Treffen der "Kinder aus der Storchenallee"

Eigentlich heißt unsere Strasse in Finkenwerder "Auricher Damm"; die Anwohner nannten sie aber nur "Storchenallee" - und das hatte einen ganz besonderen Grund.

In den ersten acht Treppenhäusern wohnten nach dem Krieg jeweils bis zu 20 Kinder, die entweder dort geboren wurden oder als Kleinkinder zugezogen waren. Jeder Heiratswillige wurde damals im Scherz davor gewarnt, eines der Kinder aus der "Storchenallee" zu heiraten, denn dann wäre er verdammt, die Tradition der kinderreichen Familien fortzusetzen.

Eines dieser damaligen Kinder, der Karl-Werner, hatte am 5.4.2003 zu einem Treffen aller bis 1950 im Auricher Damm 1- 8 wohnhaften Nachbarn in den Gasthof Schwartau in Finkenwerder geladen. Und alle,alle kamen, ich natürlich auch. War das ein "AHA" -und HALLO"-Gejuchze bis jeder der 100 Erschienenen seinen Platz gefunden und sich mit den Nachbarn ausgetauscht hatte.
Irgendwann beschlich mich das Gefühl, daß mein Geburts-Jahrgang diese Zusammenkunft verschlafen hätte, denn außer Erika und ihren Bruder Dieter hatte ich bisher kein bekanntes Gesicht gesehen. Also marschierte ich durch die Tischreihen und fragte mich ganz gezielt durch; denn ich wollte doch unbedingt auch eine alte Freundin oder Klassenkameradin wiederfinden. Jaaa, und dann waren sie alle da: der Ralf, die Ilse, der Fred, die Charlotte und .... und.

Nun ging das Austauschen gemeinsamer Erinnerungen aber richtig los:
Weißt du noch, was wir für Angst ausgestanden hatten, weil ich meinen Kopf durch das Treppengeländer gesteckt hatte und es zersägt werden mußte, damit ich wieder frei kam?
Erinnerst du dich an den Tag, als wir beim Äppelklauen vom Bauern erwischt wurden und der uns dann tüchtig verrüscht hat?

Hast Du auch manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn du daran denkst, wie wir ständig den armen Lehrer X zur Weißglut brachten, der dann unbeherrscht mit seinem Schlüsselbund nach uns warf und einmal den Karl so unglücklich traf, daß dieser eine Platzwunde im Augenlid davontrug, die mit 6 Stichen genäht werden mußte?
Erinnerst du dich an die Strafe, die wir dafür einstecken mußten? Irgendwie war es doch ungerecht! Die Jungen bekamen 5 Hiebe mit dem Rohrstock auf den Hosenboden und damit war es für sie ausgestanden, aber wir Mädchen bekamen eine Strafarbeit aufgebrummt, an der wir bestimmt 2 Stunden gesessen hatten, denn wir mußten 2 Seiten in Schönschrift abliefern - doch damit nicht genug, denn Strafarbeiten mußten in Sütterlin 'gemalt' werden, und das war eine furchtbare Quälerei.

Wir quasselten und quasselten, so daß wir fast die ausgezeichnete Erbsensuppe mit Würstchen vergaßen, wenn da nicht der Karl-Werner gewesen wäre, der uns mittels einer Glocke (damit er sich überhaupt Gehör verschaffen konnte) an das Essen erinnerte, was uns dann auch veranlaßte, für ein paar Minuten das Geschnatter einzustellen.

Leider wurde das Treffen nach 5 Stunden für beendet erklärt, aber wir haben uns beim Kaffee (auch mit vollem Mund) geschworen, diese neu gewonnenen Kontakte zu pflegen und Karl-Werner wird in 2 - 3 Jahren ein erneutes Treffen organisieren, das dann hoffentlich wieder genau so harmonisch ablaufen wird.

SeniorenNet Hamburg e.V.
© 2003 Lola Fernandez
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