gäbe für alle Menschen, die von
den 13 Schwangerschaften erzählten, 8 Kinder bleiben am Leben,
5 Kinder sterben, von den 8 lebenden Kindern ist nur ein Kind ein gutes
Kind, die anderen sind kriminell geworden. Der Mann ist arbeitsunfähig
und krank, er trinkt zuviel! Die Frau ist 55 und hat keinen Zahn im
Mund, sie sieht aus wie 80. Lesen kann sie nicht. Schon als Kind ist
sie "in Stellung" gegangen, und da hat die Dona sie nicht
in die Schule gelassen. Einer der Jungs vom Platz will unsere Schuhe
putzen. Bei mir findet er keine Putzfläche, aber die Indigena lässt
sich die kleinen Schuhe neu färben - rot. "Warum bist du nicht
in der Schule", frage ich, und er antwortet: "Ich muss meine
Mutter und meine 10 Geschwister ernähren. Vater ist weggegangen
und nicht wiedergekommen." Abends geht er ins Kolleg - angeblich.
Die Schulpflicht hört nach dem 5. Schuljahr auf.
Auf dem Markt konnte ich mich mit den geschäftstüchtigen Otavalos
unterhalten, die Textilien herstellen und verkaufen und in der traditionellen
Kleidung in die Öffentlichkeit gehen. Auch die Männer. Mit
schwarzem Zopf, kniebedeckenden Hosen, Wollstrümpfen, Stiefeln.
Sie erzählten von den zweisprachigen Fibeln, die die Kinder in
der Schule kriegen, um das Lesen zu lernen: Quechua und Spanisch. Viele
Kinder auf dem Land sprechen nur Quechua und müssen Spanisch wie
eine Fremdsprache lernen. Es ist schwer, mit den Indigenas ins Gespräch
zu kommen. Die Gesichter sind oft ablehnend, misstrauisch, sie lachen
selten, auch wenn sie miteinander umgehen, und irgendwo habe ich gelesen,
dass sie auch miteinander wenig sprechen. Auf den Märkten gibt
es Kochbananen, in großen Säcken werden viele Kartoffel-
Mais- und Reissorten angeboten, aus Zuckerrohr wird Saft gepresst, braun
fließt er in die Plastikbecher und wird gern getrunken, Meerschweinchen
werden am Bauch befühlt, ob sie feist genug für den Bratentopf
sind, Hühner wollen flüchten, können nicht, weil die
Beine festgebunden sind, die braunen wolligen Schweine werden gekämmt
und gebürstet, wenn sich einer interessiert zeigt, Heilerinnen
streichen mit Kräutersträußen und Eiern über den
Körper von Kunden, sie malen mit braunen Cremes Zeichen auf die
nackte Haut von Kopf und Bauch, fein zerstäuben sie schließlich
Alkohol über dem Patienten. Was sie benutzt haben, schmeißen
sie weg.
An meinem Geburtstag bin ich mit einer Wandergruppe in den Nationalpark
Cajas gegangen. Es hat gleich morgens gegossen, und dabei blieb es auch.
An meinem 65. Geburtstag habe ich gemerkt, dass ich doch lieber mit
Gleichaltrigen in 4000 m Höhe wandern und steigen sollte. Die jungen
Menschen rannten bergauf, ich wäre gern stehen geblieben und hätte
geguckt und fotografiert - auch um mal richtig Atem zu schöpfen.
Die Landschaft sah aus, als ob Gott sie gerade geschaffen hätte.
Dichte Wolken zogen an den Hängen entlang, die nicht so steil und
abweisend wie in Peru sind, obgleich braun, steinig, von Moosen und
Flechten bewachsen, Wasser gab es in Fülle auch von unten, es rieselte,
gurgelte, rann und lief, der Boden federte, Pflanzenpolster von Blumen
ohne Stängel, die Blätter in Rosetten angeordnet, ein bunter
Blütenteppich im Regengrau, Löwenzahn, Enziane, Krokusse,
fiedrige Himmelschlüssel, Arnika, Baldrian, Thymian, Lupinen und
Margeriten. Wo sich der Stiefel über Erde bewegte, kam er ins Rutschen
- Skilauf war angesagt. Die Bulte von Ichugras waren rutschsicherer.
In den vielen Seen werden Forellen gefangen. Importiert aus Australien.
Ursprünglich gab es keine Forellen, wie es natürlich auch
nicht die vielen Eukalyptusbäume gab, die nun wieder abgeschlagen
werden, weil ihre Öle den Boden für andere Pflanzen verderben
und sie viel zuviel Wasser entnehmen. Außerdem halten sie das
Erdreich nicht so fest, wie man es sich erhofft hatte. Eine zierliche
Form der Puya Raimondi gab es hier, ihre gewaltigen Verwandten haben
wir im letzten Jahr in der Nähe des Huascaran in Peru gesehen.
Nach einer Woche Schulbesuch in Cuenca wagte ich meinen ersten Ausflug
mit Übernachtung in Riobamba an der Straße der Vulkane. Mein
kluges Buch erzählte mir, welches preiswerte Hotel ich mir aussuchen
könnte, ein Zimmer mit breitem gutem Bett, Bad und Toilette für
mich allein und viel heißes Wasser, in den Anden ist es nun mal
kalt. Das habe ich per Fax vorbestellen und bestätigen lassen,
und dann habe ich meine Buslinie ausgesucht - nach Vorschlag meines
Buches. Eine Linie mit technisch gut gewarteten Bussen und Reifen, Toilette
an Bord, einem Fahrer mit Verantwortungsgefühl und Platzkarte für
den Fensterplatz. Ein Busticket kostet für 200 Straßenkilometer
4 Dollar - 6 Stunden Fahrt und ein schmerzender Rücken. Unterwegs
stehen die Indigenas und winken, wenn sie mitwollen. Manche bezahlen
nichts, andere wenig, andere den regulären Preis. Für die
sauberen Hotels habe ich pro Nacht 5 bis 6 Dollar bezahlt. In Riobamba
habe ich zwar den gefährlichen Rauch- und Dampfpilz am Himmel gesehen,
der Vulkan hatte sich verschleiert.
Am nächsten Morgen um 6.00 Uhr bin ich mit meinem kleinen Rucksack
zum Bahnhof gegangen und habe eine Bahnfahrt nach Alausi angetreten
- nach Süden. Die jungen Leute saßen auf dem Dach der Güterwaggons,
dazwischen balancierten die Indigenas Säfte, Tee und Kaffee, Gebäcke
und Süßigkeiten, T-Shirts und Früchte. Der Zug rumpelte
im 20 - Stundenkilomtertempo durch die weiten, grünen Täler,
auf deren Feldern noch Mais oder Kartoffeln geerntet wurden. Manchmal
sprang ein Waggon vom Gleis, das wurde dann gerichtet. Bei der Gelegenheit
nutzte eine junge Frau den Stillstand, um weit weg vom Zug hinter einen
Holzstoß zu laufen und sich vor den Gaffern zu verstecken. Da
fuhr der Zug an, sie rannte erschrocken und gestikulierend hinterher,
die jungen Leute gaben dem fein kostümierten Lokomotivführer
und seinem Bremser Signale, der Zug hielt, die junge Frau stieg ein.
Bei Alausi hat der Zug die Teufelsnase erreicht. Da muss er auf 2000
m ein Gefälle von 500 m schaffen. Der Zug rangiert sich in Spitzkehren
nach unten. Der Bremser steht auf dem Trittbrett und hält Ausschau.
Zwischendurch reißt er von belaubten Büschen Zweige ab und
fegt die Gleise, weil sie vom Geröll begraben wurden. Ein eindrucksvolles
Erlebnis auch vom Fensterplatz aus. Ein junger Schüler neben mir
schenkte mir in seiner Begeisterung einen Keks. Die Fortsetzung dieser
Strecke nach Cuenca wurde Anfang der 90er Jahre vom Regen unterspült
und weggeschwemmt. So musste ich den Rest des dreistündigen Rückwegs
im Bus schaffen. Die Bahn wird fast ausschließlich von Touristen
genutzt.
Nicht ganz so eindrucksvoll war die Wanderung mit den Mitschülern
durch eine Wüste, in die eine Oase gespuckt war. Sie wurde von
einem breiten Fluss gefüttert und durch Bewässerungskanäle
fruchtbar gemacht. Die Berghänge durften wir nicht betreten, breite
Risse zeigten an, dass die lehmigen Hänge sich bergab bewegten,
außerdem sollten Schlangen das Gebiet bevölkern. Der Fluss,
obgleich seicht in seinem Kiesbett, ließ mit seiner starken Strömung
ein Schwimmen nicht zu. Sonneneinstrahlung und Hitze waren nicht so
heftig wie man uns prophezeit hatte. Der Weg dorthin war mit Kaffeeplantagen
gesäumt, überall am Wegesrand lagen Berge von Kochbananen.
Cuenca sollte die zweite heilige Stadt der Inca im eroberten Norden
werden und wurde von ihnen prächtig ausgebaut, nachdem sie die
Canari unterworfen hatten und deren Kultur und Religion in den Staat
integriert hatten. Aber die spanischen Eroberer ließen nur noch
kümmerliche Reste stehen, und so ist Cuenca heute eine Stadt, die
auch in Spanien stehen könnte. Schöne alte Häuser mit
Galerien und Innenhöfen, mit schweren geschnitzten Türen und
vielen prächtigen Kirchen prägen das Stadtbild. Hier gibt
es Arbeit, und deshalb muss der Bürger hier mehr für den Lebensunterhalt
ausgeben als anderswo. Panamahüte werden hergestellt, filigraner
Silberschmuck, nach dem Geschmack der spanischen Eroberer in den Städtchen
der Umgebung gearbeitet, wird hier verkauft. Auffällig fand ich
den totalen Mangel an Buchläden. Was sich so nannte, verkaufte
Hefte und Schulbücher oder dictionaries.
Mein Ausflug in den Süden brachte mich in eine alte wunderhübsche
Stadt - Loja - mit vielen bunten hölzernen Häusern, Galerien
und Balkonen, mit großen und kleinen Plätzen. Eine Stadt,
die von zwei Flüssen begrenzt wird, an deren Berghängen es
grünt und blüht, die in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft
einen großen Nationalpark hat, den heimlich Goldschürfer
betreten, um ihr gieriges und zerstörerisches Werk zu leisten.
So groß ist ihre Menge, dass viele Ranger dieses Parks ihre zahlenmäßige
Unterlegenheit mit dem Leben bezahlen müssen. Je mehr Touristen
diesen Nationalpark besuchen, um so schwieriger wird für die Wilderer
die Arbeit. Auf eigene Faust lassen sich die Nationalparks nicht erkunden.
Das Kartenmaterial ist schlecht, und die Wege sind kaum bezeichnet.
Die Tierfülle dort birgt zusätzliche Gefahren neben der Wildheit
von Natur und Topographie.
Im südlichen Vilcabamba werden die Menschen hundert Jahre und älter.
Das ist ein Ort, den man in Ecuador liebt und in den du getrieben wirst,
er liegt auf gemäßigten 1300 m und lebt von einem bescheidenen
Tourismus.
In dieser Gegend liegt auch Saraguro. Die Indios sind zu Incazeiten
hierher vom Titicacasee umgesiedelt worden und haben sich bis heute
nur untereinander verheiratet und verschwägert. Diese Indiogruppe
ist für ihre Intelligenz berühmt, sie unterhält eine
eigene Universität und bildet Lehrer, Juristen und Ärzte aus,
die in den Städten Ecuadors an ihren schönen schwarzen Trachten
zu erkennen sind. Auch diese Männer tragen einen schwarzen Zopf,
einen schwarzen Poncho und kniebedeckende Hosen. Es sind auffällig
schöne Menschen.
Ich hätte natürlich noch viel länger in diesem Land bleiben
können, ich habe ja nur Bruchteile gesehen, und die Fahrt zu den
Galapagos habe ich in meiner anfänglichen Erstarrung richtig verpasst.
Für uns Europäer ist die touristische Eroberung Ecuadors preiswert,
und wenn die Vorsicht mitspielt, ist es ein Land, in dem man gemütlich
und entspannt gucken kann. Auch als allein reisende alte Frau. Nur von
den großen Koffern würde ich mich trennen. Man kann an Ort
und Stelle Hosen und Pullover kaufen, überall gibt es Wäschereien.
Irmingard Moritz
Am Wolkenbarg 20 a, 22949 Ammersbek, Telefon: 040/6054212, Fax: 0049 (0)
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