Besuch im Staatsarchiv

Am 17.9.2004 um 10 Uhr wurden 19 wißbegierige SNHHler von Herrn Dr. Richter im Staatsarchiv Hamburg empfangen und in den Lorichssaal geführt. Zunächst informierte uns Herr Dr. Richter über die Geschichte des Staatsarchives.
Im Stadtstaat Hamburg werden entsprechend der Verfassung staatliche und gemeindliche Tätigkeit nicht getrennt. Demgemäß hat das Staatsarchiv sowohl Aufgaben eines staatlichen als auch eines kommunalen Archivs. Seine Kompetenzen sind im wesentlichen durch das Hamburgische Archivgesetz vom 21.1.1991 festgelegt. Im hamburgischen Behördenaufbau ist das Staatsarchiv ein eigenständiges Senatsamt, d.h. es ist keine nachgeordnete Behörde, sondern untersteht dem Senat unmittelbar, besitzt haushaltsmäßige Selbständigkeit und rangiert so auf derselben Stufe wie die Fachbehörden.
Als Institution ist ein städtisches Archiv in Hamburg urkundlich seit 1293 belegt, existierte als Aufbewahrungsort für die rechtlich bedeutsamen Urkunden der Stadt aber zweifellos bereits früher. Es wurde unmittelbar vom Rat beaufsichtigt, was sich auch nicht änderte, als 1648 ein eigener Archivregistrator eingesetzt wurde. 1710 wurde die Leitung hauptamtlich einem Senatsmitglied (Secretarius) übertragen. Dieses Amt bestand bis nach dem Ersten Weltkrieg; dann wurde im Zuge der Verwaltungsreformen auch die Archivleitung neu geordnet, die unmittelbare Stellung des Staatsarchivs zum Senat aber beibehalten. Sie erleichtert die notwendige archivische Sicherung der Überlieferungskontinuität, vor allem aber macht sie das Archiv gleichsam zu einer verwaltungsneutralen Instanz, durch die das in Hamburg noch gebräuchliche ius archivi, d.h. die Beweissicherung durch ungebrochene amtliche Verwahrung, zweifelsfrei gewährleistet wird. So ist die Ersatzverkündung durch Niederlegung maßgeblicher Rechtsdokumente im Staatsarchiv für Hamburg bundesgerichtlich als zulässig anerkannt worden, weil hier als verwahrendes Staatsorgan "eine unabhängige, aus dem Behördenaufbau ausgegliederte und am Rechtssetzungsverfahren unbeteiligte Stelle" fungiert. Als Senatsamt erledigt das Staatsarchiv auch die Aufgaben der Landesarchivverwaltung.
Bis ins 19. Jahrhundert diente das Archiv fast ausschließlich praktisch-rechtlichen Zwecken der Stadt. Die maßgeblichen Dokumente ihrer Stellung im Reich, in Europa und in der übrigen Welt waren ebenso zu sichern wie die Rechte einzelner Bürger und die Beschlüsse von Rat und Bürgerschaft für das Zusammenleben im Gemeinwesen. Im Staatsarchiv werden z.B. alle Verträge aufbewahrt, die die Rechtssicherheit der Stadt Hamburg belegen, alle noch vorhandenen Bebauungspläne, alle Senatsprotokolle, alle Protokolle der Bezirksversammlungen, Verträge mit einzelnen Bürgern, Grundbuchakten bis 1248, u.v.a.m.
Die wechselhaffe Geschichte des Stadtstaates Hamburg ist hier ausführlich dokumentiert.
Eine interessante Abteilung ist "Link to your Roots". Hier befinden sich die Auswandererlisten von ca. 5 Millionen Passagieren, die von Hamburg damals ausgereist sind. Ahnenforscher, besonders aus den USA, stellen viele Suchanfragen an diese Abteilung.
Viele Dokumente werden auf Mikrofilm archiviert, weil verwendetes schlechtes Papiermaterial mit der Zeit zerbröselt.
Räumlich wurde das hamburgische Archiv lange als Stiefkind behandelt. Der Weg von einer mittelalterlichen Lade (Threse) zu einem modernen Zweckbau führte über viele Provisorien, wie etwa einen unbeheizbaren Raum im alten Rathaus am Neß, einige Zimmer im Gebäude der ehemaligen Courantbank, das mit dem Großteil der Archivalien im Großen Brand von 1842 vernichtet wurde, oder den Dachboden des Waisenhauses. Beim Bau des heutigen Rathauses erhielt das Archiv erstmals eigens für seine Zwecke konzipierte Räumlichkeiten, deren Magazinteile allerdings bereits zehn Jahre nach dem Einzug voll belegt waren, so dass aller weiterer Zuwachs seit 1907 wieder in Provisorien gelagert werden mußte.
Zwischen 1907 und ca. 1960 hatten sich die Bestände des Staatsarchivs mehr als verdreifacht. Wertvolles Archivgut drohte auf Dachböden und in Zwischengeschossen des Rathauses zu verfallen. Anders als ihre Amtsvorgänger in früheren Jahrhunderten machten sich jetzt die Bürgermeister Dr. Paul Nevermann und nach ihm Prof. Dr. Herbert Weichmann die große Lösung eines Archivzweckbaus zu eigen und setzten sie politisch durch. An der ABC-Straße baute Hamburg erstmals in 700jähriger Archivtradition ein ausschließlich dem Archivgut und seiner Nutzung gewidmetes Gebäude, das im Herbst 1972 bezogen werden konnte.
Der Neubau setzte in der Fachwelt Maßstäbe und hat dennoch kürzeren Bestand gehabt als irgendein anderer Archivbau in Deutschland. Insbesondere zwei Problemfelder waren bei seiner Planung nicht bekannt und führten nach zwanzig Jahren zu der Radikallösung der Aufgabe des Gebäudes: Gefährlichkeit des in großem Maße verwendeten Asbests und übermäßige Verteuerung der Energie für die notwendige künstliche Vollklimatisierung der vier Kellermagazine. Auch hätte zu Beginn der 1990er Jahre das von Anfang an vorgesehene Außenmagazin gebaut werden müssen, da die Keller an der ABC-Straße voll belegt waren.
Statt Asbestsanierung, Veränderung der Klimaanlage und Errichtung eines Außenmagazins mit einem Aufwand von ca. 20 Millionen DM wurde ein Tausch des Grundstücks ABC-Straße gegen einen Archivneubau in Wandsbek auf der Fläche der ehemaligen Feuerwache beschlossen..
Es wurden zwei nebeneinander gestellte Gebäudekomplexe errichtet, ein fensterloser Magazinquader und ein Verwaltungsgebäude. Die aus blauen Glasplatten gestaltete Fassade des Magazingebäudes soll die Assoziaton an einen Eisblock wecken, in dem Spuren eines früheren Lebens überdauern können. Als Hinweise auf den Inhalt des "Eisblocks" sind außen an seiner Ost- und Südseite historische Dokumente in stark vergrößerter Faksimilierung wiedergegeben, z.B. das Messeprivileg Kaiser Karls IV aus dem Jahre 1365 und die Hamburger Konstituante aus dem Jahre 1849.
Im Anschluß an diesen Vortrag konnten wir die 11 m lange und 1 m hohe Elbkarte im Original besichtigen, die 1568 von Melchior Lorrichs im Auftrag der Stadt Hamburgs gezeichnet wurde. Sie diente dem Hoheitsanspruch der Stadt Hamburg auf den Verlauf der Elbe. Danach durften wir im Threse-Raum einige Preziosen anschauen, z. B. den Freibrief Kaiser Friedrich Barbarossas aus dem Jahre 1189, der die Gründung des Freihafen Hamburgs ermöglichte, und einen Ablaßbrief aus dem Jahre 1484 für die Nikolaikirche. (Ablaßbriefe wurden damals ausgestellt, um Kirchenbauten zu finanzieren.)

Dann gingen wir in die Restaurierungswerkstatt. Frau Kuplin erklärte die verschiedenen Techniken der Konservierung und Restaurierung von alten Dokumenten. Geduldig beantwortete sie die vielen Fragen.

Um 12.30 Uhr verabschiedete sich Herr Dr. Richter von uns.
Nach dieser reichlichen geistigen Nahrung verlangte der Körper auch sein Recht und wir gingen zum Mittagstisch im Restaurant Artos, das wir zu Fuß erreichen konnten. Wir wurden zuvorkommend bedient.

Text: Alice Chidiac
Organisation: Nikolaus Johann
Fotos: Kurt Berger