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Die Buslinie 48 nennt man Bergziege und sie fährt vom Blankeneser
Bahnhof durch das Gewühl der Bahnhofstraße, um sich dann durch
die engen Serpentinen der Blankeneser Hauptstraße runter zum Strandweg
an der Elbe zu zwängen. Dann geht es durch das Falkental und den
steilen und von Radrennfahrern gefürchteten Waseberg zum Süllberg
hoch, um wieder zum Bahnhof zurückzukehren.
Das ist natürlich nicht besonders erwähnenswert, wenn da nicht
die Blankeneser Fahrgäste wären. Morgens um 9 Uhr fahren die
meist betagten Blankeneser zum Markt oder zum Arzt. Die Fahrer kennen
ihre Pappenheimer schon und hupen, z.B. wenn Frau D. noch nicht an der
Haltestelle steht. Dann kommen sie gau aus der Tür gerannt und mit
wortreichen Entschuldigungen wird dem Fahrer erklärt, warum man sicht
verspätet hat. Einige wollen auch nur die Bildzeitung beim Fahrer
kaufen. Der Fahrer brummt etwas wie: "Jeden Morgen dasselbe Theater."
Am Markt wird eine 88 Jährige mit: "Mädel, willst du nun
mit oder nicht", aus der Unterhaltung gerissen und zum Einsteigen
genötigt.
Wer dreimal hintereinander mit dem Bus die Runde gemacht hat, weiß
dann, wer in Blankenese gestorben ist, geheiratet hat, fremd gegangen
ist und welches Haus verkauft wurde. Hier im Bus wird alles erzählt.
Natürlich nur den Fahrern, die man kennt und vertraut. Fremde und
muffelige Fahrer müssen damit rechnen, dass man im Büro des
Pinneberger Verkehrsverbunds empört anruft und sich beschwert, dass
der Fahrer die Fahrkarte sehen wollte und nicht mal Guten Morgen gesagt
habe oder einfach nicht auf einen gewartet hatte. Den solle man in Pinneberg
fahren lassen oder besser noch den Hof fegen lassen.
Es ist verbürgt, dass es einmal eine Fahrkartenkontrolle in der Buslinie
48 gegeben hat und die Hälfte der Fahrgäste keinen Fahrschein
dabei hatte. Aber jeder berief sich auf dem Fahrer, der ja wisse, dass
man eine Monatskarte habe und dass die in der anderen Handtasche oder
im anderen Portemanotsche steckt. Der Fahrer bestätigte mit hochroten
Kopf diese Behauptung. Die Kontolleure resignierten schließlich
und gaben kopfschüttelnd auf.
Montags- und Mittwochsmorgen ist es nicht sinnvoll auf einen pünktlichen
Bus zu hoffen. Dann steckt der Bus immer hinter dem Müllwagen oder
dem Papierwagen fest. Das gleiche ist an den Markttagen oder wenn umgezogen
wird oder Matschke seine Teppiche geliefert bekommt. Aber das macht nichts,
dann hat man Anlass, sich lang und breit an der Haltestelle über
Wetter und unpünktliche Busse zu unterhalten.
Also der Bus ist immer unpünktlich. Dann wird schon einmal ein paar
Busrunden ausgesetzt. Am Wochenende ist der Bus spätestens an der
Blankeneser Dampferbrücke übervoll von müden Spaziergängern
und Kaffeetrinkern und Kuchenesser. Da ist es als Geheimtipp anzuraten,
eine Station bergauf dem Bus entgegen zugehen, um einen der 13 Sitzplätze
zu ergattern. Da in Blankenese zumindest die Damen älter als anderswo
werden, werden sitzende 70-Jährige oft genötigt aufzustehen,
um Platz zu machen für 80- und 90-Jährige, die rüstig vom
Kaffeetrinken bei Ahrberg kommen.
Um Weihnachten und Ostern werden die "außertariflichen Leistungen"
feinabgestuft an die Fahrerlieblinge verteilt. Das ist Usus hier in Blankenese
und nicht zu ändern. Die Fahrer werden mehr gegrüßt -
und müssen auf der Straße jeden wieder grüßen -,
als die alteingesessenen Blankeneser, wie z. B. ich, der seit 57 Jahren
in Blankenese wohnt. Denn wichtiger als ich ist ein Busfahrer der Linie
48 allemal.
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